»Ach ja?«, sagte er und räusperte sich. »Trotzdem ein seltsamer Zufall.«
»Kannst ihr ja das Bild schenken, wenn du es nicht mehr brauchst.«
»Das Bild schenken? Wieso?« Er starrte zu Boden und wusste nicht, wohin mit seinen Händen. »Ach so!«, rief er dann, »das war ein Witz, was? Haha!«
»Ein Witz«, antwortete ich. »Natürlich.« Damit ließ ich ihn stehen und verschwand in meinem Zimmer.
Eine halbe Stunde später saßen Mr. Barclay und ich im Fond seiner zweispännigen Victoria-Kutsche und wurden von einem livrierten Kutscher nach Southwark chauffiert. Die dichten Regenwolken hatten sich verzogen, und auch der Nebel der letzten Nacht hatte sich so weit gelichtet, dass man von der nördlichen Uferpromenade bis zur Southwarker Seite des Flusses schauen konnte. Während wir auf der breiten Prachtstraße fuhren, schwärmte Mr. Barclay beim Anblick der Schlote, Fabrikgebäude und Lagerhallen von seiner Brauerei und beschwor die Vorzüge seines Gewerbes, als wäre er der Führer einer Touristengruppe in seiner Fabrik. Ich selbst hatte vor gut einem halben Jahr, kurz nach meiner ersten Begegnung mit den Barclays, an einer solchen Führung teilgenommen und während der zweistündigen Tour – oder vielmehr Tortur – alles übers Mälzen, Schroten und Maischen erfahren. Zwar hatte ich am Ende der Führung das meiste wieder vergessen, trotzdem wurde ich mit einer Bierverkostung quer durch die Barclay’schen Biersorten belohnt.
»Dort drüben ist Anchor Terrace«, sagte Mr. Barclay, als wir die Southwark Bridge überquerten und hinter der Bankside das riesige Firmengelände von Barclay, Perkins & Co. sahen. »Das oberste Stockwerk wird für euch ausgebaut. Siehst du? Die Mauern werden gerade verputzt, und das Dach wird neu gedeckt. Von dort oben kann man bei guter Sicht bis nach Hampstead schauen.«
»Und auf die Fabrik«, ergänzte ich und lächelte gequält.
»Es wird euch gefallen«, sagte er mit dem Brustton der Überzeugung. »Ihr werdet schon sehen. Meredith ist bereits sehr gespannt.« Aus seinen Worten schloss ich, dass auch seine Nichte unser neues Zuhause bislang noch nicht zu Gesicht bekommen hatte.
Anchor Terrace war ein symmetrisches, eher schlichtes Gebäude aus hellem Backstein, das mit seiner Nordfassade beinahe ans Themseufer stieß. Früher hatte das Haus einmal als Alterswohnsitz für verdiente Mitarbeiter der Brauerei gedient, doch inzwischen waren dort vor allem Büros und Lagerräume untergebracht. Tatsächlich konnte ich oben auf dem Dach eine Art Gerüst erkennen, auf und hinter dem eifrig gewerkelt wurde.
»Von eurer Terrasse führt eine Stiege bis hinüber zum Brauhaus«, fuhr Mr. Barclay fort und lächelte beglückt. »Dort fährt ein elektrischer Aufzug hinunter in den Fabrikhof. Du hast also Familie und Arbeit auf nächstem Raum beisammen und musst das Gelände gar nicht mehr verlassen.«
»Wie praktisch«, sagte ich, obwohl mir bei dem Gedanken speiübel wurde. Ich war mir sicher, dass auch Meredith nicht begeistert davon wäre, über einer nach Hopfensud und Malzmaische stinkenden Brauerei zu wohnen. Bei meiner fast reflexartigen Abneigung gegen meine fremdbestimmte Braut vergaß ich mitunter, dass sich auch Meredith ihren zukünftigen Gatten nicht freiwillig ausgesucht hatte. Aus einigen ihrer verschämten Andeutungen und aus abfälligen Bemerkungen ihres Onkels hatte ich herausgehört, dass Meredith zuvor einem entfernten Familienmitglied der Barclays durchaus zugetan gewesen war. Dieser junge Kerl namens Frederick – ein Cousin zweiten Grades und Abkömmling eines schwarzen Schafes der Familie, wenn ich es recht verstanden hatte – schien jedoch als Taugenichts und Schwerenöter verschrien zu sein. Was Mr. Barclay veranlasst hatte, sich nach ehelichen Alternativen umzuschauen. Und dummerweise hatte er sich im Zuge dieser Bemühungen an seinen alten Geschäftspartner Harvey Ingram erinnert.
Zwar hatte Vater inzwischen keine direkten geschäftlichen Verbindungen mehr zur Brauerei – abgesehen davon, dass das Hatchett’s und auch das Crown Hotel ihr Bier aus Southwark bezogen –, aber früher hatten ihm auch zwei Kneipen an der Borough High Street in Southwark gehört. Da der Gewinn aus diesen Pubs bescheiden, das Hotelierfach weitaus lukrativer und das Angebot der Barclay Brauerei großzügig gewesen war, hatte Vater vor einigen Jahren die Kneipen samt Pächter an Robert Barclay verkauft und das Geld in ein Gebäude in der Dover Street investiert, aus dem dann das Crown Hotel wurde. Bei den Lokalen, die früher einmal meinem Vater gehört hatten, handelte es sich um das Black Cross und das George Inn. Beides nicht gerade die feinsten Adressen in London.
»Da sind wir!«, rief Mr. Barclay sichtlich erfreut. Der Anblick seiner Brauerei erfüllte ihn mit einem fast kindlichen Stolz. Ich konnte mich nicht erinnern, ihn jemals so zufrieden auf seinem Landsitz in Bury Hill gesehen zu haben. Und ich bezweifelte, dass die Vorstellung, sich irgendwann im beschaulichen Surrey zur Ruhe zu setzen, ihn wirklich beglückte.
Die Kutsche bog links in die Park Street ab, die einst Deadman’s Place geheißen hatte, wie Mr. Barclay mir bei einem früheren Besuch augenzwinkernd erklärt hatte. Angeblich rührte der seltsame Name daher, dass hier zur Zeit der Großen Pest die unzähligen Toten in riesigen Massengräbern verscharrt worden waren. Wenn man bedachte, dass sich der Brunnen der Brauerei auf dem Firmengelände befand, konnte einem der Appetit auf das mit diesem Wasser gebraute Bier vergehen.
Vor dem Haupteingang zur Brauerei hatte sich eine Gruppe von Menschen versammelt. Es handelte sich jedoch nicht um Teilnehmer der angekündigten Protestkundgebung, sondern um ausländische Touristen, die eine Führung gebucht hatten und auf Einlass warteten. Die Idee, ihre Brauerei für zahlende Gäste zu öffnen und entsprechend umbauen zu lassen, zeugte vom tüchtigen Geschäftssinn der Barclays. Sogar der Prinz von Wales, der deutsche Reichskanzler Otto von Bismarck und der italienische Freiheitskämpfer Giuseppe Garibaldi hatten laut Mr. Barclay schon einmal die Brauerei in Southwark besichtigt.
Während wir durch das große Portal fuhren und dabei abfahrende Bierkutscher und anliefernde Getreidebauern passierten, fielen mir erneut die ungeheuren Ausmaße des Firmengeländes auf. Eine Vielzahl unterschiedlichster Gebäude und Silos umringten mehrere Höfe. Besonders beeindruckend neben den riesigen Lagertanks waren die Förderbänder, die in schwindelerregender Höhe manche der Gebäude miteinander verbanden. Einige dieser Bänder, die man »Jakobsleitern« nannte, hatten Eimer an der Unterseite befestigt, die völlig automatisch gefüllt und geleert wurden und in denen das Malz oder die Gerste von einem Ort zum nächsten befördert wurde. Um zur Rückseite von Anchor Terrace zu gelangen, führte mich Mr. Barclay mitten durch das gewaltige Brauhaus, obwohl es auch einen Weg über den Hof gegeben hätte. Entweder gefiel es ihm, dass sämtliche Arbeiter und Büroangestellten, denen wir begegneten, einen Bückling vor ihm machten, oder er wollte mir zum wiederholten Male anerkennende Worte über das Herzstück seiner Brauerei entlocken. Fünf vollständige und unabhängig zu befüllende Brauanlagen befanden sich in diesem Brauhaus, das über zweihundert Fuß lang und an die sechzig Fuß breit war. Ich kam mir vor wie in einer überdimensionierten Hexenküche, überall zischte und brodelte es. Kupferne Braukessel und Sudpfannen, hölzerne Gärbottiche und Maischtonnen, Wasserzisternen und Malzsilos waren durch Fallrohre, Kupferleitungen und Jakobsleitern verbunden. Das gesamte Brauhaus wirkte wie ein mechanischer Organismus, der von einem eigenen Dampfkraftwerk im Nachbarhaus angetrieben wurde. Während Mr. Barclay mir zu jedem Kupferkessel oder Holzbottich den Anschaffungswert oder das Fassungsvermögen nannte und mir bei der Hitze der Schweiß in den Nacken lief, schaute ich zu der schmalen Gitterstiege, die vom östlichen Ende des Brauhauses zur angrenzenden Anchor Terrace führte. Allein beim Anblick dieser Wendeltreppe wurde mir schwindelig, und ich verfluchte Mr. Barclay, dass er mich nicht den Aufzug hatte nehmen lassen, der direkt vom Hof zu den Maissilos unter dem Dach führte.