Leb wohl, teure Taretha. Dein Leben war ein Segen, dein Tod nicht umsonst, und es gibt nichtviele Menschenauf der Welt, die das von sich behaupten können. An dich wird man sich immer erinnern. Ich kann dich nun mit Frieden in meinem Herzen gehen lassen.
Die Elemente hatten ihm noch mehr zu zeigen.
Der Nebel wirbelte wild umher, verdeckte seine Vision, und schließlich erblickte er eine jüngere Version seiner selbst. Es war Winter, und er war bei den Frostwölfen. Er und Drek’Thar saßen am Feuer und hielten ihre Hände über die wärmenden Flammen. Drek’Thar war zu dieser Zeit bereits nicht mehr jung gewesen, doch sein Geist war noch immer messerscharf. Der Jetzt-Thrall war traurig, als er seinen Freund und Lehrer dort vor sich sah. Sein jüngeres Ich lauschte verzückt Drek’Thars sprachgewaltigem Bericht über das Band, das zwischen den Schamanen und den Elementen bestand. Schnee rieselte lautlos zu Boden. Der Jetzt-Thrall fühlte sich ruhig und konzentriert, und er spürte, wie der Schmerz der letzten Vision um Taretha langsam nachließ.
„Geerdet“, sagte er und verstand zum ersten Mal, woher das Wort stammte. „Wie die Erde. Das ist das Geschenk der Erde, oder?“
Der Wolf, der eigentlich Aggra war, nickte und fügte mit einem Anflug ihrer alten Kratzbürstigkeit hinzu: „Das erkennst du erst jetzt? Kein Wunder, dass du Schwierigkeiten hast.“
Thrall war ob ihrer schnippischen Antwort nicht irritiert, sondern vielmehr amüsiert. Vielleicht, dachte er, liegt das an der Ruhe und der Beständigkeit der Erde, die mich durchdringt. Allzu rasch schien dem Jetzt-Thrall der Nebel wieder aufzusteigen und die Szenerie zu verbergen. Aber er verstand, dass die Erde nun in ihm war. Jederzeit konnte er nun an diesem Ort des Friedens in sich gehen... Er lächelte... und erdete sich selbst.
Ein Element blieb noch übrig. An diesem Punkt angelangt, verstand er, dass der Ritus der Sicht dazu bestimmt war, ihm zu zeigen, dass die Elemente bereits in ihm waren, mit ihm und durch ihn lebten. Er begriff die wilde Leidenschaft des Feuers im Kampf, die liebende Natur des Wassers und die Ruhe und Beständigkeit der Erde. Aber er war neugierig zu erfahren, wie die Luft sich in ihm manifestieren würde.
Der Nebel bildete sich erneut und löste sich kurz darauf wieder auf. Thrall sah sich selbst in der Feste Grommash. Es war wieder spät in der Nacht, doch zahlreiche Kohlenpfannen, Fackeln und Öllampen spendeten ausreichend Licht und Wärme. Er stand vor einem Tisch, der mit Karten und ausgebreiteten Schriftrollen bedeckt war. Neben ihm befand sich sein alter Freund Cairne Bluthuf.
Da diese Szene sich während der vergangenen Jahre immer wieder ereignet hatte, konnte er diesen Augenblick nicht genau zuordnen. Er lächelte, beobachtete wie sein anderes Ich und Cairne lebhaft miteinander über Verhandlungen, Landrechte und Verträge sprachen und wie sie Lösungen für verschiedene Probleme fanden. Die Szene veränderte sich schnell, und plötzlich war er bei Jaina, so wie er es ebenfalls schon viele Male gewesen war. Sie sprachen vom Frieden und wie sie ihn erreichen und sichern wollten.
Tiefer gehende Gefühle als die Sorge um die Sicherheit der Leute, die er anführte, beseelten ihn nicht – kein Gefühl des Verwurzeltseins und keine brennende Leidenschaft. War er mit Jaina und Cairne zusammen, benutzte Thrall seinen Kopf und nicht seine Muskeln. Die Gespräche, bei denen sie über Neuanfänge oder die Hoffnung darauf sprachen, waren von Rationalität geprägt, nicht von Emotionen.
Der Jetzt-Thrall nickte und verstand alles. Natürlich! Die Luft –das Element der Klarheit der Gedanken, der Inspiration, der Einsicht und des Neubeginns. Gemeinsam mit Cairne hatte er den Neuanfang gewagt, als die Orcs in Kalimdor angekommen waren, und einen provisorischen Frieden mit Jaina Prachtmeer geschlossen. All dies war mit Worten geschehen, die zuvor sorgfältig überdacht worden waren. Das war etwas, das von einem Orc für gewöhnlich nicht erwartet wurde, was Thrall jedoch während seines ganzen Lebens getan hatte – angefangen bei den ersten Büchern, die er verschlungen hatte, bis hin zu diesem Moment, in dem er die schwierige Entscheidung getroffen hatte, die Welt zu verlassen und in die Scherbenwelt, nach Nagrand zu reisen.
Er lächelte, und als die Szene zu verschwinden begann, ließ er sie leichten Herzens los. Er wusste, dass mit der Luft immer etwas Neues kommen würde, das ihn forderte und inspirierte.
Gemeinsam mit Aggra in ihrer Wolfsgestalt wartete er auf das fünfte Element, den schwer fassbaren Funken, der es den Schamanen ermöglichte, sich mit den anderen Elementen zu verbinden. Er wartete darauf, dass er sich manifestierte oder ihm ein Zeichen gab, das ihm helfen würde bei der Rettung der Welt. Die Zeit verging, doch nichts geschah. Thrall wurde unruhig, und schließlich wandte er sich verwirrt an Aggra. Mit einer Stimme, die seltsam widerhallte, fragte er: „Werde ich Azeroth retten können? Oder die Horde?“
Endlich hob der Nebel sich. Thrall sah sich in der schwarzen Rüstung Orgrim Schicksalshammers, die ihn als Anführer der Horde auswies. Er trug die große Waffe des soeben erst verstorbenen Orcs und sah wie ein wahrer Krieger aus. Doch in seinem grünen Gesicht stand Angst – Angst und ein schreckliches Gefühl des Verlustes. Der Schicksalshammer zersplitterte in mehrere Teile, die mit solcher Geschwindigkeit fortflogen, als wären sie von einem Gewehr abgefeuert worden. Die Rüstung knackte und knirschte und fiel von ihm ab. Thrall stürzte auf die Knie, gekleidet in das, was er gerade trug: die schlichte braune Robe eines Initiierten.
„Nein“, keuchte er. Plötzlich war er wach und starrte in ein dunkelhäutiges orcisches Gesicht, das sich über ihn beugte, prachtvoll bemalt, mit freundlichen Augen und breiten, lächelnden Lippen, die zwei kleine, scharfe Hauer entblößten. Er griff nach ihrem Arm.
„Aggra, ich habe versagt... oder ich werde versagen! Sie zeigten mir...“
„Schschsch“, beruhigte sie ihn und schüttelte den Kopf. Seine Panik schien sie nicht anstecken zu können. „Die Elemente haben dir ein Bild gezeigt. Es liegt an dir zu entscheiden, was es bedeutet.“
Als er langsam zu sich kam, fühlte er sich ein wenig benommen. Behutsam richtete Aggra ihn in eine sitzende Position auf. „Es schien völlig klar zu sein.“
„Ich habe es auch gesehen“, sagte sie. „Vertrau mir, wenn ich dir sage, dass die klarsten Visionen meist die verwirrendsten sind. Aber es gibt eine Möglichkeit, Klarheit zu erlangen. Ich glaube, du bist bereit, die Elementare des Zorns zu sehen. Du hast deinen Ritus der Sicht abgeschlossen und erkannt, dass du die Elemente in dir trägst. Du bist bereit.“
„Werden sie mir helfen, die Vision zu verstehen?“
Aggra zuckte die Achseln. „Vielleicht ja, vielleicht nein. Aber zumindest wird es nicht wehtun, oder?“
Er lächelte. Ihre ironische Art war genau das, was er jetzt brauchte.
„Wann?“
„Morgen“, sagte Aggra. „Morgen.“
26
Thrall war überrascht, dass der Thron der Elemente so leicht zugänglich war und so nah bei Garadar lag. Es war nicht mehr als ein kurzer Weg über den Himmelsweisensee zu einer kleinen Insel, die im Schatten der Berge lag. Als sie näher kamen, sah er moosbedecke, aufrecht stehende Steine, die ein Muster bildeten.
„Warum sind die Elementare des Zorns so nah?“, fragte er Aggra.
Sie lächelte verhalten, und in ihren Augen lag eher Unmut als Wut, als sie antwortete: „Wenn du die gewaltige Verkörperung einer elementaren Kraft wärst, wäre es dir dann nicht auch egal, dass jemand dich stören könnte?“
Völlig überrascht lachte Thrall. Aggras Lächeln wurde breiter. „Es gibt Mitglieder des Irdenen Rings, die sicherstellen, dass die Elementare des Zorns nicht mit Nebensächlichkeiten behelligt werden. Nur diejenigen, die ihrer Weisheit bedürfen und ihrer Hilfe würdig sind, dürfen mit ihnen sprechen. Doch auch das geschieht nur aus reiner Höflichkeit. Die Elementare des Zorns können das sicherlich selbst handhaben.“