„Was?“ Anduin war sich nicht sicher, ob ihm nicht ein Streich gespielt wurde, und er blickte den Greif misstrauisch an. „Nun, dieser Flügel scheint verletzt zu sein, aber doch nicht krank...“
„Och, nein, nein, sie sind schrecklich krank!“ Gryth rollte wild mit den Augen. „Zumindest ist es das, was die neue Königin dieser Dunkeleisenschläger uns sagte. Sie sind alle sehr krank, wie es scheint. Und diese Krankheit greift um sich. Sie kann jeden befallen... Stellt Euch das vor! Zwergen, Menschen, Elfen, Gnome, selbst die Draenei, die nicht von dieser Welt stammen! Die Greife müssen für mehrere Monate in Quarantäne. Keine Greifenflüge rein oder raus. Dieser hier mochte die Dunkeleisenzwerge nicht und hat einen von ihnen gebissen. Damit hat er sich eine ganz schöne Wunde am Flügel eingehandelt. Die anderen sind bereits zu ihren neuen Ställen geflogen. Das Licht allein weiß, wann sie zurückkommen.“
„Aber... Ihr wisst doch, dass das nicht stimmt!“, sagte Anduin geradeheraus.
Gryth beugte sich zu Anduin vor. „Natürlich ist das nicht wahr“, sagte er, seine Stimme klang tief, und seine Wut war deutlich herauszuhören. „Diese angebliche Königin ist eine Närrin, wenn sie glaubt, dass wir ihr das abnehmen. Aber was soll ich machen? Moira will die fliegenden Greife nicht, und diese Dunkeleisenbastarde haben gedroht, die Tiere auf der Stelle zu töten, wenn ich weiter protestiere. Besser, sie leben alle noch und bleiben eine Zeit lang am Boden, bis die Dinge wieder in Ordnung sind. Wenn das Licht es will, geschieht das schon bald.“
Anduin sah zu, wie sie auf der Straße weiterzogen, die von Eisenschmiede herunterführte. Er fragte sich, ob die Tiere tatsächlich in Quarantäne kamen oder ob sie am Boden gehalten wurden. Er wischte sich mit der zitternden Hand über die Stirn, die trotz der Kälte schweißbedeckt war.
Beigrum und Rohan hatten zu ihm aufgeschlossen und blickten besorgt drein. Ein Gnom mit einem freudlosen Gesichtsausdruck trat zu ihnen. „Die Greife werden in Quarantäne geschickt“, sagte Anduin dumpf und wandte sich seinen Begleitern zu. „Anscheinend sind sie sehr krank, und diese Krankheit soll ansteckend sein.“
„Oh, wirklich?“, fragte Rohan. „Dann war es vielleicht ein kranker Greif, der die Tiefenbahn beschädigt hat, oder?“
„Was?“ Anduin zitterte und schlang die Arme eng um seinen Körper. Er war sich recht sicher, dass er nur wegen der Kälte zitterte, als sie wieder hineingingen. Zumindest hoffte er das.
Der Gnom ergriff das Wort. „Die Bahn wurde als unsicher bezeichnet und geschlossen, bis sie repariert werden kann. Aber sie ist nicht unsicher, sondern völlig in Ordnung! Ich arbeite jeden Tag dort. Ich wüsste es, wenn da etwas nicht in Ordnung wäre!“
„Unsichere Bahnen und kranke Greife“, murmelte Anduin, und seine Augen verengten sich. „Wege, die aus der Stadt herausführen...“
Rohan schaute finster. „Aye, das haben wir auch schon gemerkt. Aber es gibt noch andere Wege, um...“
„Was glaubst du, tust du da, du Wüstling?“, erklang eine schrille weibliche Gnomenstimme.
„Ja, genau!“, erwiderte Dink. „Wir sind gute, angesehene Bürger!“
Ein männlicher Gnom! Die beiden Stimmen kamen Anduin bekannt vor. Er tauschte besorgte Blicke mit seinen Freunden, und gemeinsam liefen sie in die Versammlungshalle.
Vier Dunkeleisenzwerge hielten die beiden Gnome fest, die sich protestierend in deren Armen wanden und ihren Unmut laut kundtaten.
„Bink und Dink“, sagte Anduin und erinnerte sich an das Geschwisterpaar.
„Lasst sie los!“ Mehrere Eisenschmiedewachen rannten mit erhobenen Äxten und Schilden herbei.
„Befehl von Ihrer Majestät“, knurrte einer der Dunkeleisenzwerge. Lügner!, dachte Anduin. „Wir nehmen sie nur zur Befragung über einige ungeklärte Dinge mit, das ist alles.“
Nein, das taten sie nicht, und Anduin wusste es. Sie nahmen sie mit, weil es Magier waren... und Magier konnten Portale aus Eisenschmiede heraus erschaffen. Moira wollte nicht, dass irgendjemand Eisenschmiede verlassen konnte.
„Sie ist nicht unsere Majestät“, sagte die Wache mit gefährlich leiser Stimme. „Lasst sie sofort los!“
Zur Antwort schubste der Dunkeleisenzwerg Dink zu einem seiner Gefährten, zog das Schwert und ging zum Angriff über.
Alles geschah sehr schnell. Dunkeleisenzwerge und Bronzebärte schienen aus allen Richtungen herbeizulaufen. Die schwelenden Abneigungen und Vorbehalte, die Furcht und die Wut kochten plötzlich über. Die Luft war jetzt nicht mehr vom Schlag der Hämmer auf dem Amboss erfüllt, sondern von wütenden Rufen und dem Klirren von Stahl. Anduin stürzte vor, doch eine kräftige Hand zog ihn zurück.
„Nein, Junge! Das ist eine Zwergenangelegenheit!“, schrie Rohan. Er trat vor und hob die Arme, sprach ein Gebet und strahlte Ruhe aus. „Hört auf! Eisenschmiede sollte niemals erleben müssen, wie Zwerge gegen Zwerge kämpfen!“
„Haltet ein, ihr Wachen von Eisenschmiede, haltet ein!“
Die Stimme war schneidend und der Sprecher offenbar gewohnt, dass man ihm Folge leistete. Glücklicherweise gehörte sie Angus Steinhammer, dem Hauptmann der Wachen von Eisenschmiede. Er brachte mehrere Wachposten mit, die allesamt mit wütendem Blick das Geschehen verfolgten.
Die Wachen waren gut ausgebildet, und es dauerte nur wenige Sekunden, bis sie gehorchten, ihren Angriff beendeten, zurücksprangen und Verteidigungshaltung einnahmen. Die Dunkeleisenzwerge drängten noch ein wenig vor, doch schließlich stellten auch sie die feindseligen Handlungen ein. In der allgemeinen Verwirrung waren die Gnome völlig vergessen worden. Sie wuselten nun zu Anduin und Beigrum und klammerten sich ängstlich an sie. Rohan trat schnell vor, um die Verwundeten zu heilen. Anduin erkannte, dass es nicht wenige gab, einige von ihnen waren sogar ernsthaft verletzt. Dunkeleisenzwerge und Bronzebärte zählten gleichermaßen zu ihnen. Trotz der Hitze überkam ihn ein Schaudern, und er fragte sich, ob er die ersten traurigen Vorboten eines zweiten Zwergenkrieges miterlebte.
„Wächter!“, bellte der Hauptmann. „Moira ist so lange die Erbin des Throns, bis jemand anders einen vorrangigen Anspruch geltend gemacht hat. Ihr werdet sie respektieren und diejenigen, die sie erwählt hat, sie zu beschützen! Habt ihr das verstanden?“
Ein murmelnder Chor aus „Ayes“, von denen einige sehr zögerlich klangen, antwortete ihm.
„Und ihr“, Steinhammer zeigte mit seinem knubbeligen Finger in Richtung der Dunkeleisenzwerge, „Ihr könnt nicht einfach brave Bürger mitnehmen. Ihr müsst euch an die Gesetze halten. Ich bin mir sicher, ihr habt die beiden Kleinen nicht einmal angeklagt. Wir bewachen die Bürger von Eisenschmiede und setzen die Gesetze durch. Egal, wer auf dem Thron sitzt!“
Die Dunkeleisenzwerge wurden unruhig, erhoben jedoch keinerlei Widerspruch. Anduin lächelte bitter, verspürte jedoch etwas Hoffnung. Es war eine Sache, eine Bahn zu schließen oder Tiere zu bedrohen und zu töten, um Eisenschmiede zu isolieren. Es war jedoch etwas ganz anderes, unbescholtene Bürger ohne Grund und Gerichtsprozess einzusperren. Moira hatte vielleicht einige ihrer Vorhaben durchsetzen können – Anduin vermutete, dass die Post und alle anderen Möglichkeiten, mit der Außenwelt in Kontakt zu treten, bereits ebenfalls unterbunden worden waren –, aber sie hatte nicht mit dem Mut und dem eisernen Willen der Zwerge von Eisenschmiede gerechnet.
Knurrend blickten die Dunkeleisenzwerge zu den Gnomen hinüber und nickten. „Wenn ihr das Gesetz wollt, dann sollt ihr es haben“, knurrte einer. „Wir gehorchen ihm, weil Ihre Majestät die legitime Thronfolgerin ist. Und was das bedeutet, werdet ihr noch früh genug herausfinden.“
Er spie dem anderen Zwerg vor die Füße, bevor er und seine Begleiter sich umwandten und von dannen marschierten. Anduin sah ihnen nach. Er hätte erleichtert sein müssen, doch das war nicht der Fall. Der Konflikt war noch lange nicht ausgestanden, und er befürchtete, dass Zwergenblut in Eisenschmiede fließen würde – so wie das heiße Metall in der Schmiede –, und zwar in großen Mengen.