Thrall begriff, dass nur sehr wenige Elementargeister ausgeglichen und in Harmonie mit sich und den anderen Elementaren waren. Einige waren mit ihrer Natur im Reinen, so chaotisch diese auch sein mochte, während andere zutiefst verdorben waren. Oftmals konnte eine freundliche, aber feste Hand sie wieder auf Kurs bringen, doch manchmal waren die Wesen zu stark verletzt. So auch die kleine Flamme in Orgrimmar, die weder auf die Vernunft noch auf Bitten hatte hören wollen.
Die Schamanen durften nicht eigensüchtig sein und mussten stets großen Respekt für die Elementare zeigen, sie demütig um Hilfe bitten und dankbar sein für das, was ihnen gewährt wurde. Doch sie hatten auch die Verantwortung, die Welt vor Schaden zu bewahren, und wenn ein unkontrollierbarer Elementar für einen solchen verantwortlich war, bestanden keine Zweifel an ihrer Aufgabe.
Die Scherbenwelt wurde offensichtlich von ihnen überrannt.
Aggra hatte sich mit einer Sicherheit in die Sache gestürzt, über die nur jemand verfügen konnte, der dies bereits Dutzende, vielleicht sogar Hunderte Male getan hatte. Sie hatte keine Freude daran, aber sie zögerte auch nicht, sich oder Thrall zu verteidigen. Es war ein bitterer Kampf gewesen, überlegte Thrall. Ein Schamane, der die Kraft eines gesunden Elementars dazu einsetzte, dessen befleckten... Bruder zu vernichten. Konnte man das so bezeichnen, oder waren es nicht doch eher gleichrangige Wesen? Er war sich nicht sicher, welches Wort zutraf, nur dass sein Herz schmerzte, dabei zusehen zu müssen. In seinem Hinterkopf lauerte die nagende Frage: Ist das die Zukunft der Elementare von Azeroth, oder gibt es etwas, das ich tun kann, um das zu verhindern?
Er wandte sich Geyah zu, um ihre Frage zu beantworten. „Als ich noch jung war und unter Drek’Thars Anleitung lernte, traf ich die Elemente. Ich fastete und trank einen ganzen Tag lang nichts. Drek’Thar nahm mich zu einem bestimmten Ort mit, und ich wartete, bis die Elemente an mich herantraten. Ich stellte jedem eine Frage, als Teil meiner Prüfung, und weihte mich ihrem Dienst. Es war... sehr mächtig.“
Aggra und Geyah tauschten einen raschen Blick miteinander aus. „Das ist gut“, sagte Geyah, „obwohl es nicht der traditionelle Ritus des Übergangs ist. Drek’Thar hat unter diesen schwierigen Bedingungen sicherlich sein Bestes gegeben. Er war einer von nur sehr wenigen Schamanen, die noch übrig waren. Als du zu ihm kamst, waren die Frostwölfe damit beschäftigt, um ihr Überleben zu kämpfen, und deshalb konnte er keinen traditionellen Ritus der Sicht für dich vorbereiten. Du bist bislang sehr gut zurechtgekommen, Go’el, erstaunlich gut. Doch jetzt, nachdem du in deine Heimat zurückgekehrt bist, um zu lernen, ist es an der Zeit, sich auf die wahre rituelle Suche zu begeben.“
Aggra nickte. Sie blickte ernst drein und nicht mit ihrem sonst stets zutage tretenden Missfallen. Das Gegenteil schien der Fall zu sein, denn nach ihrer Körpersprache zu urteilen, brachte sie ihm nun Respekt entgegen.
„Ich tue, was ich tun muss“, sagte Thrall. „Glaubst du, es liegt daran, dass ich nicht das richtige Ritual vollziehen konnte? Ist das der Grund, weshalb ich nicht lerne, wozu ich hergekommen bin?“
„Beim Ritus der Sicht geht es um Selbsterkenntnis“, sagte Aggra. „Vielleicht musst du dich darum bemühen, bevor du weiteres Wissen akzeptieren kannst.“
Es war schwer, keinen Anstoß an ihren Worten zu nehmen. „Mehr als alles andere verfüge ich über Selbsterkenntnis“, sagte er steif. „Ich glaube, ich habe bereits eine Menge über mich gelernt.“
„Aber dennoch kann der mächtige Sklave nicht finden, was er sucht“, antwortete Aggra ein wenig angespannt.
„Seid friedlich, ihr beiden“, sagte Geyah sanftmütig, obwohl sie die Stirn runzelte. „Das Chaos, in dem die Welten sich befinden, ist schon groß genug, ohne dass zwei Schamanen einander bekämpfen. Aggra, du sagst, was du denkst, und das ist gut. Aber vielleicht hältst du von Zeit zu Zeit deine Zunge ein wenig im Zaum. Ich denke, das könnte eine gute Übung für dich sein. Und du, Go’el, wirst sicherlich zugestehen, dass auch jemand wie der Kriegshäuptling der Horde davon profitieren kann, sich selbst besser zu kennen.“
Thrall runzelte die Stirn. „Entschuldige, Großmutter, und auch du, Aggra. Ich bin wütend und enttäuscht, weil die Situation so verzweifelt ist. Ich kann nichts tun, um zu helfen. Doch es nützt natürlich niemandem, wenn ich meinen Ärger an euch auslasse.“
Aggra nickte. Sie wirkte verärgert, aber Thrall hatte gespürt, dass – zumindest dieses eine Mal – nicht er der Grund dafür war. Sie schien über sich selbst erzürnt zu sein.
Die junge Schamanin verwirrte ihn, das musste er sich ehrlich eingestehen. Er wusste einfach nicht, was er von ihr halten sollte. Thrall war es durchaus gewohnt, mit intelligenten, starken Frauen zu tun zu haben, hatte er doch zwei solcher Frauen gekannt: Taretha Foxton und Jaina Prachtmeer. Doch sie waren Menschen gewesen, und ihm war klar geworden, dass ihre Stärke eine völlig andere als die der Orcfrauen war. Er hatte Geschichten über seine Mutter Draka gehört, die krank geboren worden, doch durch ihren Willen und ihre Zielstrebigkeit physisch ebenso stark geworden war, wie sie es mental und emotional gewesen war. „Sie wurde zur Kriegerin gemacht“, hatte Geyah einst über Draka gesagt. „Es ist leicht, ein guter Krieger zu sein, wenn dir die Ahnen Schnelligkeit, Stärke und ein tapferes Herz schenken. Es ist jedoch nicht so leicht, wenn du dies alles einer Welt abringen musst, die es dir nicht geben will, so wie Aggra das musste.“
Nun sprach sie mit Thrall, obwohl sie Aggra ansah. „Der Geist deiner Mutter ist in dir, Thrall. Wie sie hast auch du dir alles selbst erarbeitet. Was du für dein Volk erreicht hast, wurde dir nicht in den Schoß gelegt, sondern du hast es dir erkämpft. Du bist ebenso der Sohn deiner Mutter wie der deines Vaters, Go’el, Sohn von Durotan – und von Draka.“
„Ich bin hierhergekommen, um zu lernen, was nötig ist, um meiner Welt helfen zu können“, sagte Thrall. „Doch ich würde diesen Ritus der Sicht gern so schnell durchführen, wie es möglich ist.“
„Du wirst so lange bleiben, wie es dauert“, sagte Aggra.
Thrall knurrte, entgegnete jedoch nichts, da er das bereits geahnt hatte.
Anduin war hinreichend klar, dass er kein „Ehrengast“ war. Vielmehr war er ein Gefangener, und zwar der wertvollste, den Moira hatte.
Der Brief, mit flinker Hand geschrieben, lag auf dem Tisch im Hauptraum, als Anduin nach einer in der Gesellschaft Rohans verbrachten Stunde zurückkehrte. Vier Tage waren vergangen, seit Moira und ihre Dunkeleisenzwerge in die Stadt gekommen waren. Er knirschte mit den Zähnen, als er sah, dass das rote Wachs mit dem königlichen Siegel von Eisenschmiede gekennzeichnet war. Er öffnete den Brief. Drukan, der „besondere Wächter“, der Anduin zugeteilt worden war, um sicherzustellen, dass „es ihm als Ehrengast an nichts mangelte“, schaute mürrisch auf.
Um die Ehre Eurer Gesellschaft heute Abend bei Einbruch der Dämmerung wird ersucht. Förmliche Kleidung ist erbeten und Pünktlichkeit unerlässlich.
Anduin widerstand dem Drang, den Brief zu zerknüllen und fortzuschleudern. Stattdessen lächelte er Drukan höflich zu.
„Bitte sagt Ihrer Majestät, dass ich gern kommen werde. Ich bin mir sicher, dass sie so schnell wie möglich von mir hören will.“ Zumindest, dachte er, werde ich so meinen Wachhund für ein Weilchen los. Er wartete, bis Drukan begriffen hatte, dass er dem Botengang nicht entgehen konnte. Der Zwerg blickte Anduin finster an und stapfte davon.
Anduin fand Drukans Mangel an Falschheit, Interesse und Sorge erfrischend. Zumindest log er nicht, was seine Gefühle betraf.
Anduin nahm ein ausgiebiges Bad und kleidete sich an. Moira mochte glauben, dass sie die Fäden in der Hand hielt, weil sie seine Anwesenheit eingefordert hatte. Doch indem sie auf förmlicher Kleidung bestand, gab sie Anduin die Möglichkeit, seine Krone und andere Insignien zu tragen, die ihn als ihr ebenbürtig kennzeichneten. Er war sich der Macht solcher Details sehr wohl bewusst. Nachdem Wyll ihm beim Ankleiden geholfen hatte, setzte er ihm die Krone auf, korrigierte ihren Sitz gut ein Dutzend Mal und holte dann einen Spiegel herbei.