Ihre Worte überraschten ihn, aber er musste ihr zustimmen. Manchmal waren das Feuer und die Luft ein wenig launisch.
Das metaphysische Feuer in seinem Herzen war zu einer lodernden Glut geworden, die er deutlich spüren konnte. Er ging weiter zu Aborius und bewegte sich im Kreis um den Thron der Elemente herum. Schließlich kniete er vor dem Zorn des Wassers nieder, der sich ihm augenblicklich zuwandte. Thrall hatte noch nicht einmal seine Bitte formuliert, als er schon spürte, wie Wasser sanft auf sein Gesicht plätscherte. Er blickte auf und leckte sich die Lippen. Es schmeckte süß und rein, das frischeste Wasser, das er je getrunken hatte.
Go’el, dein Schmerz und deine Verwirrung sind meinem Schmerz und meiner Verwirrung gleich. Viele Wesen kommen mit ihren Sorgen zu mir, aber nur wenige verspüren sie so stark wie du. Wenn ich dir nur in dieser Welt helfen könnte, in der die Wassertropfen existieren, die von mir stammen und dennoch nicht die meinen sind! Dein Herz brennt leidenschaftlich darauf, zu helfen und zu heilen. Und das, um eine Welt zu retten, die wahrlich in Not ist. Ich kann dir kein Geschenk wie Incineratus machen, aber ich sage dir, dass du dich deiner Gefühle nicht zu schämen brauchst. Das Wasser soll dir das Gleichgewicht geben, das du suchst, dich wieder auffüllen und erfrischen. Hab keine Angst vor dem, was du auf dieser Reise spürst. Noch hab Angst vor den Wunden deiner Seele, die du heilen musst.
Thrall war verwirrt. Ich? Ich habe keine Wunden, sondern verspüre großen Zorn und den Schmerz, der Folter, die meine Welt peinigt.
Der Zorn des Wassers wurde von Mitgefühl ergriffen. Man tritt seinen Bürden erst dann gegenüber, wenn man dazu bereit ist, nicht schon vorher. Aber ich sage dir erneut, Go’el, Sohn von Durotan, Sohn von Garad: Wenn die Zeit kommt, in der du bereit bist, deine Wunden zu heilen, habe keine Angst, tief darin einzutauchen.
Wasser lief nun über Thralls Gesicht. Wieder öffnete er den Mund, um die süße Flüssigkeit zu trinken, doch nun schmeckte sie warm und salzig. Es waren Tränen. Er weinte. Für einen Augenblick erlaubte Aborius ihm, das Mitgefühl der Elemente, das sie für ihn empfanden, zu spüren.
Thrall schluchzte, schämte sich dessen jedoch nicht, wusste er doch, dass seine Gefühle wahr und rein waren. Die Tränen waren ein Teil des Geschenks, das die liebende Taretha Foxton ihm gegeben hatte – ganz so, wie es ihm auf so beschämende Weise in der vergangenen Nacht gezeigt worden war. Thrall erkannte, dass sein Wunsch, die Welt, in die er hineingeboren worden war, zu heilen, noch stärker war als der, sein Volk zu befreien. Er war sogar stärker als der Wille, dafür zu sorgen, dass sein Volk sein eigenes Land bekam, wo es sicher und glücklich leben konnte. Nur wenn Azeroth sich von diesen merkwürdigen Verletzungen erholen konnte, nur wenn es nicht mehr bebte oder weinte, konnten die Horde und die Allianz wirklich erblühen und gedeihen.
Das war der Grund, warum er das Verlangen gespürt hatte, in die Scherbenwelt zu reisen, und warum er die Horde zurückgelassen hatte – die Horde, die er geliebt und bei deren Entstehung er mitgewirkt hatte. Eine andere Wahl hatte er nicht gehabt.
Zitternd stand er auf, legte einen Arm über seine Augen und wandte sich dem letzten Zorn zu.
Gordawg war der imposanteste Zorn, beeindruckender noch als der wilde Incineratus. Der Zorn der Erde war wie ein zum Leben erwachter Berg, und als Thrall auf ihn zuging, bebte der Boden unter ihm.
Gordawg schien keine Notiz von Thrall nehmen zu wollen und entfernte sich. Thrall folgte ihm eilig und streckte flehentlich seine Gedanken nach ihm aus. Plötzlich blieb Gordawg so abrupt stehen, dass Thrall beinahe in ihn hineingerannt wäre.
Schwer und langsam drehte der Zorn der Erde sich um und blickte auf den Orc hinab, der im Vergleich zu ihm so winzig klein war.
Was willst du von Gordawg?
Ich komme aus einem Land, das Azeroth genannt wird. Den Geistern der Elementare dort droht Ungemach. Sie geben ihrem Schmerz mit Bränden, Fluten und Erdbeben Ausdruck.
Gordawgs Augenbrauen zogen sich zusammen.
Schmerzen? Warum?
Ich weiß es nicht. Ich habe die anderen gefragt, aber ihre Antworten waren verwirrend. Ich weiß nur, dass sie leiden. Deine Artgenossen konnten mir nicht helfen, dieses Rätsel zu lösen.
Gordawg nickte, als hätte er nichts anderes erwartet.
Gordawg will helfen. Aber anderes Land, weit weg. Kann nicht helfen, ohne Land zu kennen.
Thrall war nicht überrascht. Aus diesem Grund hatten auch die anderen ihm nicht helfen können: Es war nicht ihre Welt.
Plötzlich kam ihm ein Gedanke. Gordawg, es gibt ein Portal, das Zugang nach Draenor und Azeroth bietet – oder dem, was davon noch übrig ist. Einst war es geschlossen, damit die Zerstörung von Draenor meine Welt nicht mit sich riss. Jetzt könnte die Krankheit meiner Welt auf deine übergreifen, wenn ich sie nicht aufhalte. Kannst du nichts tun, um mir zu helfen? Indem du mir hilfst, könntest du möglicherweise die Scherbenwelt beschützen.
Gordawg hört, was du sagst. Gordawg versteht die Notwendigkeit. Aber dennoch sagt Gordawg erneut: Wenn es diese Welt hier wäre, dann Gordawg wüsste Bescheid. Das große Wesen kniete sich hin, nahm eine Handvoll Erde auf und stopfte sie sich vor Thralls verblüfften Augen in sein Maul. Ich schmecke. Ich kann sagen, wo diese Erde gewesen ist und was ihre Geheimnisse sind.
Thralls Augen weiteten sich angesichts der Idee, die ihm durch den Kopf schoss. Konnte es so einfach sein?
Er hatte immer einen kleinen Altar dabei – eine Feder, die die Luft repräsentierte, einen kleinen Kelch für das Wasser, Feuerstein und Zunder für das Feuer...
... und einen kleinen Stein für die Erde. Hastig kramte er in seinem Beutel herum. Seine Finger zitterten vor Hoffnung und Angst. Schließlich zog er seine Hand mit dem kleinen Stein aus dem Beutel.
Es war tatsächlich der Teil eines Elements aus Azeroth, während die anderen Gegenstände – der Feuerstein und der Zunder, der Kelch und die Feder – nicht mehr als Symbole waren. Doch dies war das Element selbst, das es repräsentierte.
Gordawg... Hier ist ein Stein von meiner Welt. Wenn du alles aus ihm herauslesen kannst, bitte ich dich, es mir anzuvertrauen.
Gordawg starrte ihn an. Der Stein war klein. Er beugte sich vor, streckte seine riesige Hand aus, und Thrall legte den Stein behutsam hinein.
Nicht viel für Gordawg zu schmecken, knurrte er. Aber Gordawg versucht. Gordawg will helfen.
Der Stein, der im Vergleich zu Gordawgs Hand nicht mehr als ein Sandkorn war, verschwand in dem riesigen Schlund des Zorns der Erde. Thrall blickte zu Aggra hinüber, die ihre Arme ausstreckte und mit den Schultern zuckte. Sie war ebenso verwirrt wie er.
Plötzlich knurrte Gordawg. Nicht die normale Art der Erde.
Nicht richtig. Wütend, ängstlicher Stein hier. Etwas hat ihn so gemacht!
Thrall hörte zu und konnte vor Aufregung kaum atmen.
Etwas war einst in Ordnung, aber ist nun falsch. War von der Welt, aber ist nun unnatürlich und finster. War verwundet, einst, aber nun ist geheilt – doch Heilung war falsch. Ist wütend. Will andere verletzen. Will Erde dazu bringen, andere zu verletzen. Muss aufgehalten werden!
Gordawg stampfte mit dem Fuß auf, und die Erde erbebte dröhnend.
Dieses Etwas, dachte Thrall. Ist es in Azeroth?
Stein befürchtet, dass es kommt. Ist nicht dort, noch nicht. Aber Stein hat Angst. Armer Stein. Gordawg hob die Hand, streckte die Finger aus und wies auf Thrall. Du hast Schrei von verängstigtem Stein gehört. Von allen Elementen. Diese Beben der Erde, riesige Wellen, Feuer ... Damit sagen Elemente, dass sie Angst haben. Du musst sorgen, dass sie nicht mehr verwundet werden... oder alles völlig vernichtet!