„In Nordend haben wir gut zusammen gekämpft“, sagte Garrosh.
„Das stimmt“, antwortete Cairne.
„Und dennoch weiß ich, dass du mit vielen meiner Entscheidungen nicht einverstanden bist.“
Cairne blickte ihn einen Moment lang an. „Beides ist richtig, Garrosh. Wegen dieser Unstimmigkeiten kann ich Euch nicht länger helfen.“
„Ich... Thrall vertraute mir das Wohl der Horde an. Er ist ein Symbol für unser Volk, ebenso wie Ihr. Ich will Euch nicht beleidigen, doch ich muss meine eigenen Entscheidungen treffen und werde tun, was das Beste für das Wohl der Horde ist.“
Cairne gefielen die Worte, und er war gewillt zu glauben, dass Garrosh sie auch tatsächlich so meinte. Doch er kannte Garrosh möglicherweise besser als dieser sich selbst. Cairne hatte Grom und zahllose andere Hitzköpfe erlebt. Den meisten drohte ein gewaltsames und oft sinnloses Ende. Er wollte nicht, dass Garrosh dasselbe Schicksal erlitt oder die ganze Horde mit sich ins Unglück riss.
Es war jedoch sinnlos, in Orgrimmar zu bleiben. Garrosh würde nur das tun, was seinen Absichten entsprach. Wenn er Cairnes Rat dennoch wünschte, konnte er leicht einen Weg zu ihm finden, ohne sein Gesicht zu verlieren.
Cairne verneigte sich höflich, und Garrosh verbeugte sich noch tiefer. Kurz darauf kehrte Cairne nach Donnerfels zurück.
Die Kor’kron, die Elitewachen, die sich stets unauffällig in der Nähe des Kriegshäuptlings aufhielten, hatten ihm den Weg aus der Stadt gewiesen. Cairne hatte sie Thrall gegenüber stets als absolut loyal empfunden, doch ihre Loyalität, die keineswegs in Frage stand, galt nicht einer bestimmten Person, sondern dem Amt als Anführer der Horde. Cairne hatte bei ihnen nach Anzeichen des Protestes oder Unwillens gesucht über die neue Richtung der Horde oder den Wiederaufbau Orgrimmars. Wenn es denn überhaupt irgendwelche Meinungen gab, drückten sie Zustimmung zu Garroshs neuer Politik aus, die die alten Zeiten verherrlichte.
„Ich habe Orgrimmar seit dem Neubau nicht mehr gesehen, noch will ich es“, knurrte Hamuul Runentotem und holte Cairne in die Gegenwart zurück. „Aber, alter Freund, ich glaube nicht, dass du mich hergebeten hast, um dich mit mir über Architektur zu unterhalten.“
Cairne seufzte. „Wenn das nur der Grund wäre. Aber du hast recht. Ich wollte dich fragen, wie die Verhandlungen mit deinen Kontakten bei den Kaldorei im Zirkel des Cenarius verlaufen?“
Bei dem Fest zu Ehren der heimkehrenden Veteranen hatte Cairne einen Vorschlag unterbreitet, um die Beziehungen mit den Nachtelfen durch den Zirkel wieder aufzunehmen. Garrosh war förmlich explodiert, und Thrall hatte ihn beruhigen müssen. Letztlich war offiziell nichts geschehen.
Inoffiziell hatte Thrall jedoch Hamuul die Erlaubnis erteilt zu tun, was immer der Horde nützen würde. So hatte Hamuul die vergangenen Monate damit verbracht, Geheimbriefe zu schreiben, Boten auf den Weg zu schicken und sogar persönliche Vertreter zu entsenden.
„Überraschend gut, wenn man alles, was geschehen ist, bedenkt“, antwortete Hamuul. „Anfänglich dauerte es einige Zeit, eine Antwort von den Kaldorei zu erhalten. Sie waren zutiefst verärgert.“
„Wie wir auch.“
„Das habe ich ihnen erklärt, und glücklicherweise habe ich noch immer einige Freunde unter ihnen, die meinem Wort vertrauen. Es war mühselig, Cairne. Mühseliger, als ich es mir gewünscht hätte, und langwieriger, als ich es für nötig hielt, aber die Dinge nehmen dieser Tage ihren Lauf. Ich wollte kein Treffen erzwingen, und glücklicherweise lehnen die Kaldorei eine Zusammenkunft nicht mehr ab.“
„Diese Nachricht macht einen alten Bullen glücklich“, verkündete Cairne, dessen Herz vor Freude zu wachsen schien. „Ich freue mich zu hören, dass einige noch immer auf die Stimme der Vernunft hören, statt dem Ruf der Gewalt zu folgen.“
„Diese Stimmen zu hören fällt auf der Mondlichtung wesentlich leichter“, sagte Hamuul, und Cairne nickte.
„Wann und wo soll ein solches Treffen stattfinden?“, fragte Cairne.
„Im Eschental. Einige Briefwechsel sind sicherlich noch notwendig, aber dann werden wir zusammenkommen.“
„Im Eschental? Warum nicht gleich auf der Mondlichtung?“
„Remulos möchte mit dieser Angelegenheit nichts zu tun haben“, antwortete Hamuul. Remulos war einer der Söhne des Halbgottes Cenarius, der Malfurion Sturmgrimm den Schamanismus gelehrt hatte. Ein mächtiges, schönes Wesen. Remulos sah gleichermaßen wie ein Nachtelf und ein Hirsch aus. Sein Haar und sein Bart bestanden aus Moos, und seine Hände waren nicht aus Fleisch, sondern blättrige, hölzerne Klauen. An diesem ruhigen Ort, um den er sich kümmerte, herrschte Frieden.
„Er könnte uns nicht daran hindern, das Treffen dort abzuhalten. Aber wir werden diese heiklen Gespräche nicht ohne seinen Segen auf der Mondlichtung führen können. Wenn alles gut geht, so hat Remulos angedeutet, ist er einem zweiten Treffen auf der Mondlichtung nicht abgeneigt.“
„Das wäre gut“, sagte Cairne. „Das Eschental ist meiner Meinung nach noch immer ein zu unberechenbarer Ort. Du wirst an dem Treffen teilnehmen, vermute ich.“
„Das werde ich. Ich leite das Treffen zusammen mit einem Erzdruiden, der mein Gegenpart bei den Kaldorei ist.“
„Nimm einige meiner besten Krieger mit“, drängte Cairne,
„Nein.“ Hamuul schüttelte entschlossen den Kopf. „Ich werde niemandem einen Grund liefern, die Waffen zu ergreifen. Unsere einzigen Waffen werden die Zähne und Krallen sein, die wir alle besitzen. Mein Gegenpart hat einer entsprechenden Vereinbarung zugestimmt. Schwerter nützen denen nicht, die mit Frieden im Herzen kommen.“
„Hrrrm“, knurrte Cairne und strich sich durch seinen Bart. „Was du sagst, stimmt, obwohl ich wünschte, dass es anders wäre. Dennoch möchte ich nicht miterleben, wie dich jemand in deiner Bärengestalt angreift, alter Freund. Er würde nicht als Sieger aus dem Kampf hervorgehen.“
Hamuul lachte. „Lass uns hoffen, dass wir das nicht herausfinden müssen. Ich werde vorsichtig sein, Cairne. Es hängt mehr als nur mein Leben vom Ausgang dieser Verhandlungen ab. Wir alle sind uns dieses Risikos bewusst und nehmen es gern in Kauf.“
Cairne nickte, breitete die Arme aus und wies auf den heiligen Boden vor sich. „Ich hoffe, ich muss danach nicht zu diesem Ort kommen, um mit dir zu sprechen.“
Hamuul warf den Kopf zurück und lachte.
20
Fünf große, zottelige Bären, deren Felle von unterschiedlicher Färbung waren, stöberten durch den grünen Wald des Eschentals. Von Zeit zu Zeit blieben sie schnüffelnd stehen oder schlugen nach etwas, das sie hier und dort interessierte. Sie schienen nicht zusammenzugehören. Das taten Bären nur sehr selten. Doch wenn jemand sie lange genug beobachtet hätte und ihrer scheinbar ziellosen Wanderung gefolgt wäre, hätte er bemerkt, dass sie alle in dieselbe Richtung liefen.
Ebenso wäre ihm aufgefallen, dass sie Hörner hatten.
Sie erreichten einen gewissen Punkt in den Bergen, leicht westlich vom Steinkrallenpfad gelegen. Einer, ein größeres, grauhaariges Tier, erkundete ein paar Minuten den Weg voraus, schnüffelte vorsichtig, dann stieg der Bär auf seine Hinterbeine und richtete die Vordertatzen gen Himmel.
Seine schwarzen glänzenden Krallen wurden zu starken Fingern. Das zottelige bräunliche Fell wurde kürzer, die Bärenschnauze länger. Die Hörner entsprangen nun einem größeren Kopf, in dem sanfte, tief liegende Augen ruhten. Das Skelett und einzelne Organe bewegten sich unter der Haut. Die Hinterbeine wurden zu langen, starken Gliedern mit Hufen statt Pfoten, und den kurzen Schwanz verlängerte schließlich ein Haarbüschel.
„Ich kann sie riechen. Sie kommen“, versicherte Hamuul Runentotem seinen Gefährten. „Sie sind allein.“
Um ihn herum taten es die anderen Druiden ihm gleich, und ihre Körper nahmen Taurengestalt an. Sie lauschten aufmerksam. Nur ihre Schwänze und Ohren bewegten sich ab und zu.
Einige Augenblicke später erklommen fünf Nachtsäbler schnell und elegant den Hügel. Ihre Felle glänzten in verschieden dunklen Schattierungen. Nahezu gleichzeitig veränderten auch sie ihre Gestalt. Biegsame, katzenhafte Körper wurden zu geschmeidigen Nachtelfen. Die Ohren wurden länger, Hände und Füße ersetzten die Pfoten, und ihre Schwänze verschwanden völlig. Sie beobachteten die Tauren ernst. Hamuul verneigte sich.