Dagegen betrachtet man den Mord an einem Menschen männlichen Geschlechts, der die Kindheit längst hinter sich gelassen, der greisenhaften Tattrigkeit jedoch noch nicht anheimgefallen ist, als eine durch und durch alltägliche Erscheinung.
Dem ist nicht so?
Dann lasse man sich doch bloß mal folgende Sätze auf der Zunge zergehen: »Er holte seine Parabellum heraus und erschoss das Kind.« - »Er holte seine Parabellum heraus und erschoss den Alten.« - »Er holte seine Parabellum heraus und erschoss die Frau.« Und schließlich: »Er holte seine Parabellum heraus und erschoss den Mann.« Ist nicht deutlich zu spüren, wie das Widerwärtige abnimmt? Der erste Typ arbeitet mit Sicherheit als Kommandant in einem Konzentrationslager und ist ein SS-Mann. Der zweite gehört einem Strafkommando an und brennt jeden Morgen ein kleines Dorf nieder. Der dritte ist ein Wehrmachtsoffizier, der eine Partisanin mit einem Kanister Petroleum und einem Päckchen Streichhölzer neben dem Waffenlager erwischt hat.
Der vierte könnte, selbst wenn er aus einer Parabellum schießt, ohne Weiteres einer unserer Spione sein, der mit gutem Grund einen der drei vorgenannten Dreckskerle tötet.
Die Typen in Schwarz hatten sich weiß Gott nicht um ihr Renommee geschert. In dem kleinen Raum - insgeheim speicherte ich ihn als Raucherkabinett ab - entdeckte ich drei reglose Körper. Eine Alte, eine junge Frau und einen Jungen oder Teenager.
Für alles gibt es seinen Ort und seine Zeit. Und gemartert wird in den Folterkammern dunkler Kellergewölbe. Umgeben von weichen Sesseln, kleinen Sofas (selbst wenn diese ledern und nicht aus rosafarbener seidiger Chenille sind) und Beistelltischchen mit kristallenen Aschenbechern auf starre blutige Körper zu stoßen ist besonders scheußlich.
Die Mischung aus guten Tabakgerüchen und frischem Blut lässt dich einfach würgen ...
Dem Instinkt, die Schwachen zu beschützen, folgend, trat ich als Erstes an den Jungen heran, der mit nacktem Oberkörper an einen Sessel gefesselt war. Er mochte vierzehn oder fünfzehn Jahre sein, ging also nur unter Vorbehalt als unschuldiges Kind durch. Trotzdem ... Gefesselt war er auf eine sehr auffällige Weise: So banden dämliche Schurken junge mutige Helden in Kinderfilmen fest, wobei sie zehn Meter dicker Schnur verschwendeten und dennoch kein Resultat garantieren konnten. Die Beine waren an den Füßen des Sessels festgezurrt, die Hände an den Armlehnen, ergänzt wurde das Ganze durch einige Schlingen um die Taille und eine um den Hals.
Alles schwamm in Blut. Die sackartigen Hosen des Jungen aus dunkelbraunem Stoff klebten von Blut, sein pickliges Gesicht ebenfalls. Von frischem Blut. Allerdings sickerte keins mehr aus den zahllosen Schnitten im Gesicht, an den Armen und am Oberkörper.
Behutsam legte ich dem Jungen die Finger an die Halsschlagader. Ich spürte ein schwaches, seltenes Pochen.
»Er lebt noch«, sagte ich erstaunt.
»Was?« Kotja stand noch immer in der Tür. »Aber er hat doch schon alles Blut verloren!«
»Der Junge lebt noch!« Ich erhob mich. »Jede Menge kleiner Schnitte, aber keine ernsthaften Verletzungen. Bind ihn los und leg ihn aufs Sofa.«
Inzwischen ging ich zu der Frau. Hier bot sich das gleiche Bild: oberflächliche Schnittwunden und Striemen. Sie hatte viel Blut verloren, mir schien, als gebe sogar der Teppich unter meinen Füßen schmatzende Geräusche von sich. Aber auch sie lebte.
»Welcher Idiot hat denn diese Knoten gemacht?«, schimpfte Kotja, während er den Jungen von den Fesseln befreite. »Du brauchst die Schnur ja bloß abzuziehen ...«
»Sie sind nicht nur dumm, sondern auch sehr keusch«, bemerkte ich mit einem Blick auf die Frau. »Sie haben ihr nicht mal die Kleidung ausgezogen ...«
Natürlich bin ich in Folterfragen schlichter Laie. Aber wenn ich jemanden quälen und mit einem Messer bearbeiten wollte, dann hielte ich es für sinnvoll, das Opfer zunächst zu entkleiden. Zum einen um mir das Resultat meiner Arbeit anzusehen. Zum anderen, weil ein nackter Mensch von vornherein verschreckt und gedemütigt ist.
Aber hier! Dem Jungen hatten sie nur das Hemd ausgezogen, bei der Frau hatten sie es erst gar nicht gewagt, sie eines Kleidungsstücks zu entledigen.
Der Alten - sie war mindestens sechzig Jahre - maß ich ebenfalls den Puls. Von den Dreien gab sie vermutlich die imposanteste Erscheinung ab. Bei dem Jungen handelte es sich um einen typischen Teenager, dem man mal ein Mittel gegen Akne empfehlen sollte, während die Frau einer durchschnittlichen Hausfrau um die vierzig entsprach. Die Alte dagegen erinnerte an eine gefeierte Schauspielerin in vorgerücktem Alter. Das beziehe ich nicht auf ihr Äußeres, sondern auf jenen seltenen Typ charismatischer Frauen, die mit den Jahren ihre äußerliche Schönheit einbüßen, dafür jedoch innere Stärke gewinnen. Die Alte vor mir war von kräftiger Statur, ihr Gesicht faltig, aber ausdrucksvoll, die Haare, wiewohl grau, dicht und gut gepflegt. Dieser Typ ist unter russischen Frauen nur selten anzutreffen, werden diese doch in der Regel entweder zu verhuschten Greisinnen oder zu fauchenden Drachen. Bei den Frauen im Westen sieht es nicht besser aus, allerdings verwandeln die sich meistens in muntere Touristinnen mit Shorts und Fotoapparat.
Vorsichtig zog ich meine Hand zurück und trat nachdenklich vom Sessel weg.
Die Alte war am wenigsten von allen gequält worden. Ein paar blaue Flecken, als habe man ihr schwungvoll, aber ungeschickt ins Gesicht gehauen. Einige Schnittwunden am Hals, die aussahen, als hatten die Angreifer sie einschüchtern wollen, indem sie ihr ein Messer an die Kehle pressten. Das prachtvolle (vorsorglich hochgeschlossene) Kleid aus meerfarbener Seide zeigte nicht einmal Flecken.
»Komisch«, bemerkte Kotja plötzlich. »Wie in diesem Witz.«
»In welchem?«
»Na, in dem, wo eine alte Oma Junkies anheuert, damit sie die Schweine schlachten ... Die kommen dann aus der Scheune heraus und verkünden: ›Geschlachtet haben wir sie nicht, aber ordentlich angeritzt!‹«
»Zieh mal eine Leiche her«, bat ich.
»Was?« Kotja erschauderte. »Was soll ich machen?«
»Bring mal eine Leiche her. Das ist doch nicht zu schwer, oder?«, sagte ich. »Ich will die hier nicht allein lassen ... Oder soll ich gehen, und du passt auf die Drei auf?«
Kotja schluckte. Er starrte auf die drei reglosen Körper, das überall vergossene Blut. Dann ging er in den großen Saal zurück.
Während ich die Fesseln der Alten löste (auch sie war mehrfach, aber nicht sehr solide mit einem Seil umwickelt), schleifte Kotja recht munter eine Leiche, am Bein gepackt, herein. Da der Mann kein Blut verloren hatte, musste es sich um denjenigen handeln, dem ich das Genick gebrochen hatte.
»Danke«, sagte ich. Ich wandte mich von der bewusstlosen Alten ab, um mich über die Leiche zu beugen und ihr die Tarnkappe vom schlackernden Kopf zu ziehen.
Ein Mensch ohne besondere Kennzeichen, ließ man außer Acht, dass es ein Mann war, den ich getötet hatte. Er zählte zur Gattung der Europiden und mochte zwischen fünfundzwanzig und dreißig Jahre alt sein. Ein grobes, unauffälliges Gesicht. Am Hals prangte an der Stelle, wo ich ihm den Schlag versetzt hatte, eine bordeauxfarbene Strieme. Puls gab es selbstverständlich keinen mehr. Ich zog ihm die Lider hoch, besah mir die Augen und erhob mich.
»Die sind tot«, versicherte ich Kotja. »Ich hatte mich bereits gefragt, ob hier alle ...«
In dem Moment stöhnte die Alte im Sessel auf und bewegte sich. Wir wandten uns ihr gerade rechtzeitig zu: Sie schlug die Augen auf.
»Wir sind Freunde!«, erklärte ich rasch. »Keine Angst.«
Die Alte sah erst mich an, dann Kotja. Danach noch einmal mich. Sie heftete den Blick auf mich, als wolle sie etwas erkennen, was ich nicht auszumachen vermochte.