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„Sie können das haben, was ich ihnen erlaube!“, zischte Moira schrill. „Und sie werden tun, was ich ihnen sage! Ich habe das Gesetz auf meiner Seite, und Dagran – der Junge, den Magni sich so sehr wünschte – wird über sie herrschen, wenn ich einst gegangen bin. Sein Vater und ich...“

Sie machte eine Pause, und ihre gekünstelte gute Laune wich ehrlicher Wut. „Wusstet Ihr“, sagte sie, „das ist wirklich das erste Mal, dass mir dieser Gedanke kommt.“

Entmutigt durch ihre Rückkehr zu ihrem üblichen Verhalten, fragte Anduin: „Und welcher Gedanke wäre das?“

„Dass ich eine Kaiserin bin, nicht nur eine Königin.“

Ein Schauder lief Anduin den Rücken hinunter.

„Meine Güte! Das ändert alles. Ich muss über zwei Völker herrschen. So wie mein Junge auch, wenn er dazu alt genug ist. So hat er die Gelegenheit, Brücken zu bauen. Findet Ihr nicht auch?“

„Der Frieden ist stets ein hehres Ziel“, antwortete Anduin. Seine Hoffnung schwand. Einen Moment lang hatte sie ehrlich und unverstellt mit ihm gesprochen, doch dieser Moment war bereits wieder vorbei.

„Tatsächlich? Junge, Junge! Manchmal glaube ich, dass ich immer noch ein kleines dummes Mädchen bin.“

Nein, das tust du nicht, ebenso wenig wie ich. „Das kann ich nachfühlen. Manchmal glaube ich, dass ich nur ein dreizehnjähriger Junge bin“, sagte er.

Moira kicherte erneut. „Ah, Euer Humor macht mir Freude, Anduin. Obwohl ich überzeugt bin, dass Euer Vater Euch vermisst, bin ich absolut sicher, dass ich Euch noch nicht so bald gehen lassen kann.“

Anduin warf ihr ein Lächeln zu, von dem er sehnlichst hoffte, dass es nicht so falsch wirkte, wie es gemeint war.

Mehrere Stunden später, allein in seiner Unterkunft, schloss Anduin die Tür und lehnte sich erschöpft dagegen.

Moira war weder verrückt, noch stand sie unter irgendeinem Zauber. Er wünschte jedoch beinahe, es wäre so. Man hatte ihr Schlimmes angetan, das musste er zugeben, doch statt es in Stärke zu verwandeln, hatte sie zugelassen, dass ihr Ärger sie verzehrte. Sie war berechnend, wollte die Kontrolle über alles und jeden ausüben und ihrem Sohn ein Imperium hinterlassen. Doch etwas, das sie gesagt hatte, ergab einen Sinn: Der Frieden war eine gute Sache. Doch die Freiheit war das ebenso.

Er musste Eisenschmiede verlassen und jemanden wissen lassen, was hier geschah. Anduin atmete tief durch, fuhr sich mit den Händen durch sein Haar und machte sich daran, seine Sachen in dem kleinen Sack zu verstauen, den er für Tagesausflüge mit... Licht! Wie sehr er Aerin vermisste, selbst jetzt. Zugleich war er jedoch auch froh, dass sie nicht hier war und mit ansehen musste, was aus Eisenschmiede geworden war und wohl noch werden würde.

Er würde nicht viel brauchen: ein paar Kleidungsstücke und etwas Geld. Einige besondere, ihm ans Herz gewachsene Dinge hatte er aus Sturmwind mitgebracht, erkannte nun jedoch, dass er, angesichts der dringenden Notwendigkeit, so schnell wie möglich von hier fortzukommen, gut ohne sie auskommen konnte. Doch eine Sache bedeutete ihm zu viel und war zu wertvoll, um sie zurückzulassen.

Seit Magnis Tod hatte er ihn unter seinem Bett aufbewahrt, noch immer eingeschlagen in den Stoff, in den der Stab eingewickelt gewesen war, als Magni ihn Anduin geschenkt hatte. Er hoffte, dass Moira nichts von dem Stab wusste, da er vermutete, dass ihr der Gedanke, dass Magni ihn Anduin vermacht hatte, nicht sonderlich gefallen würde.

Nachdem er ihn ausgepackt hatte, berührte er den schönen Stab voller Ehrfurcht und Bewunderung. Furchtbrecher. Anduin konnte seinen Trost nun wahrlich gebrauchen. Einen Augenblick lang legte er seine Hand um den Stab, dann packte er ihn wieder ein und verstaute ihn sorgfältig in seinem Sack.

Es war an der Zeit. Er hatte sich entschlossen, Wyll von seiner Abreise nichts zu sagen. Je weniger der alte Diener wusste, desto eher würde man ihn wieder in Ruhe lassen. Anduin atmete tief ein, steckte die Hand in seine Tasche und schloss sie um den Ruhestein, den Jaina ihm gegeben hatte. Er kniff die Augen fest zusammen und erfüllte seinen Geist mit Bildern von Theramore, von Jainas kleiner Feuerstelle...

... und materialisierte sich dort.

Jaina starrte ihn verdutzt an. „Anduin, was machst du denn hier?“

Der Prinz von Sturmwind verschwendete keinen Gedanken an sie. Alles, was er tun konnte, war, auf den riesigen, zornig wirkenden Tauren zu blicken, der in seiner federgeschmückten Rüstung unmittelbar vor ihm stand.

24

„Was ist das?“, rumpelte der Taure in schwer akzentbelasteter, aber verständlicher Gemeinsprache.

„Baine, Anduin – haltet ein!“ Jaina streckte den beiden eine Hand entgegen.

„Baine? Baine Bluthuf?“, staunte Anduin.

„Anduin Wrynn?“

„Aufhören. Alle beide!“, rief Jaina, jetzt noch lauter. „Baine, ich habe Anduin ein Geschenk gegeben, einen Stein, der es ihm erlaubt, mich zu besuchen, wann immer er das möchte. Nach allem, was wir aus Eisenschmiede gehört haben, bin ich sehr, sehr froh, dich zu sehen.“ Sie schenkte Anduin ein rasches, aber herzliches Lächeln. „Ich entschuldige mich für Anduins unerwartetes Auftauchen, Baine, aber ich bin sicher, dass Ihr ihm vertrauen könnt.“

„Sein Vater liebt die Horde nicht gerade“, entgegnete Baine. „Ich glaube, dass Ihr nicht mit seinem Erscheinen gerechnet habt, Jaina, aber...“

„Ich bin nicht mein Vater“, sagte Anduin. Er beruhigte sich und begann zu verstehen, was hier gerade vorging. Baine Bluthuf war der Sohn Cairnes, des Oberhäuptlings der Tauren. Cairne und Thrall waren gute Freunde und die Tauren der Allianz nicht so feindlich gesinnt wie einige andere Völker der Horde. Wenn Jaina gute Beziehungen zu Thrall hatte, war es nachvollziehbar, dass sie sich mit Cairne traf, selbst wenn es nur im Geheimen geschehen konnte.

Anduins Gelassenheit schien den jungen Bullen zu beeindrucken. Baine entspannte sich sichtlich und betrachtete ihn eher neugierig als feindselig. „Nein“, sagte er, „wir sind nicht unsere Väter. Selbst wenn wir uns das wünschen würden.“

Etwas an seinem Tonfall sagte Anduin, dass etwas nicht in Ordnung war. Fragend blickte er zu Jaina hinüber und bemerkte, dass sie angespannt und unglücklich zu sein schien.

„Setzt euch beide hin“, sagte sie und wies auf die Feuerstelle. Baine war viel zu groß, um auf einem der Stühle Platz nehmen zu können. „Ich glaube, ihr habt einiges zu erzählen.“

„Ich wollte niemanden beleidigen“, sagte Baine, der weiterhin stand. „Aber ich riskiere eine ganze Menge, indem ich zu Euch komme, Lady Jaina. Und dem Erben von Sturmwind vertrauen? Ich befürchte, das ist zu viel verlangt.“

„Ich verstehe Eure Angst“, sagte Jaina, „und weiß, dass Ihr gerade jetzt auf Eure Probleme konzentriert seid. Aber behaltet im Hinterkopf, dass ich Euch beiden hier Zuflucht gewähre, und deshalb müsst Ihr Euch damit abfinden.“

„Wie könnt Ihr einem verbündeten Mitglied der Allianz Zuflucht bieten?“, schnaubte Baine.

„Weil Magni Bronzebart tot ist und seine Tochter Moira Bronzebart mit einer Horde von Dunkeleisenzwergen aus Schattenschmiede nach Eisenschmiede zurückgekehrt ist und sich selbst zur Kaiserin erklären will. Sie hat über Eisenschmiede eine Ausgangssperre verhängt und wird sehr wütend darüber sein, dass ich entflohen bin“, sagte Anduin geradeheraus. Baine hatte recht. Der Taure hatte keinen Grund, ihm zu vertrauen, dem Prinzen von Sturmwind... Es sei denn, Anduin gab ihm einen Grund dazu. Moira konnte ihre Absichten nicht mehr lange geheim halten. Baines riesiger gehörnter Schädel schwenkte herum, und er blinzelte Anduin einen Moment lang an.

„Nicht wenige würden Euch als Verräter bezeichnen, weil Ihr diese Information preisgegeben habt, junger Prinz“, sagte er ruhig.

„Was Moira tut, ist falsch, auch wenn sie die legitime Erbin Magnis ist“, sagte Anduin. „Doch einige ihrer Ziele und Pläne ergeben Sinn. Den Weg, auf dem sie das erreichen will, kann ich jedoch nicht gutheißen. Weil sie ein Zwerg ist und die Tochter eines Freundes, bedeutet das nicht, dass ich sie blind unterstütze. Und nur weil Ihr ein Mitglied der Horde seid, bedeutet das nicht, dass ich Euch nicht unterstützen würde.“