»Was wollen Sie denn nun von mir?«, fragte ich laut.
Sollte mir tatsächlich jemand nachspionieren, hegte dieser Jemand ganz eindeutig nicht die Absicht, mir zu antworten.
Neben dem Lichtschalter befand sich auch eine Steckdose. Ich steckte das Handy ins Ladegerät und stellte den Wecker auf acht Uhr. Meine Einkaufstüte aus dem Supermarkt landete auf dem Tisch. Dann ging ich wieder hinunter, um das Licht im Parterre auszuschalten. Wieder oben angelangt, löschte ich auch im ersten Stock das Licht. Zu meiner Verblüffung fand ich das Bett selbst in absoluter Dunkelheit ohne Schwierigkeiten. Erleichtert befreite ich mich von den nassen Schuhen, zog mich aus und hing die durchweichten Sachen über die Stühle.
Dann legte ich mich zu Bett.
Morgen, da würde es losgehen. Keine Ahnung, was genau, aber die Nacht gehörte noch mir.
Eine Zeitlang lag ich reglos da und lauschte dem Plattern des Regens. Irgendwann schlief ich ohne jedes Grübeln ein. Falls ich etwas träumte, erinnerte ich mich nicht mehr daran.
Nicht der Wecker riss mich aus dem Schlaf, sondern ein Hämmern. In den ersten glückseligen Sekunden wusste ich nicht, wo ich mich befand und was mir passiert war. Dann fiel mir alles wieder ein. Schlagartig. Cashew, der mich verbellte, Melnikow, der schöne Reden schwang, der Ausweis, der sich in Nichts auflöste, das Blut an meinen Händen, die Stimme im Telefon ...
Ich schlug die Augen auf und setzte mich im Bett hoch. Anscheinend schlossen die Läden vor einem der Fenster nicht dicht ab, sodass die schwache Morgensonne ins Zimmer fiel. Das Licht wirkte erstaunlich hell, fast wie im Winter. Fröstelnd, denn es war kühl, trat ich ans Fenster. Gestern Abend hatte ich nicht versucht, die Läden aufzumachen, was sich jetzt jedoch als überraschend leicht erwies. Zunächst öffnete ich die Fensterflügel, dann löste ich die Haken von den wie vernickelt funkelnden Läden und klappte sie auf.
Frische kalte Luft wogte ins Zimmer. Und Licht. Viel Licht. Das Fenster ging nicht zu den Gleisen hinaus, sondern auf eine Gasse voller alter fabrikartiger Ziegelbauten, die fast keine Fenster aufwiesen. All das überzog sauberer, im Licht der aufgehenden Sonne rosa schimmernder, noch unberührter Schnee. Der Schatten des Turms fiel auf den Schnee, um dann an der Brandmauer des Nachbargebäudes hochzukriechen. Diese Bauten glichen noch am ehesten Fabriken aus dem 19. Jahrhundert, die geschäftstüchtige Menschen noch nicht in eine Disco oder einen Nachtclub umgewandelt hatten.
Voller Vergnügen atmete ich die nächsten Minuten einfach durch, im grellen Licht leicht blinzelnd. Woher kam dieses Fabrikviertel? Im alten Bezirk Samoskworetschje gab es davon etliche, auch im Stadtteil Ismailowo mangelte es nicht daran. Aber niemals hätte ich gedacht, solche Viertel mitten in der Stadt zwischen den Metrostationen Rishskaja und Alexejewskaja anzutreffen, sobald man sich ein paar Schritt vom Prospekt Mira entfernte.
Ich schloss das Fenster - inzwischen war es eiskalt - und zog mich geschwind an. Meine Jeans waren trocken, das Hemd ebenfalls, aber die Schuhe waren noch feucht. Hm, der Winter brach früh an. Und meine Kleidung taugte bei diesem Wetter überhaupt nichts.
Von unten klang ein Klopfen herauf, und ich erschauderte, als mir der Grund meines Erwachens wieder einfiel. Hören wir doch mal, wer da hämmert. Der Postbote ja wohl gewiss nicht.
Binnen einer halben Minute hatte ich mich komplett angezogen, das Handy in die Tasche gesteckt und eilte über die Wendeltreppe hinunter.
Bis fast nach unten. Auf der letzten Stufe hielt ich inne und klammerte mich an das hölzerne Geländer. Ein leichter Schauder durchrieselte mich - der wahrlich nicht auf die Kälte zurückging.
Wo zum Teufel kam diese Wendeltreppe her?
Gestern führte hier noch eine Art metallene Feuerleiter nach oben. Ein dämliches, ungeeignetes Ding.
Jetzt schlängelte sich eine anderthalb Mal gewundene Treppe durch den Raum. Sie war komplett aus Holz gearbeitet, mit einem Geländer, Stufen und einer Mittelsäule ausgestattet. Da war jemand am Werke gewesen, der was von seiner Sache verstand, denn die Stufen waren rau, nicht rutschig, das Geländer genau in der richtigen Höhe, sodass die Hand sich wie von selbst darauf legte.
Mir fiel wieder ein, wie ich in meiner alten Wohnung nach Hinweisen auf eine Renovierung gesucht hatte. Wie naiv! Hier hatte es jemand fertiggebracht, eine ganze Wendeltreppe einzubauen, während ich schlief.
Und nicht nur eine Treppe! Gestern Abend war der Fußboden im Erdgeschoss noch aus Beton gewesen. Heute aus Holz. Breite, dicht aneinander gefugte Dielen lagen hier, die nicht lackiert waren wie Parkett, sondern gleichsam mit dunklem Öl behandelt zu sein schienen. Ein höchst geschmackvoller Anblick, ohne Frage.
Die Glühbirnen unter der Decke schmückten sich jetzt mit einem Gitterschirm aus Metall. Das erinnerte ein wenig an Straßenlaternen, machte aber eigentlich ebenfalls etwas her.
Meine häuslichen Bedingungen, das musste ich zugeben, hatten sich nach einem kurzfristigen Sturz extrem verbessert. Vorgestern Morgen hatte mir noch eine kleine Einzimmerwohnung gehört, dem gestrigen Abend hatte ich als Obdachloser entgegengesehen, weshalb ich mich in einem aufgegebenen Turm an einem Eisenbahngleis schlafen gelegt hatte. Nun nannte ich ein zweigeschossiges Apartment mein Eigen, dessen Einrichtung eines gewissen Luxus nicht entbehrte.
Das Klopfen riss nicht ab, und mittlerweile erkannte ich auch, an welcher Tür es pochte. Falls ich meine räumliche Orientierung nicht völlig verloren hatte, handelte es sich nicht um die, durch die ich hereingekommen war.
Ich ging zur Tür, wo ich kurz zögerte. Dann schob ich den Riegel entschlossen zur Seite und riss die Tür auf.
O nein, durch diese Tür war ich nicht hereingekommen. Diese Seite des Turms führte in die verschneite Gasse mit den Fabriken. Und dort im Schnee stapfte ein Mann in mittleren Jahren von einem Fuß auf den anderen. Er trug eine Uniform aus grauem Tuch, deren Brust eine große Kupferplakette zierte, Stiefel, eine Fellmütze - und eine pralle Umhängetasche. Die Ungeduld in seinem Gesicht wich bei meinem Erscheinen der Freude.
»Blas mir doch den Schuh auf«, entschlüpfte es mir.
»Was?«, fragte der Mann ganz kopfscheu. Er ließ den Blick schweifen und zuckte verständnislos die Schultern. »Was ist denn mit Ihrem Schuh?«
»Nichts ... Vergessen Sie’s. Äh ... was gibt’s?«
»Guten Morgen. Ein zauberhafter Tag, nicht wahr? Ihre Post.« Der Mann schlug gegen seine Tasche. Dann beäugte er mich mit einem Hauch von Misstrauen.
»Ach ja, natürlich. Guten Morgen. Das hab ich mir schon gedacht.«
»Ihre Post«, wiederholte der Mann. »Zwei Päckchen und ein Brief.«
Die Päckchen waren rechteckig und schwer. Bei dem Brief handelte es sich um einen profanen weißen Umschlag, der weder frankiert noch adressiert oder mit einem Absender versehen war.
»Vielen Dank«, sagte ich, während ich meine Sendungen entgegennahm. Der Postbote lüpfte formvollendet die Mütze. Keine Ahnung, wie er das anstellte, doch die Geste wirkte durch und durch natürlich. »Sch... schulde ich Ihnen etwas?«
»Nein, nein, es ist bereits alles bezahlt«, antwortete der Postbote höflich. »Alles Gute.«
Damit drehte er sich um und verschwand hinterm Turm. Ich wartete ein paar Sekunden ab, um dann, einer irrwitzigen Vermutung folgend, hinter ihm herzustürzen.
Ich stieß weder auf Stalinbauten noch auf einen Wall neben den Gleisen oder einen asphaltierten Weg.
Stattdessen entdeckte ich Fabriken, eine schmale verschneite Straße, die zwischen ihnen hindurchführte, und die Kutsche, die auf den Postboten wartete. Natürlich war das eigentlich keine Kutsche. Aber woher sollte ich denn wissen, wie diese zweirädrige offene Equipage hieß, vor die ein Pferd gespannt war? Char-à-Bancs? Phaeton? Tilbury?