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Anduin blinzelte ein wenig. Er hasste es, wenn Erwachsene ihm sagten, wie groß er geworden sei, seit sie ihn das letzte Mal gesehen hatten. Doch nun war er gezwungen, das selbst festzustellen. Er hatte nie besonders auf sein Spiegelbild geachtet, doch nun erkannte er, dass eine gewisse Traurigkeit in seinem Blick lag. Er hatte nichts an sich, das auf eine behütete Kindheit hinwies, doch hatte er nicht damit gerechnet, dass man ihm die Anspannung der letzten Tage so deutlich ansah.

„Alles in Ordnung, Euer Hoheit?“, fragte Wyll.

„Ja, Wyll. Alles in Ordnung.“

Der ältere Diener beugte sich vor. „Ich bin mir sicher, dass Euer Vater sich sehr bemüht, um Euch zu befreien“, sagte er und hob die Stimme ein wenig an.

Anduin nickte unmerklich. „Gut“, seufzte er, „Zeit fürs Essen.“

Anduin wurde am Hohen Sitz vorbeigeführt und stellte zu seiner Verwunderung fest, dass nur zwei Gedecke auf einem erstaunlich kleinen Tisch hergerichtet worden waren. Offensichtlich sollte es eine vertrauliche Zusammenkunft werden.

Mit anderen Worten, er würde verhört werden.

Er nahm an, dass Moira sich an das Kopfende des Tisches setzen würde, und erwartete neben dem anderen Stuhl stehend ihre Ankunft.

Er wartete und wartete. Die Minuten verstrichen, und schließlich erkannte er, dass auch dies Teil des Spiels war, das sie spielte. Er kannte die Gepflogenheiten bei Hofe besser, als sie dachte. Anduin war sich seines Alters bewusst, und ihm war klar, dass die Leute ihn oftmals aus diesem Grund unterschätzten. Das konnte er zu seinem Vorteil nutzen, und weil er jung war, konnte er lange stehen, ohne dass ihm das unangenehm wurde.

Schließlich öffnete sich die Tür. Ein Dunkeleisenzwerg, der die Uniform von Eisenschmiede trug, trat vor, streckte bedeutungsvoll seine Brust heraus und verkündete mit donnernder Stimme: „Erhebt Euch, um Ihre Majestät Königin Moira von Eisenschmiede zu begrüßen!“

Anduin warf dem Zwerg ein halbherziges Lächeln zu und breitete seine Hände aus, um deutlich zu machen, dass er bereits stand. Der Prinz verneigte sich, als Moira eintrat, jedoch nicht tiefer, als die Etikette es vorschrieb, um deutlich zu machen, dass er ihr im Rang gleichgestellt war. Als er sich höflich lächelnd aufrichtete, bemerkte er, dass ein Anflug der Verärgerung über Moiras Gesicht huschte.

„Ah, Anduin. Ihr kommt gerade rechtzeitig“, sagte sie, während sie in den Raum rauschte. Ein Diener stellte einen Stuhl für sie bereit, und sie nahm Platz und nickte Anduin zu, um deutlich zu machen, dass er sich nun ebenfalls setzen dürfe.

„Ich glaube daran, dass Pünktlichkeit eine große Tugend ist“, sagte er. Er musste nicht erwähnen, dass sie ihn hatte warten lassen. Das wussten sie beide sehr wohl.

„Ich nehme an, dass Ihr eine angenehme und aufschlussreiche Zeit hattet und Euch mit meinen anderen Untergebenen unterhalten habt“, sagte sie und gestattete dem Diener, ihr die Serviette auf den Schoß zu legen.

Andere Untergebene? Wollte sie andeuten, dass Anduin... Nein, das tat sie nicht. Doch sie wollte, dass er genau das dachte. Anduin lächelte freundlich und nickte dem Diener, der ihm Wasser eingegossen hatte, seinen Dank zu. Moiras Glas war mit blutrotem Wein gefüllt. Bier gehörte offensichtlich nicht zu den bevorzugten Getränken der Königin.

„Mit Untergebenen meint Ihr natürlich die Dunkeleisenzwerge, nicht die Zwerge von Eisenschmiede“, sagte er freundlich. „Ich habe mich nicht viel mit Drukan unterhalten können, da er ein recht schweigsamer Geselle ist.“

Moira hob elegant eine Hand an den Mund und verbarg ein Lächeln. „Oh, mein Teurer, ja, das stimmt. Die meisten von ihnen reden nicht viel, wie Ihr wisst. Das ist einer der Gründe, warum ich so schrecklich froh bin, dass Ihr hier seid, mein lieber Freund.“

Anduin lächelte höflich und tauchte seinen Löffel in die Suppe.

„Ich freue mich schon sehr auf die langen Unterhaltungen, die wir während der nächsten Wochen und Monate führen werden.“

Anduin zwang sich, nicht in die Suppe zu husten, und schluckte schwer. „Obwohl ich überzeugt bin, dass diese Gespräche faszinierend wären“, das zumindest war keine Lüge, „glaube ich, dass mein Vater mich schon früher zurückerwartet. Ich fürchte, mehr als unsere Zusammenkunft heute Abend wird es nicht geben.“

Ein Flackern drang aus den Tiefen von Moiras Augen, gefolgt von einem spröden Lächeln. „Oh, Euer Vater wird Nachsicht mit mir zeigen müssen. Erzählt mir von ihm. Soweit ich weiß, hatte er in letzter Zeit einiges zu erleiden.“

Anduin war davon überzeugt, dass Moira alles wusste. Sie schien niemand zu sein, der lange wartete, um an die gewünschten Informationen zu gelangen. Nichtdestotrotz erzählte er ihr – während sie die Suppe zu sich nahmen und der Salat serviert wurde –, was allgemein über die Abenteuer seines Vaters bekannt war.

„Das muss aber sehr schwer für Euch gewesen sein, Anduin.“

Er glaubte zwar nicht, dass sie das wirklich interessierte, doch ihm kam plötzlich ein Gedanke. Er entschied sich, ihn gleich in die Tat umzusetzen.

„Das war es“, sagte er der Wahrheit entsprechend. „Doch es war noch viel härter zu erkennen, dass mein Vater die Richtung, die ich meinem Leben geben möchte, nicht akzeptiert. Die Gerüchte besagen, dass Ihr so etwas verstehen müsstet.“

Zum ersten Mal seit er sie kannte, schaute sie ihn mit einem völlig überraschten Gesichtsausdruck an. Der Löffel steckte noch in ihrem Mund, und ihre Augen waren weit aufgerissen vor Erstaunen. Sie sah verletzlich und nervös aus und beeilte sich, die Fassung wiederzuerlangen.

„Warum müsste ich das?“ Sie lachte falsch.

„Ich habe gehört, dass Magni nicht der beste Vater der Welt war, auch wenn er das sicher wollte – so wie der meine. Dass er Euch niemals ganz vergeben hat, dass Ihr nicht der Sohn wart, den er sich immer gewünscht hatte.“

Ihr Blick wurde undurchdringlich, doch ihre Augen glänzten, als wären sie mit unvergossenen Tränen gefüllt. Als sie sprach, war es, als ob Anduins Worte einen Damm gebrochen hätten. „Mein Vater war tatsächlich sehr enttäuscht über meinen Makel, als Frau geboren zu sein. Er konnte nicht glauben, dass ich nicht hierbleiben und ständig daran erinnert werden wollte, dass ich versagt habe, und das aus dem einfachen Grund, dass ich geboren wurde. Er war der Meinung, dass mein Ehemann mich verzaubert habe. Anders konnte er sich nicht erklären, dass ich mich in einen Dunkeleisenzwerg verliebt hatte. Und das stimmt tatsächlich, Anduin. Dagran Thaurissan verzauberte mich mit seinem Respekt. Er sorgte dafür, dass die Leute mir zuhören, wenn ich spreche. Er glaubte, dass ich auch als Frau herrschen könne, und zwar gut herrschen. Die Dunkeleisenzwerge haben mich aufgenommen, als mein Vater mich fortschickte.“

Sie lachte freudlos. „Das ist die einzige Magie, die Dagran Thaurissan und die Dunkeleisenzwerge bei mir angewendet haben. Mein Vater verachtete sie. Für ihn waren sie gerade gut genug, um zu kämpfen und zu töten. Doch es sind Zwerge, so wie jeder andere Klan der Zwerge auch – Erben der Erde. Die anderen Zwerge sollten sich dessen erinnern, und genau dafür werde ich sorgen.“

„Ihr seid die rechtmäßige Erbin“, stimmte ihr Anduin zu. „Magni hätte das respektieren und Euch dementsprechend erziehen müssen vom Tag Eurer Geburt an. Es tut mir leid, dass Ihr nur von den Dunkeleisenzwergen willkommen geheißen wurdet, und Ihr habt recht, wenn Ihr sagt, dass auch sie Zwerge sind. Aber Ihr werdet keine Eintracht herbeiführen können, indem Ihr das Volk von Eisenschmiede zwingt, so zu denken wie Ihr. Öffnet die Stadt. Lasst die Leute sehen, wie die Dunkeleisenzwerge wirklich sind. Sie können...“