Выбрать главу

»Das ist Lärche«, teilte Kotja mir mit. »Es riecht nicht nach Lack. Und lackieren kann man es erst, nachdem es verlegt ist!«

»Das gleiche Mysterium wie in meiner Wohnung«, bestätigte ich. »Nirgends lassen sich Hinweise auf die Umbauarbeiten entdecken.«

»Die Realität hat sich geändert ...«, brachte Kotja aufgewühlt hervor. »Und mit der Realität hat sich auch alles andere verändert. Bloß du bist unverändert geblieben!«

»Wollen wir nach oben gehen?«, lud ich ihn gastfreundlich ein. »Da sieht es noch komischer aus.«

»Oder im Gegenteil«, spann Kotja seine Überlegungen weiter, während er mir folgte. »Die Realität ist unverändert geblieben, aber du hast dich verändert. Deshalb sind die normalen Dinge für dich jetzt ganz ungewohnt ...«

»Ist das eine euphemistische Umschreibung von: Ich habe den Verstand verloren?«, fragte ich. »Hast du etwa noch nicht davon gehört, dass jeder aufgegebene Wasserturm nach europäischem Standard modernisiert worden ist?«

Kotja seufzte nur.

Im ersten Stock untersuchte er ebenfalls erst einmal fünf Minuten lang das Interieur. Er starrte zu den Fenstern hinaus und besah sich die Möbel. Obwohl er sich dabei verbrannte, drehte er eine Glühbirne heraus und inspizierte ausführlich die Fassung. Anschließend wandte er sich den beiden mir zugesandten Büchern zu, die er voller Interesse durchblätterte.

Ich störte ihn nicht, sondern schenkte uns unterdessen einfach den gestern gekauften Kognak ein und schnitt Wurst und Käse auf. Ich fasste wieder ein wenig Mut. Mochte mein Freund mich auch vergessen haben - unsere Beziehung hatte sich deswegen nicht verändert. Vermutlich lag das daran, dass ich genau wusste, wie ich ihn nehmen musste, welche Worte ich sagen sollte und wie ich mich ihm gegenüber am besten verhielt.

»Etwas passt hier nicht zusammen ...« Kotja legte das Buch beiseite und sah mich nachdenklich an. Beiläufig griff er nach dem Kognak. »Nur um den Stress loszuwerden ...«, murmelte er.

»Und was passt nicht zusammen?«, fragte ich, während wir den Kognak tranken.

»Nichts passt zusammen. Was haben wir denn eigentlich in der Hand? Du bist ein durchschnittlicher junger Moskauer. Du gehst irgendeiner dämlichen Beschäftigung nach, lebst in einer Wohnung, die dir deine Eltern geschenkt haben, bist unverheiratet und hast keine Kinder. Besondere Talente hast du ebenfalls nicht vorzuweisen. Stimmt’s?«

»Ja«, bestätigte ich.

»In deiner Wohnung nistet sich ein unbekanntes Weib ein, all deine Dokumente lösen sich in Luft auf, deine Freunde und deine Eltern wissen nicht mehr, wer du bist. Du vermutest, hinter der ganzen Geschichte steckt böse Absicht, und nimmst dir die Schurkin, die dir deine Wohnung abspenstig gemacht hast, zum Verhör vor. Die jedoch bringt sich kurzerhand selbst um. Du wirst verhaftet, aber der Gedächtnisschwund der Bullen schreitet fort, und sie lassen dich wieder frei.«

»Das klingt wirklich idiotisch«, räumte ich ein.

»Eben nicht!« Kotjas Hand schoss in die Höhe. »Da irrst du dich gewaltig! Bis jetzt ergibt das alles nämlich noch eine ganz logische Kette! Irgendeine Kraft löscht dich aus unserer Realität aus. Was das für eine Kraft ist - Außerirdische, die Freimaurer oder der Herrgott - spielt vorerst gar keine Rolle. Schauen wir uns jetzt mal an, was weiter passiert. Jemand ruft dich an und lotst dich zu einem aufgegebenen Wasserturm. Im Innern ist der Turm zu einer Wohnung ausgebaut, über Nacht gewinnt das Ambiente sogar noch. Ferner gibt es in diesem Turm fünf Türen, wovon eine - und bislang ist es nur eine - in eine fremde Welt führt! Außerdem macht man dir unmissverständlich klar, dass du hier die Aufgabe des Zöllners zu übernehmen hast. Begreifst du jetzt, was hier nicht zusammenpasst?«

»Nein, das tu ich nicht! Da steckt doch genauso diese unbekannte Kraft dahinter wie bei den anderen Dingen!«

Kotja seufzte. Er goss jedem von uns noch ein Gläschen ein.

»Blödmann. Nimm doch mal einen x-beliebigen - na gut, lassen wir Männer mit Familie beiseite, die haben ihre eigenen Grillen -, also nimm einen x-beliebigen ledigen jungen Mann. Einen Hausmeister, Studenten oder erfolgreichen Mitarbeiter einer großen Firma, das ist einerlei. Nimm ihn und schlag ihm eine neue Arbeit vor: Zöllner an der Grenze zwischen zwei Welten!«

»Klingt doch ganz reizvoll«, gab ich zu.

»Ich würde das Angebot auf der Stelle annehmen!« Kotjas Brille funkelte wild. Natürlich rührte das von einer abrupten Drehung des Kopfes her. Gleichwohl sah es aus, als blitzten seine Augen in hitzigem Eifer. »Jeder würde so was annehmen! Du auch!«

»Hm, weißt du ...« Ich blickte zum Fenster hinaus. In der mysteriösen Stadt Kimgim schneite es nach wie vor. Außerdem dämmerte es dort bereits. Ein ruhiger, geheimnisvoller und sauberer Ort. Im anderen Fenster nieselte es, der Boden war zu einem matschigen Brei aufgeweicht. Schwarzen Rauch ausstoßend, fuhr ein schwerer Laster die Straße entlang. »Stimmt, ich würde es akzeptieren«, sagte ich zu meiner eigenen Überraschung.

»Siehst du.« Kotja nickte. »Und jetzt denk doch mal nach: Wozu der ganze Aufwand? Wozu die Sache mit der Wohnung, den Papieren, wozu der Gedächtnisschwund deiner Freunde und dieses verrückte selbstmörderische Weib? Sie hätten doch einfach bei dir vorbeikommen und dir eine neue Arbeit anbieten können und damit basta. Und genau das lässt mir keine Ruhe, Kirill.«

»Du versuchst, die Logik der ...« Ich schluckte das Wort ›Außerirdischen‹ herunter und fuhr stattdessen fort: »... dieser unbekannten Kraft zu verstehen. Aber vielleicht handelt die gar nicht logisch.«

»Es gibt immer eine Logik!«, entgegnete Kotja scharf. »Wenn sie fehlt, heißt das nur, wir verstehen nicht, was vor sich geht. Und das macht mich nervös ... Außerdem ...«

Er langte nach einem der beiden Bücher, schlug es am Anfang auf und fuhr mit dem Finger über die Seite. »Was ist Asant?«

»Ein orientalisches Gewürz«, antwortete ich arglos. »Es ist Bestandteil des Currys. Man nennt es auch Hing oder Asa foetida.«

»Ich glaub dir ja«, beteuerte Kotja. Daraufhin schlug er das Buch etwas weiter hinten auf. »Und was ist ... äh ... Jouy?«

»Ein Stoff. Aus Baumwolle.«

»Und wodurch unterscheidet er sich von normalem Stoff?«

»Also ... das ist ein Stoff ... weiß oder beige, den eine einfarbige Zeichnung ziert. Idyllische Weiden, Schäfchen, kleine Bäume ...«

Ich verstummte.

»Ist der Groschen gefallen?«, fragte Kotja. »Als du den Tilbury erwähnt hast, hat mir sofort was geschwant. Oder hast du vielleicht mal als Koch in einer Stofffabrik gearbeitet?«

Ich schüttelte den Kopf.

Als besonders peinlich empfand ich den Umstand, dass mir diese neuen Kenntnissen überhaupt nicht bewusst waren. Was für Gewürze? Ich kenne nur zwei: Salz und Pfeffer! Und was bitte schön für Stoffe? Es gibt Naturfasern, und es gibt Synthetik. Letztere mied man besser. Vor allem in Form von Socken.

Aber als Kotja mich examiniert hatte, schlüpften mir die Antworten wie von selbst aus dem Mund. Vor meinem inneren Auge tauchten Asant (sogar der scharfe knoblauchartige Geruch war mir präsent) und ein dicker Ballen Toile de Jouy mit einer ländlichen Szene auf.

»Anscheinend offeriert man dir dieses Wissen zusammen mit deiner neuen Tätigkeit«, dachte Kotja laut nach. »Wie solltest du sonst auch deiner Arbeit nachgehen? Huch!«

Obwohl unser beider Nerven zum Zerreißen gespannt waren, erschreckte mich das Klopfen nicht im Geringsten - im Unterschied zu Kotja. Ich stand auf und begab mich nach unten.

»Halt!«, rief Kotja aufspringend. »Guck wenigstens erst durch den Spion!«

»Durch welchen Spion denn?«, verwunderte ich mich.

»Wie nachlässig! Kein Spion!« Kotja geriet in Panik, daran bestand kein Zweifel. »An welcher Tür klopft es? An welcher?«

»An unserer! An der Moskauer!«

»Frag erst, wer da ist!«