Er schloss die Augen und stand auf. Zugleich erhob er seine Hände zum Himmel und bat um Hilfe. Sie wurde ihm in Form einer Eule zuteil, die leise heulte, als sie sich auf einem Ast in der Nähe niederließ. Hamuul suchte nach einem Stück Pergament in seinem Beutel. Da das Tintenfasschen, das er mit sich geführt hatte, während des Kampfes zerbrochen war, schrieb er mit seinem Blut eine kurze Botschaft und band sie der Eule um eines ihrer Beine. Der Vogel zappelte, bewegte den Kopf hin und her und fixierte Hamuul schließlich mit einem starren Blick aus seinen blitzenden Augen, ließ ihn jedoch in seinen Geist eindringen.
Hamuul flüsterte Cairnes Namen und erzeugte vor seinem geistigen Auge das Bild des Oberhäuptlings. Als er davon überzeugt war, dass die Eule seinem Befehl gehorchen würde, entließ er sie mit einem Segen. Das Tier flog nach Südwesten, in Richtung Donnerfels.
Erleichtert und dankbar schloss er die Augen, ließ sich langsam auf die Erde nieder und sank in die Arme der Finsternis – ob nur für eine kurze Zeit oder für immer, wusste er nicht.
21
Der Schmerz war weitaus stärker als Garrosh erwartet hatte, und er hieß ihn freudig willkommen.
Er war zufrieden damit, wie seine Entscheidung, Orgrimmar neu aufzubauen, aufgenommen worden war. Obwohl einige – wie Cairne und Etrigg – nicht einverstanden gewesen waren, schienen die meisten seine Idee, zur alten orcischen Art zurückzukehren, gutzuheißen. Oft war er hinausgegangen, um sich den Schädel des Feindes anzusehen, den sein Vater erschlagen hatte. Und eines Tages hatte er sich gedankenvoll das Kinn gerieben und entschieden, noch einen Schritt weiter zu gehen, um seinen verstorbenen Vater zu ehren.
Die Entscheidung war ihm leichtgefallen, doch die Durchführung seines Vorhabens war äußerst schmerzhaft. Mit dem Gesicht nach oben lag er auf dem Boden seiner Unterkunft und zwang seinen Körper, ruhig zu bleiben, sich nicht zu verspannen. Über ihm kauerte ein älterer Orc, dessen kräftige Muskeln und feste Hände seine tiefen Falten und den schneeweißen Pferdeschwanz Lügen straften. In einer Hand hielt er eine scharfe, schmale Klinge, deren Spitze er immer wieder in schwarze Tinte tauchte. In der anderen hielt er einen kleinen Hammer. Das einzige zu hörende Geräusch war das Knistern der lichtspendenden Kohlenpfannen und das Tap-Tap-Tap des Hammers, als der Orctätowierer Garroshs Gesicht bearbeitete.
Die meisten Tätowierungen waren einfach: das Familienwappen, ein Wort, das Zeichen der Horde. Doch Garrosh wollte, dass sein gesamtes Gebiss tätowiert wurde, ganz in Schwarz – und das sollte nur der Anfang sein. Jetzt ließ er seine Brust und seinen Rücken mit aufwendigen Tätowierungen dekorieren, damit sie Freund und Feind gleichermaßen sehen konnten und wussten, dass er freiwillig diesen großen Schmerz auf sich genommen hatte. Wenn man bedachte, wie lange es dauerte, eine Einzige dieser Tätowierungen in die Haut zu stechen, würde es noch Stunden dauern. Stunden, und jeder Stich fühlte sich an, als würde er mit einer glühend heißen Nadel gefoltert.
Garrosh schluckte. Er merkte, dass er schwitzte. Ob das vom Schmerz oder der Hitze in dem kleinen beheizten Raum kam, wusste er nicht. Der Tätowierer machte eine Pause und schaute auf ihn hinab. „Bewegt Euch nicht“, sagte er, „und schwitzt nicht so. Euer Vater hat nicht geschwitzt.“
Garrosh fragte sich, wie Grom seinen Schweißfluss hatte kontrollieren können. Er würde sich bemühen, es ihm gleichzutun. Da das Sprechen ihn zwingen würde, den Mund zu bewegen, blinzelte er nur zum Zeichen dafür, dass er verstanden hatte.
Der Tätowierer, ein Lehrling des Orcs, der Grom Höllschrei tätowiert hatte, trat zur Seite, um seinen Gehilfen den Schweiß von Garroshs Stirn tupfen zu lassen, und wischte das ausgetretene Blut und die Tinte ab. Garrosh atmete während dieser Pause tief durch. Die Prozedur dauerte bereits vier Stunden, und nur drei Fingerbreit an Tinte waren verbraucht worden. Der Tätowierer beugte sich erneut über ihn. Garrosh zwang sich, ruhig zu bleiben, und die Folter – die süße Folter, mit der er sich Ehre erkaufte – kehrte zurück.
„Garrosh!“
Cairnes Gebrüll hallte donnernd von den Wänden wider, als er die Feste Grommash durchschritt. Die Wachen eilten zu ihm, vorgeblich bemüht, ihm zu helfen, und nicht, um ihn aufzuhalten. Er blickte auf sie hinab und schnaubte vor Hohn. Rasch traten sie beiseite.
„Garrosh!“
In der Feste Grommash war immer jemand wach, der sich um die Feuer kümmerte, damit sie niemals ausgingen. Und irgendjemand traf stets irgendwelche Vorbereitungen für den kommenden Tag, weshalb die Burg nie völlig menschenleer war. Doch momentan herrschte vollkommene Ruhe. Cairnes Rufe weckten die Schlafenden, und die Räume füllten sich langsam mit neugierigen, aber recht schlaftrunkenen Zuschauern, die sich die Augen rieben und unordentlich gekleidet waren, da sie sich nur hastig etwas übergeworfen hatten.
„Garrosh, ich verlange, Euch zu sehen!“
„Niemand verlangt, den Anführer der Horde zu sehen!“, zischte einer der Kor’kron.
Cairne wirbelte mit einer Geschwindigkeit zu ihm herum, die ihm niemand mehr zugetraut hätte. „Ich bin Oberhäuptling Cairne Bluthuf. Ich habe die Horde mit erschaffen, die Garrosh nun zugrunde richtet. Ich werde mit ihm sprechen, und ich werde jetzt mit ihm sprechen!“
„Alter Bulle, Ihr weckt mit Eurem wütenden Geschnaube ja die Toten auf!“
Garroshs Stimme war so scharf wie Cairnes, und seine Worte trieften vor Sarkasmus. Cairne wandte sich ihm zu. Der Kor’kron war vergessen, und er richtete seinen Blick auf Garrosh Höllschrei. Die Augen des Tauren weiteten sich leicht.
„So“, sagte er ruhig und betrachtete Garroshs Tätowierungen. „Ihr habt also mehr als nur die Waffe Eures Vaters angenommen.“
„Seine Waffe“, sagte Garrosh, „und die Tätowierungen auf seinem Gesicht und seinem Körper, die seine Feinde das Fürchten lehrten.“ Er bewegte den Mund langsam, da er noch immer schmerzte.
„Euer Vater hat viel Schlechtes getan, aber er starb, als er eine große Tat vollbrachte“, sagte Cairne. „Doch jetzt würde er sich für Euch schämen.“
„Was?“, knurrte Garrosh. „Worüber sprecht Ihr, Taure?“
„Ich habe Thrall vor Euch gewarnt“, sagte Cairne. Seine Stimme war so ruhig, wie sie zuvor laut gewesen war, und er ignorierte die Frage, „Ich sagte ihm, dass er ein Narr sei, Euch so viel Macht zu geben. Ich dachte, Ihr würdet mit etwas Erfahrung und Führung eines Tages dafür bereit sein. Doch ich lag falsch. Ihr, Garrosh Höllschrei, könntet nicht einmal ein Rudel Hyänen anführen, ganz zu schweigen von der glorreichen Horde! Ihr werdet uns in den Untergang treiben, während Ihr gleichzeitig brüllt und auf Eure Brust trommelt wie einer der Gorillas aus dem Schlingendorntal.“
Garrosh erbleichte, lief dann jedoch vor Wut rot an. „Diese Worte werdet Ihr bereuen, alter Bulle“, zischte er. „Ich werde sie Euch fressen lassen, zusammen mit einer Handvoll Dreck.“
„Ihr habt die Schildwachen im Eschental angegriffen, oder nicht?“, schrie Cairne, trat nahe an den Orc heran und ballte die braunen Fäuste. „Und Ihr wart es, der den Mord an beinahe einem Dutzend Druiden angeordnet hat. Die Druiden vom Zirkel des Cenarius hatten sich getroffen, um eine friedliche Lösung zu erzielen.“
Unglaube lag auf Garroshs Gesicht, gefolgt von Wut. „Wovon im Namen der Ahnen sprecht Ihr da? Wie könnt Ihr es wagen, mich einer derart verabscheuungswürdigen Tat zu bezichtigen?“
Cairne schnaubte. „Garrosh, Eure Meinung zu dem Abkommen, das wir mit Ehre und gutem Willen besiegelt haben, war kein Geheimnis. Genauso wenig wie Ihr zu Thralls moderatem Kurs gegenüber der Allianz steht.“
„Ja, ich verachte diese Beschwichtigungspolitik. Aber ich würde den Vertrag doch niemals brechen! Ich wäre stolz auf jeden Angriff auf die Allianz, den ich angeordnet hätte! Ich würde es von den Dächern rufen, um zu beweisen, dass die Horde noch nicht verloren ist! Die Ehre der Horde...“