„Wie könnt Ihr es wagen, dieses Wort auszusprechen?“, knurrte Cairne. „Ehre? Selbst jetzt lügt Ihr doch, Garrosh. Ihr habt nicht einmal die Ehre eines Zentauren. Gebt doch wenigstens zu, was Ihr getan habt. Steht zu Euren selbstsüchtigen, närrischen Entscheidungen!“
Garrosh wurde plötzlich eiskalt. „Ihr seid ein Narr, wenn Ihr mich für einen Intriganten haltet. Das Alter hat Euch die Sinne verwirrt. Weil Thrall Euch unerklärlicherweise noch immer schätzt, will ich Eure Anschuldigungen als das Geplapper eines Irren abtun. Thrall hat mich an die Spitze der Horde gesetzt, und ich werde das tun, was ich für das Richtige halte. Geht jetzt und erspart Euch so die Peinlichkeit, an Eurem Schwanz aus der Burg gezerrt zu werden.“
Statt einer Antwort schlug Cairne Garrosh mit der flachen Hand quer über das Gesicht und traf die frische Tätowierung. Der Schlag war so kräftig, dass Garrosh taumelte und beinahe gestürzt wäre. Er schrie laut auf vor Schmerz und ruderte mit den Armen, um nicht das Gleichgewicht zu verlieren.
„Ich sollte Euch an Eurem Schwanz hinauswerfen, Ihr dreistes Bürschchen“, sagte Cairne. „Dieser Schlag war schon lange überfällig.“
Das Blut lief über Garroshs aufgeplatzte anschwellende Lippe. Er griff mit der Hand an seine Wange, zischte und zog sie zurück. Der Orc schien einen Moment lang verwirrt zu sein. Doch dann überkam ihn eine rasende Wut.
„Fordert Ihr mich heraus, alter Bulle?“
„Habe ich mich nicht klar ausgedrückt? Vielleicht sollte ich mich wiederholen. Ich fordere Euch zu einem Ehrenduell, Garrosh. Ich fordere Euch zu einem Mak’gora.“
Garrosh lachte höhnisch. „Das Mak’gora von heute ist doch nicht mehr das, was es einmal war. Seit Thralls Erlass ist es nur noch ein lausiges Theater. Ihr wollt mit mir kämpfen? Dann kämpft richtig mit mir. Ich führe nun die Horde an, und ich sage, dass ich Eure Herausforderung des Mak’gora annehme – des alten Mak’gora. So wie es früher war, mit den alten Regeln. Und zwar allen Regeln.“
Cairnes Augen verengten sich. „Bis zum Tod?“
Garrosh grinste. „Bis zum Tod. Vielleicht werdet Ihr Euch jetzt entschuldigen.“
Cairne starrte ihn einen Moment lang an, warf dann seinen Kopf in den Nacken und lachte. Garrosh war überrascht.
„Wenn Ihr wollt, dass ich nach den alten Regeln kämpfe, Sohn von Höllschrei, dann wisset, dass Ihr mir damit endlich freie Hand gegeben habt. Ich wollte Euch nur eine Lektion erteilen. Vielleicht werde ich es bereuen, der Horde einen so guten Krieger zu nehmen, aber ich kann nicht zulassen, dass Ihr all das zerstört, wofür Thrall so lange gearbeitet hat. Ihr verhöhnt die Opfer der Toten, und das im Namen Eures eigenen Ruhms. Das werde ich nicht zulassen, hört Ihr mich? Ich wiederhole meine Herausforderung. Das Mak’gora auf traditionelle Art. Bis zum Tod!“
„Ich nehme die Herausforderung an“, zischte Garrosh. Doch er zögerte einen kurzen Augenblick. „Mit Freude nehme ich sie an. Zuerst habt Ihr mir leidgetan, doch das ist vorbei. Es ist an der Zeit, dass die Horde alte Parasiten wie Euch loswird. Parasiten, die nur aufgrund der Gnade all derer hier leben, die tatsächlich ausgezogen sind, gekämpft haben und in der Schlacht gestorben sind.“
„Es ist vielmehr an der Zeit, dass die Horde junge, arrogante Narren wie Euch loswird, Garrosh“, antwortete Cairne gelassen. „Ich bedaure die Notwendigkeit, das zu tun, aber ich muss es wohl. Tatsächlich bin ich froh darüber, dass Ihr auf der traditionellen Art des Duells besteht. Ihr habt Unschuldige getötet, und Ihr droht, die Hoffnung auf den Frieden zunichtezumachen. Ich kann nicht zulassen, dass Ihr damit weitermacht.“
Garrosh lachte nun, tupfte behutsam sein Kinn ab, steckte seine blutverschmierten Finger in den Mund und leckte sie genüsslich ab. Das musste besonders schmerzhaft gewesen sein, aber er riss sich zusammen und zuckte nicht mit der Wimper.
„Ihr wisst natürlich, was Ihr braucht.“
Garrosh zögerte.
„Welche Waffe? Welche Rüstung? Und wie viele Zeugen?“, fragte Cairne.
Als Garrosh, dessen Wangen vor Wut glühten, den Kopf schüttelte, schnaubte Cairne. „Ihr verlangt einen traditionellen Kampf, doch ich, ein Taure, kenne Eure orcischen Traditionen besser als Ihr selbst!“
„Ihr verliert Euch in Details“, knurrte Garrosh. „Ich tue, was Ihr verlangt. Lasst uns diesen Kampf endlich beginnen!“
Cairne blickte den Orc voller Verachtung an. Dann schüttelte er den Kopf und rief sich zur Ordnung. „Jeder darf eine eine Waffe wählen, und ein Schamane unserer Wahl wird sie segnen. Keine Rüstung, keinerlei Bekleidung – außer einem Lendenschurz. Jeder von uns muss mindestens einen Zeugen haben.“ Er lächelte bitter. „Ich wage zu behaupten, dass ich mehrere haben werde.“
Eine Stunde später war die Arena nahezu überfüllt. Fackeln und Kohlenpfannen spendeten Licht und Wärme. Die Nachricht von dem Duell hatte sich so schnell verbreitet wie das Feuer, das vor Thralls Abreise in Orgrimmar getobt hatte. Und es war klar, dass die Seiten gewählt worden waren. Einige kamen, um Cairne zu unterstützen, andere – viele andere – jubelten für Garrosh.
Cairne blickte auf, versuchte, die Gesichter mit seinen alten Augen zu erkennen. Die meisten auf seiner Seite waren Tauren, was kaum verwunderte. Einige von den anderen Völkern waren auch dabei. Eines vereinte sie: Sie waren allesamt älter. Er konnte nicht weit genug sehen, um jeden Einzelnen auf Garroshs Seite zu erkennen, doch er bemerkte im orangefarbenen Licht, dass unter den grünen, violetten, grauen und rosafarbenen Häuten der Orcs, Trolle, Verlassenen und Blutelfen auch das Schwarz und Braun der Tauren zu sehen war.
Cairne seufzte. Er glaubte, dass er diesen Kampf gewinnen konnte. Andernfalls hätte er das Mak’gora nicht verlangt. Sein Leben war nicht so langweilig und freudlos, dass er es freiwillig hingegeben hätte. Davon war er weit entfernt. Er hatte die Herausforderung ausgesprochen – und Garroshs Entscheidung, zu den „alten Wegen“ zurückzukehren, akzeptiert –, weil er Garroshs arrogante, unüberlegte und gefährliche Herrschaft über die Horde, die Cairne so sehr liebte, beenden musste. Er wollte Garroshs Platz einnehmen, bis Thrall zurückkehrte, um dann jedes Urteil hinzunehmen, das für richtig befunden wurde.
Er gab sich jedoch nicht der Illusion hin, dass dies ein leichter Kampf werden würde. Garrosh war einer der besten Krieger der Horde, aber ein Kampf Mann gegen Mann war etwas anderes als eine Schlacht. Garrosh war ungestüm und jähzornig. Cairne würde auf seine Art kämpfen, und das würde ihm den Sieg bringen.
In seiner Ecke der großen Arena bereitete Garrosh sich vor. Den rituellen Regeln des Mak’gora entsprechend, war er bis auf einen Lendenschurz nackt. Sein brauner Körper war eingeölt worden und glänzte. Er war eine beeindruckende Verkörperung orcischer Kraft, muskulös und stolz. Mit der mächtigen Axt, die Mannoroth getötet hatte, wärmte er sich für den Kampf auf. Auch sie war eingeölt worden und glitzerte dunkel.
Cairne kämpfte mit der Waffe seiner Familie, dem Runenspeer. Er war ebenfalls nackt, abgesehen von einem Lendenschurz. Obwohl das Alter seinem Fell eine leicht graue Färbung verliehen hatte, war es noch immer glatt und dicht. Auch er war eingeölt worden. Unter seinem Fell befanden sich feste, starke Muskeln. Seine Gelenke mochten im Regen oder im Schnee von Zeit zu Zeit ächzen und seine Augen sich beim Sehen anstrengen müssen, aber er hatte nichts von seiner Stärke und nur wenig von seiner Geschwindigkeit eingebüßt. Er hob den Speer, bot ihn den vier Himmelsrichtungen und den Elementen an, und trommelte sich mit der Hand, die den Speer umfasst hielt, auf die Brust. Damit wollte er den Geist des Lebens und aller anderen Wesen in sich aufnehmen. Dann wandte er sich Beram Himmelsjäger zu, um den Segen zu empfangen.