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»Was? Was für ein Bäuchlein?«, empörte ich mich. »Ich wiege kein Gramm zu viel.«

»Das ist ganz normal, schließlich übst du eine sitzende Tätigkeit aus«, parierte Kotja.

... Bäuchlein, ovales Gesicht, volle Wangen ...

»Wenn man dich so hört, könnte man meinen, ich sei der reinste Fettsack ...«, grummelte ich. »Achtzig Kilo bringe ich auf die Waage. Bei meiner Größe ist das absolut normal.«

... Wangen, braune Augen, dunkelbraunes Haar, gerade Nase, Ohren mit deutlich ausgebildeten Läppchen.

»Hast du vielleicht auch schon mal für die Miliz gearbeitet, Kotja?«, fragte ich. »Denen irgendwelche Personenbeschreibungen abgeliefert?«

Kotja grinste bloß.

Insgesamt ein freundliches und attraktives Gesicht. Er spricht schnell, die Stimme klingt leicht gedämpft, im Gespräch neigt er zu Kalauern und Spitzen gegenüber seinem Gesprächspartner. Wenn ich ohne ihn nach Hause komme und vergessen haben sollte, wer Maximow ist, dann werde ich diese Aufzeichnungen lesen und mich an alles erinnern. Etwas Merkwürdiges geht mit Kirill vor sich, und mir gefällt überhaupt nicht, dass ich in diese Geschichte verwickelt bin.

Danach folgte eine leere halbe Seite, schließlich noch einige Zeilen aus der Erzählung, in die Kotja diese Notiz für sich eingefügt hatte:

»So läuft der Hase!«, beendete Semjon Makarowitsch voller Heiterkeit den Einzelunterricht und wischte sich den Schweiß von Stirn. »Das nennt sich tantrisches Yoga und wurde vor Jahrtausenden von den Hetären im alten Griechenland ersonnen.«

»Vielen Dank!«, rief Julja und errötete.

Ich schaute Kotja an und zeigte ihm einen Vogel. »Was für Hetären?«

»Die im alten Griechenland!« Kotja schnappte sich die Blätter. »Dergleichen verlangt meine Arbeit halt ...«

»Mir ist bekannt, was deine Arbeit verlangt.«

»Was ist gestern bei Melnikow passiert?«, fragte Kotja.

»Hast du ihn deswegen etwa nicht schon angerufen?«, wollte ich wissen. »Woran erinnerst du dich denn selbst noch?«

»Doch, ich habe ihn angerufen«, antwortete Kotja würdevoll. »Er glaubt, ich sei allein bei ihm gewesen und wir hätten uns über Literatur unterhalten. Das deckt sich mit meiner Erinnerung. Und das war’s dann auch.«

»Und wie ich dich aufgehalten habe, als du aus dem Haus gehen wolltest?«

Kotja schüttelte den Kopf.

»Setzen wir uns, das wird ein langes Gespräch.«

Wir bewaffneten uns jeder mit einer Flasche Bier (Kotja zeigte sich entzückt, da ich daran gedacht hatte, ihm sein geliebtes Obolon zu besorgen, während ich mir ein normales Tuborg gekauft hatte), und ich fing mit meinem Bericht an. Ohne etwas auszulassen. Ich erzählte, wie ich das Messer gekauft und Natalja Iwanowa aufgelauert hatte, wie sie sich erdolcht hatte ...

»Bist du sicher, dass nicht du sie erstochen hast?«, konnte Kotja sich nicht verkneifen zu fragen.

»Ja. Ich stand mit dem Messer in der Hand da und wollte ihr das Klebeband aufschneiden ...«

»Man kann sich nicht so in ein Messer fallen lassen, dass man dabei stirbt!«, argwöhnte Kotja.

»Hast du es schon mal ausprobiert?«

Kotja hüllte sich in Schweigen.

Als ich zu der Episode mit der Miliz kam, die mich nach der Verhaftung auf freien Fuß gesetzt hatte, riss Kotja der Geduldsfaden: »Also wirklich, Kirill, so was ist absolut unmöglich!«

»Aber so ist es gewesen.«

»Ja, ja, schon gut ...« Kotja geriet ins Grübeln. »Du hast gesagt, sie haben dich geschlagen, nicht wahr?«

»Ich habe gedacht, die brechen mir ein paar Rippen. Ein paarmal haben die mit einer Wucht zugetreten ...«

»Und dein Nachbar hat dir eins aufs Auge gehauen?«

»Ja.«

»Hast du dich mal im Spiegel angeguckt?«

»Stimmt denn was nicht?«

Kotja griente. »Nein! Und genau das ist es ja. Du hast ein frisches und zufriedenes Gesicht. Als ob du eine Woche Urlaub gemacht hättest. Tun deine Rippen weh?«

Nach kurzem Nachdenken öffnete ich meine Jacke und hob den Pullover hoch.

»Keine Spuren«, konstatierte Kotja. »Du musst schon verzeihen, aber so was gibt es einfach nicht. Wenn dich jemand mit Füßen tritt, hast du am nächsten Morgen mindestens ein paar blaue Flecken.«

Dem ließ sich nur schwerlich etwas entgegensetzen.

»Gut, dann weiter«, ergriff ich wieder das Wort. »Damit sind die Wunder nämlich noch nicht zu Ende.«

»Nachdem dich die Bullen haben laufen lassen, kann es noch größere Wunder gar nicht geben«, wandte Kotja skeptisch ein.

Zehn Minuten später hatte ich die Geschichte von dem Turm beendet. »Wie steht’s?«, fragte ich hämisch. »Ist das noch erstaunlicher als die Sache mit den Bullen?«

»Wo ist dieser Turm?«, wollte Kotja wissen.

»Da drüben«, antwortete ich.

Kotja nahm die Brille ab, um sie zu putzen. »Das ist ein alter Wasserturm«, erklärte er dann.

»Ja, sicher. Äußerlich.«

»Kannst du mich da mit hinnehmen?«

»Klar.«

»Dann lass uns gehen.« Unternehmungslustig erhob er sich. »Obwohl ich hundertprozentig davon überzeugt bin, dass wir die Tür nicht aufkriegen und es im Innern des Turms nichts Seltsames zu entdecken gibt.«

Wenn ich ehrlich sein sollte, befürchtete ich genau das. Woher wollte ich wissen, ob ich jemanden mitbringen durfte? Vielleicht stand ja nur mir der Zugang zu anderen Welten offen? Im Grunde wäre das sogar logisch.

Doch die Tür des Turms ließ sich öffnen. Und innen drinnen war alles genauso, wie ich es in Erinnerung hatte: Die Wendeltreppe zog sich hoch zum ersten Stock, auch die fünf Türen fehlten nicht.

»Mein lieber Schieber«, stieß Kotja aus, während er sich umschaute. »Siehst du das Gleiche wie ich? Alles ist ordentlich renoviert, eine Wendeltreppe führt nach oben ...«

»Stimmt.«

»Zeig mir diese Tür!«, verlangte Kotja. »Die nach Kylgym!«

»Kimgim«, verbesserte ich.

Ich trat an die Tür, und noch bevor ich sie öffnete, wusste ich, dass alles in Ordnung war: Die Metallklinke war eiskalt.

Es schneite. Eine dichte Wolkendecke hatte sich am Himmel zusammengezogen, auf unsere Köpfe segelten zarte weiße Flocken nieder. In den Fenstern der Fabriken (wie kam ich eigentlich darauf, dass es sich um Fabriken handelte?) brannte kein Licht, Geräusche drangen ebenfalls keine zu uns herüber. Die Spuren der Postkutsche waren längst unter dem Schnee begraben.

»Also, von da ist der Postbote gekommen«, sagte ich. »In einem Tilbury.«

»Interessant«, bemerkte Kotja und linste zu mir herüber. »In einem Tilbury, sagst du?«

Ich zuckte mit den Achseln. Ich riss die Zellophanhülle von dem Fotoapparat und machte einige Bilder. Ein winziges Lämpchen blitzte mehrmals hintereinander in dem Versuch auf, die Umgebung zu beleuchten. Immerhin war ein 400er-Film eingelegt, die Aufnahmen müssten also eigentlich gelingen.

»Alles deutet darauf hin, dass wir es mit einer Parallelwelt zu tun haben«, sagte Kotja. »Meinst du nicht auch? Eine, die nicht so weit entwickelt ist wie unsere. Oder nicht?«

»Hm ... scheint so.«

»Gehen wir wieder rein.« Schlagartig wurde Kotja ernst.

»Glaubst du mir jetzt?«, fragte ich, während ich den Riegel vorlegte.

»Ja, tu ich ...« Kotja rüttelte an den anderen Türen. »Durch die Bank verschlossen ... Mist verfluchter! Was hat das alles zu bedeuten?«

Er tigerte durchs Zimmer, presste das Ohr an die Türen und klopfte gegen sie. Fehlte bloß noch, dass er sie beschnuppert hätte. Danach untersuchte er sogar den Holzfußboden.

»Der ist über Nacht entstanden«, erklärte ich dermaßen stolz, als hätte ich höchstpersönlich in einer einzigen Nacht dreißig Quadratmeter mit massiven Dielen ausgelegt.