Irgendetwas hatte Baine Bluthuf aufgeweckt. Unruhig lag er auf seinem Lager, und ein merkwürdiger Schauder lief seinen Rücken hinab. Er hatte geträumt, konnte sich jedoch nicht mehr an den Traum erinnern, der ihn zutiefst verstört hatte. Als er Stimmen hörte, stand er auf, warf sich rasch etwas über und trat hinaus, um zu sehen, was geschehen war.
Zwei Wachtposten hielten einen Tauren fest. Selbst im schwachen Licht des Mondes erkannte Baine ihn sofort.
„Ich kenne Euch“, sagte er. „Ihr gehört zu Magathas Leuten. Was macht Ihr hier mitten in der Nacht?“
Der Taure war bereits älter, jedoch keineswegs gebrechlich. Er traf keinerlei Anstalten, sich dem harten Griff der Wachen zu widersetzen, sondern warf Baine einen mitfühlenden und besorgten Blick zu.
„Ich bin hier, um Euch zu warnen, Baine Bluthuf. Euer Vater ist tot, und Ihr sollt der Nächste sein, der stirbt. Ihr müsst fort, und das sofort und möglichst leise.“
Ein rasender Schmerz durchfuhr Baine, aber er verdrängte ihn sofort wieder. Der Taure gehörte den Grimmtotems an. Das musste ein Trick sein.
„Ihr lügt“, zischte er, „und ich verstehe keinen Spaß, wenn jemand Scherze über meinen Vater macht. Sagt mir, was Ihr wirklich von uns wollt. Dann vergesse ich vielleicht Euren schlechten Witz.“
„Das ist keine Lüge, Häuptling“, wiederholte der Grimmtotem. „Er ist in der Arena im Kampf mit Garrosh Höllschrei gefallen, den er zu einem Mak’gora herausgefordert hatte.“
„Jetzt weiß ich, dass Ihr tatsächlich lügt! Thrall hat so etwas verboten. Das Mak’gora ist kein Kampf mehr auf Leben und Tod.“
„Was einst war, wurde jetzt wieder zum Leben erweckt“, sagte Sturmlied. „Cairne hat ihn herausgefordert, und Garrosh hat angenommen – und darauf bestanden, nach den alten Regeln zu kämpfen. Es ging in der Tat bis zum Tod.“
Baine erstarrte. Wie er seinen Vater und Garrosh kannte, war so etwas durchaus möglich. Er wusste, dass sein Vater Garroshs Ernennung durch Thrall nicht gutgeheißen hatte – ebenso wenig wie er selbst das getan hatte. Auch wusste er, dass Hamuul Runentotem und Cairne glaubten, dass Garrosh hinter den Angriffen auf die Schildwachen im Eschental gesteckt hatte. Es war gut möglich, dass Cairne Garrosh herausgefordert hatte, weil er das Gefühl gehabt hatte, der Orc sei eine echte Gefahr für das Wohl der Horde. Und genauso wahrscheinlich war es, dass Cairne nicht nachgegeben hatte, als Garrosh auf der Anwendung der alten Regeln bestanden hatte.
„Mein Vater hätte einen solchen Kampf gewonnen“, sagte er, doch seine Stimme bebte.
„Das hätte er vielleicht“, stimmte ihm der Schamane zu, „hätte Magatha nicht Garroshs Klinge vergiftet. Sie nutzte ihre Position als Schamanin dazu, die Klinge mit einem vergifteten Öl zu segnen. Ein einziger Treffer war alles, was sie brauchte.“ Er sprach die Worte mit Verbitterung und Wut aus. „Öffnet meinen Rucksack. Darin findet Ihr einen traurigen Beweis für meine Worte.“
Baine nickte einem der Posten zu. Der Taure öffnete den Rucksack, den er dem Grimmtotem abgenommen hatte, und seine Augen weiteten sich vor Schreck. Baine spürte einen Schauder tief in seinem Innern. Widerstrebend griff die Wache in den Rucksack und zog zwei kleine Holzstücke hervor – die Teile eines zerbrochenen Stabs.
Baine streckte die Hand aus, und der Wachtposten legte die Stücke des legendären Runenspeers hinein. Langsam, zitternd schloss Baine die Finger darum, spürte die Runen, die ihm so bekannt und vertraut waren. Er taumelte. Sein mächtiger und weiser Vater – von dem er angenommen hatte, er würde entweder in einer ruhmreichen Schlacht oder friedlich im Schlaf sterben – war einem Verrat zum Opfer gefallen...
Wut stieg in ihm auf, als der Grimm totem fortfuhr. „Zwei Dutzend Grimmtotemkrieger warten außerhalb des Dorfes auf meinen Befehl zum Angriff. Ich bin der Anführer dieser Mission. Doch ich möchte Euch warnen. Euer Vater war ein großer Taure, auch wenn ich nicht immer einer Meinung mit ihm war. Einen solchen Tod verdiente er nicht, ebenso wenig wie Ihr. Lange habe ich dem Matriarchat gedient, doch nun...“ Er schüttelte den Kopf. „Jetzt ist sie zu weit gegangen. Sie widerspricht allem, was einen Schamanen auszeichnet. Ich werde mich nicht länger an ihren Plänen beteiligen.“
Baine ergriff den Bart des Tauren und riss seinen Kopf hoch. Der Grimmtotem grunzte, hielt Baines Blick jedoch unbeirrt stand.
Der merkwürdige Traum... das Gefühl der Unruhe...
Ein großer Schmerz erfüllte Baines Brust, durchstieß sein Herz, es fiel ihm schwer zu atmen. „Vater“, flüsterte er, und als er das sagte, erkannte er, dass der Überlaufer der Grimmtotems die Wahrheit gesagt hatte. Tränen rannen aus seinen Augen, doch er wischte sie fort. Später war noch genug Zeit, seinen Vater zu betrauern. Wenn es stimmte, was der Überläufer sagte...
„Wie heißt Ihr?“
„Man nennt mich Sturmlied, Häuptling.“
Häuptling. Baine wurde klar, dass er nun tatsächlich der Häuptling der Bluthufe war... „Ich werde hierbleiben und kämpfen“, erklärte Baine. „Ich laufe nicht vor der Gefahr davon und lasse die Bewohner des Dorfes, das den Namen meiner Familie trägt, im Stich.“
„Sie sind in der Überzahl“, sagte Sturmlied, „und Euer Leben ist zu wichtig, als dass es in einem nutzlosen Kampf weggeworfen werden dürfte. Ihr seid der letzte Bluthuf, und Ihr werdet höchstwahrscheinlich auch der nächste Anführer. Ihr tragt die Verantwortung dafür, dass den Tauren nichts geschieht, und dass zurückverlangt wird, was Euch gestohlen wurde. Glaubt Ihr, das Dorf der Bluthufe ist die einzige Taurensiedlung, die heute Nacht angegriffen wird?“
Baines Augen weiteten sich vor Entsetzen, als Sturmlied berichtete, was in dieser Nacht alles geschehen war und noch geschehen sollte. „In diesem Augenblick geht das Abschlachten in Donnerfels weiter! Wenn die Sonne über dem Horizont erscheint, um sich das Blutbad dieser grauenhaften Nacht anzusehen, wird Magatha die Tauren regieren. Ihr könnt Euch den Luxus zu sterben, um Euren Vater zu rächen, nicht leisten! Kommt, bitte!“
Baine schnaubte wütend, packte Sturmlied an seiner Lederweste, ließ ihn dann jedoch rasch wieder los. Der Schamane hatte recht.
„Das könnte ein Trick sein, eine Falle!“, gab einer der Wächter zu bedenken. „Er könnte Euch in einen Hinterhalt locken!“
Baine schüttelte traurig den Kopf. „Nein“, sagte er. „Ich kann es spüren. Der Schamane spricht die Wahrheit.“ Er öffnete seine Hand, in der die Bruchstücke des Runenspeers lagen, und betrachtete sie einen Moment lang, bevor er sie sorgfältig in einer Tasche verstaute. „Mein Vater wurde erschlagen, und ich muss heute Nacht überleben, wenn ich mich in seinem Sinne um mein Volk kümmern will. Deshalb riskiere ich viel, indem ich Euch vertraue. Betrügt Ihr mich jedoch, seid Ihr binnen Sekunden tot.“
„Das weiß ich nur zu gut“, sagte Sturmlied ernst. „Ich bin allein, und ihr seid viele. Nun... Die Grimmtotems haben das Dorf fast umstellt, aber ich glaube, ich weiß, wie man sie auseinandertreiben kann. Folgt mir.“
Als die Grimmtotems das Dorf angriffen, trafen sie nicht auf schlafende, überraschte Tauren, sondern auf gut ausgebildete, voll bewaffnete und kampfbereite Krieger, die sich ihnen mutig und entschlossen entgegenstellten. Tarakor war davon nicht wirklich überrascht, da er angenommen hatte, dass Sturmlied erwischt und Baine durch den Angriff alarmiert worden war. Doch sie waren Grimmtotems und würden bis zum Tod kämpfen.
Viele fielen unter Tarakors Axt, doch einen Tauren bekam er nicht zu Gesicht: Baine Bluthuf. Jeder der Angreifer wusste, dass ihre wichtigste Aufgabe darin bestand, Baine zu töten. Als die Zeit verging und Baine immer noch nicht auftauchte, beschlich Tarakor eine leise Panik.
Es konnte nur eine Erklärung dafür geben.
„Grimmtotems“, schrie er und schwenkte die Axt über dem Körper einer Druidin, die er bei ihrem erfolglosen Versuch, sich in eine Raubkatze zu verwandeln, zweitgeteilt hatte. „Wir wurden verraten! Baine ist entkommen! Findet ihn! Findet ihn!“