»Woher sind Sie, guter Mann?«, brachte sie heiser hervor. »Ich habe schon geglaubt, unser Ende sei gekommen ...«
Schwerfällig erhob sie sich aus dem Sessel und drehte sich um.
»Sie sind alle noch am Leben«, beruhigte ich sie. »Bewusstlos, aber am Leben.«
Die Alte ließ sich in den Sessel zurückfallen. Sie nickte dankbar. Mit einem Mal ging mir auf, was mir an ihr so seltsam vorkam: In der Regel magern die Menschen im Alter entweder ab oder gehen tüchtig in die Breite. Diese Oma hatte es jedoch ungeachtet all ihrer Falten geschafft, sich eine normale, beinahe sportliche Figur zu bewahren. Ihre momentane Schwäche rührte wohl einzig von den Qualen her - und dürfte eben keine Folge des Alters sein.
»Vielen Dank, Nachbar«, sagte die Oma und reichte mir die Hand. Einen kurzen Augenblick lang zögerte ich, dann ergriff ich sie - einen Handkuss erwartete die Alte anscheinend nicht. Ihr Händedruck stellte sich als kräftig heraus.
»Keine Ursache.« Mit Mühe verbiss ich mir hinzuzufügen: ›Jeder an meiner Stelle hätte so gehandelt.‹
»Weiß«, brachte die Alte mit Nachdruck hervor.
»Wie bitte?«
»Weiß, Rosa Dawidowna. Die Besitzerin dieses Hotels.«
Kotja stieß einen Pfiff aus und fing an, nervös zu kichern.
»Kirill Danilowitsch Maximow«, stellte ich mich vor. »Und dieser Bursche hier heißt Konstantin Tschagin. Wie lautet dein Vatersname?«
»Igorewitsch«, blaffte Kotja. »Das könntest du dir auch mal merken.«
»Sehr angenehm.« Rosa Weiß nickte. Sie schielte zu dem reglosen Körper in Schwarz hinüber und nickte mitleidig, wenn auch ohne jede Spur von Zweifel im Gesicht. »Diese Dummköpfe ...«
»Wer sind sie?«, fragte ich.
»Ich weiß es nicht, Kirill Danilowitsch. Ich weiß es nicht. Sie haben das Hotel gesehen und konnten eintreten, folglich müssen sie über gewisse Fähigkeiten verfügen. Aber sie gehören nicht zu uns.«
Kotja und ich blickten uns an.
»Und was wollten die?«
»Ich glaube, das wussten sie selbst kaum«, schnaubte Rosa. »Sie haben bei mir nach einem Gast gesucht. Im Moment habe ich aber gar keine. Schließlich haben wir keine Saison, das liegt doch wohl auf der Hand, oder? Kostja, mein guter Junge, bringen Sie mir doch bitte etwas Wasser. Die Zunge klebt mir am Gaumen. Aber bitte nicht aus der Leitung. In der Küche steht eine weiße Emailschüssel mit Trinkwasser. Füllen Sie mir bitte gleich eine ganze Karaffe ab.«
Eilfertig verschwand Kotja aus dem Raucherkabinett.
»Was für ein freundlicher junger Mann.« Rosa nickte wohlwollend. »Wie schön, dass Sie immer noch Freunde unter den Menschen haben.«
»Ist das denn so erstaunlich?«
»Haben dich deine Verwandten und Freunde denn nicht vergessen?«, antwortete Rosa mit einer Frage. »Das ist eben unser Schicksal ...«
Plötzlich drang aus dem Saal das Geräusch eines umfallenden Stuhls herüber. Und ein Schrei. Rosa Dawidowna erhob sich aus dem Sessel. »Du hast sie doch alle umgebracht?«
»Wie viele waren es denn?« Noch während ich antwortete, begriff ich, dass die Antwort nicht ›vier‹ lauten würde.
»Sieben ... oder sechs? Nein, ich glaube ...«
Auf eine Klärung dieses Problems konnte ich durchaus verzichten. Ich schnappte mir den Knüppel, den ich auf einen Beistelltisch gelegt hatte, und stürzte zur Tür.
Sie mussten noch im ersten Stock gesteckt haben. Einer hielt Kotja bei den Haaren gepackt, riss ihm den Kopf nach hinten und presste ihm ein Messer an den Hals. Kotja trug eine große Glaskaraffe mit Wasser in den Händen. Zwei weitere Gestalten in Schwarz, ebenfalls mit Messern bewaffnet, pirschten sich vorsichtig an das Raucherkabinett heran.
Mein Auftauchen bereiteten ihnen ganz offenkundig keine Freude. Ein paar Sekunden blieben sie wie erstarrt stehen.
»Lasst ihn los«, verlangte ich.
Derjenige, der Kotja gepackt hielt, quittierte das mit einer unzweideutigen Geste, indem er das Messer direkt an die Kehle seines Gefangenen schob.
»Rühr ihn nicht an!« Eine der schwarz gekleideten Gestalten riss sich unversehens die Tarnkappe vom Kopf. Zu meiner Überraschung handelte es sich um eine Frau von etwa zwanzig Jahren mit kurz geschnittenem Haar, leichten Schlitzaugen und einem dunkelhäutigem Gesicht. Keine reine Asiatin, aber mit einem gehörigen Schuss asiatischen Bluts. »Wer bist du?«
»Das spielt keine Rolle«, antwortete ich wie aus der Pistole geschossen. »Lasst meinen Freund los!«
Die Frau zögerte. Anscheinend hatten diese Typen hier von der letzten Auseinandersetzung weder etwas gehört noch gesehen. Allerdings lagen die Ergebnisse zu ihren Füßen.
»Wenn wir ihn freilassen, lässt du uns dann abziehen?«
Kotja schickte mir einen flehenden Blick herüber. Der bescheidene Vertreter der Boulevardpresse musste heute außerordentliche Abenteuer bestehen.
Ehrlich gesagt, stand für mich außer Frage, dass ich auch mit diesen Dreien noch fertig werden würde. Außerdem war ich mir fast sicher, dass Kotja keinen Schaden nehmen würde.
Ich würde einfach die Hand hochreißen, und zwar so schnell, dass sie gar nicht mehr reagieren konnten. Dann würde ich den Knüppel schleudern, der ganz gerade fliegen würde, so als sei es ein Wurfgeschoss, und den Schwarzgewandeten, der Kotja festhielt, hart an der Stirn träfe. Prompt würde der Kerl hintüber kippen, tot oder bewusstlos. Schon würde ich nach vorn springen, dabei den gegen mich geschleuderten Messern ausweichend, diesen Stahlblitzen, die jetzt nur noch hilflos die Luft zu zerschneiden vermochten, um endlich der Gestalt mit der schwarzen Tarnkappe den Hals umzudrehen, abermals dieses gedehnte Schmatzen zu vernehmen, der Frau erst in den Magen zu boxen und ihr anschließend einen Schlag ins Genick zu verpassen, sodass sie zwar bewusstlos zu Boden ging, aber ohne Weiteres noch von mir in die Mangel genommen werden könnte ...
So dürfte sich das Szenario wohl gestalten.
Natürlich nur, falls jene unerklärliche Kraft, die mir gegen meine bewaffneten Feinde half, imstande war, jemanden am Leben zu lassen.
»Gebt ihn frei, und ihr könnt gehen«, sagte ich.
»Der lügt«, warf der Schwarzgewandete, der Kotja hielt, prompt ein. Der Stimme nach zu urteilen, sprach da ein junger Mann - der sich an der Grenze zur Hysterie bewegte. »Der bringt uns um. Ein Polizistenfunktional lässt uns niemals laufen ...«
»Er ist Zöllner, du Idiot!«, schrie die Frau. »Gehen wir! Geben wir seinen Freund frei und hauen ab!«
Sie öffnete die Faust, worauf das Messer zu Boden fiel. Nach sekundenkurzem Zaudern ließ auch ihr Kumpan das Messer fallen. Im Rückwärtsgang bewegten sie sich zum Ausgang.
Kotjas Bewacher nahm widerstrebend die Hand mit dem Messer vom Hals seines Gefangenen und gab ihm einen leichten Tritt. Mit komischen Tippelschritten rannte Kotja auf mich zu, wobei er immer noch die Karaffe hielt. Ich trat vor, um Kotja mit meinem Körper zu decken. »Bring Rosa Dawidowna das Wasser«, befahl ich.
Nichts schützt so gut gegen Panik wie einfache praktische Handlungen. Mit einem Nicken huschte Kotja ins Raucherkabinett.
Die drei unversehrt gebliebenen Angreifer nahmen die Beine in die Hand. Als Erste schlüpfte die Frau zur Tür hinaus, dann ihr Spießgeselle. Den Abschluss bildete derjenige, der Kotja festgehalten hatte.
Genau in dem Moment beging ich eine Dummheit. Buchstäblich für eine Sekunde nur drehte ich den Kopf weg, um zu sehen, was im Raucherkabinett vor sich ging. Da geschah im Grunde nichts Besonderes: Die Alte trank im Stehen gierig direkt aus der Karaffe, Kotja schielte verängstigt zur Tür hinüber.
Ein schneidender Schmerz fuhr in meinen linken Oberarm. Ich drehte mich gerade noch rechtzeitig um, um den letzten Schurken zu erblicken, der sich gerade anschickte, durch die Tür zu verschwinden. Aus meinem Oberarm ragte der Griff eines Metallmessers heraus.
Ich holte aus, der Knüppel sauste durch die Luft und traf den Kerl im Nacken. Selbst durch den riesigen Saal hindurch bekam ich mit, dass der Schlag den Schädel zermalmte - wie ein Fausthieb einen reifen Apfel. Der Schwarzgewandete breitete die Arme aus und krachte in der Türfüllung zu Boden.