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»Sie haben sich gut gehalten«, sagte Kotja. Er setzte sich nicht, sondern blieb am Fenster stehen. »Und nun erzählen Sie. Wir glauben Ihnen jetzt alles.«

Ich zauderte kurz, dann griff ich nach der Flasche. Armenischer Prasdnitschny. Laut Etikett noch zu Sowjetzeiten hergestellt. Ich schenkte drei Gläser ein, obwohl Rosa den Kopf schüttelte.

»Seit meiner Jugend habe ich im Hotelgewerbe gearbeitet«, berichtete sie. »Zunächst im Hotel meines Vaters, in Samara ... Dann bin ich nach Petersburg gefahren. Alles kann ich hier nicht aufzählen, aber bei Ausbruch der Revolution war ich im Europa angestellt, als Assistentin des Direktors. Ich habe dort gearbeitet, als die Bolschewiki ein Heim für Straßenkinder daraus machten und als während der NÖP-Zeit wieder Ordnung ins Hotel einkehrte. Bis ich dann 1925 verurteilt wurde.«

»Als Politische?«, fragte ich.

»Nein, ich habe gestohlen«, antwortete Rosa gelassen. »Sie müssen sich das vor Augen halten, die Zeiten damals ... Jeder hat so gut es ging ums eigene Überleben gekämpft. Gegen mich wurde ein Verfahren eröffnet. Für eine Flucht war es in meinem Alter schon zu spät. Wenn ich als Mann auf die Welt gekommen wäre, hätte ich mich erschossen, das war damals sehr modern. Emanzen konnte ich allerdings noch nie leiden. Sollte ich mit einem Loch im Kopf im Leichenschauhaus rumliegen? Ich bitte Sie! Und Gift schlucken? Das ist etwas für hysterische Mädchen. So harrte ich also des natürlichen Laufs der Dinge. Und plötzlich setzte eine Teufelei ein, die es in sich hatte! Ich gehe zur Arbeit und habe nur eins im Kopf: Heute holen sie dich zum Verhör. Oder morgen. Und mit einem Mal erkennt mich niemand mehr! ›Wo willst du denn hin, Großmütterchen? Wir haben keine Zimmer frei.‹«

Sie lachte leise vor sich hin. Ich nickte.

»Also gehe ich nach Hause. Mein Mann, Gott hab ihn selig, guckt mich komisch an. Sagt aber nichts. Wir essen und gehen zu Bett. Am Morgen wacht er auf - und fängt an zu zetern! Wer ich bin, was ich in seinem Bett zu suchen habe ... Er ist doch wirklich ein Narr, oder etwa nicht? Da findet er eine Frau in seinem Bett, na gut, sie ist nicht mehr ganz jung - aber trotzdem könnte er die Gelegenheit doch beim Schopfe packen! Ich schreie ihn an: ›Hast du den Verstand verloren, du alter Brummkopf? Ich bin deine Frau!‹ Aber er heult los, seine Frau sei vor fünfzehn Jahren verstorben, liege auf dem Friedhof, er sei ein anständiger Witwer und lasse sich von einer alten Hexe nicht sein Zimmer wegnehmen ... Ich spucke ihm ins Gesicht für diese Worte - und stürze aus dem Haus. Drei Tage lang streife ich durch Piter. Ich schlafe auf der Straße, bettle und grübele darüber nach, ob ich verrückt geworden bin. Plötzlich spricht mich ein Briefzusteller an. Mitten auf der Straße. Können Sie sich das vorstellen? Er händigt mir ein Telegramm aus. Das enthält eine Adresse im Litejny Prospekt und fordert mich auf, dorthin zu kommen. Da ich nichts zu verlieren habe, begebe ich mich zu der Adresse. Neben dem Offizierscasino entdecke ich ein kleines Geschäft. Ich guck mir das Schaufenster an - und falle fast in Ohnmacht. In welchen Zeiten lebten wir denn damals?! Aber hinter der Scheibe ballte sich der reinste Luxus! Roter und weißer Fisch, lebende Krebse, roter und schwarzer Kaviar, Wein und Champagner, frisches Filet, eingelegtes Gemüse, Oliven in Salzlake, glasierte Früchte, Schokolade ... In den besten NÖP-Jahren hatte ich dergleichen nicht gesehen. Nur unter dem Zaren, aber da auch nicht in allen Geschäften ... Und die Leute laufen einfach dran vorbei! Als ob sie all das nicht bemerkten! Mir will das einfach nicht in den Kopf! Schließlich betrat ich den Laden!«

Sie musterte Kotja und mich, gleichsam als wolle sie sich vergewissern, ob wir ihr glaubten oder nicht. Sie sog an ihrer Zigarre und fuhr dann fort: »Irgendwann taucht der Besitzer auf, ein gepflegter junger Mann, sieht mich durchdringend an und sagt: ›Sie fallen ja gleich vor Hunger in Ohnmacht, verehrte Dame ...‹ Daraufhin bewirtet er mich mit Speisen und Getränken, mit allem Drum und Dran. Er sagt weiter: ›Vermutlich haben alle Sie vergessen? Auf der Arbeit weiß man nicht, wer Sie sind? Ihre Familie erkennt Sie nicht mehr?‹ Ich nicke. Daraufhin erklärte er mir alles ... genau das, was ich jetzt Ihnen erklären werde.«

»Nein, solche Wunder gibt es nicht«, meinte Kotja finster. »Wir werden nichts mehr zu hören kriegen. Entweder bricht gleich ein Feuer aus oder ein Erdbeben.«

»Dieser Kaufmann hat mir also erzählt, dass ich eine Auserwählte bin.«

Kotja schnaubte.

»Das Leben ist kurz. Sie können das noch nicht verstehen, aber mit sechzig Jahren sind auch Sie davon überzeugt, falls Sie so alt werden. Wie heißt es doch so schön im Volksmund: Ob Zar, ob Zimmermann - jeden holt der Sensenmann. Aber ...« Rosa hob belehrend den Finger. »... das ist das Schicksal der normalen Menschen! Ganz anders verhält es sich, wenn man in seinem Metier die Höhe wahrer Meisterschaft erreicht hat.«

»Zum Beispiel im Hotelgewerbe?«, fragte Kotja in ironischem Ton.

»Ja, zum Beispiel«, bestätigte Rosa. »Oder im Zimmermannshandwerk. Oder in der Malerei. Oder in der Kriegskunst. Diese Menschen sterben nicht. Sie werden Meister. Und fallen aus dem Leben heraus!«

Ich erschauderte.

»Einfache Menschen vergessen dich«, fuhr Rosa mit einem Hauch von Mitleid fort. »Sowohl Verwandte als auch Freunde. Deine Papiere zerfallen. Dein Platz im Leben verödet, als seist du nie geboren worden oder schon vor langer Zeit gestorben. Dafür avancierst du zum Meister und kannst ewig leben. Manchmal in deiner eigenen Welt. Manchmal in einer anderen. Eben da, wo du am dringendsten gebraucht wirst.«

»Freimaurer«, sagte Kotja. »Und Parallelwelten.«

Rosa stimmte ein leises, nachsichtiges Gelächter an. »Glauben Sie doch der Boulevardpresse oder billigen Schreiberlingen nicht, junger Mann ... Was haben die Freimaurer damit zu tun? Ganz normale Menschen, die es in ihrem Beruf zu wahrer Meisterschaft gebracht haben, beginnen ein neues Leben, werden zu Meistern ...«

»Oder zu Funktionalen?«, warf ich ein.

»Ja, manche bezeichnen uns so«, bestätigte Rosa. »Aber wir Russen sollten die Sprache nicht derart verschandeln. Meister! Das ist ein schönes, ein stolzes Wort! Ich bin ein Meister in meinem Fach, im Hotelgewerbe. Sie sind, wie ich sehe, als Zöllner ein Meister. Wie außergewöhnlich, dass Sie das bereits in so jungen Jahren geschafft haben.«

»Ich bin kein Zöllner«, widersprach ich.

»Ich bin doch nicht blind!« Rosa lächelte. »Sie sind einer von uns. Sie sind ebenfalls ein Auserwählter!«

»Hier gibt’s keine Feuerzeuge«, bemerkte Kotja und nahm Rosa gegenüber Platz.

»Wie bitte? Was für Feuerzeuge?«

»Achten Sie nicht weiter auf mich ...« In Kotja erwachte jetzt sein professionelles journalistisches Interesse. »Dann leben Sie also schon achtzig Jahre hier? Ohne älter zu werden ...«

»Sie sehen es ja.«

»Ist das denn nicht die Erde?«

»Das ist Kimgim.« Rosa sprach das Wort weich, fast mit einem ukrainischen Akzent, aus. »Die geografischen Gegebenheiten sind hier etwas anders, aber diese Stadt liegt etwa da, wo sich bei Ihnen Stockholm befindet. Aber für diese Dinge habe ich mich nie sonderlich interessiert.«

»Und wie sind Sie an dieses Hotel gekommen?«

»Jeder Meister, junger Mann, erhält einen Ort, an dem er seine Talente entfalten kann. Als ich hierhergekommen bin - durch das Zollamt am Nikolajewski-Bahnhof - stand an dieser Stelle eine halb verfallene Scheune. Aber ich habe gespürt, dass sie mir gehört. Mit jeder Nacht, die ich in dem Gebäude zubrachte, veränderte es sich. So lange, bis es genau meinen Wünschen entsprach.« Nach kurzem Stocken fügte Rosa hinzu: »Wenn ich meiner Phantasie freien Lauf gelassen hätte, wäre hier ein Hotel entstanden, das größer als das Europa wäre. Andererseits haben mir immer die kleinen, anheimelnden Hotels gefallen.«

»Sie altern also nicht ... Ihnen wurde die Möglichkeit geboten, Ihrem geliebten Beruf nachzugehen, und Sie haben ein Hotel an die Hand bekommen, das ganz Ihren Wünschen entspricht ... Außerdem verfügen Sie über bestimmte übermenschliche Fähigkeiten ... Ihre Wunden verheilen im Nu... Gibt es sonst noch etwas?« Während Kotja all diese Dinge aufgezählt hatte, hatte Rosa bestätigend genickt. »Sie ... Sie sind sozusagen kein Mensch?«