»Dort drüben wird dein Büro sein«, sagte er, als wir oben angekommen waren und den Übergang zum Nebengebäude betraten. »Direkt unter eurer Wohnung. Nur eine Treppe tiefer. Du brauchst das Haus gar nicht …«
»… zu verlassen«, wollte ich den Satz bereits vervollständigen, als wir durch eine aufgeregte Stimme unterbrochen wurden.
»Mr. Barclay, Sir!«, rief ein Arbeiter im blauen Drillich hinter uns. »Entschuldigung, Sir!« Er verneigte sich umständlich, wischte sich mit den Händen über die Schürze und sagte, mit Blick auf seine dreckigen Schuhe: »Mr. Anderson schickt mich, Sir. Es gibt Ärger am Tor. Soll ich sagen.« Er überlegte kurz und schob dann nach: »Sir!«
»Ärger?«, fragte Mr. Barclay. »Sind es die Sozialisten?«
»Nein, Sir«, antwortete der Mann verlegen. »Nicht direkt.«
»Sondern?«
»Sänger.«
»Sänger?«
»Ja, Sir! Sie blockieren den Eingang und singen. Mr. Anderson lässt fragen, was er unternehmen soll.«
»Ich kümmere mich selbst darum«, antwortete Mr. Barclay.
Diesmal nahmen wir den Aufzug, und nur etwa eine Minute später standen wir am Portal und sahen, was der Arbeiter gemeint hatte. Eine Gruppe von einigen dutzend uniformierten Heilsarmisten hatte sich direkt vor dem Eingang aufgebaut, schmetterte eine christliche Hymne und sorgte ganz nebenbei für einen beiderseitigen Stau in der Zufahrt zur Brauerei.
»I have sinned, O God, my Savior«, schallte es uns entgegen.
»Ausgerechnet!«, raunte mir Mr. Barclay zu. »Ein Bierkutscher hat gestern gerüchteweise von Protesten und Kundgebungen gehört. Aber dass es sich dabei um die Heilsarmee handelte, hat er offenbar nicht gewusst.«
»Was ist an der Heilsarmee so besonders?«, wunderte ich mich und hielt nach bekannten Gesichtern unter den Salutisten Ausschau. »Die Leute sind doch harmlos.«
»Das ist ja das Schlimme! Sie sind allesamt so fürchterlich wohltätige und anständige Christen«, antwortete Mr. Barclay und verdrehte die Augen. »Wenn man die von der Polizei verscheuchen oder einsperren lässt, gibt das nur böses Blut und schlechte Presse. Darauf legen sie es nämlich an. Damit man anschließend als Übeltäter und Satan dasteht. Scheinheilige Bande!«
Bei der Erwähnung des Satans musste ich an Eva Booth denken, doch der Captain war nicht unter den Heilsarmisten. Als Tochter des Generals trat sie vermutlich nur bei bedeutenden oder besonders brisanten Anlässen auf. Die Blockade einer Brauerei zählte offensichtlich nicht dazu.
»Ah, da ist ja Mr. Anderson«, sagte Mr. Barclay und deutete auf einen unscheinbar gekleideten Mann mit buschigem Backenbart, der wild gestikulierend vor den Heilsarmisten stand und gegen den lautstarken Gesang auf sie einredete. »Er ist einer unserer Bürovorsteher und wird dich in alles einweisen, wenn du bei uns anfängst. Du kannst bestimmt viel von ihm lernen.«
»Bestimmt«, antwortete ich zögerlich.
Mr. Anderson kam auf Mr. Barclays Handzeichen hin zu uns, verneigte sich tief vor ihm und mir und hob bedauernd die Achseln. »Sie lassen sich nicht von der Stelle bewegen, Sir, bevor sie nicht die Gelegenheit hatten, mit Ihnen zu sprechen. Andernfalls, so soll ich Ihnen sagen, werden sie weitersingen und den Weg blockieren, bis wir sie mit Polizeigewalt wegschaffen lassen.«
»Das könnte ihnen so passen«, antwortete Mr. Barclay und deutete auf zwei schlicht, aber akkurat gekleidete Männer, die mit schräg sitzenden Bowlern und gezückten Notizbüchern am Rande der Versammlung standen und alles mit Argusaugen beobachteten. »Damit wir morgen im Star lesen können, wie wir die armen Christenmenschen misshandelt haben? Nein danke! Dann rede ich lieber mit den Leuten und höre mir den Sermon an. Kommst du, Rupert?«
»Precious Jesus came to save us, friend of sinners, Jesus came!« Die Salutisten beendeten gerade ihr Lied und wollten bereits mit dem nächsten beginnen, als der Anführer der Gruppe, ein älterer Herr mit grau meliertem Bart, den Sängern ein Zeichen gab und mit einem Nicken vor den Chef von Barclay, Perkins und Co. trat. Er stellte sich als Major Pringle vom Southwarker Korps der Heilsarmee vor und sah dabei beinahe wie ein Feldherr aus. In pathetischen Worten lobte er den Herrn im Himmel, beschwor Mr. Barclay mit gefalteten Händen, verkündete göttliche Weisheiten und appellierte an das Wohlwollen und die Menschlichkeit des Geschäftsmannes und Gentlemans. Was er eigentlich von Mr. Barclay wollte, schien er selbst nicht zu wissen, jedenfalls blieb mir der eigentliche Sinn seiner Worte verborgen, und mir fiel auf, wie wenig Nachhall seine Ausführungen hatten, wenn man sie mit der flammenden Rede der Eva Booth verglich. Mr. Barclay antwortete dem Mann auf seine ihm eigene Art: gut gelaunt, jovial, selbstbewusst und nicht ohne Mitgefühl, aber ohne jegliches Verständnis. Um es auf den Punkt zu bringen: Sie redeten vollständig aneinander vorbei.
Nachdem sich die beiden Männer eine Zeit lang verbal im Kreis gedreht und nichts erreicht hatten, außer Verwirrung zu stiften und für ein Patt zu sorgen, mischte ich mich in das verfahrene Gespräch ein.
»Sie wollen die Menschen zu Gott und auf den rechten Pfad der Tugend führen«, wandte ich mich unmittelbar an den Sprecher der Heilsarmisten. »Sehe ich das richtig, Major?«
»Jawohl, Sir«, antwortete der Major, und sofort näherten sich die beiden Herren von der Presse und zückten ihre Stifte.
»Sie wollen den armen Trinkern zu verstehen geben, dass Gott ihnen hilft, das Trinken zu überwinden? Allein durch Gottes Gnade werden sie den Satan in Gestalt des Alkohols vertreiben, nicht wahr?« Ich erinnerte mich an Eva Booths Worte und setzte hinzu: »Allein durch den Glauben werden die Trinker geheilt.«
»Ganz richtig, Sir«, wunderte sich der Mann. »Der Glaube ist die beste Medizin. Denn Jesus ist unser Retter. Gelobt sei sein Name!«
»Das ist sehr löblich und ehrenwert, Major«, erwiderte ich und setzte augenzwinkernd hinzu: »Auch wenn es den Umsatz von Barclay und Perkins und aller anderen Brauereien drastisch einbrechen lassen würde, sollten Sie damit dauerhaft Erfolg haben.«
»So ist es«, lachte der Heilsarmist beinahe erleichtert.
Sogar Mr. Barclay lachte, obwohl ihm das Gespräch in eine seltsame Richtung zu gehen schien. Er starrte mich verwirrt an.
»Ich verstehe, was Ihr Anliegen ist, und respektiere es. Das Problem ist nur, dass Sie hier keine Trinker und zu rettenden Seelen finden werden«, fuhr ich fort und deutete auf die Bierkutscher. »Die Männer dort ernähren mit ihrer Arbeit ihre Familien, die andernfalls hungern müssten. Die Bauern, die darauf warten, eingelassen zu werden, möchten ihre Gerste verkaufen, für deren Anbau und Ernte sie hart gearbeitet haben. Im Schweiße ihres Angesichts, wie es in der Bibel heißt. Und diese Herrschaften …«, ich wies auf die Touristen und Reisegruppen, die uns neugierig umringten, als hielten sie die Kundgebung für eine der Attraktionen der Brauerei, »… diese Menschen interessieren sich allein für die Fabrik und die Errungenschaften von Wissenschaft und Technik. Mit anderen Worten: Sie protestieren am falschen Ort und predigen den falschen Menschen, Major. Gehen Sie in die Kneipen und Gasthäuser, helfen Sie den Trunksüchtigen, die – anders als die Bierkutscher und Bauern dort – ihre Familien im Stich gelassen und den Glauben verloren haben.« Wieder fielen mir die Worte von Miss Booth ein, und ich rief, als glaubte ich tatsächlich, was ich sagte: »Klagen Sie nicht an, sondern reichen Sie Ihre Hand! Seien Sie nicht Richter, sondern Bruder und Schwester!«
Mein Gegenüber sah mich verdutzt an und schwieg.
Einer der Journalisten notierte etwas. Der andere schüttelte ungläubig den Kopf und fragte: »Darf ich fragen, wer Sie sind, Sir?«
»Das ist mein Schwiegersohn«, mischte sich Mr. Barclay ein.
»Schwiegerneffe«, korrigierte ich. »Zukünftig.«
»Und die Skeletons?«, rief plötzlich jemand aus der Menge. Es war ein junger Heilsarmist mit zerschundenem Gesicht, das von Striemen und blauen Flecken übersät war. Im Oberkiefer fehlte ein Schneidezahn, und seine Augen funkelten wild, als wollte er mir gleich an die Gurgel springen.