Diejenigen, die noch am Leben waren, hielten inne. Angst zeigten sie keine, obwohl ich selbst beim Anblick eines unbewaffneten Mannes, der gerade zwei Angreifer getötet hatte, mir noch vor drei Tagen in die Hosen gepisst hätte. Eher wirkten sie verwirrt.
»Sind das Funktionale?«, fragte einer der Überlebenden zu meiner Überraschung.
»Nein, das kann nicht sein«, antwortete der zweite.
Sie sahen aus wie die Schurken in einem Zeichentrickfilm für Kinder. Zu allem Überfluss hielt der eine den Knüppel in der rechten Hand, der andere seinen in der linken, womit die beiden förmlich ein Spiegelbild voneinander abgaben.
»Du hast sie umgebracht, Kirill!«, rief der auf dem Rücken liegende Kotja mit einem Mal aus, während er gerade versuchte aufzustehen. Auf seinem Gesicht spiegelte sich weitaus größeres Entsetzen wider als in dem Moment, als die uns umbringen wollten. »Du hast sie umgebracht!«
Plötzlich trat der Linkshänder gegen den vor ihm stehenden Stuhl, und zwar mit solcher Wucht, dass das Ding auf meinen Kopf zuflog. Sofort ging das Pärchen zum Angriff über.
Den Stuhl fing ich im Flug auf, indem ich mit beiden Händen nach den geschwungenen, beschnitzten Beinen griff. Mit einem einzigen Ruck riss ich sie ab. Ich drehte sie in meinen Händen so, dass die spitzen Enden nach vorn ragten. Noch bevor die Angreifer mich ihre Knüppel spüren lassen konnten, rammte ich ihnen die Hölzer in die Brust.
Wie sich im Zuge dieses Experiments herausstellte, ist ein Holzpfahl in der Brust für einen Menschen nicht weniger tödlich als für einen Vampir.
Der Linkshänder stürzte direkt auf Kotja, der sich jammernd unter dem zuckenden Körper hervorschlängelte. Sofort kroch er von mir weg, als glaube er, ich würde auch ihn pfählen.
Verübeln konnte ich ihm diesen Gedanken offen gestanden nicht. Für Kotja war ich ja quasi ein Unbekannter.
»Du hast sie umgebracht! Du ... du ...«
»Ansonsten hätten die uns umgebracht!«, brüllte ich. »Was glaubst denn du?! Die wollten uns abmurksen! Wenn du es genau wissen willst: Das Messer hätte dich direkt am Hals getroffen!«
Kotja nickte, wenn auch ohne sonderliche Überzeugung. Dann klärte sich sein Blick ein wenig, die wahnsinnige Angst wich - selbst wenn sie eindeutig versprach zurückzukommen.
»Kotja, ich bin nicht wahnsinnig. Ich bin kein Irrer. Die haben uns angegriffen, ich habe uns verteidigt.«
»Wie hast du sie ... Wie hast du das überhaupt geschafft?« Kotja nahm die Brille ab, um sie zu putzen. Sein Gesicht wirkte in diesem Moment verwirrt und schutzlos, wie es ja häufig bei Brillenträgern vorkommt.
Ich musterte die vier reglosen Körper. Einem steckte ein Messer im Herz, ein anderer hatte ein gebrochenes Genick, zwei hatte ich aufgespießt. Anscheinend war bei einem der Pfahl sogar ganz durchgegangen. Mit welcher Kraft musste ich da zugestoßen haben? Leicht erschaudernd betrachtete ich meine Hände. Da willst du dir in der Nase bohren und reißt dir gleich den halben Kopf ab...
»Ich weiß nicht, wie. Das kam ganz von selbst. Wir mussten uns verteidigen, und da ...«
»Du ... in dem Moment waren deine Augen ... ganz nachdenklich, melancholisch. Als ob du laut ein Gedicht vorliest.«
Was für ein Vergleich!
Letzten Endes steckte in Kotja eben doch ein Schriftsteller.
»Ich habe getan, was getan werden musste. Ich ... habe noch nicht mal darüber nachgedacht. Ich wusste einfach, was nötig war.«
Kotja nickte. Er schob sich die Brille auf die Nase. In seinen Blick kehrte die Vernunft zurück. »Das, was die geschrien haben, hast du das verstanden?«
»Ja. Wieso?«
»Hab ich mir gedacht.« Abermals nickte Kotja. »Die haben kein Russisch gesprochen. Ich könnte nicht mal sagen, welche Sprache sie benutzt haben ... Es klang angenehm, fast wie Französisch. Aber ich kenne diese Sprache nicht.«
Ich wunderte mich nicht im Mindesten.
»Was haben sie denn gesagt?«, fragte Kotja, während er den zu seinen Füßen gerollten Knüppel aufhob und respektvoll in den Händen wog.
»Der eine hat den anderen gefragt: ›Sind das Funktionale? ‹ Der andere hat dann geantwortet, das könne nicht sein. Was ist ein Funktional?«
»Eine mathematische Funktion.« Kotja legte den Knüppel sorgsam auf den filigranen Zeitungstisch, der das Kampfgetümmel wundersamerweise heil überstanden hatte. »Du bist doch der Spezialist für seltene Wörter, du müsstest das besser wissen als ich.«
»Allem Anschein nach braucht sich ein Zöllner nicht für Funktionale zu interessieren.«
Abermals maß mich Kotja mit einem Blick. »Aber du hast etwas gespürt!«, meinte er dann kopfschüttelnd. »Du wusstest, dass wir in einen Hinterhalt laufen.«
Es wäre sinnlos gewesen, das Offenkundige abzustreiten. Deshalb trat ich hinter den Tresen und schaute durch die Tür. Eine kleine Küche, alles - warum auch nicht - aufs 19. Jahrhundert getrimmt. Anscheinend war hier niemand. Von einem der Regale schnappte ich mir eine Flasche, die nach Alkohol aussah, und musterte das Etikett. Eine Beschriftung, die mir zu denken gab. Etwas auf Englisch. Irgendein Whisky.
»Was steht hier, Kotja?« Ich hielt ihm die Flasche hin.
Kotja kam zu mir und blickte angewidert auf die toten Körper. »Gott im Himmel, hier liegen vier Leichen rum, und du willst dich betrinken ... Das ist Whisky, ein Single Malt, zwölf Jahre alt ... Alle Achtung! Den genehmigen wir uns!«
Er trank einen ordentlichen Schluck direkt aus der Flasche und fing zu husten an.
»Lesen kannst du es also?«, wollte ich wissen.
»Falls du dich daran zu erinnern beliebst: Das Schild konnte ich auch lesen.« Kotja reichte mir die Flasche. »Das war auf Russisch.«
»Was soll das denn heißen? Spricht man hier etwa eine Sprache und schreibt in einer anderen?«
»Meiner Ansicht nach sind diese ...« Kotja bedachte mich mit einem überraschend ironischen Blick. »... sind die hier genauso zu Besuch wie wir. Sie haben sich in ihrer Sprache unterhalten. Nur dass du diese Sprache anscheinend verstanden hast.«
»Funktional?« Ich zuckte die Schultern. »Ich würde nicht gerade behaupten, dass ich das verstehe, aber ... Was machst du denn da?«
Kotja wanderte von einer Leiche zur nächsten, um jede am Handgelenk zu berühren.
»Vielleicht leben sie ja doch ... Dann müssten wir helfen.«
»Das sind Mörder!«
»Aber jetzt sind sie ja wohl kaum noch gefährlich, oder?« Kotja breitete die Arme aus. »Nein, denen hast du es gegeben. Was hast du uns da bloß eingebrockt, Kirill? Schließlich ist das hier eine fremde Welt! Ist dir das eigentlich klar? Und wir beginnen unsere Bekanntschaft mit einem Verbrechen! Du hättest sie nicht umbringen sollen ...«
Er ging zur Tür am anderen Ende und lugte vorsichtig in den Nachbarraum. Als er zurückkam, ließ er sich kraftlos gegen die Wand sacken. Im Nu wich alle Farbe aus seinem Gesicht.
Ich schnappte mir einen Knüppel und eilte ihm zu Hilfe.
»Sieh dir das lieber nicht an«, warnte mich Kotja rasch. »Erspar dir das besser.«
Er sah kreidebleich aus und war schweißgebadet. Ein Tropfen hing ihm sogar - ein komischer Anblick - an der Nase.
»Du hättest sie nicht umbringen sollen«, wiederholte Kotja. »Damit hast du es ihnen zu leicht gemacht. Sie hätten ... sie hätten leiden müssen.«
Im Grunde hätte ich mir das Ganze nach diesen Worten wirklich nicht mehr anzusehen brauchen. Es war ohnehin alles klar. Trotzdem spähte ich in den anderen Raum hinein.
»Diese Bestien«, murmelte Kotja.
»Sie haben sie gefoltert«, sagte ich. »Reiß dich zusammen. Hier gibt es jemanden ... dem wir wirklich den Puls messen sollten.«
Neun
Es existiert ja die Auffassung, das widerwärtigste Verbrechen auf der Welt sei der Mord an Kindern. Die Ermordung von Alten ruft Verachtung und Empörung hervor, weckt indes nicht dieses infernalische Entsetzen. Auch die Ermordung von Frauen wird äußerst missbilligend aufgenommen - und zwar sowohl von Männern (weshalb mordet jemand Frauen?) wie auch von Frauen (alle Männer sind Schweine!).