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»Und Meredith?«

»Was ist mit ihr?« Er zuckte mit den Schultern und sagte: »Ob sie in Mayfair oder Southwark wohnt, spielt für sie keine Rolle. London ist London. Hauptsache, sie kommt aus Bury Hill raus. Die Langeweile des Landlebens tut ihr nicht gut. Sie ist nun mal die Tochter der verstorbenen Schwester meiner Frau, und deshalb geben wir auf sie acht.« Ein seltsames Funkeln lag bei diesen letzten Worten in seinen Augen.

»Verstehe«, sagte ich und kam mir vor wie eine Marionette, an der von allen Seiten gezogen und gezupft wurde. Die Verbindung mit Meredith hatte meinem Vater nicht nur die Gelegenheit gegeben, die Familie Ingram mit der reichen Sippe der Barclays zu verbinden, sondern mich zugleich aus dem Crown Hotel zu entfernen und meinem ziellosen Treiben ein Ende zu machen. Und für Mr. Barclay war ich nichts weiter als ein galanter Nichtsnutz, der allein dem Zweck diente, die törichte Nichte von dem unliebsamen Barclay-Cousin Frederick fernzuhalten, der andernfalls womöglich um ihre Hand anhalten und damit einen Familienkrieg auslösen könnte.

»Entschuldigen Sie mich, Sir«, sagte ich, erhob mich mit zittrigen Knien und reichte ihm die Hand. »Aber ich habe noch einen Termin.«

»Einen Termin?«

»Bei einem Fotografen«, sagte ich, weil mir auf die Schnelle nichts Besseres einfiel. »In der Fenchurch Street.«

»Eine gute Idee«, antwortete er und zwinkerte mir zu. »Meredith mag so was. Sie sammelt diese bunten Kabinettkarten, ganze Alben hat sie davon voll. Und von dir hat sie noch kein Foto, wenn ich richtig unterrichtet bin. Wird auch Zeit.«

»Ja, es wird Zeit«, sagte ich und ging hinaus.

9

Als ich das Firmengelände durchs Haupttor verließ und in Richtung Themse ging, bemerkte ich, dass der Nebel sich wieder verdichtet hatte. Obwohl es bereits Mittag war, stand die Sonne als blasse Scheibe am Himmel und drang kaum durch den Dunst, der hier in Southwark nach Essig, Brausud und schwefliger Kohle roch. Eine Eisenbahn ratterte direkt über mir, im Bogen von der London Bridge Station kommend, über den Viadukt zum Bahnhof Cannon Street und verschwand mitten über dem Fluss im Nebel. Vom gegenüberliegenden Nordufer der Themse war nichts zu sehen, nicht einmal die Kathedrale von St. Paul ließ sich in dem undurchdringlichen Graugelb erkennen.

Eigentlich hatte ich vorgehabt, im Anchor Pub zu Mittag zu essen, doch die Nähe zur Brauerei erschien mir in diesem Moment unerträglich und nahm mir jeden Appetit. Deshalb ging ich unter der Eisenbahnbrücke hindurch nach Osten, wo sich die Clink Street zwischen Fabriken und Lagerhallen am Ufer entlangschlängelte. Die Straße führte am baufälligen Dock von St. Mary Overy vorbei bis zum Friedhof von St. Saviour. Angeblich war unser Urahn Jeremiah, der Gründer des Ingram-Unternehmens an der Piccadilly, vor etwa zweihundert Jahren in dieser Gegend zur Welt gekommen, und zwar als Sohn eines merkwürdigen Kauzes, der einen Großteil seines Lebens unter Räubern, Dirnen oder im Irrenhaus verbracht hatte. So jedenfalls berichtete es eine der zahlreichen Ingram-Legenden, die mein Vater so liebte.

Die alte gotische Kirche wirkte zwischen den Fabriken, Dockanlagen und dem Viadukt der Eisenbahn, der nur wenige Schritte entfernt am Friedhof vorbeiführte, wie eine untergehende Bastion, die von übermächtigen Feinden umzingelt war. Ich benutzte den verfallenen und von Unkraut überwucherten Friedhof als Abkürzung zur Southwarker Hauptstraße. Über mir donnerte eine weitere Eisenbahn über die Hochtrasse und ließ die Grabmale und Kreuze zu ihren Füßen erbeben. In einer Ecke des Friedhofes, in unmittelbarer Nähe des Viadukts, stand eine Statue, die mir aus mehreren Gründen ins Auge sprang. Einerseits war die Skulptur durch die ständigen Erschütterungen so stark beschädigt, dass es schien, als könnte sie jeden Augenblick in sich zusammenfallen, auf der anderen Seite wirkte sie auf einem anglikanischen Friedhof seltsam deplatziert. Es handelte sich um das Standbild eines nackten Jünglings und einer gleichfalls unbekleideten Frau. Der Mann, dem zwei Flügel aus dem Rücken wuchsen, stand hinter der Frau, umklammerte ihre Brüste und ihre Schulter und wurde von seiner sich an ihn schmiegenden Partnerin mit schmachtendem Blick regelrecht verzehrt. Vermutlich handelte es sich um die Darstellung irgendeiner mir unbekannten biblischen Szene. Was mich allerdings verwunderte, war die Freizügigkeit der Darstellung, die eher erotisch als andächtig wirkte. Die Statue schien sehr alt zu sein, wie an den Rissen und der Verfärbung zu erkennen war. Das Rattern der Eisenbahnen würde sie vermutlich bald dem Erdboden gleichmachen. Dennoch ließ mich das seltsame Standbild einen Moment verharren, bis mich das Pfeifen einer Lokomotive und das Knurren meines Magens aus meinen wirren Gedanken rissen und ich wie ein Getriebener zur Straße lief.

Schräg gegenüber von St. Saviour, jenseits der Bahntrasse, befand sich das inzwischen in die Jahre gekommene und etwas verlotterte George Inn, und als ich vor dem schmalen Eingang zum Yard eine uniformierte Gruppe erkannte und erbauliche Lieder singen hörte, stand für mich fest, wo ich zu Mittag einkehren wollte. Ich überquerte die Straße, näherte mich dem singenden Korps von Major Pringle und wurde von diesem mit einem angedeuteten Bückling begrüßt. Er und seine Mitstreiter hatten sich tatsächlich strategisch günstig aufgebaut, nicht nur, weil sie den einzigen Zugang zum Hof des Inns versperrten, sondern zudem sämtlichen Besuchern der gegenüberliegenden Markthalle von Borough Market mit ihrem Trällern in den Ohren lagen; auch wenn das Getöse der Bahn manch eine erbauliche Botschaft übertönte.

Die Salutisten ließen mich passieren, nachdem sie mir ein Halleluja ins Ohr geschrien und ein Flugblatt in die Hand gedrückt hatten. Ich betrat das Gasthaus, wo sich weitere Mitglieder der Heilsarmee missionierend betätigten. Der junge Wirt des Inns, ein dürrer Kerl mit riesigen Ohren und strubbeligen Haaren, starrte missgelaunt auf seinen Schanktisch, während ein Heilsarmist auf der anderen Seite lautstark auf ihn einredete. Als der Uniformierte sich kurz umwandte, erkannte ich das zerschundene Gesicht des Mannes, der sich bereits vor der Brauerei durch seine Heftigkeit und Rage hervorgetan hatte. Ich setzte mich an einen Tisch in unmittelbarer Nähe des Tresens und lauschte dem Gespräch.

»Wie lange wollt ihr den Unfug da draußen noch veranstalten, Adam?«, fragte der Wirt und wischte sich mit einem Handtuch die Hände ab. »Ihr vergrault mir mit eurem Katzengesang die gesamte Mittagskundschaft.«

»Darum geht’s doch, Rod«, antwortete der Heilsarmist und grinste schief. »Kannst ja die Polizei rufen, wenn du uns loswerden willst. Dann kannst du morgen was in der Zeitung darüber lesen.«

»Eher hole ich die Skeleton Army, die hat schließlich bewiesen, dass sie mit euch Memmen fertigwird«, antwortete der Wirt und deutete auf Adams Zahnlücke. Dann wandte er sich an mich und fragte: »Was darf’s sein, Sir? Ich kann das Lammbries empfehlen. Ganz frisch vom Metzger.«

»Lieber keine Innereien«, antwortete ich kopfschüttelnd, schaute auf die Schiefertafel, die hinter dem Schanktisch hing, und entschied mich stattdessen für das Kalbsragout mit Worcestershire-Soße. »Und ein großes Porter.« Dass es ein Barclay & Perkins Stout war, störte mich nicht.

»Kommt sofort«, antwortete der Wirt, zapfte das Bier, stellte es auf die Anrichte und verschwand in der Küche.

»Was macht so ein feiner Pinkel wie Sie denn in einer Kneipe wie dieser?«, fragte der Heilsarmist und starrte auf das Porter, das direkt vor seiner Nase stand.

»Das George Inn gehört Barclay und Perkins, schon vergessen?«, antwortete ich und wunderte mich über den beinahe gierigen Blick des Mannes. »Wollen Sie auch eins?«

»Ich trinke nicht!«, rief er, und es klang, als müsste er sich selbst davon überzeugen. »Ich bin ein Soldat des Heils. Schon vergessen?«

Ich stand auf, holte mir das Bier vom Tresen, setzte mich wieder, hob bedauernd die Achseln und sagte: »Prost, Bruder Adam!«