Seine Stimme klang höflich, doch keineswegs unterwürfig. Das Orcmädchen schien – wenn auch nur ein wenig – besänftigt.
„Das werde ich“, sagte sie. „Und zweifellos wirst du viel von ihr lernen. Sie hat jedoch entschieden, dass dir die meisten Lektionen von einem anderen Lehrer erteilt werden, da sie schnell müde wird.“
„Jeden, den Geyah für fähig hält, mir etwas beizubringen, will ich demütig akzeptieren“, sagte Thrall mit äußerster Ernsthaftigkeit. „Wie heißt er?“
„Ihr Name ist Aggra“, sagte das Mädchen, wandte sich ab und ging schnell voraus. Sie erwartete offensichtlich, dass er ihr folgte.
„Ich freue mich darauf, Aggra kennenzulernen.“
Sie warf ihm einen amüsierten Blick über die Schulter zu und lächelte verschmitzt. „Das hast du bereits.“ Thrall taumelte leicht, als er die Bedeutung ihrer Worte erfasste.
Ihr Ahnen, gebt mir Kraft!, dachte er.
Das Essen war einfach: geröstete Grollhufe, Mag’har-Kornbrot, verschiedene Früchte und Gemüse und klares, reines Wasser, um alles hinunterzuspülen. Thrall hatte nie besonderen Gefallen an opulentem Essen gefunden und die meiste Zeit seines Lebens das schlichte, nahrhafte Essen bekommen, das auch den Gladiatoren gereicht wurde. Deshalb hatte er keinerlei Einwände gegen dieses Mahl. Das Fehlen jeglichen Prunks gefiel ihm ebenso, wie er Geyahs Anwesenheit genoss. Sie war älter geworden, seit er sie das letzte Mal gesehen hatte, und dieses eine Jahr hatte seinen Tribut gefordert. Doch sie war weit davon entfernt, gebrechlich zu sein, und ihr Geist war so lebhaft und stark wie eh und je. Thrall konnte nicht umhin, den Unterschied zu Drek’Thar zu bemerken. Manchmal schien das Schicksal den einen gnädiger zu behandeln als den anderen.
Er hätte verlangen können, dass nur sie beide bei dem Mahl anwesend waren. Aggra saß neben Geyah und war ganz offensichtlich die Favoritin der alten Frau, was Thrall verblüffte. Sie sprach nicht viel, doch wenn sie es tat, waren ihre Worte knapp und nicht selten schroff. Geyah schien diese offensichtliche Respektlosigkeit nicht im Geringsten zu stören. Als Aggra aufstand, um Wasser für sie zu holen, beugte Thrall sich zu seiner Großmutter hinüber.
„Das Mädchen zeigt nicht den Respekt, der dir zusteht, Großmutter“, sagte er leise.
„Andere würden sagen, dass du das ebenso wenig tust, weil du mich wie deine leibliche Großmutter behandelst“, antwortete sie.
„Wenn du das nicht willst, werde ich es sofort ändern.“
Geyah winkte ab. „Ich bin deine leibliche Großmutter, Go’el. Warum solltest du mich also nicht so ansprechen?“
„Aber diese... Aggra schneidet dir das Wort ab und sagt geradeheraus, dass du unrecht hast, sie...“
„Verspottet dich, obwohl du der große Kriegshäuptling der Horde bist.“ Geyah lachte leise. „Komm schon, mein Enkel. Sag mir nicht, du hättest keine Vertrauten, die dir den Kopf aus den Wolken holen, wenn das nötig ist. Denn dann würde ich dich einen Lügner nennen. Du bist ein großartiger Anführer, und großartige Anführer umgeben sich nicht mit Leuten, die nur um sie herumscharwenzeln und ihnen nach dem Munde reden. Manchmal hat sie recht, und ich muss meine Ansichten ändern oder mich korrigieren. Manchmal hat sie es jedoch auch nicht. Aber ich habe nie versucht, sie zum Schweigen zu bringen, und das habe ich kein einziges Mal bereut. Der Tag, an dem ich die Wahrheiten der anderen nicht mehr höre, sollte mein letzter sein. Dann gehe ich zu den Ahnen, weil alles gestorben ist, für das ich mich achte.“
Thrall nickte und dachte an Etrigg und Cairne. Noch am Abend zuvor hatte Cairne ihm gegenüber Worte und einen Tonfall benutzt, die jeder andere als respektlos hätte erachten können, gar als beleidigend. Thrall jedoch schätzte sie für das, was sie waren: aufrichtig und Ausdruck ehrlicher Sorge. Er bewegte sich unbehaglich auf der abgenutzten Decke, die ihm keinerlei Bequemlichkeit bot. Von Cairnes Worten hatte er sich beleidigt gefühlt, obwohl er es besser hätte wissen müssen, und er schalt sich dafür. Thrall entschied, sich bei seiner Rückkehr bei Cairne zu entschuldigen und dem alten Bullen für seine direkten Worte zu danken.
„Die Lehrstunden bei dir haben bereits begonnen, Großmutter“, sagte Thrall lächelnd.
„Oh, gut“, sagte Aggra, die mit einem gefüllten Wasserkrug zurückkam. „Du brauchst Unterricht.“
Thrall atmete tief durch. Mit Aggra zu lernen, dachte er, würde die schwierigste der „Lektionen“ sein.
„Aggra, ich habe dir und Go’el gesagt, dass du während seiner Zeit in Nagrand seine Hauptlehrerin bist. Ich werde dich weiter unterrichten, Thrall, aber unsere Stunden werden hier stattfinden. Mein Körper ist nicht mehr stark genug, um durch das Land zu reisen. Aggra kann dich zu den Orten begleiten, die du besuchen musst.“
Thrall nickte dem jüngeren weiblichen Orc höflich zu, zumindest hoffte er das. „Ich verstehe, und ich freue mich auf ihren Unterricht.“
Aggra hob eine Augenbraue und gab einen kaum hörbaren geringschätzigen Laut von sich.
„Aggra... du magst nicht in allem einer Meinung mit Go’el sein. Das musst du auch nicht. Du musst ihn nur unterrichten, so gut du kannst. Sein Land leidet. Er hat seine Aufgaben in Azeroth an Garrosh Höllschrei übertragen...“
„Garrosh? Dieser Bengel ist nicht imstande...“
„... um zu lernen, wie er seiner Welt helfen kann“, fuhr Geyah ungerührt fort. Ihre Stimme wurde lauter und ernster. „Wen er zum Anführer der Horde ernannt hat, geht mich nichts an und dich ebenso wenig. Denkst du, du wärst zu fein, um den Elementen zu helfen, wenn sie leiden?“
Aggras Wangen röteten sich. Sie setzte bereits zu einer Antwort an, doch dann faltete sie die Hände in ihrem Schoß. „Du hast recht, Großmutter. Ich habe mein Leben der Aufgabe gewidmet, den Elementen zuzuhören und mit ihnen zu arbeiten, selbst wenn sie die Elemente einer anderen Welt sind. Ich werde dienen, indem ich Go’el alles, was ich weiß, beibringe.“ Unfähig zu widerstehen, fügte sie hinzu, „Ganz egal, was ich auch von ihm persönlich halte.“
Thrall schenkte ihr ein höfliches Lächeln. „Und ich, für meinen Teil, bin gewillt, zuzuhören und alles zu lernen, was ich kann, zum Segen für meine Welt. Ganz egal, was ich von Aggra persönlich halte.“
18
Die Wochen vergingen. Varian hatte darauf bestanden, dass Anduin in Eisenschmiede blieb.
„Du hast jetzt die Chance, dem Volk von Eisenschmiede zu helfen“, hatte er seinem Sohn gesagt. „Hier hast du dir einige gute Freunde gemacht. Die Tatsache, dass der Prinz von Sturmwind während dieser schwierigen Zeit hierbleibt, ist ein Beweis dafür, wie sehr wir die Zwerge schätzen. Ich weiß, momentan ist Eisenschmiede kein sehr angenehmer Ort, aber auch als König muss man unangenehme Dinge tun.“
Anduin hatte genickt und war unmittelbar nach dem Gespräch nach Eisenschmiede zurückgekehrt. Er wusste, dass sein Vater recht hatte, und war nur zu gern bereit, den Zwergen zu helfen.
Dennoch war ihm klar, dass es das Beste für alle Beteiligten wäre, wenn entweder Muradin oder Brann endlich die Position einnahm, die ihr Bruder auf so tragische Weise hatte abgeben müssen. Und das möglichst bald.
Anduin ließ sich wieder von Rohan unterweisen und übte mit mehreren Männern von Magnis Leibwache. Er saß gerade mit dem Hohepriester zusammen, als Wyll herbeieilte, der ein wenig hinkte und völlig außer Atem war.
„Euer Hoheit! Kommt schnell!“
Anduin war sofort auf den Beinen. „Was ist los? Was ist geschehen?“
„Ich... ich weiß es nicht“, keuchte der ältliche Diener. „Ihr sollt beide... zum Hohen Sitz kommen...“
Rohan und Anduin tauschten einen überraschten Blick, erhoben sich und machten sich unverzüglich auf den Weg. Anduin fragte sich, ob Magnis Brüder endlich gekommen waren, um die Herrschaft zu übernehmen – ein Gedanke, der ihn mit Erleichterung erfüllte. Doch zugleich spürte er einen Stich. Es betrübte ihn, dass das überhaupt nötig geworden war. Doch letztlich geschah genau das, was Magni beabsichtigt hatte. Anduin bemühte sich, nicht zu laufen.