Da hast du, du Idiot!
Plötzlich schlug die Tür und ging von selbst zu, den Körper dabei in den Flur hinausschiebend. An der geschlossenen Tür polterte es, der schwere Riegel legte sich vor. »So wird es ruhiger sein«, vernahm ich Rosas Stimme.
Ich packte das Messer und zog es aus meinem Arm. Äußerlich ließ sich nichts als eingerissener Stoff erkennen. Aber unter meiner Jacke strömte das Blut, das erstaunlich dick und heiß war. Weh tat das nicht, es brannte und pulsierte bloß, machte sich noch in den Fingern bemerkbar.
Ich stolperte ins Raucherkabinett. Das blutige Messer warf ich auf den Tisch, dann setzte ich mich, eine Hand auf die Wunde pressend, hin. Entsetzt starrte Kotja mich an.
»Ist bloß’n Kratzer«, sagte ich.
»Ich ... ich werde dir das verbinden ...«, murmelte Kotja. »Kirill, was ist mit dir? Du siehst hundselend aus ...«
Der Mensch ist doch ein erstaunliches Phänomen. Da hatte ich fünf Personen umgebracht. Doch die, wollte man den Schriftstellern glauben, obligatorischen Gewissensbisse und innere Pein durchlitt ich nicht. Aber eine einzige Wunde, die logischerweise nicht mal gefährlich war - und schon packte mich Panik. Schon ballte sich in meiner Brust ein kalter Klumpen zusammen.
»Lassen Sie mich das mal sehen, junger Mann!«
Mit sicheren Bewegungen half Rosa mir, mich der Jacke und des Pullovers zu entledigen, und knöpfte mir das Hemd auf. Der Ärmel war blutgetränkt. Mit gerunzelter Stirn zog ich den Arm aus ihm heraus.
»Es dauert nur einen Moment«, versicherte Rosa. In ihren Händen tauchte ein feuchtes Tuch auf, mit dem sie das Blut sorgsam abtupfte. Ich schaute auf meinen Oberarm. Eine Schramme, überzogen von einer roten Schorfkruste.
»Für Sie ist das neu, oder?« Rosa sah mir in die Augen.
Ich nickte.
»Sie werden sich schon daran gewöhnen.«
Die Alte drehte sich um und blickte unverwandt auf die reglos daliegende Frau. »Klawdija!«, rief sie. »Klawa, wach auf!«
Langsam und zögerlich richtete sich die Frau ein wenig auf. Sie musterte erst Rosa, dann uns.
»Siehst du, es ist alles gut«, sagte Rosa. »Wir haben Hilfe bekommen. Fühlst du dich jetzt besser?«
»Ja, Rosa Dawidowna.«
»Schön.«
Die Frau beugte sich über den Jungen und rüttelte ihn an der Schulter, bis er sich hochrappelte. Klawdija griff nach der halb leeren Kanne, trank ein paar Schluck und reichte sie an den Jungen weiter. Gierig begann dieser zu trinken. Das Wasser rann ihm übers Gesicht und wusch das Blut fort. Nachdem er die leere Kanne abgestellt hatte, rieb sich der Junge mit den Händen das Gesicht trocken. Seine Haut zeigte keinen einzigen Schnitt mehr.
Nur die Pubertätspickel zierten es noch.
»Begrüß unsere Gäste, Petja«, befahl Rosa. »Und bedank dich bei dem Herrn Zöllner. Es gehört nicht zu seinen Pflichten, uns zu retten.«
»Pjotr«, stellte sich der Junge gehorsam vor. »Vielen Dank.«
»Macht euch frisch und kümmert euch dann ums Hotel«, sagte Rosa. »Reinigt die Möbel und Teppiche.«
»Und wo sollen wir mit denen hin, Rosa Dawidowna?«, fragte die Frau, den Blick auf den Körper eines der Angreifer gerichtet.
Diese Frage, schoss es mir durch den Kopf, stellt sich den Helden in SF- und Fantasy-Romanen niemals. Die zahlreichen getöteten Feinde bleiben einfach an Ort und Stelle, wo sie irgendwann von selbst verschwinden. Gut, wir dürfen wohl davon ausgehen, dass im offenen Gelände Vögel und Raubtiere ihren Nutzen aus ihnen ziehen. Aber in Gebäuden? Körper müssen beerdigt werden. Vermutlich liegt neben jedem noch so kleinen Dorf, an dem die Helden dieser Epen, mit ihren spitzen Schwertern fuchtelnd, vorbeiziehen, ein spezieller Friedhof für die Feinde.
»Bringt sie zum Meer. Schmeißt sie aber nicht ins Wasser, sondern legt sie einfach am Strand ab«, entschied Rosa nach kurzem Nachdenken. »Vielleicht kommt noch jemand und möchte sie beerdigen.«
Mit einem neugierigen Blick in unsere Richtung, jedoch ohne irgendeine Frage zu stellen, verließen Klawdija und Petja das Raucherkabinett.
»Mutter und Sohn«, unterrichtete Rosa mich. »Ich habe sie vor drei Jahren eingestellt, sie kommen von uns, aus Russland. Den hiesigen Einwohnern traue ich nicht, müssen Sie wissen ... Klawas Mann ist Alkoholiker, der Sohn ist deshalb etwas ... äh ... schlicht. Das Leben hielt für die beiden nichts Gutes bereit. Daher sind sie mir sehr dankbar. Schade, dass sie gewöhnliche Menschen sind und zu gegebener Zeit sterben werden.«
»Und wir?«, fragte ich.
Da ich mit dem Fingernagel an dem braunen Schorf herumpolkte, kratzte ich die Wunde wieder auf. Das Resultat ist jedem von klein auf bekannt: Purpurrot würde das Blut herausperlen.
Doch unter dem Schorf trat unverletzte glatte Haut zutage.
Ich zog mich wieder an.
»Wir? Wer weiß das schon ... Die Wunde hat lange gebraucht, um zu verheilen«, bemerkte Rosa. »Sie sind wohl erst seit kurzem im Dienst?«
»Einen Tag.«
»Verstehe«, meinte Rosa. »Tüchtig. Sie begreifen sehr schnell.«
Ich ließ den Blick durch den Saal schweifen. Der wortkarge Junge Petja stapelte die Leichen auf einen Haufen. Es schien ihn keine Mühe zu kosten, gleichsam als verberge sich unter der schwarzen Kleidung eine aufblasbare Puppe, kein totes Fleisch.
»Sie wirken gar nicht wie normale Menschen. Ihre Wunden sind sofort verheilt, dann diese Kraft ...«
»Sie befinden sich auf meinem Territorium«, sagte Rosa in einem Ton, als erkläre sie damit alles. »Hier lege ich bestimmte Regeln fest. Leider gehört die Kampfkunst nicht zu den Dingen, die mir zu Gebote stehen.«
»Rosa Dawidowna!« Kotja konnte sich nicht mehr zurückhalten. »Wir verstehen wirklich rein gar nichts. Wer sind Sie? Und was ist das hier für eine Welt?«
»Dann will ich Ihnen alles erklären«, erwiderte Rosa freundlich. »Da in dem kleinen Schrank sind Kognak und Zigarren. Hier ist es allerdings ein wenig unaufgeräumt ... Gehen wir! Und nehmen Sie den Kognak und die Zigarren bitte mit.«
»Ich rauche nicht«, brummte Kotja, fing aber dennoch an, im Schrank herumzukramen. Einer Holzschatulle entnahm er Zigarren, er entdeckte die flache Kognakflasche und drei elegante versilberte Gläser.
Im Schlepptau der Alten verließen wir den Saal, in dem Klawdija, bewaffnet mit einem Eimer und unzähligen Lappen, die dunklen Flecken von den Teppichen beseitigte, und nahmen die Treppe in den ersten Stock. Von einem kleinen Vorraum gingen an zwei Seiten schmale Gänge ab. Rosa wies jedoch mit einer Kopfbewegung auf ein kleines Sofa und ein paar Sessel am Fenster.
»Wir warten hier, bis geputzt ist. Vielleicht wollen Sie doch eine Zigarre? Sind Sie sicher? Ich hingegen würde mit Ihrer Erlaubnis ... Verzeihen Sie mir diesen ordinären Zug ...«
Sie biss das Ende der dicken braunen Zigarre ab. Auf dem Couchtisch vor dem Sofa stand ein Aschenbecher, lagen Streichhölzer. Rosa legte den Zigarrenkopf in den Ascher und zündete mit einem der langen Streichhölzer gekonnt die Zigarre an.
Ein seltsamer Anblick, eine Frau mit einem ordentlichen ›Kolben‹. Das ruft sofort Empörung seitens der Männer hervor. Freud hätte in diesem Zusammenhang sicherlich auch ein Wörtchen mitzureden. Ich setzte mich neben sie und sah mich um. Der Raum erinnerte an das Foyer eines kleinen Hotels. Die Wände zierten Lampen. Gaslampen! Im kalten Kamin fanden sich akkurat aufgeschichtete Holzscheite.
»Das ist ein Hotel«, informierte Rosa uns. »Eine Herberge. Ein Gasthof. Ganz wie Sie wollen.«
Schweigend nickte ich.
»Ich wurde im Jahre achtzehnhundertsiebenundsechzig geboren«, erklärte Rosa feierlich und bedachte uns mit einem herausfordernden Blick. »Ich habe nicht die Angewohnheit, ein Geheimnis aus meinem Alter zu machen.«