Das unterließ ich jedoch. Stattdessen öffnete ich einfach.
Etwas abseits stand, nicht auf der Straße, sondern am matschigen Rand, ein großer dunkelblauer Audi Allroad. Unmittelbar vor der Tür warteten drei Personen. Ein Mann um die fünfzig in einem teuren, wenn auch etwas altmodischen Kaschmirmantel und mit derart sauberen Schuhen, als hätte man ihn direkt vor der Tür abgesetzt. Ein Herr in Amt und Würden, das war auf den ersten Blick klar. Hinter ihm hielt sich eine zwanzigjährige Frau, die einen Nerzmantel trug und auch ansonsten stilvoll gekleidet war, eine attraktive Frau, aber mit einem derart angewiderten Gesichtsausdruck, als zwänge sie jemand, im Dreck zu wühlen. Hinter den beiden ragte ein kräftiger Kerl mit finsterer Miene auf, dem nur noch ein Plakat vor der Brust fehlte: ›Ich bin ein unglaublich entschlossener Bodyguard‹. Allerdings beäugte mich der Leibwächter nicht mit dem üblichen professionellen Misstrauen, sondern mit verängstigtem Trotz. Als hätte ich ihm erst kürzlich ungestraft ein paar Ohrfeigen verabreicht, ihm dann auf die Schulter geklopft und wohlwollend gesagt: »Braver Junge.«
Es ist ein erstaunliches Gefühl, wenn dir klar wird, dass jemand Angst vor dir hat.
»Guten Abend«, ergriff der Mann mit dem hochherrschaftlichen Gebaren das Wort. Prompt verkrampfte ich mich, denn mir fiel die Stimme aus dem Handy ein. Aber nein, das war nicht er gewesen. Sie ähnelten sich nur in der grundsätzlichen Selbstsicherheit. »Wir kommen jetzt herein.«
»Bitte schön.« Ich trat zur Seite.
Der Mann und die Frau betraten den Turm. Der Leibwächter blieb draußen stehen.
»Alles bleibt wie vereinbart, Vitja«, warf ihm der Mann noch zu, bevor er die Tür schloss.
Eine unangenehme Pause trat ein. Die Frau klopfte die Regentropfen von ihrem Pelz. An die hohen Absätze ihrer Stiefel schien sie nicht gewöhnt, denn sie stand recht unsicher auf ihnen da. Der Mann sah sich um. Mir lächelte er zu, für den auf der Treppe erstarrten Kotja hatte er ein Nicken übrig. Aus irgendeinem Grund nahm Kotja geschwind die Brille ab, die er in der Hand gepackt hielt.
»Wollen Sie zu mir?«, fragte ich.
Der Mann zog die Augenbrauen in die Höhe. »Nein. Wir wollen hier nur durchgehen.«
»Nach Kimgim?«, erkundigte sich Kotja mit vor Aufregung heiserer Stimme von der Treppe aus.
»Gibt es denn schon andere Möglichkeiten?«, wollte der Mann wissen.
»Nein«, antwortete ich.
»Dann nach Kimgim.«
»Wir hätten zur Metrostation Semjonowskaja fahren sollen ...«, mischte sich die Frau mit leiser Stimme ein.
»Und unterwegs eine Stunde im Stau stehen? Das hier geht schneller«, fiel ihr der Mann ins Wort. »Können wir durch? Waren führen wir keine mit.«
Natürlich hätte ich eine Erklärung von ihnen erbitten müssen. Nein, nicht erbitten, einfordern hätte ich sie müssen. Aber etwas hielt mich zurück. Vielleicht das Gefühl, diesen wie aus dem Ei gepellten Herrn um eine Erklärung zu ersuchen käme der Frage gleich, wie viele Zylinder sein Wagen hätte. Er würde es nicht wissen, denn es reichte ihm vollauf, mit dem Auto zu fahren.
Vielleicht ließ mich jedoch auch der Blick der Frau davon absehen? Der war nämlich ebenso verärgert wie ... flehend. Als ob sie jede Verzögerung tödlich fürchtete - und darüber in Rage geriet. Sowohl mir grollte als auch ihrem Begleiter.
»Gehen Sie durch diese Tür«, meinte ich mit einem Nicken.
Sie marschierten durch den Turm, Schmutzspuren auf dem Fußboden zurücklassend. Die Frau griff einmal mit der Hand nach dem Treppengeländer, als verlöre sie das Gleichgewicht. Der Mann schob selbstsicher den Riegel zurück, ließ der Frau den Vortritt und nickte mir zum Abschied höflich zu.
Ich ging zur Tür, um sie abzuschließen. Dabei bemerkte ich, dass in einiger Entfernung vom Turm eine Kutsche auf das Paar wartete. Eine vierrädrige, mit zurückklappbarem Verdeck.
»Was für eine Dame!«, rief Kotja hinter mir verzückt aus. »Nicht wahr? Oder was meinst du?«
»Ganz passabel«, antwortete ich und schlug die Tür zu.
»Was heißt hier passabel? Die Freundin dieses Stiesels ist einfach klasse!«
»Vielleicht ist es ja seine Tochter?«
»Pah!« Kotja schlug vor Empörung sogar die Hände über dem Kopf zusammen. »Mit dem Hintern? Also, manche Männer haben ein Glück ... Übrigens hätten wir sie ordentlich ausfragen sollen!«
»Ich glaube nicht, dass sie hinter dem Ganzen stecken«, erwiderte ich.
Etwas beschäftigte mich. Wie war das gewesen? Sie hatten den Turm betreten ... die Frau war gestolpert und hatte sich am Geländer festgehalten, kurz den Schritt verlangsamt...
»Aber etwas hätten sie uns bestimmt sagen können! Wer sie sind. Woher sie von dem Turm wissen. Wohin sie wollen ... Und hast du mitbekommen, dass es in Moskau noch mehr solche Türme gibt? Irgendwo an der Semjonowskaja steht noch einer! Hast du was gefunden, Kirill?«
Ich ging hinüber zur Treppe, hockte mich hin und hob ein winziges Stückchen Papier vom Boden auf, das ich sogleich entfaltete.
»Eine Nachricht?« Aufgeregt lugte Kotja mir über die Schulter. »Wo kommt die her?«
»Die Frau hat sie fallen lassen«, erklärte ich. »Als sie an der Treppe vorbeigegangen ist.«
Kotjas Augen huschten über das Papier. »Scheiße«, stieß er nach ein paar Sekunden mit leiser Stimme aus. »Was sollen wir jetzt machen?«
Acht
Wer ist nicht schon einmal um Hilfe gebeten worden?
Vermutlich niemand. »Leihst du mir für eine Woche einen Tausender?« - »Jetzt habe ich mir doch neue Möbel gekauft. Kannst du nicht vorbeikommen und mir helfen, das Zeug in den dritten Stock zu schleppen? Ach ja, wir haben keinen Fahrstuhl!« - »Funktioniert dein Wagen? Meine Schwiegermutter kommt aus Antalya zurück und landet um drei Uhr nachts ...«
Natürlich ist dergleichen bisweilen lästig. Andererseits ist dir klar, dass du heute jemandem hilfst, morgen aber selbst um Hilfe bittest.
Und wem ist nicht schon einmal befohlen worden zu helfen?
Mit Sicherheit auch niemandem. »Der Laster mit der Ware ist gekommen, geh raus und hilf beim Entladen!« »Bleiben Sie noch hier, Bürger, Sie werden als Zeuge gebraucht!« - »Am Samstagabend gehen wir alle zusammen zu der Kundgebung gegen Terrorismus!«
Worin besteht eigentlich der Unterschied? Du wärst auch so rausgegangen, um beim Entladen zu helfen, denn von der gelieferten Ware hängt dein Gehalt ab. Und du hättest auch so bezeugt, dass das Portemonnaie in der Tasche dieses finsteren Typs mit dem unsteten Blick der Frau gehört. Und dein Verhältnis zu Terroristen ist sogar noch ein wenig schlechter als das zu Kakerlaken, und wenn es nach dir ginge ...
Doch man lässt dir keine Wahl. Dir wird befohlen, etwas zu tun, wozu du dich auch freiwillig verstanden hättest. Damit wird in unmissverständlicher Weise klargestellt, wer hier das Sagen hat und wer kuschen muss. Wobei ein kluger Chef in Fällen wie den genannten nichts anordnen wird, sondern dich in der Illusion wiegt, du träfest deine eigene Entscheidung.
Der Zettel, den die Frau »mit dem Hintern« hatte fallen lassen, enthielt einen Befehl. Mit der bemüht sauberen Schrift eines Menschen, der nicht viel per Hand schreibt, stand auf einem aus einem Notizblock gerissenen Zettel untereinander angeordnet:
Folgt mir in einer Stunde.
Findet die Weiße Rose.
Jemand wird auf alle eure Fragen antworten.
Ich schaute auf die Uhr, um mich zeitlich zu orientieren.
»Was sollen wir jetzt machen?«, wiederholte Kotja. »Diesen Mann mit der weißen Rose suchen?«
»Vielleicht ist es eine Frau?«, entgegnete ich, nur um ihm zu widersprechen.
»Hier steht doch: ›Jemand‹!«, hielt Kotja mir in ehrlicher Empörung vor. »In stillschweigender Übereinkunft meint das einen Mann ... Kirill, begreif doch, diese Sache stinkt ganz eindeutig nach Schmuggel!«