Выбрать главу

»Ich bin ein Meister«, stellte Rosa klar.

»Gibt es viele von Ihrer Sorte? Leben Sie in mehreren Welten und reisen von einer zur anderen? Gibt es all das schon lange? Jahrzehnte? Oder Jahrhunderte? Warum weiß niemand etwas von Ihnen?«

»Wieso sollte denn niemand etwas von uns wissen? Sie, Konstantin, sind ein gewöhnlicher Mensch. Aber ihr Freund, der Meister, vertraut Ihnen. Und jetzt wissen Sie etwas über uns. Mit der Zeit werden Sie auch andere Meister entdecken, diese Fähigkeit lässt sich gewissermaßen trainieren. Klawa und Petja können schon lange Meister von gewöhnlichen Menschen unterscheiden.«

Rosa genoss das Gespräch, das ließ sich nicht übersehen. Sicherlich war es ihr nicht allzu oft vergönnt, junge Meister zu belehren. Und sie machte nicht den Eindruck zu lügen.

Nur: Was sollte ich für einen Meister abgeben? Was um alles in der Welt für einen Zöllner? Welche Höhen hatte ich erreicht, dass ich mich unversehens in einen Übermenschen verwandelte?

»Und wer regiert Sie?«, ließ Kotja nicht locker.

»Regiert wird die Masse, junger Mann«, antwortete Rosa schmunzelnd. »Wir sind Meister. Wir sind uns selbst genug.«

Ich hätte sie daran erinnern können, dass noch vor einer halben Stunde ein selbstgenügsamer Meister des Hotelgewerbes an einen Sessel gefesselt dasaß, beherrschte mich jedoch. »Dann wissen Sie also nicht, wer Sie überfallen hat?«, fragte ich stattdessen.

»Welche von hier«, antwortete Rosa knapp. »Allem Anschein nach gehörte zu denen auch ein Mensch, der über uns Bescheid wusste. Da haben sie Jagd auf ...«

Plötzlich kniff sie die Augen zusammen und drückte die Zigarre energisch im Aschenbecher aus. Der beißende Geruch ließ mich das Gesicht verziehen.

»Die sind Ihretwegen gekommen, Kirill Danilowtisch! Doch, ja ... ganz bestimmt! Sie wussten, dass Sie mich aufsuchen würden, und wollten Sie gefangen nehmen. Freilich haben sie die Rechnung ohne den Wirt gemacht! Sagen Sie, meine jungen Freunde, weshalb sind Sie eigentlich zu mir gekommen?«

»Jemand hat uns darum gebeten«, antwortete Kotja kleinlaut. »Eine Da... ein W... eine Frau. Sie hat einen Zettel für uns zurückgelassen, wonach wir eine weiße Rose suchen sollten, dann würden wir Antwort auf all unsere Fragen erhalten. Wir haben geglaubt, wir sollten eine Blume finden. Erst später ist uns klar geworden, dass es sich um das Hotel handeln musste ...«

»Man hat Sie in eine Falle gelockt! Aber die haben sich alle verrechnet!« Rosa schlug die Händen überm Kopf zusammen. Diese Ungeheuerlichkeit steigerte das theatralische Gebaren der Alten noch. »Wie niederträchtig! Ich werde mich mit dem hiesigen Meisterwachmann in Verbindung setzen ... Sie haben Ihre Nachbarn vermutlich noch nicht kennengelernt?«

Ich schüttelte den Kopf. Im Unterschied zu Kotja verspürte ich keinerlei Enttäuschung. Allerdings konnte ich mir den Zusammenhang zwischen der Nachricht für uns und diesem Hinterhalt beim besten Willen nicht erklären.

»Wir müssen jetzt zurück«, sagte ich. »Wir machen uns dann mal besser auf den Weg.«

»Sind Sie denn noch bei Trost!« Missbilligend schüttelte Rosa den Kopf. »In diesem Schneesturm? Weshalb? Übernachten Sie hier. Überzeugen Sie sich selbst davon, was die Gastfreundschaft eines Meisters heißt! Und Klawa kocht ganz vorzüglich, Sie werden erstaunt sein, was sie für eine exzellente Köchin ist...«

»Wir sollten besser in den Turm zurückkehren«, beharrte ich. »Sie ... Sie müssen das doch verstehen. So von einem Meister zum anderen.«

Das half. »Ja, natürlich«, meinte die Alte. »Ja, das verstehe ich ... Sie wohnen also auch in einem Turm?«

»Wieso auch?«

»Wenn Sie wüssten«, erklärte Rosa, während sie sich erhob, »wie leicht die Phantasie von Männern vorherzusehen ist. Die Hälfte der Meister zieht es vor, in einem Turm zu leben.«

Kotja quittierte das mit einer unzufriedenen Miene, sagte jedoch kein Wort. Wir gingen nach unten, wo inzwischen fast alle Spuren des Kampfs beseitigt waren. Petja schrubbte Flecken von den Wänden, seine Mutter klapperte in der Küche laut mit Geschirr.

»Jetzt haben wir Winter«, brachte Rosa traurig hervor. »Sie müssen mich im Sommer besuchen. Dann sind viele Gäste hier, fröhliches Gelächter erschallt, in den Vasen stehen Blumen. Ich lade Musiker aus der Stadt ein, jemand spielt Klavier ...«

»Und warum ist jetzt niemand hier?«, wollte Kotja wissen. »Gut, es ist Winter. Aber trotzdem? Die Uferstraße liegt verlassen da, nur die Laternen brennen, die Häuser sind verrammelt.«

»Na ja ... es ist halt keine Saison ...«, wiederholte Rosa. Unvermerkt schlichen sich Wehmut und Verlegenheit in ihren Blick. »Da kann man nichts machen. In kleinen Hotels am Meer ist das immer so. Und die Ortsbewohner ... die fliegen ebenfalls aus.«

Kotja sah mich an. »Wir sollten wirklich aufbrechen«, sagte er. »Es war sehr ...« Er heftete den Blick auf Petja, der geistesabwesend den Putzlappen im Waschbecken ausspülte. Der Lappen färbte das Wasser rot, und Kotja brachte, das Wort ›angenehm‹ verschluckend, nur noch hervor: »... Sie kennenzulernen.«

In dem Moment klopfte es an der Tür. Rosa Dawidowna fuhr zusammen. Petja ließ den Lappen fallen und verharrte mit offenem Mund, Klawdija spähte zur Küchentür heraus.

»Wenn die zurückgekommen sind ...«, setzte Rosa an. »Aber Sie können uns doch beschützen, nicht wahr, Kirill Danilowitsch?«

Ich zuckte mit den Achseln.

Rosa lugte kurz zum Lüster hinauf - der daraufhin prompt erstrahlte. Mit stolz erhobenem Kopf ging sie zur Tür, um sie weit aufzureißen.

In die Diele wogte Nebel, flogen ein paar Schneeflocken. Vor der Tür stand ein Mann in einem grauen Kapuzenmantel, Stiefeln und Fellmütze. Er mochte vierzig oder etwas älter sein. Und er trug ein höchst alarmiertes Gesicht zur Schau. Erst als er mich hinter Rosa bemerkte, stahl sich Erleichterung in seinen Blick.

»Meister?«, brachte Rosa verwundert hervor. »Oh ... guten Abend.«

»Hinter dem Hotel liegen fünf Leichen«, sagte der Mann, ohne Zeit mit der Begrüßung zu verlieren.

»Das war schrecklich, Felix!« Rosa faltete die Hände vor der Brust. »Irgendwelche verrückten Menschen haben das Hotel überfallen! Sie haben den jungen Meister gesucht ...«

»Sie haben mich gesucht«, schnitt ihr Felix das Wort ab. »Gehen wir, junger Mann. Du bist nicht allein?«

»Ein Freund hat mich begleitet.«

»In Ordnung, dann könnt ihr beide mitkommen ...«, meinte Felix stirnrunzelnd, bevor er sich wieder der Alten zuwandte. »Rosa Dawidowna, ich bitte Sie, besser aufzupassen. Sie wissen doch, wie sehr Sie uns fehlen würden, falls etwas nicht Wiedergutzumachendes geschähe.«

»O Felix...«

Warum auch immer, aber ich wollte mich nicht streiten oder Zeit verlieren. Ich packte Kotja am Ärmel und zog ihn hinter mir her. Petja sah uns mit naiver Neugier nach, Klawa bekreuzigte sich rasch und flüchtig, Rosa Weiß schickte Felix einen Blick voll stummer Vergötterung nach.

Wir traten in das Schneegestöber hinaus.

Die Kutsche wartete direkt vor der Tür. Ein normaler Phaeton, angesichts des Schnees mit hochgeklapptem Verdeck, freilich nicht auf Rädern, sondern auf Kufen. Ihm waren zwei Pferde vorgespannt, deren Zügel an eine unauffällige Säule neben dem Hoteleingang gebunden waren. Eine hell leuchtende Laterne, die an der rechten Seite des Wagenkastens angebracht war. Ihr Licht fiel gerade noch auf die in zehn Meter Entfernung aufgestapelten Leichen, die der Schnee langsam unter sich begrub.