Выбрать главу

»Ein kleiner Schritt eröffnet eine ganze riesige Welt«, bemerkte Kotja unvermittelt.

»Hä?« Ich zuckte zusammen. »Was meinst du damit?«

»Na ... wir sind doch zum ersten Mal in eine andere Welt gekommen. Da muss man doch was sagen.« Unter meinem Blick geriet Kotja sogar in der Dunkelheit in Verlegenheit. »Etwas Gescheites.«

»Zum ersten Mal? Hier geben sich die Leute doch die Klinke in die Hand! In beide Richtungen! Außerdem sind wir bereits vor einer Stunde hier gewesen, um uns den Turm anzugucken.«

»Das zählt nicht! Gehen wir?«

Ich hielt es für aussichtslos, gegen Kotjas romantischen Anflug anzukämpfen, und marschierte vom Turm weg. In die Richtung, aus der der Postbote angefahren gekommen war und die vermutlich der Landauer mit der unbekannten Dame samt ihrem Begleiter genommen hatte. Obgleich es in der letzten Stunde tüchtig geschneit hatte, ließen sich die Spuren der Kutsche noch erkennen, denen wir nun zu folgen versuchten.

»Wir gehen das nicht richtig an«, maulte Kotja hinter mir. »Wir hätten uns ausrüsten sollen. Ein Thermometer, ein Barometer ... Welchen Temperaturunterschied gibt es zwischen unserer Welt und dieser? Warum entsteht kein Druckgefälle? Und wir sollten etwas Schnee für eine Analyse mitnehmen ... Oder prüfen, ob hier ein Radio funktioniert ...«

»In meinem Handy ist ein Radio integriert«, trumpfte ich auf.

»Oh!«

»Allerdings brauchst du Ohrenstöpsel, die dienen nämlich gleichzeitig als Antenne. Und die habe ich nicht.«

»Das Handy!«, fiel es Kotja plötzlich ein. »Wart mal ...« Er kramte sein Mobiltelefon aus seiner Tasche hervor. »Mist«, meinte er in entrüstetem Ton. »Wir kommen nicht ins Netz!«

»Wir wollen sowieso kein Plauderstündchen im Schnee abhalten, sonst verkühlen wir uns nämlich mit Sicherheit den Hals.«

Glaubt etwa irgendjemand, Kotja hätte daraufhin Ruhe gegeben? Er diskutierte mit mir über die Architektur der umliegenden Gebäude - selbst wenn man in dieser Dunkelheit kaum was ausmachen konnte. Er entwickelte Hypothesen über Kimgim, die er sogleich wieder verwarf. Zum Beispiel verfiel er auf die Idee, diese Welt könne weitaus entwickelter sein als unsere, und die Menschen bedienten sich der Pferdefuhrwerke einzig aus ökologischen Überlegungen und aus Liebe zum Althergebrachten.

Ich hörte ihm nur mit halbem Ohr zu. Mit den Füßen den lockeren flaumigen Schnee durchpflügend, ging ich weiter. Es gibt Menschen, die sich in undurchschaubaren Situationen in sich selbst zurückziehen und der Dinge harren, die da kommen. Es gibt aber auch solche, die schwatzen drauflos und bersten vor Ideen. Früher hatte ich geglaubt, ich gehöre dieser letztgenannten Kategorie an. Aber neben Kotja wurde ich unwillkürlich zum Schweiger.

Was mich vor allem beschäftigte, war der Punkt, was wir eigentlich unternehmen wollten, falls wir tatsächlich jemanden mit einer weißen Rose träfen. Welche Fragen sollten wir stellen? Und welche Antworten würden wir wohl erhalten?

Die Straße endete zu unserem Glück genau im rechten Moment. Kotja, der hinter mir hertrottete, hatte zunächst aufgehört zu plappern, dann angefangen, schwer zu atmen, um schließlich zu behaupten, ich würde wie ein Panzerwagen drauflos walzen und keinerlei Mitleid für einen Arbeiter an der geistigen Front zeigen, der es nicht gewohnt sei, durch verschneite Pfade zu stampfen. Er schien sogar bereit zu sein, die Segel zu streichen und umzukehren. Genau in dem Moment leuchtete jedoch vor uns ein schwaches Licht auf, worauf wir beide unwillkürlich den Schritt beschleunigten und eine Minute später auf eine freie Fläche gelangten. Um das Bild abzurunden, ließ sogar der Schneefall ein wenig nach.

»Himmel hilf!«, rief Kotja. »Wo sind wir denn hier gelandet?«

Das fragte ich mich auch.

Auch ich hatte geglaubt, die Gasse läge irgendwo im Stadtzentrum. Folglich bräuchten wir sie bloß entlangzugehen, und schon würden wir inmitten brodelnden Lebens sein. Ich hatte mir schiefwinklige schmale Straßen ausgemalt, eng aneinander geschmiegte Häuser mit zwei oder drei Stockwerken, kleine Plätze mit Springbrunnen und winzige Läden mit Waren unbekannter Herkunft und Bestimmung, würdevoll einherschlendernde Menschen, Pferdefuhrwerke ...

Weit gefehlt.

Vor uns lag das Meer. Eine lange, verschneite Uferstraße zog sich dahin, an die Steinküste schlugen graue kalte Wellen. So standen wir da, eingekeilt zwischen dem Meer auf der einen Seite und den einförmigen, durch die vom Ufer wegführenden Straßen gleichsam auseinandergerissenen roten Ziegelbauten mit ihren schneebedeckten Eisendächern und den lichtlosen Fenstern auf der anderen Seite. Wie weit sich diese Gebäude am Ufer entlangzogen, ließ sich bei dem Schneefall nicht abschätzen. Aber einen Kilometer in beide Richtungen von uns mit Sicherheit.

Das Ufer säumte eine mir bis zur Brust reichende Steinmauer. Darauf spendeten auf niedrigen bauchigen Säulen sitzende, riesige milchweiße Glaskugeln mit einem Durchmesser von einem Meter ein mattes, flackerndes Licht. Zwar gab es nur wenige solcher Laternen, aber dank dem Schnee erhellten sie die ganze Promenade.

»Das ist anscheinend kein elektrisches Licht«, bemerkte Kotja im Ton eines Naturwissenschaftlers. »Guck mal da hinten. Was ist das denn?«

Wir traten an die mit einer Eisschicht überzogene, von Spritzern feuchte Brüstung heran. In weiter Ferne bewegten sich im Meer in der Tat winzige Lichter, ein ganzes Sternbild, das da hinter dem trüben schneeigen Vorhang schimmerte.

»Ein Schiff«, schlug ich vor.

»Hm.«

»Es sieht wie Sankt Petersburg aus«, bemerkte Kotja. »Nein, nicht wie Piter. Wie Jurmala.«

»Willst du damit sagen ...«

»Nein, will ich nicht.« Kotja fröstelte. »Das alles ist irgendwie fremd ... Ist dir nicht mulmig zumute, Kirill?«

Ich dachte kurz darüber nach und schüttelte den Kopf. Nein, mir war nicht mulmig. Ich empfand Neugier, eine leichte Anspannung, mehr aber auch nicht.

»Vielleicht sollten wir besser zurückgehen«, meinte Kotja. »Wir haben gesucht, aber niemanden gefunden.«

»Siehst du da die Spuren von dem Landauer?«, fragte ich.

»Ja«, gab Kotja zu.

»Lass uns ihnen noch ein Stück folgen. Schließlich haben wir es mit einer Kutsche, nicht mit einem Auto zu tun. Weit können sie also noch nicht sein. Oder ist dir kalt?«

»Mir?«, empörte sich Kotja. »Ich bin quasi schweißgebadet! Wie gesagt, meine Jacke, die ist warm.«

»Dann lass uns gehen. Nein, wart mal!«

Ich ging an der Mauer entlang, stampfte den Schnee fest und versuchte, etwas zu entdecken, das jemand weggeworfen hatte. Oder einen Stein, einen Zweig, irgendetwas halt. Über die Brüstung klettern wollte ich dafür jedoch nicht. Schließlich fand ich einen faustgroßen Stein, den ich vom Schnee reinigte und feierlich auf die Brüstung platzierte.

»Du markierst die Stelle?«, erriet Kotja. »Gute Idee. Sonst verlaufen wir uns noch.«

Ehrlich gesagt, beneidete ich meinen Freund ein wenig. Er benahm sich ... hm ... so angemessen. Er erforschte eine neue Welt. Heroisch ertrug er die Kälte. In einem fort stellte er Fragen, war er erpicht auf Antworten. Und ohne jeden Zweifel hatte er ein bisschen Schiss.

Ich dagegen spürte eine unerklärliche Sicherheit in mir, die jeglichen Abenteuergeist im Keim erstickte. Wenn man einen Vergleich bemühen wollte, dann verhielt sich Kotja wie ein Jäger aus dem 19. Jahrhundert, der nach Afrika zur Löwenjagd aufbrach, während ich einen modernen Touristen abgab, der im komfortablen Jeep an einer Safari teilnimmt.

Ob das so sein musste?

Vielleicht gab es hier gar keine Löwen?

Wir marschierten die Uferstraße entlang. Hier ging es sich leichter, da der Wind den Schnee Richtung Meer trieb. Linker Hand zogen sich die Häuser dahin, rechter Hand die Mauer mit den Laternen, während die Lichter des Schiffs in der Ferne verschwanden. Kotja bewegte sich tänzelnd vorwärts und klemmte sich die Hände unter die Achseln. Offen gestanden bedauerte auch ich, keine Handschuhe dabeizuhaben. Der Schneefall legte jetzt wieder in einer überhaupt nicht spaßigen Weise los.