Cairne blinzelte. Seine Sicht verschwamm. Hatte er Staub, Schweiß oder Blut ins Auge bekommen? Er gönnte sich eine wertvolle Sekunde, um mit dem Handrücken über seine Augen zu wischen, doch es half nichts. Seine Hand zitterte, als er sie senkte. Und seine Beine... sie fühlten sich schwach an...
Gebannt starrte er zu Garrosh hinüber. Der Orc schwitzte stark und keuchte. Während Cairne zusah, griff Garrosh die Axt fester und erwiderte gleichmütig Cairnes Blick. Cairne umfasste seine Waffe. Sie glitt durch seine Hand... war so merkwürdig schwer...
Schlagartig wusste er, was mit ihm geschah.
Und so sterbe ich, der sein ganzes Leben lang in Ehre gelebt hat, durch Verrat.
Er konnte nicht einmal mehr schreien, um mit seinem letzten Atemzug seinen Mörder anzuklagen. Nur mit reiner Willenskraft schaffte er es, den zersplitterten Speer hochzuhalten, um nicht unbewaffnet erschlagen zu werden.
Garroshs Augenbrauen zogen sich zusammen, als er die Wunde sah, die er in Cairnes Brust geschlagen hatte, und die Teile des Runenspeers, die auf dem Boden lagen. Für einen Moment huschte ein überraschter Ausdruck über sein Gesicht, doch dann grinste er zuversichtlich. Er lief auf seinen Gegner zu, hob Blutschrei mit beiden Händen an und schlug zu. Unfähig, den Hieb abzuwehren oder aus dem Weg zu springen, sein Leben mit jedem Herzschlag schwindend, sah Cairne Bluthuf, Oberhäuptling der Tauren stumm zu, wie die Axt auf ihn zuraste.
22
Magatha beobachtete den Kampf aufmerksam. Ihr Gesichtsausdruck verriet nicht ihre zunehmende Erregung. Die beiden Krieger waren sich ebenbürtig, wenn sie sich auch in vielerlei Hinsicht voneinander unterschieden. Cairne verfügte über eine erhebliche Stärke, große Weisheit, eine große Geduld und viel Erfahrung. Garrosh war voller Energie und wurde vom Feuer der Jugend angetrieben. Der brodelnde Konflikt zwischen Alt und Jung hatte heute Nacht seinen Höhepunkt erreicht. Nur einer der beiden würde die Arena lebend verlassen, und der Sieger würde die Zukunft der Horde bestimmen. Jedem der Anwesenden war bewusst, dass er miterlebte, wie Geschichte geschrieben wurde. Magatha erkannte, dass die Gefühle, die sich auf den Gesichtern der Zuschauer widerspiegelten, von Schrecken und Schock bis zu großer Begeisterung und unbändiger Freude reichten.
Es war ein wilder Kampf, knapper, als alle erwartet hatten.
Alle außer Magatha.
Schon seit Jahren hatte sie auf eine solche Gelegenheit gewartet, und wie ein Blatt, das langsam und unerwartet von einem Baum in ihren Schoß segelte, war diese Gelegenheit schließlich gekommen. Ihre Spione in Orgrimmar hatten sie noch rechtzeitig informieren können, um sich von Donnerfels zur Arena zu begeben. Es war leicht gewesen, als Schamanin für die rituelle Segnung der Waffen Garroshs ausgewählt zu werden.
Vor dem Kampf, als sich Garrosh und mehrere seiner Kor’kron in einem abgetrennten Bereich unter der Tribüne aufgehalten hatten, hatte sie um eine Unterredung mit dem Kriegshäuptling gebeten, und diese Bitte war ihr nicht abgeschlagen worden. „Ich habe Euch schon einmal gesagt, Garrosh Höllschrei, dass Ihr genau das verkörpert, was die Horde braucht. Und ich habe Euch auch gesagt, dass ich, wenn die Zeit reif ist, Euch meine Unterstützung und die des Grimmtotemstamms anbiete. Lasst mich heute Eure Waffe für den Kampf segnen.“
Garrosh hatte sie verwundert angeblickt. „Ihr wollt Euch gegen Cairne stellen? Gegen einen Tauren?“
Magatha zuckte die Achseln. „Ich tue, was das Beste für mein Volk ist. Das bedeutet, Euch zu folgen, Garrosh Höllschrei.“
Er nickte. „Ihr seid eine weise Führerin Eures Stammes. Ich bin die Zukunft, nicht dieser alte Bulle, auch wenn er einst ein Held gewesen sein mag.“ Seine Augenbrauen zogen sich für einen Moment zusammen. „Ich... respektiere ihn. Mir wäre es lieber, nicht derjenige sein zu müssen, der seinem Leben ein Ende setzt. Aber er hat mich herausgefordert und meine Ehre beleidigt.“
„Das hat er tatsächlich“, sagte Magatha. „Der Schlag, der Euch zum Taumeln brachte... Alle sprechen davon. Eine Schande! So etwas darf nicht ungesühnt bleiben.“
Garrosh hatte geknurrt, und sein Gesicht war dort, wo es nicht tätowiert war, vor Wut und Verlegenheit rot angelaufen. Magatha behielt ihren neutralen Gesichtsausdruck bei, doch innerlich lächelte sie. Es war beinahe schon zu einfach.
„Also akzeptiert Ihr meinen Segen für Eure Klinge und die Unterstützung der Grimmtotems?“
Garrosh betrachtete sie von Kopf bis Fuß, dann nickte er. „Lasst alle von Eurer Entscheidung wissen, Ältestengreisin. Ihr dürft meine Klinge segnen, bevor der Kampf beginnt.“
Kurz darauf hatte er vor aller Augen Blutschrei präsentiert. Magatha konnte ihre Erregung kaum verbergen, als sie mit dem Ritual begann, den Korken aus dem Fläschchen zog und drei Tropfen Öl auf die Klinge gab. Die Tradition verlangte, dass sie dazu ihre Hände benutzte, doch tat sie das nicht. Garrosh bemerkte es nicht einmal.
Auch war ihm nicht klar, dass Magatha ihn für ihre Zwecke missbrauchte. Hätte er eine Ahnung davon gehabt, was sie plante, und gewusst, dass seine wertvolle Axt mit Gift eingerieben worden war, hätte er sie auf der Stelle erschlagen.
Ja, jubelte sie, als sie sah, wie Cairne plötzlich taumelte. Er blinzelte mehrere Sekunden lang, nachdem Blutschrei den alten Runenspeer zersplittert und ihn an der Brust und am Arm verletzt hatte. Es war so leicht gewesen. Aber so viel anderes war zu schwer zu erreichen. Es war ein stetes Gleichgewicht.
Garrosh ergriff die Gelegenheit, die sich ihm bot. Blutschrei kreischte, als der Orc sie über seinem Kopf kreisen und zu einem letzten Hieb heruntersausen ließ. Die Klinge drang tief zwischen Cairnes Kopf und seiner Schulter ein, schnitt durch Muskeln und Fleisch. Blut schoss aus mehreren durchtrennten Arterien hervor, und die Beine des mächtigen Cairne Bluthuf erzitterten. Er brach zusammen. Als sein Körper zu Boden stürzte, war er bereits tot. Donnernder Applaus erfüllte die Arena und mischte sich mit entsetzten Schreien und lautem Schluchzen.
Eine Ära ist zu Ende gegangen. Mit Cairnes Tod wird eine neue beginnen.
Cairnes Anhänger stürmten bestürzt in den Ring und hoben den Körper ihres gefallenen Anführers auf. Magatha wusste, was nun folgen würde. Der Tradition gemäß würden sie ihn waschen, ihn von jeglichem Schmutz, dem Blut, dem Schweiß und dem Öl reinigen, und für die Einäscherung vorbereiten, indem sie ihn, wie der Ritus es verlangte, in ein Tuch wickelten. Es würde einen langen Trauerzug von Orgrimmar nach Donnerfels geben, damit alle Cairne ihren Respekt erweisen konnten, bevor der Leichnam verbrannt wurde. Die Asche würde man den Winden und den Flüssen anvertrauen, um Cairne mit der Erdenmutter und dem Himmelsvater eins werden zu lassen.
Magatha würde endlich die Gelegenheit erhalten, auf die sie so lange gewartet hatte.
Sie wandte sich an einen ihrer Anhänger und flüsterte auf Taurahe: „Jetzt ist die Zeit gekommen! Verbreite die Nachricht, dass Cairne gefallen ist. Heute Nacht beginnt die Herrschaft der Grimmtotems.“
Der Mond stand über Donnerfels, und die Nacht war klar und wolkenlos. Die Tauren lagen in ihren Zelten und schliefen. Zu dieser frühen Morgenstunde herrschte völlige Stille. Der Rauch der wenigen noch glimmenden Feuer stieg kerzengerade in den von Sternen übersäten Himmel.
Schattengleich bewegten sich die Grimmtotems, schwarze Flecken am Nachthimmel. Einige kamen auf dem Rücken ihrer Wyverns sitzend nach Donnerfels, andere gingen zu Fuß, wobei sie die Aufzüge mieden und die Klippe in tödlicher Absicht und mit einer Anmut hinaufkletterten, die man ihren massigen Körpern nicht zugetraut hätte. Seit Jahren hatten sie auf diesen Ruf gewartet und waren ihm binnen kürzester Zeit gefolgt.