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Irgendwann zeichnete sich in dem Gestöber ein Gebäude am Ufer ab. Die Straße führte in einem Bogen zum Meer, und in dem so entstandenen Halbrund stand ein einstöckiges Haus. Ebenfalls aus Ziegelsteinen erbaut, war es jedoch belebt: In den mit Gardinen verhangenen Fenstern schimmerte ein warmes Licht, aus dem Schornstein stieg Rauch auf, vor dem Eingang hatte man Schnee gefegt. Solche Häuser zeichnen brave Kinder, die von ihren Eltern geliebt werden. Darüber hinaus sieht man sie im wohlhabenden und gediegenen Europa.

Bei uns in Russland konnten sie sich, warum auch immer, nur schlecht durchsetzen.

»Wir Idioten!«, stieß Kotja aus, indem er stehen blieb. »Was sind wir doch Idioten!«

Na klar! Obwohl er eine Brille trug, hatte er als Erster das Schild über der breiten zweiflügeligen Tür entziffert.

WEISSE ROSE

»Wie konnten wir nur auf die Idee kommen, wir müssten eine Rose suchen? Noch dazu eine weiße? Mitten im Winter?« Empört schnaubte Kotja. »Das ist ein Hotel. Oder ein Restaurant. Ein Restaurant wäre mir jetzt noch lieber. Gehen wir rein?«

»Halt!« Ich packte ihn bei der Schulter. »Warte!«

Folgsam blieb Kotja stehen.

Ich betrachtete das Gebäude. Was störte mich? Drinnen wäre es bestimmt warm. Vermutlich würde man uns ein Gläschen kredenzen. Wenn wir darum bäten. Und auf unsere Fragen antworten ...

»Ich gehe als Erster rein.« Kotja erhielt einen gestrengen Blick von mir. »Verstanden? Am besten wartest du solange hier.«

»Lass mich raten«, sagte Kotja. »Du hast bei den Fallschirmjägern gedient. Oder du hast einen Karategürtel in einer hübschen Farbe.«

»Nein.«

»Dann spiel hier nicht den Helden!«

»Okay.« Ich verzichtete auf weiteren Widerspruch. »Aber bleib hinter mir. Bitte.«

Das ›Bitte‹ verfing. Kotja nickte.

Ich hielt auf die Tür zu. Eine schöne Klinke, altmodisch und aus Bronze, geformt wie eine Vogelkralle. Warum zögerte ich jetzt noch? Schließlich war hier alles alt! Ich fürchtete mich doch wohl nicht?

Ich griff nach dem kalten Metall und zog die Tür zu mir. Leicht und ohne jedes Problem ließ sie sich öffnen.

»Was ist da?«, fragte Kotja hinter mir.

Vor mir lag ein kleiner Raum, eine Art Flur oder Garderobe. An den Haken an der Wand hing jedoch keine Kleidung. Zwei Türen führten von hier ab. Ein großer, mit abgeriebenem roten Samt bezogener Sessel stand unbenutzt da - und das wirkte irgendwie falsch. Die Wände zierten einige Lampen mit farbigen Schirmen. Anscheinend wurden sie mit Gas betrieben, denn das Licht flackerte wie eine züngelnde Flamme.

Wir traten ein.

»Stilvoll«, kommentierte Kotja. »Und etwas leer. Aber warm!«

Ich stieß eine der beiden Türen auf. Sie führte genau zu dem, was ich erwartet hatte: in einen großen Saal (ebendiese Bezeichnung nötigte sich mir auf), eine vier, wenn nicht gar fünf Meter hohe Decke, in deren Mitte ein Kristalllüster herabhing, der jedoch nicht brannte. Überall drängten sich wuchtige, solide Möbeclass="underline" Sessel, kleine Tische und Schränke mit Porzellan. An den Wänden hingen beigefarbene Gobelins. Auf einer Marmorplatte über dem brennenden Kamin zwängten sich Figuren aus Glas und Porzellan zusammen. Eine breite Treppe führte in den ersten Stock hinauf. Eine Ecke des Saals nahm ein massiver Tresen ein. Metallene Glashalter fehlten ebenso wie verchromte Hocker. Alles war in mattschwarzem Holz gehalten. Hinter der Theke reihten sich an der Wand nicht ganz so tiefe Schränke, in denen sich prachtvolle Flaschen befanden. Außerdem gab es dort eine Tür, die halb offen stand. Auf dem Boden des Saals lag ein hellbrauner Teppich mit einer eigentümlichen Zeichnung aus wahllos angeordneten dunklen Flecken.

»Was für ein seltsames Muster«, meinte Kotja mit nach unten gerichtetem Blick. Dann sah er mich schweigend an. »Oder nicht?«

»Das ist Blut«, erklärte ich, um mich sogleich umzudrehen.

Im Flur stand ein Mann. Offenbar war er aus der zweiten Tür gekommen, nachdem wir ins Innere des Hauses vorgedrungen waren. Seine Aufmachung wollte mir überhaupt nicht gefallen: Sweatshirt und Hosen, beides in Schwarz und eng anliegend, denen man bereits ansah, wie glatt sie waren, wie wenig Möglichkeit zum Zupacken sie boten. In dieser Kleidung kämpfte man, zog aber nicht los, um irgendwo am Kamin sitzend ein Gläschen zu trinken. Ferner missfiel mir die schwarze Tarnkappe über dem Kopf, bei der nur Sehschlitze ausgespart waren. Auch die Augen behagten mir nicht, mit ihrem kalten, erbarmungslosen Blick. Und meine ganz entschiedene Abneigung rief der solide kurze Knüppel in der Hand dieses Menschen hervor.

Aber was soll ich alles im Einzelnen aufzählen? An dem ganzen Typ wollte mir partout nichts gefallen!

Dazu gehörte auch, wie er konzentriert näher kam und dabei den Knüppel leicht seitlich hielt.

»Wir hätten hier nicht reinkommen sollen, Kirill«, meinte Kotja, der etwas in meinem Rücken fixierte, mit zitternder Stimme.

Ich folgte seinem Blick: Hinterm Tresen hatte sich ein weiterer Mann in Schwarz aufgebaut, der sich entweder hinter der Theke versteckt haben oder durch die Tür hereingekommen sein musste. Einem friedfertigen Barkeeper, der davon träumt, dir einen raffinierten Cocktail zu mixen, glich er in keiner Weise. Dazu müsste er zunächst mal den Knüppel und das Messer mit der breiten, blattförmigen Klinge weglegen.

Zwei weitere schwarz gekleidete Gestalten traten aus einer Tür am anderen Ende des Saals, die ich bislang nicht bemerkt hatte. Auch sie trugen Knüppel und Messer.

Alle miteinander erweckten sie nicht den Eindruck, uns gefangen nehmen zu wollen. Vielmehr schienen wir ein ärgerliches Hindernis darzustellen, das sie kurzerhand und möglichst ein für alle Mal aus dem Weg zu schaffen gedachten.

Der Mann hinter der Theke holte leicht mit dem Messer aus.

Der Mann in der Garderobe trat über die Schwelle und stand nunmehr zwei Meter vor uns.

»Kirill ...«, setzte Kotja an.

Ich achtete gar nicht darauf, was er sagte. Der Mann, der den Posten des Barkeepers usurpiert hatte, ließ den Arm entschlossen vorschnellen. In dem Moment schoss meine Hand nach vorn, dem abgefeuerten Messer entgegen. Gleichzeitig trat ich Kotja vors Schienbein. Wie zu erwarten, ging er zu Boden.

Im Grunde war das alles unmöglich - falls du nicht von klein auf in irgend so einem Shaolin-Kram ausgebildet worden bist. Aber natürlich zerbrach ich mir über solche Kleinigkeiten im Moment nicht den Kopf.

Ich erwischte das Messer im Fluge, fing es aber nicht, sondern berührte nur kurz den Griff und korrigierte die Flugbahn. Es drang dem Mann in die Brust, der uns den Rückzug versperrte - mit der ganzen breiten Klinge, sodass aus dem schwarzen Stoff nur noch ein kurzes Endchen herausstak, der so gar nicht wie ein Griff wirkte. Der Typ stieß einen Grunzlaut aus und sackte auf die Knie.

Diesmal konnte ich nicht behaupten, ich trüge keine Schuld daran.

Der Kerl, der das Messer geworfen hatte, sprang über den Tresen, wobei er sich elegant nur mit der linken Hand abstützte, während er mit der rechten den Knüppel herumwirbelte. Dieser schoss direkt auf meinen Kopf zu. Ich duckte mich weg, um dem Schlag zu entgehen - und stieß dem Angreifer die flache Hand gegen die Brust. Der Mörder fiel mehr oder weniger in sich zusammen. Wankend wich er zurück, ließ den Knüppel fallen und fasste sich mit beiden Händen hilflos an die Brust. Erneut schlug ich zu, aus irgendeinem Grund auch diesmal nicht mit der Faust, sondern mit gespreizten Fingern. Ich zielte auf die Partie unter dem Kinn. Dann spürte ich mehr, als dass ich es hörte, wie die Wirbel knackten, als sein Kopf nach hinten sank.