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Alles, was Hamuul noch blieb, war, die drei – nein, berichtigte er sich, als ein weiterer Orc Renferal mit einer Lanze aufspießte und sie an die Erde heftete –, zwei Nachtelfendruiden, die noch lebten, zu retten.

Hamuul gab sich seiner Wut und dem Schmerz hin, wechselte schnell in die Gestalt eines Bären und stürzte sich auf den nächststehenden Orc. Seine Taurengefährten taten dasselbe, und jeder verwandelte sich in eine andere Tiergestalt. Eine Orcfrau, die zwei Schwerter führte, hatte Hamuuls massigem Leib nichts entgegenzusetzen. Er wollte seine riesigen Zähne in ihre Kehle schlagen, ihr die Luftröhre zerfetzen, das kupferne Aroma ihres Blutes schmecken, aber er hielt sich zurück. Er war besser als sie.

Überall um ihn herum nahmen die Druiden Tiergestalt an, um sich zu verteidigen. Sturmkrähen stürzten herab und schnitten mit ihren messerscharfen Krallen in die Gesichter der Orcs. Raubkatzen zerfleischten, was ihnen zwischen die Zähne und Krallen geriet. Die Bären waren die stärksten. Überall spritzte Blut, und der Geruch trieb Hamuul beinahe in den Wahnsinn. Er bewahrte seinen Verstand, indem er sich daran erinnerte, warum er hierhergekommen war, wie nah er noch vor wenigen Minuten dem Traum vom Frieden gewesen war.

„Haltet ein, haltet ein, das sind Tauren!“, erklang ein Schrei, der den roten Nebel des Kampfes durchdrang. Hamuul nutzte all seine Beherrschung. Er sprang von dem Orc, den er gerade bekämpfte, herunter und kehrte in seine wahre Gestalt zurück.

Erst jetzt stellte er fest, dass er verletzt war. In Bärengestalt hatte er keine Schmerzen gespürt. Er presste eine Hand auf die Wunde an seiner Seite und murmelte einen Heilzauber. Seine Augen weiteten sich vor Schreck, als er erkannte, was geschehen war.

Es erschien ihm unmöglich, doch alle fünf Nachtelfen waren tot und lagen dort, wo sie gefallen waren, im Gras. Beinahe alle Tauren waren verwundet, und es betrübte ihn zu sehen, dass einer mit einem Pfeil im Auge auf dem Boden lag. Fliegen umschwirrten ihn bereits.

Er wirbelte zu dem Orc herum, der der Anführer zu sein schien. „Im Namen des Cenarius: Was habt Ihr getan?“

Der Orc war bleichgrün und schien völlig unberührt von Hamuuls Ausbruch. Er zuckte nur mit den Schultern. „Wir haben gesehen, wie fünf von diesen schäbigen Nachtelfen in Katzengestalt hier rumschlichen, und gedacht, sie würden angreifen.“

„Angreifen? Fünf?“

Der Orc betrachtete ihn weiterhin ruhig und schwieg. Woher haben diese Orcs nur gewusst, dass es Druiden waren und keine echten Nachtsäbler?, fragte sich Hamuul.

Entnervt von der trotzigen Dummheit des Orcs erhob Hamuul seine Stimme voller Zorn. „Wer hat Euch geschickt? War es Garrosh?“

Der Orc zuckte erneut mit den Achseln. „Wer ist Garrosh?“

Das war unmöglich! Hamuul konnte nicht glauben, dass jemand derart Ignorant war. Egal ob man ihn liebte oder verachtete, aber jeder kannte Garrosh. Der Orc spielte mit ihm.

„Ihr habt ein geheimes und lebenswichtiges Treffen unterbrochen, das den Mitgliedern der Horde das Recht, Holz im Eschental zu schlagen, hätte einbringen können, ohne dass dies jedes Mal mit Lebensgefahr verbunden ist! Ich werde Euch persönlich Cairne Bluthuf melden und dafür sorgen, dass dieser Zwischenfall öffentlich gemacht wird. Für einen weiteren Fleck auf der Ehre der Horde werde nicht ich verantwortlich sein. Diese Elfen, diese Druiden“, er wies mit seinem zitternden Finger auf die bereits auskühlenden Leichen, „kamen auf meine Bitte hin hierher. Sie vertrauten darauf, dass ich für ihre Sicherheit sorge. Und jetzt liegen unsere Hoffnungen auf Frieden tot hier im Gras, weil Ihr gedacht habt, sie würden angreifen. Wie heißt Ihr?“

„Gorkrak.“

„Gorkrak“, sagte Hamuul, ließ sich den Namen auf der Zunge zergehen und brannte ihn in sein Gedächtnis ein. „Eure Chancen, es in der Horde jemals zu etwas zu bringen, könnt Ihr für immer begraben, Gorkrak.“

Gorkraks Gesichtsausdruck änderte sich kaum merklich. Der eiskalte Blick aus seinen Schweinsäuglein bewegte sich berechnend von den Elfendruiden zu Hamuul und dann zu etwas, das sich hinter dem Tauren befand. Ein listiges Lächeln breitete sich auf seinem Gesicht aus. Zu spät erkannte Hamuul, was geschehen würde.

„Nicht, wenn Ihr zuerst sterbt“, frohlockte Gorkrak.

Hamuul hörte das Zischen eines Pfeils, der durch die Luft flog.

Gorkrak von den Schattenhämmern blickte sich zufrieden um. „Ich dachte, Druiden wären schlauer“, sagte einer seiner Brüder und zog sein Schwert aus dem Körper einer weißen Taurenfrau.

„Alle, die die bevorstehende Zerstörung nicht willkommen heißen, sind Narren“, sagte Gorkrak. Der dümmliche Gesichtsausdruck, mit dem er Hamuul so erfolgreich getäuscht hatte, war verschwunden. „Wir begraben die Leichen. Achtet aber darauf, dass die Aasfresser sie leicht finden können. Wir wollen ja, dass die Toten entdeckt werden.“ Er lachte düster.

Gorkrak war froh, dass Hamuul Garrosh erwähnt hatte. Der Verdacht bezüglich des Kriegshäuptlings schien sich bereits zu verbreiten. Einige munkelten schon, Garrosh hätte die Schildwachen abgeschlachtet. Jetzt würden sie sicher annehmen, dass er auch hinter diesem Gemetzel steckte.

„Für das Nichts, das uns erwartet“, sagte Gorkrak. „Grabt.“

Hamuul Runentotem kam nur langsam wieder zu Bewusstsein. Er blinzelte und fragte sich, ob er tatsächlich wach war. Wo war er? Was war geschehen? Er konnte nichts sehen, und etwas lag auf ihm. Sein Körper schmerzte, und der Durst schnürte ihm die Kehle zu. Er war in seiner Bärengestalt. Wahrscheinlich hatte er nur den Bruchteil einer Sekunde gehabt, um die Gestalt zu wechseln, bevor er erschossen worden war...

In den Rücken...

Von Hordekriegern...

Die Erinnerung brach wie eine Lawine über ihn herein, und plötzlich erkannte er, wo er sich befand und was so schwer auf ihm lastete.

Er lag in einem Massengrab.

Das Adrenalin durchflutete seinen geschundenen Körper und verlieh ihm frische Stärke. Wo war oben, wo unten? Die leblosen Arme eines Leichnams lagen um seine Schultern. Die Toten drückten gegen seinen Rücken, als wollten sie ihn zwingen, sie im Tod zu begleiten. Hamuul öffnete den Mund, atmete stinkende Luft und Erde ein und presste die Bärentatzen gegen die Leichen seiner Freunde. Er wühlte sich mit Hilfe seiner Krallen nach oben, in die Richtung, aus der die frische Luft kam. Blut sickerte aus den Leichen. Er nutzte all seine Kraft, um sie und den Dreck beiseitezudrängen, bis sein Kopf die nur nachlässig festgestampfte Erde durchbrach und er endlich frische Luft einatmete. Grunzend spürte er jetzt erneut den Schmerz seiner Wunden. Er wühlte sich aus dem Grab heraus und brach kraftlos zusammen. Sein Fell war mit Blut und anderen Flüssigkeiten bedeckt. Er keuchte und zitterte vor Entsetzen über das, was sich hier abgespielt hatte.

Hamuul versuchte, sich in einen Tauren zu verwandeln, verlor jedoch erneut das Bewusstsein. Als er nach wenigen Minuten wieder zu sich kam, gelang die Verwandlung schließlich, und er konnte sogar einige seiner Wunden heilen. Es würde einige Zeit dauern, bis er sich vollständig erholt hatte.

Mit schmerzverzerrtem Gesicht kam er auf die Hufe und versuchte sich zu bewegen. Er wollte das Grab untersuchen, denn vielleicht hatte noch jemand anders den hinterhältigen Überfall überlebt. Es war bereits Nacht, aber er brauchte kein Sonnenlicht, um das Ausmaß der Tragödie zu erfassen.

Tot. Alle waren tot. Die Nachtelfen ebenso wie die Tauren. Er war der einzige Überlebende. Sein großes Herz brach, und seine Knie gaben unter ihm nach. Einen Moment lang lag er neben der Grube, in der die Leichen seiner Freunde lagen, und weinte um die Getöteten, weinte um den Rückschlag, den dieses Massaker seinen Bemühungen um Frieden beigebracht hatte.

Hamuul hob den Kopf, seine Schnauze mit Tränen benetzt, und sah die rituellen Gegenstände, die er und Renferal mit solch großen Hoffnungen mitgebracht hatten. Die schöne Pfeife und der schlichte, alte Kelch waren zerbrochen, achtlos zertrampelt. Unrettbar zerstört – wie sein Traum vom Frieden.