»Und was wird da geschmuggelt? Weiße Rosen?« Ich zeigte ihm einen Vogel.
»Möglich ist alles ... Du hast die ... diese ... ja nicht mal so überprüft, wie es sich gehört!«
»Die hatten nichts dabei, was verboten war. Und auch nichts in Mengen, mit denen sie handeln konnten.«
»Woher willst du das wissen?«, blaffte Kotja. Gleich darauf rief er jedoch triumphierend aus: »Oh! Na klar! Du weißt es einfach! Genau wie mit dem Asant!«
Ich nickte.
»Gehen wir nach oben.«
»Du musst dir einen Wasserkocher besorgen«, schlug Kotja vor, während er mir die Treppe hinauffolgte. »Oder eine Kochplatte. Wie willst du zurechtkommen, wenn du dir nichts warm machen kannst?«
»Dann noch Stores vor den Fenstern und ein Geranientopf ... Ich habe nicht die Absicht, mich hier häuslich niederzulassen!«
»Pah!«, schnaubte Kotja. »Er hat nicht die Absicht ... Dann sag mir doch mal, wo du ...«
»In Moskau. Hinter dem Turm.«
Kotja blieb wie angewurzelt stehen. »Das ist doch nicht dein Ernst, oder?«
»Fürs große Geschäft könnte man zum Bahnhof rüberrennen.«
»Das darf doch nicht wahr sein«, ermahnte Kotja mich scharf. »Entschuldige, aber dieses Gebäude baut sich nach deinem Geschmack um. Nach deinen Bedürfnissen, meine ich!«
»Und hast du schon irgendwo ein Klo entdeckt?«
Kotja dachte kurz nach, dann erklomm er die Treppe weiter nach oben.
»Das ist alles zu«, winkte ich müde ab.
Kotja stieß gegen die Luke, die den Zugang weiter nach oben versperrte. Widerstandslos gab sie nach und öffnete sich.
»Versperrt, sagst du?«, rief er munter. »Also ... ob es hier Licht gibt?«
Das tat es. Den Schalter fand ich problemlos, er schob sich förmlich von selbst unter meine Hand.
Das neue Stockwerk des Turms teilte sich in zwei Bereiche. Um die Treppe herum lag eine kleine runde Fläche, von der zwei Türen abgingen. Eine führte in eine Kombination aus Bad und Toilette, die mit einer gigantischen Wanne, einem Waschbecken und einem Klo aufwartete. An Haken hingen saubere Handtücher und ein farbenfroher Bademantel in meiner Größe. Ein Fenster fehlte.
»Bin gleich wieder da, ja?« Ohne viel Federlesens zog Kotja die Tür hinter sich zu.
Gespannt schaute ich in den anderen, einen halbrunden Raum hinein.
Genau, wie ich vermutet hatte. Ein Elektroherd, Schränke, ein Tisch, vier Stühle. Die Küche eben. In den Schränken fand sich Geschirr. Teller, Besteck, Töpfe und Pfannen. Nicht schlecht. Ich entdeckte sogar einen riesigen gusseisernen Wok zur Zubereitung von Pilaw. Hier in der Küche gab es auch ein kleines Fenster - durch das man direkt auf die Gleise blickte.
»Weißt du, was interessant ist ...«, bemerkte Kotja, als er in die Küche kam. »Die Handtücher haben keine Etiketten. Das Porzellan keinen Stempel. Im Waschbecken liegt ein ganz schlichtes Stück Seife, ohne jede Zeichnung, Buchstaben oder Symbole. Es steht eine Flasche mit Shampoo da, das geruchlos und durchsichtig ist. Aber es schäumt!«
»Für einen Allergiker«, erklärte ich. »Ich gehe mich jetzt duschen, Kotja. Weißt du, wann ich mich das letzte Mal gewaschen habe? Gestern Morgen, bei dir.«
»Und was ist mit dieser ...« - Kotja geriet augenscheinlich ein wenig in Verlegenheit - »... dieser Bitte um Hilfe?«
»Bitte? Meiner Ansicht nach ist das ein Befehl. Und Befehle mag ich nicht.«
»Wir wollten uns diese Welt doch sowieso angucken!«, ereiferte sich Kotja.
»Und einen Menschen mit einer weißen Rose suchen? Das schmeckt mir überhaupt nicht. Das ist eine Falle. Besser ich verschwinde jetzt unter der Dusche.«
Auf Kotjas Gesicht spiegelten sich nacheinander Verzweiflung, Kränkung und sogar Missbilligung wider.
»Aber uns hat eine Dame gebeten«, sagte er. »Schon gut ... Wie du meinst. Geh und erledige deine Wasserprozeduren. Ich schlepp derweil deine Futteralien in die Küche rauf.«
Als ich die Tür hinter mir zuzog, vernahm ich noch etwas in der Art wie: »Da bittet uns eine Dame, aber er macht ein Fass auf, weil er sich zwei Tage lange nicht geduscht hat ...«
Gestohlen bleiben konnte er mir mit seinem Gemurre! Das heiße Wasser, das Shampoo unbekannter Herkunft, ein angenehm harter Strahl - genussvoll wusch ich mich und zog mich danach wieder an. Mist! Für saubere Unterwäsche hatte ich nicht gesorgt. Aber letztendlich tat das meinem Wohlgefühl keinen Abbruch.
Als ich vom Bad in die Küche kam, stand Kotja am Fenster. Auf dem Herd pfiff ein Teekessel aus Aluminium. Bei meinem Erscheinen schaute Kotja demonstrativ auf die Uhr und seufzte.
»Wie stellst du dir denn die Suche nach einem Menschen mit einer weißen Rose in einer fremden Welt vor, Kotja?«, erkundigte ich mich, während ich am Tisch Platz nahm. Ich musste zugeben, dass Kotja ungeachtet des unbeschreiblichen Chaos in seinem eigenen Heim von einer gewissen Ordnungsliebe gepackt wurde, sobald er irgendwo zu Besuch war. Er hatte tatsächlich alle Einkäufe nach oben gebracht und penibel in den Schränken verteilt.
»Wenn du mich fragst, fällt nicht jedem Menschen die einmalige Chance in den Schoß, eine fremde Welt zu erforschen!«, verkündete Kotja bitter.
»Es ist jetzt sieben Uhr abends, Kotja«, entgegnete ich. »Uns bleiben noch zwanzig Minuten.«
»Also willst du doch gehen?« Sofort war er Feuer und Flamme. »Und mir machst du sonst was vor ... Übrigens haben wir es hier in der Küche mit dem gleichen Phänomen zu tun! Nirgends finden sich Herstellermarken, weder auf dem Geschirr noch am Herd. Ich glaube, all das haben Mechanismen des Turms zuwege gebracht! Die haben ein ideales Abbild konkreter Dinge geschaffen! Wenn du so willst, die idealen Dinge Platons!«
»Was für Mechanismen?«, fragte ich, während ich mir heißes Wasser einschenkte und einen Teebeutel in mein Glas tauchte. »Was für ideale Dinge? Soll dieser schiefwandige Teekessel etwa ein idealer Teekessel sein?«
»Man merkt sofort, dass du dich keinen Deut für Philosophie interessierst.« Kotja goss sich ebenfalls einen Tee auf. »Nebenbei bemerkt ist die weiße Rose ein altes Symbol in Philosophie wie Magie! Genau wie der Turm auch! Seit den Zeiten des Turms von Babel ...«
»Kotja ...« Ich seufzte. »Das ist kein Symbol. Wir sitzen in ihm drin. Und wir trinken auch unseren Tee nicht aus einem Symbol.«
»Die ganze Welt besteht aus Symbolen und unser Leben nicht minder!«, rief Kotja hitzig aus. »Die Liebe eines Mannes zu einer Frau ist ebenfalls hochsymbolisch. Ich glaube, wenn diese Dame uns eine Nachricht hinterlassen hat ...«
»Kotja!«, fuhr ich ihn an. »Die Dame?«
Kotja mied es, mich anzusehen, wiederholte jedoch unerschütterlich: »Die Dame!«
Zum ersten Mal wohnte ich dem Moment bei, in dem sich mein Freund verliebte. Wie einfach das war! Ein flüchtiger Blick, eine hinreißende Figur - und Kotja war bereit. Dabei hatte er sich ihr Gesicht nicht einmal genauer anschauen können!
Na schön, die Frau sah gut aus. Aber ...
»Wenn du einverstanden bist, Kirill, dann komme ich mit dir mit«, sagte Kotja entschlossen.
»Du wirst erfrieren. Dort schneit es, und du hast nur Schuhe mit einer dünnen Sohle und eine leicht gefütterte Jacke.«
»Die sieht bloß dünn aus, hält aber eigentlich ungeheuer warm!«
Ich zuckte mit den Achseln. »Wie du willst! Schließlich bin ich nicht deine Mutter, die dir den Schal um den Hals bindet! Du bist ein großer Junge und kannst deine Lungenentzündung ganz allein auskurieren.«
»Ich komme mit dir mit«, wiederholte Kotja starrköpfig.
Die Gasse lag im Dunkeln. Eine winterliche Dunkelheit, bei der man den Himmel nicht sieht, aber der sich in ihm zusammenballende weiße Schnee gleich einem Koordinatennetz die Luft durchschneidet und vom Boden ein schwaches weißes Leuchten auszugehen scheint. Die verschneiten Mauern und die dunklen Konturen des Turms ließen sich kaum mehr erahnen. Auf dem Turm selbst lag, warum auch immer, kein Schnee.