»Ich kenne das Gemälde«, sagte ich und schüttelte ihn erneut. »Ein Hirtenmädchen in weißer Kleidung, mit allerlei niedlichem Viehzeug auf der Weide. Ein fürchterliches Bild.«
»Eine Auftragsarbeit«, sagte er und hob entschuldigend die Hände. »Eine idyllische Pastorale. So wollte es der Mann. Also hat er sein dämliches Hirtenbild bekommen. Ich war damals froh, überhaupt mit Öl und auf Leinwand malen zu können und dafür bezahlt zu werden. Weiß der Teufel, wie der Kerl ausgerechnet auf mich gekommen ist. Vermutlich hat ihm einer verraten, dass ich nicht viel verlangen kann.« Er schaute mich verwirrt an und fragte: »Und das Bild gehört jetzt deinem Vater? Bist du sicher?«
»Er behauptet, dass er es vor einigen Jahren bei einer Auktion ersteigert hat.«
»Aber du glaubst ihm nicht.«
Diesmal zuckte ich mit den Schultern und fragte: »War mein Vater der Mann, der das Gemälde in Auftrag gegeben hat?«
»Bestimmt nicht«, antwortete Simeon und schüttelte schwerfällig den Kopf. »Das war kein Gentleman. Vielleicht ein Handwerker oder Ladenbesitzer.«
»Vielleicht hat er sich verkleidet.«
»Du meinst, wie der Vater, so der Sohn?« Er lachte und winkte erneut ab. »Das weiß ich nicht mehr so genau. Das ist mindestens acht Jahre her, Rupert. Wenn nicht sogar mehr. Damals hab ich noch nicht in St. Giles gewohnt.«
»Dein Bett im Arbeitshaus ist übrigens weg«, sagte ich. »Du sollst die Kleider zurückbringen und deinen Koffer holen, lässt der Pförtner ausrichten.«
»Hab ja jetzt ein neues Bett«, antwortete er, lachte albern und klopfte auf die klamme Matratze. »Ich bin müde, Rupert. Können wir nicht morgen …?«
»Sonst kannst du dich an nichts erinnern?«, unterbrach ich ihn und verhinderte, dass er sich zur Seite fallen ließ. »Hast du das Bild geliefert oder wurde es abgeholt?«
»Abgeholt«, antwortete er und gähnte. »Wenn ich mich nicht irre.«
»Von dem Mann, der dir den Auftrag gegeben hat?«
Wieder gähnte er. Dann runzelte er die Stirn und schüttelte den Kopf. »Nein«, sagte er schließlich. »Von einem Jungen. Vermutlich ein Laufbursche. Der hässlichste Junge, den ich je gesehen habe. Spindeldürr, mit abstehenden Ohren wie ein Elefant. Wie ein Kobold.«
»Und das Foto? Hast du das noch?«
»Nein. Warum sollte ich?« Er schüttelte den Kopf, kraulte sich den verfilzten Bart und hielt plötzlich inne. »Aber ich weiß, wer der Fotograf war.«
»Du hast keine Ahnung, wer der Auftraggeber war«, wunderte ich mich, »aber an den Fotografen erinnerst du dich? Wie kann das sein?«
»War ein Stempel drauf«, sagte er und gähnte erneut. »Bei demselben Fotografen hatte ich kurz vorher Visitenkarten machen lassen. Deswegen weiß ich das noch. Hab die Dinger nie gebraucht. Wollte ohnehin keiner mehr was von mir wissen.« Er lächelte gequält, hatte offenkundig Mühe, sich zu konzentrieren, und setzte dann hinzu: »Newcombe oder Newborne in der Fenchurch Street. Hab damals ganz in der Nähe gewohnt.«
»Schlaf jetzt!«, sagte ich, erhob mich und schaute auf die Taschenuhr. Es war bereits nach drei. Höchste Zeit! Als ich mich zu Simeon umdrehte, war er bereits zur Seite gekippt und eingeschlafen. Ich legte den Schlüssel auf den Tisch, löschte das Licht und ging hinaus.
Trotz der Gaslaterne war es stockfinster im Hof. Das Licht der Lampe drang kaum durch den Nebel, der sich mittlerweile zu einer richtigen Brühe verdichtet hatte. Als ich an der Wohnung meines Hauptmieters vorbeiging, hörte ich Edmund wieder im Schlaf rufen: »Nein, ich hab’s nicht getan. Ich bin unschuldig! Ich war dagegen.«
Genauso hatte ich geklungen, als ich am Mittag vor dem Polizeigericht meine Unschuld beteuert hatte. Und wie bei mir schien auch Edmund das Wissen um seine Unschuld nicht zu beruhigen. Ich wünschte ihm eine gute Nacht und verließ den Hof.
DIENSTAG, 23. OKTOBER 1888
8
Das Frühstück im Hotel, das wir in einem abgetrennten Teil des Speisesaals zu uns nahmen, verlief in gedrückter Stimmung. Mortimer hatte schlechte Laune, weil ihm Mr. Barclay am Abend noch einmal unmissverständlich zu verstehen gegeben hatte, dass er für dessen Kaffeehauspläne in Southwark wenig übrighatte. Vater hatte schlechte Laune, weil ihn Kopfschmerzen plagten, wie er behauptete. Und Mr. Barclay, dessen aufdringlich gute Stimmung eigentlich unverwüstlich war, machte sich Sorgen, weil für den heutigen Morgen irgendeine Demonstration oder Kundgebung vor dem Firmengelände in der Park Street angekündigt war. Er bat mich, ihn in seiner Kutsche nach Southwark zu begleiten. So könnte ich mir schon mal anschauen, wo ich in Kürze arbeiten und wohnen würde, außerdem würde ich einen Eindruck von den »Fährnissen und Obstakeln«, wie er sich ausdrückte, bekommen, mit denen ein Londoner Unternehmer heutzutage zu kämpfen habe.
Auch William machte eine Miene wie sieben Tage Regenwetter. Das schien unmittelbar mit seiner Frau Betty zu tun zu haben, die neben ihm saß und ein ähnlich sauertöpfisches Gesicht zur Schau stellte. Vermutlich eine der periodisch auftretenden Ehestreitigkeiten im Hause Ingram. Und womöglich hatte es etwas mit einer hübschen Schneiderin aus der Bond Street zu tun.
Als ich mich entschuldigte und aufstand, um mich in meinem Zimmer für die Fahrt nach Southwark fertig zu machen, erinnerte mich William daran, dass am Abend ein Empfang im Deutschen Athenaeum in der Mortimer Street stattfinden sollte, auf dem man mich erwartete. Auf meinen scherzhaften Einwand, ich könne kein Deutsch, lächelte er müde und sagte: »Es wird dir gefallen. Das ist ein Club von deutschen Künstlern mit guten Beziehungen nach Berlin und Hamburg. Könnte nützlich sein, um Gäste zu werben. Der Botschafter hat sich ebenfalls angekündigt.«
»Ay, Boss«, imitierte ich Gray und ging nach oben.
Das Zimmer, das für die nächsten Wochen bis zur Hochzeit mein Zuhause sein sollte, war eine ehemalige Abstellkammer direkt neben dem Büro meines Vaters. Auf diese Weise hoffte er wohl, mich besser unter Kontrolle zu halten. Als ich an dem Büro vorbeikam, konnte ich dem Impuls nicht widerstehen und öffnete die stets unverschlossene Tür, um noch einmal einen Blick auf Simeons Gemälde zu werfen. Doch hinter dem Schreibtisch hing kein Bild mehr. Nur ein heller Fleck an der Tapete zeugte noch von seiner Existenz.
»Euch Kindern hat’s offenbar nicht gefallen«, hörte ich plötzlich die Stimme meines Vaters hinter mir. »Darum hab ich es abgenommen.«
»Seit wann kümmert dich unser Geschmack?«, antwortete ich verstört. »Übrigens sind wir keine Kinder mehr.«
»Sicher!« Er lachte künstlich und klopfte mir auf die Schulter. »Aber so sind Eltern nun mal. Sie können nicht aus ihrer Haut.« Wieder folgte ein Lachen, das aufgesetzt und unecht klang, und dann fragte er abrupt: »Wie alt war das Mädchen eigentlich?«
»Welches Mädchen?« Ich wusste natürlich, wen er meinte, aber ich wollte ihn ein wenig zappeln lassen. »Das Hirtenmädchen auf dem Bild?«
»Nein, die Tochter, von der du gesprochen hast.«
»Warum interessiert dich das?«
»Nur so«, behauptete er und schien zu bemerken, dass er ein schlechter Lügner war, denn sofort setzte er hinzu: »Ist doch ein komischer Zufall, dass du das Mädchen zu kennen scheinst, oder?«
»Ich kenne das Mädchen nicht, ich glaube nur, dass ich es zwei Mal gesehen habe.«
»Woher willst du dann wissen, dass es die Tochter der Frau auf dem Bild ist?«
»Ich weiß es eben«, antwortete ich boshaft.
»Ja, ja, schon gut«, erwiderte er gereizt. »Und wie alt war es?«
»Vielleicht sechzehn Jahre alt.«
Seine Reaktion war bemerkenswert, denn er schien tatsächlich erleichtert oder erfreut zu sein. »Sechzehn, was?«, lachte er jovial. »Beneidenswertes Alter.«
»Sie sah nicht beneidenswert aus«, entgegnete ich und merkte, wie die Wut in mir hochstieg. »Trotz ihres jungen Alters.«