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Thrall beugte sich vor und streichelte über den langen, beigefarbenen Hals des Talbuks, auf dem er saß. Das Tier wackelte vergnügt mit dem Kopf und wartete darauf, Thrall weiterzutragen, sobald er es wollte. Er war hierhergekommen, um neue Dinge zu lernen, und genau das tat er, indem er auf einem Tier saß, das er zuvor kaum gekannt hatte. Die Mag’har benutzten, wie die meisten Orcs, noch immer Wölfe als Reittiere. Doch sie schätzten die Talbuks sehr, und diese waren nur wenigen Auserwählten vorbehalten.

Aggras Talbuk war von schöner blauer Farbe und schien lebhafter zu sein als Thralls Tier, das, wie sie ihm gesagt hatte, ein Reittier war, das sich für Anfänger wie ihn eignete. Das war wieder eine ihrer Kränkungen. Es schien ihr großen Spaß zu machen, ihn zu beleidigen. Sie achtete jedoch stets darauf, eine gewisse Grenze nicht zu überschreiten. Für Thrall war Aggra eine weitere Prüfung, die er zum Wohle seines Volkes bestehen musste.

Er mochte seinen Talbuk Shuk’sar gern und hatte keinen Grund zur Klage. Der Ritt war unruhiger als auf einem geschmeidigen Wolf, aber der Kriegshäuptling gewöhnte sich langsam daran.

„Nagrand hatte Glück. Es hat nicht so stark gelitten wie andere Teile Draenors“, sagte Aggra, als sie an einem kleinen Weiher rasteten. „Andere Orte sind völlig zerstört oder arg mitgenommen. Wir versuchen, so viel wie möglich zu lernen und gleichzeitig alle zu unterstützen, die den Elementen anderswo helfen. Es wird niemals wieder so sein wie früher, doch es wird heilen, so gut es geht.“

„Ich frage mich, ob meine Welt das auch von sich behaupten kann“, sagte Thrall. „Du hast einen Ort erwähnt, der Thron der Elemente genannt wird.“

Aggra nickte. „Wenn wir die Elemente um Hilfe bitten, berühren wir deren Geister. Die Geister der Erde, der Luft, des Feuers und des Wassers.“

Thrall nickte ein wenig ungeduldig. „Das weiß ich. Es gehörte zu den ersten Dingen, die mich Drek’Thar gelehrt hat.“

„Oh, gut. Ich wollte nur sichergehen, da ich nicht weiß, wie begrenzt dein Wissen ist.“ Sie lächelte mit falscher Freundlichkeit, und Thrall knirschte mit den Zähnen.

„Geyah meinte, dass die Elemente hier Namen haben“, fuhr er fort. „In Azeroth gilt das nur für besonders starke Elementare. Welche Rolle spielen diese Wesen?“

„Das ist eine gute Frage“, sagte sie, obwohl sie das Lob nur widerwillig erteilte. „Diese Wesen sind extrem mächtige Elementare, aber sie sind im Vergleich zur Erde nur ein Staubkorn, im Vergleich zu den Meeren nur ein winziger Tropfen. Es ist eine komplexe Vorstellung, die man sich eine Zeit lang durch den Kopf gehen lassen muss.“

Thrall seufzte. „Was auch immer du über mich denken magst, Aggra, dumm bin ich nicht. Deine fortgesetzten Beleidigungen hindern dich letztlich daran, mich zu unterrichten und mir etwas beizubringen. Das will doch keiner von uns, oder?“

Ihre Augenbrauen zogen sich zusammen, und sie schnaubte. Er wusste, dass er sie getroffen hatte. Sie mahlte mit ihrem starken Unterkiefer.

„Nein. Du bist nicht dumm, Go’el. Ich stelle nur deine Entscheidungen in Frage. Ich weiß, dass irgendwo in deinem Schädel ein Hirn steckt.“

„Dann unterrichte mich bitte so, als ob ich tatsächlich die Fähigkeit hätte zu lernen. Das wird schneller gehen, und ich kann früher nach Hause zurückkehren. Das wollen wir doch alle beide.“

„Das stimmt“, sagte sie offen. „Wenn du erfassen kannst, was ich dir beibringen will.“

„Das werde ich schon schaffen“, antwortete Thrall, der sich kaum noch beherrschen konnte.

„Dann sollten wir für einige Tage Nagrand verlassen. Ich werde dir verschiedene andere Teile der Scherbenwelt zeigen, verschmutzte Wasserelementare und vergiftete Erdelementare. Du kannst dann versuchen, mit ihnen zu sprechen – oder sie bekämpfen, wenn sie deinem Ruf nicht folgen –, und erleben, wie sie sich für dich anfühlen.“

„Ich habe schon früher mit verdorbenen und pervertierten Elementaren gearbeitet“, antwortete Thrall nickend.

„Gut. Vielleicht erkennst du etwas Vertrautes in ihrer Krankheit, das dir helfen kann, Azeroth zu heilen.“

Er blinzelte. Wenn sie mal nicht meckerte oder ihn mit ihren sarkastischen Bemerkungen stichelte, war ihre Stimme kräftig und melodisch. Und sobald sie nicht finster dreinschaute, lag in ihrem Gesicht eine ruhige Schönheit, die Thrall an Geyah erinnerte. Es war zu schade, dass sie fest entschlossen war, ihn nicht zu mögen. Er hätte es gern gesehen, wenn Aggra mit ihm nach Azeroth zurückgekehrt wäre. Dort hätte sie ihre Fähigkeiten einsetzen können, um der Horde und Azeroth gleichermaßen zu helfen. Doch gerade als er diesen Gedanken hatte, schien Aggra sich wieder daran zu erinnern, wie sehr sie Thrall verabscheute, und blickte ihn abweisend an.

Mit der Zunge schnalzend, riss sie den Kopf des Talbuks unnötig hart herum und ritt nach Süden.

„Los, Go’el“, rief sie. „Wir reiten ans Ende der Welt!“

„Die Dinge ändern sich“, sagte Erzdruide Hamuul Runentotem. Er saß friedlich mit Cairne an einem Ort außerhalb von Donnerfels, der als Teufelsfelsen bekannt war. Dieser Ort voller rostroter Steine war den Ahnen der Tauren heilig. Cairne kam hierher, wenn er in Ruhe nachdenken wollte.

Seit Thralls Abreise war er sehr oft hier gewesen.

„Da stimme ich dir zu“, sagte Cairne. „Als Garrosh versprach, Orgrimmar nach Thralls Abreise neu aufzubauen, statt irgendwo eine Invasion vom Zaun zu brechen, war ich zufrieden, ja, ich lobte ihn sogar. Ich sagte ihm, er habe mit seinem Vorgehen bewiesen, dass er ein Anführer ist, der sich um das Wohlergehen seines Volkes sorgt, kein Orc, der nach persönlichem Ruhm strebt.“ Cairne schnaubte. „Doch jetzt bezweifle ich das. Man muss sich doch nur anschauen, was er tatsächlich mit dem Geld gemacht hat.“

Orgrimmar war tatsächlich neu errichtet worden, doch konnte man es kaum noch wiedererkennen. Alle beschädigten Gebäude waren repariert worden, wenn auch nicht mit den hölzernen, strohgedeckten oder fellbespannten Dächern, die man vorher verwendet hatte. Garrosh hatte erklärt, er wolle Orgrimmar „feuersicher“ machen. Statt der traditionellen Materialien hatte er Metall bestellt, da es unbrennbar war. Ob diese Entscheidung eine gute Wahl war, blieb mehr als fraglich.

Cairne lief ein unbehaglicher Schauer über den Rücken, als er an die neuen Gebäude in Orgrimmar dachte. Wie sehr doch die neue Architektur der uralten glich! Er selbst war niemals in Draenor gewesen, aber er hatte Bilder der Höllenfeuerzitadelle und einiger anderer Gebäude gesehen, die von den Orcs erschaffen worden waren, als sie unter dem Bann des dämonischen Blutrauschs gestanden hatten. Schwarzes Eisen, gehämmerte Spitzen, brutal aussehende Gebäude, die zwar praktisch waren, aber ungemütlich. Man konnte sich leicht vorstellen, dass in den neuen Gebäuden im alten Stil Folterwerkzeuge lagerten und nicht die Lebensmittel und Vorräte, die sich tatsächlich dort befanden.

Er hatte Donnerfels verlassen und war nach Orgrimmar gegangen, um für den jungen Anführer, den Thrall gegen seinen Rat eingesetzt hatte, jederzeit erreichbar zu sein. In seiner Abwesenheit kümmerte sich Cairnes Sohn Baine um die Belange seines Volkes, ein guter Krieger mit dem kühlen Kopf seines Vaters. Baine würde während der Abwesenheit seines Vaters keine Schwierigkeiten haben.

Im Laufe der Zeit hatte Cairne festgestellt, dass sein Rat bei Garrosh nicht sonderlich willkommen war und oft ignoriert wurde. Als die neuen Gebäude errichtet worden waren, hatte er erkannt, dass Orgrimmar kein Ort mehr war, der ihm zusagte. Er hatte um eine Audienz bei Garrosh gebeten, um ihm zu erklären, dass er nach Donnerfels zurückkehren wolle, und war von Garroshs Reaktion überrascht worden.

Er hatte Erleichterung oder Desinteresse erwartet, doch Garrosh war aufgestanden und zu ihm getreten.