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„Das ist für dich, Go’el“, sagte sie. „Es ist schlicht und einfach. Ein Gewand für die Initiation.“

„Ich verstehe“, sagte Thrall und wollte das Bündel entgegennehmen, doch sie gab es ihm nicht. „Ich bin nicht sicher, ob du das wirklich tust. Ich gestehe ein, dass du ein begabter und mächtiger Schamane bist, aber da ist noch so viel, was du nicht weißt. Wir tragen keine Rüstung bei unseren Initiationen. Es ist eine Wiedergeburt, kein Kampf. Wie eine Schlange legen wir die Haut desjenigen ab, der wir vorher waren. Wir müssen uns dieser Wiedergeburt ohne jegliche Lasten stellen, ohne engstirniges Denken und Ansichten, die wir zuvor vertreten haben. Wir müssen einfach, rein und bereit sein, um uns mit den Elementen zu verbinden und sie ihre Weisheit in unsere Seelen schreiben zu lassen.“

Thrall hörte genau zu und nickte respektvoll. Doch sie gab ihm das Bündel noch immer nicht. „Du bekommst auch eine Kette mit Gebetsperlen. Sie werden dir helfen, dich mit deinem inneren Ich zu verbinden. Berühre sie, wenn du spürst, dass du gerufen wirst.“

Jetzt erst übergab sie ihm das Bündel. „Ich bin gleich zurück“, sagte sie und wandte sich um.

Thrall betrachtete das schlichte braune Gewand, bevor er es langsam und respektvoll anlegte. Er fühlte sich... nackt. Er war es gewohnt, die unverwechselbare schwarze Plattenrüstung zu tragen, die einst Orgrim Schicksalshammer gehört hatte und an deren Gewicht er sich im Laufe der Jahre gewöhnt hatte. Dieses Gewand war leicht, zu leicht für seinen Geschmack. Er legte die Kette mit den Gebetsperlen um seinen Hals, rollte sie zwischen den Fingern hin und her und dachte angestrengt darüber nach, was Aggra gemeint hatte. Er würde wiedergeboren werden, hatte sie gesagt.

Als was? Als wer?

„Gut“, sagte Aggra und riss ihn aus seinen Überlegungen. „Offensichtlich steht dir die Initiationsrobe.“

„Ich bin bereit“, sagte Thrall leise.

„Noch nicht ganz. Du bist noch nicht bemalt.“

Sie ging zu einer kleinen Kiste, die an der Wand der Hütte stand, stöberte darin herum und nahm drei winzige Tiegel mit gefärbtem Lehm heraus. „Du bist zu groß. Setz dich.“

Thrall grinste innerlich und gehorchte. Sie trat zu ihm, öffnete eines der Behältnisse, tunkte ihren Finger hinein und machte sich daran, den Lehm in seinem Gesicht zu verteilen. Ihre Berührung war sanft, auffallend sanft für jemanden, den Thrall als so selbstsicher und energisch erlebt hatte. Der Lehm war kühl, und Thrall bemerkte den leicht süßlichen Geruch des Öls, mit dem Aggra sich eingerieben hatte.

„Stimmt etwas nicht?“, fragte er.

„Die Farben sehen auf grüner Haut anders aus.“

„Ich fürchte, daran kann ich nichts ändern, Aggra, egal wie lange wir noch zusammenarbeiten“, sagte er. Seine Stimme und sein Gesichtsausdruck waren ernst und besorgt.

Ihr Blick begegnete dem seinen, und kurz furchte sie irritiert die Stirn. Dann lächelte sie, und plötzlich ging ihr Lächeln in ein herzhaftes Lachen über.

„Die Ahnen wissen, dass das stimmt“, sagte sie. „Offensichtlich müssen wir andere Farben verwenden.“

Sie lächelten und blickten einander an, bis Aggra ihren Blick senkte. „Vielleicht Blau und Gelb“, meinte sie und holte die entsprechenden Tiegel. Wortlos bemalte sie sein Gesicht weiter.

Schließlich nickte sie zustimmend, runzelte jedoch kurz darauf erneut die Stirn. „Dein Haar... einen Moment.“

Sie wischte sich die Hände ab. Ihre langen und flinken braunen Finger öffneten Thralls Zöpfe und flochten rasch einige Federn in sein Haar. „So. Jetzt bist du bereit, Go’el.“

Sie holte ein poliertes Stück Metall, das als Spiegel diente.

Thrall hätte sich beinahe nicht erkannt.

Seine grüne Haut war von Tupfern bedeckt, dazu gesellten sich gelbe und blaue Wirbel, als würde er eine Maske tragen. Sein Haar, in das Federn eines Windroc eingeflochten waren, fiel dicht auf seine Schultern. Normalerweise war er zurückhaltend, kontrolliert. Nun erkannte er, dass es...

„... wild aussieht“, sagte er leise.

„Wie die Elemente“, sagte sie. „Kaum etwas da draußen ist ruhig und geordnet, Go’el. Nun beginne deinen Ritus der Sicht, der mit ihnen verwandt ist. Sie warten.“

Thrall hatte schon einiges in seinem Leben erlebt. Als Kind hatte er zu kämpfen gelernt und Freundschaft und Härte erfahren. Er hatte sein Volk befreit und Dämonen bekämpft. Doch nun, als er Aggra nach draußen und an den Ort des Rituals folgte, stellte er fest, dass er nervös war.

Die Trommeln setzten ein, und Aggra straffte sich. Sie verlor ihre Leichtigkeit und ihre Aggressivität, und einen Moment lang schien sie ihm eine jüngere Version von Geyah zu sein. Mit anmutigem, ernstem Schritt bewegte sie sich vorwärts, und er verlangsamte sein Tempo, um sich dem ihren anzupassen. Es schien, dass die gesamte Bevölkerung Garadars gekommen war und an beiden Seiten des Weges Aufstellung genommen hatte. Die Fackeln erhellten die Finsternis ein wenig, doch hinter ihnen lauerten bereits die Schatten. Auf einen Stab gestützt erwartete sie Geyah. Sie sah schön aus, wenn auch gebrechlich, und ihr runzeliges Gesicht leuchtete. Thralls Großmutter lächelte. Er trat zu ihr und verneigte sich tief.

„Willkommen, Go’el, Sohn des Durotan, der der Sohn des Garad war.“ Thralls Augen weiteten sich leicht. Natürlich... Er hätte es schon früher erkennen müssen! Garad war sein Großvater, und hier stand er in Garadar, dem Ort, der nach Garad benannt war. „Kind der Elemente, das von ihnen erwählt wurde. Nicht sehr weit von diesem Ort entfernt, wachen die Elementare über uns. Sie werden die Zeremonie beobachten, die wir hier heute Nacht abhalten.“

Thrall blickte über das schwarze Wasser des Sees. Er konnte nur den Zorn des Feuers sehen, der sich langsam bewegte. Aber er wusste, dass auch die anderen dort waren.

„Es ist gut“, sagte er, wie er es gelernt hatte. „Ich biete meinen Körper und meinen Geist diesem Ritus der Sicht an.“

Aggra nahm seine Hand, führte ihn in die Mitte des Lagers aus Fellen, die auf dem Boden lagen, und setzte sich neben ihn.

„Wenn du auf diese Reise gehst“, sagte sie, „verlässt deine Seele den Körper. Wisse Folgendes: Während du dich auf deiner Reise durch die Welt des Geistes befindest, wacht dein Volk über deinen physischen Körper. Hier, nimm diesen Saft und trink ihn langsam.“

Sie reichte ihm einen Becher mit einer widerlich riechenden Flüssigkeit. Thrall nahm ihn entgegen, wobei seine Finger über die ihren strichen. Er schluckte die Flüssigkeit so schnell wie möglich herunter und mühte sich, das unangenehme Gebräu nicht wieder von sich zu geben. Als er Aggra den Becher zurückgab, begann er schon, sich leichter zu fühlen. Er protestierte nicht, als sie seinen Kopf sanft herunterzog und in ihren Schoß bettete. Es war eine merkwürdig zarte Geste von jemandem, der so kurz angebunden war und ihn so schroff zu behandeln pflegte, doch er wehrte sich nicht.

Sein Kopf drehte sich, und die Trommeln schienen durch seine Adern zu pulsieren, als würde er sie nicht hören, sondern spüren. Er hatte den Eindruck, dass das Geräusch sich mit seinem Herzschlag verband.

Aggras kühle Finger strichen durch sein Haar. Ihre Stimme – tief und sanft – schien von weit her zu kommen.

„Geh in dich selbst und aus dir heraus, Go’el. Nichts soll dich hier verletzen, obwohl du dich vielleicht vor dem fürchtest, was du sehen wirst.“

Thrall öffnete die Augen.

Eine schimmernde, neblige Gestalt stand vor ihm. Sie hatte leuchtende Augen, vier Beine, scharfe Zähne und einen Schwanz. Es war ein Geisterwolf, und er wusste, ohne zu verstehen warum, dass es Aggra war.

„Wirst du mich führen?“, fragte er den Wolf verwirrt. „Ich dachte, dass Großmutter...“

„Ich wurde auserwählt, dich zu führen. Komm“, unterbrach Aggra ihn. Ihre Stimme klang kräftig und einem Wolf angemessen. „Es ist an der Zeit. Folge mir!“

Plötzlich war auch Thrall ein Wolf. Die Welt veränderte sich vor seinen Augen: Einige Dinge wurden unwirklich, andere nahmen eine neue, merkwürdige Festigkeit an. Er schüttelte sich, fühlte sich leichter, war ein Teil des Nichts, das alles war, und folgte ihr in den wirbelnden Nebel.