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Im gleißenden Licht der Mittagssonne traten sie in eine Arena. Thrall in seiner Geisterwolfsgestalt blinzelte verwirrt.

Er sah sich an.

„Was...“, sagte er. Seine Stimme hatte einen sonderbaren Klang. „Ich dachte, ich würde die Elemente treffen und...“

„Ruhe!“ Aggras Ermahnung war barsch und knapp, und Thrall gehorchte. „Beobachte nur. Versuche nicht, einzugreifen. Niemand hier kann dich sehen oder hören. Dies ist dein Ritus der Sicht, Go’el. Er zeigt dir genau das, was du wissen musst.“

Der Jetzt-Thrall nickte.

Der jüngere Thrall trug nur einige Teile einer Rüstung. Sein Körper schien gut in Form zu sein und war gebräunt. Schweiß glitzerte auf seiner grünen Haut. In der einen Hand hielt er ein Schwert und in der anderen einen Stab. Der Jetzt-Thrall wusste, wo er war: in der Arena der Burg Durnholde. Jubel und Buhrufe erhoben sich, und irgendwo dort oben, Obst essend und Wein trinkend, musste der verhasste Aedelas Schwarzmoor sitzen, der Mann, der ihm seine Kindheit geraubt und ihn zu einem Gladiator gemacht hatte. Wut brandete in ihm auf, als er sah, wie sein jüngeres Ich einen großen Bären bekämpfte.

„Das Feuer“, sagte Aggra, „war das erste der Elemente, das dich erwählt hat, Go’el. Es gab dir die Wut, die Empörung und die Leidenschaft, die dich in die Lage versetzten, gut und erfolgreich kämpfen zu können, und das stets aus den richtigen Gründen. Es brannte tief in dir, selbst in deinen dunkelsten Momenten.“

Thrall hörte zu, beobachtete sich selbst, überrascht, wie stark und anmutig, ja leidenschaftlich er im Ring gewesen war. Er wusste, dass er die dort erlernten Fähigkeiten angewendet hatte, um sein Volk zu befreien und zu beschützen.

Das war nicht das, was er zu sehen erwartet hatte, doch bei Aggras Worten nickte er. Das Feuer war tatsächlich in seiner Jugend zu ihm gekommen. Er dachte zurück an die Besorgnis, die noch immer in ihm loderte, und den Wunsch, seiner Welt zu helfen. Mit einem Hauch verständlichen Stolzes lächelte er, als sein jüngeres Ich seine Gegner besiegte und die Arme freudig emporreckte.

Der Nebel bedeckte die Szenerie wieder, wirbelte über den jubelnden, siegreichen jüngeren Thrall, bis er ihn völlig verdeckte. Thrall wartete neugierig auf die weiteren Visionen, die er auf dieser merkwürdigen Reise noch haben würde.

Der Nebel lichtete sich. Die lichtdurchflutete laute Arena war verschwunden. Stattdessen standen sie in einer nächtlichen bewaldeten Landschaft, in der die einzigen Geräusche die des sanften Windes und der umherschwirrenden Insekten waren. Thrall sah wieder sich selbst, wachsam, gejagt. Er stand vor einer Steinformation, die an einen Drachen erinnerte, der über das baumbestandene Land zu wachen schien. Der jüngere Thrall wandte seinen Kopf, betrachtete den dunklen, ovalen Eingang einer nahe gelegenen Höhle, und der Jetzt-Thrall wusste plötzlich, mit einem spontanen Anflug tiefen, alten Schmerzes, was geschehen würde.

Die Albträume. Er hatte sie bekämpft. So wie die ganze Welt.

„Muss ich mir das ansehen?“, fragte er leise und kannte die Antwort, noch bevor er die Frage ausgesprochen hatte.

„Wenn du verstehen und ein wahrer Schamane werden willst, dann musst du das allerdings“, sagte Aggra unerbittlich.

Der jüngere Thrall betrat die Höhle, und seine beiden Inkarnationen sahen eine junge Menschenfrau, die Taretha Foxton hieß. Tari... Schwarzmoors Mätresse, Thralls „Schwester“ im Geiste. Sie hatte ihr Leben riskiert, um ihn zu befreien, und dabei den Tod gefunden. Doch jetzt lebte sie noch. Sie war so unglaublich schön! In seinen Albträumen war er ihr immer wieder begegnet und hatte stets versucht, sie zu retten. Wieder und wieder hatte er es versucht in der Hoffnung, sie würde leben, lachen und lieben können, wie es ihr vorherbestimmt war. Doch jedes Mal hatte er versagt und musste ihren Tod aufs Neue miterleben...

Doch sie starb nicht, nicht jetzt, nicht hier. Gegen eine Wand gelehnt wartete sie auf ihn, und als er ihren Namen aussprach, schaute sie erschrocken auf und lachte dann. Ihr Gesicht war wunderschön, da die ehrlich empfundene Zuneigung zu ihm es erstrahlen ließ.

„Du hast mich erschreckt! Ich wusste gar nicht, dass du dich so leise bewegen kannst!“ Sie kam zu ihm und streckte ihm ihre Hände entgegen. Langsam ergriff der jüngere Thrall sie.

„Es tut immer noch weh“, sagte der Jetzt-Thrall zu Aggra. Sie schalt ihn nicht, dieses Mal nicht. Schweigend nickte sie mit ihrem Geisterwolfkopf.

„Dieser Schmerz und seine Heilung sind das Geschenk des Wassers“, sagte sie. „Tiefe Gefühle, Liebe. Das Herz ist gleichermaßen offen für die Freude und den Schmerz. Deshalb weinen wir... Wasser bewegt sich mit und durch uns.“

Er hörte ihr aufmerksam zu und erinnerte sich der Worte, die sie bei ihrem ersten wahren Treffen gesprochen hatten, als er sie erneut hörte. Tari gab ihm eine Karte und einige Vorräte, drängte ihn, sein Volk zu suchen, die Orcs. Sie sprachen über Schwarzmoor. Der Jetzt-Thrall, der wusste, was geschehen würde, wollte sich abwenden, musste jedoch feststellen, dass er das nicht konnte.

„Was ist mit deinen Augen?“, fragte der jüngere Thrall.

„Oh, Thrall... Das nennt man Tränen“, sagte Taretha leise mit belegter Stimme, während sie sich über die Augen wischte. „Sie kommen, wenn wir traurig sind oder krank in der Seele. Es ist, als ob unsere Herzen so voller Schmerz sind, dass kein Platz mehr für die Tränen ist.“

Und selbst jetzt, während er in der Geisterwelt umherreiste und keinen physischen Körper hatte, spürte der Jetzt-Thrall, wie Tränen in seine Augen stiegen.

„Taretha hat es verstanden“, sagte Aggra leise. „Sie kannte sowohl den Schmerz als auch die Liebe. Das Herz will überlaufen, und es ist das Wasser, das überfließt.“

„Sie hätte nicht sterben sollen“, knurrte der Jetzt-Thrall. Unausgesprochen blieben die Worte: Ich hätte einen Weg finden müssen, um das zu verhindern.

Aggras Antwort ließ ihn zurücktaumeln, als hätte sie ihm einen harten Schlag versetzt.

„Wirklich? Hätte sie das nicht?“

Er wirbelte zu ihr herum, schockiert und wütend über ihre Gefühllosigkeit. „Natürlich nicht! Sie hatte alles, wofür es sich zu leben lohnte. Ihr Tod hatte keinerlei Nutzen!“

Aggras Wolfsgestalt blickte ihn unerbittlich an. „Woher weißt du das, Go’el? Woher weißt du, dass nicht genau das ihre Bestimmung war? Das weiß nur sie allein. Möglicherweise war das, was sie getan hat, alles, wozu sie geboren wurde. Vielleicht wärst du von ihren Taten nicht so bewegt gewesen, wenn sie überlebt hätte. Es ist arrogant zu glauben, dass du alles wissen kannst. Es mag sein, dass du recht hast, aber ebenso gut kannst du dich irren.“

Ihre Worte ließen ihn in sprachloser Stille zurück. Seit er gesehen hatte, wie Aedelas Schwarzmoor Tarethas abgetrennten Kopf in dem gespenstischen Licht hochgehoben hatte, war er von Schuld erfüllt. Die Alpträume hatten lediglich den Zweck, ihm einzuhämmern: Ich hätte mehr tun müssen.

In Wirklichkeit gab es jedoch nichts, das er hätte tun können. Und nun, zum ersten Mal, war er gezwungen, sich mit der Vorstellung vertraut zu machen, dass vielleicht all das, was geschehen war... richtig gewesen war. Schmerzvoll und schrecklich, doch richtig.

Er würde sie niemals vergessen, und sein Leben lang würde er sie vermissen, doch das nagende Gefühl der Schuld begann zu schwinden.

„Für dich“, fuhr Aggra fort, die im Stillen noch immer versuchte, die Veränderung in seiner Seele zu verstehen, „war sie die Segnung des Wassers in deinem Leben. Dies, Go’el, war der Zeitpunkt, als das Element des Wassers in dein Wesen getreten ist.“

Er rang um Worte. Alles, was er hervorbringen konnte, war ein gehauchtes „Danke“.

Der Nebel wirbelte um die Füße der Gestalten aus der Vergangenheit. Obwohl er anfänglich diese Episode aus seinem Leben nicht noch einmal hatte erleben wollen, überkam den Jetzt-Thrall der Wunsch, zu schreien und darum zu betteln, noch einige Momente mit Taretha verbringen zu dürfen. Doch er wusste es besser. Es war ein bittersüßes Geschenk der Elemente gewesen, einhergehend mit der Einsicht, die Aggra ihm vermittelt hatte.