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Ebenso wie die Körper der Krieger wurden auch die Waffen mit Öl eingerieben. Beram murmelte leise einige Worte, tauchte den Finger in ein Gefäß mit heiligem Öl und strich die funkelnde Flüssigkeit behutsam auf die Speerspitze.

„Es tut mir leid, dass es so weit gekommen ist“, sagte er leise, nur für Cairnes Ohren bestimmt. „Aber ich weiß, dass dein Grund der gerechte ist, Cairne Bluthuf. Möge dein Speerstoß aufrecht und wahrhaftig sein.“

Cairne verneigte sich tief und demütig. Seine kräftigen Finger legten sich fest um den Schaft des Speers. Zwanzig Generationen von Bluthuf-Häuptlingen hatten den Runenspeer im Kampf getragen, so wie er es heute tun würde. Der Speer hatte das Blut vieler ehrenhafter Feinde geschmeckt und war stets aufrecht und wahrhaftig gewesen. Einen Augenblick lang ließ er seinen Blick über die Runen wandern. Wie es Tradition war, hatte er den größten Teil seiner eigenen Geschichte vor einiger Zeit dort eingeritzt, aber es gab noch viel zu erzählen. Er nahm sich vor, die Geschichte zu beenden, sobald dieser Kampf vorbei war und die Dinge sich ein wenig beruhigt hatten.

„Alter Bulle“, erklang Garroshs spöttelnde Stimme, „wollt Ihr hier die ganze Nacht in Gedanken versunken herumstehen? Ich dachte, Ihr wolltet mich töten und nicht einen alten Speer anglotzen.“

Cairne seufzte. „Eure Worte werden vom Wind des Schicksals getragen, Garrosh Höllschrei. Es werden Eure letzten sein. Ich würde sie deshalb ein wenig bedachter wählen.“

„Pah“, spie Garrosh. Er nahm Blutschrei auf und neigte sich zu dem Schamanen, der sie segnen sollte.

Cairnes Blick verengte sich, als er etwas zu erkennen versuchte. Es war ein Taurenschamane, der Garroshs Waffe mit rituellen Worten und heiligem Öl segnete. Das überraschte Cairne und schmerzte ihn, weil er einen Schamanen der Orcs erwartet hatte. Es war eine Frau, schwarz gewandet...

„Magatha“, keuchte er. Sie war eine mächtige Schamanin, doch das war Beram auch. So wie ihre Segnung Garrosh sicherlich helfen würde, nutzte Beram Himmelsjägers Segen Cairne. Das musste sie doch wissen. Alles, was sie getan hatte, war öffentlich zu zeigen, wem ihre Loyalität galt.

Cairne nickte sich selbst zu, nun noch mehr von der Richtigkeit seines Weges überzeugt. Dieser Kampf musste stattfinden, bevor Garrosh noch mehr unter seine Kontrolle brachte. Zumindest Magatha hatte nun ihre wahren Absichten offenbart. Er würde dieses illoyale Verhalten ansprechen müssen, ihm blieb keine andere Wahl. Die Grimmtotems würden von Donnerfels verbannt werden müssen, es sei denn, sie gelobten der Horde doch noch ihre Ergebenheit. Das war jetzt zur absoluten Notwendigkeit geworden und kein Wunsch mehr.

Magatha blickte auf. Cairne konnte ihren Gesichtsausdruck nicht erkennen, aber er stellte sich vor, wie sie selbstgefällig grinste. Er gestand sich selbst ein flüchtiges Lächeln zu. Sie unterstützte den falschen Kämpfer.

Er wandte sich um und betrachtete seinen Gegner.

Garrosh tänzelte auf den Ballen seiner Füße, verlagerte sein Gewicht leicht, die Hände um den Stiel der Axt gelegt. Seine goldbraunen Augen leuchteten vor Aufregung.

Erdenmutter, führe meine Schläge. Du weißt, dass ich nicht nur für mich selbst kämpfe.

Cairne warf den Kopf zurück, öffnete den Mund und stieß einen tiefen, wortlosen Schrei aus: die Herausforderung zum traditionellen Mak’gora. Garrosh antwortete, indem er seinerseits einen ohrenbetäubenden Schrei ausstieß, der so laut war wie der seines Vaters. Wie Cairne es erwartet hatte, griff er sofort an.

Cairne blieb reglos stehen und ließ den jungen Orc mit erhobener Axt auf sich zulaufen. Er wusste, dass die Aussparungen am Kopf der Axt das kreischende Geräusch erzeugten, dem die Waffe ihren Namen verdankte. Es war ein Geräusch, das Furcht in die Herzen von Grom Höllschreis Feinden gesenkt hatte. Doch Cairne blieb davon unberührt. Im letzten Augenblick und mit einer Anmut, die seine gewaltige Körpermasse Lügen strafte, bewegte sich der Taure zur Seite und ließ Garrosh an sich vorbeischießen. Der Orc versuchte, seine Vorwärtsbewegung zu stoppen, was ihm auch beinahe gelang. Doch Cairne hatte seinen Speer bereits erhoben und rammte ihn in Garroshs rechten Bizeps.

Gellend schrie Garrosh vor Überraschung, Wut und Schmerz auf. Sein Griff um die Waffe lockerte sich. Cairne senkte seinen gehörnten Kopf, rammte ihn in die Wunde und fegte Garrosh, der Blutschrei beinahe hätte fallen lassen, von den Beinen. Die Axt wäre für den Orc verloren gewesen, denn eine Waffe, die auf dem Boden lag, durfte von keinem der Kämpfenden mehr aufgehoben werden.

Cairne hob den Runenspeer an und stieß ihn senkrecht nach unten. Garrosh wälzte sich in letzter Sekunde zur Seite und bedeckte sich mit dem Staub der Arena. Cairne verlor eine wertvolle Sekunde, um den Speer wieder frei zu bekommen, und schon war Garrosh wieder auf den Beinen. Er, der hochgelobte Krieger der Horde, hatte beinahe seine Waffe verloren, und Cairne hatte ihm seine erste Wunde zugefügt.

„Gut gespielt, alter Bulle“, sagte Garrosh leicht keuchend. „Ich gebe zu, ich habe Euer Tempo unterschätzt. Offenbar ist nur Euer Verstand langsam.“

„Eure Schmähungen waren noch nie die schlauesten und sind es noch immer nicht, Sohn von Höllschrei“, antwortete Cairne und ließ seinen Gegner keine Sekunde aus den Augen. „Spart Euren Atem für den Kampf, und ich spare meinen, um auf Eurer Beerdigung gut über Euch zu sprechen.“

Es ist beinahe schon zu einfach, Garrosh zu provozieren, dachte Cairne. Die dichten Augenbrauen des Orcs wanderten nach unten, und mit einem leisen Knurren griff er an. Er führte Blutschrei geübt. Cairne spürte den Luftzug und hörte die Waffe ihr wütendes Lied singen, als er nur knapp dem Hieb auswich. Garrosh war kein Narr, er hatte aus seinem Fehler gelernt. Er würde Cairne kein zweites Mal unterschätzen.

Cairne senkte den Kopf, scharrte mit dem rechten Huf und griff an. Garrosh brüllte einen Kriegsschrei und hob die Axt, um dem Bullen die Kehle aufzuschlitzen. Doch in derselben Sekunde blieb Cairne stehen, scherte nach links aus und stieß den Speer in Richtung von Garroshs freiliegendem Brustkorb. Garroshs Augen weiteten sich. Er hatte gerade noch genug Zeit, sich ein wenig zu drehen, sodass nur seine rechte Schulter von dem Speer getroffen wurde und nicht seine Brust. Der Stoß war gefährlich, wurde jedoch nicht zu dem Todesstoß, der er andernfalls gewesen wäre. Doch auch so, mit einer Wunde im rechten Bizeps und einer zweiten in der rechten Schulter, war Garroshs Arm schwer verletzt.

Er schrie vor Schmerz und Wut und schlug mit seiner freien Hand auf die Wunde, während die andere den Schaft seiner Axt umklammerte. Cairne zog den Speer zurück und verspürte nicht das geringste Mitleid mit seinem Gegner. Garroshs Tod würde ein Verlust für die Horde sein. Sicher, er war ein guter Krieger, möglicherweise sogar mehr. Wenn Thrall den jungen Orc doch nicht zum Anführer gemacht hätte! Diese tragische Situation hätte so leicht vermieden werden können.

Cairnes kurzes Zögern erlaubte Garrosh das fast Unmögliche, nämlich die zweihändige Axt mit seinem schwer verwundeten Arm zu umfassen. Schnell nahm Cairne den Runenspeer in beide Hände und hielt ihn hoch, um den Hieb abzuwehren. Stark und fest wie sie war, hatte die Waffe zahllose Kämpfe überstanden, und Cairne hatte sie häufig zur Abwehr eingesetzt.

Blutschrei kreischte ihren schaurigen Schrei, als sie herniederfuhr.

Der Runenspeer – die Waffe von zwanzig Generationen, der Stolz der Bluthufe, die so viele getötet und das Volk der Tauren so gut beschützt hatte – zerbrach.

Mit verminderter, aber nicht gestoppter Kraft drang Blutschrei in Cairnes Brust ein, schnitt eine Wunde in sein Fell und sein Fleisch und traf dann seinen Arm. Doch die Verletzung war nicht mehr als eine Fleischwunde, denn der Speer hatte die Wucht des Hiebes abgefangen.

Cairne erholte sich von dem Schreck, dass die Waffe seiner Ahnen zerstört worden war. Er war noch nicht erledigt. Seine Hand griff fester um das untere Drittel des Speers. Auch so war er noch immer eine gefährliche Waffe. Garrosh kämpfte weiter, aber er war schwer verwundet. Der Hieb, unter dem der Runenspeer zerbrochen war, hatte ihn ausgelaugt, und er würde nicht mehr lange durchhalten. Ein gut gezielter Stoß mit den Überresten des Speers würde...