»Hat Rosa Dawidowna euch viele Märchen erzählt?«, erkundigte sich Felix, während er die Tür hinter sich zuzog.
Kotja lachte nervös los.
»Ja«, sagte ich erleichtert. »Dass sie 1867 geboren worden sei ...«
»Dass sie sich immer jünger machen muss«, brummte Felix. »Welche Rolle spielt es schon, ob sie siebenundfünfzig oder siebenundsechzig geboren wurde? Aber sie muss einfach immer schwindeln ... Bestimmt hat sie euch erzählt, sie sei Hoteldirektorin gewesen, oder?«
»Direktionsassistentin.«
»Zimmermädchen war sie. Und das wird sie auch immer bleiben. Ihr Hotel ist nichts anderes als der Traum eines Zimmermädchens. Sauber, warm und kein einziger Gast.« Felix verzog das Gesicht. »Steigt ein, Kinder. Hier können wir nichts mehr tun.«
»Sie hat Sie Meister genannt ...« Ich ließ den Satz unbeendet, aber Felix verstand meine Frage.
»Noch so eine alberne Erfindung. Meister! Darauf muss man erst mal kommen ... Wir sind lediglich Funktionale. Aber darüber können wir uns im Schlitten unterhalten!«
Zehn
Das Wetter spielte völlig verrückt. Das Gestöber feuerte kurze Schneesalven ab, dann legte sich der Wind und vom Himmel segelten große Schneeflocken, ganz wie zu Weihnachten, nieder - die schon im nächsten Augenblick winzigem Eisgraupel und einem die Straße in eine Rutschbahn verwandelnden Schneetreiben wichen. Die Pferde trabten gleichmäßig einher, der Schlitten glitt sanft über den Weg und schaukelte beruhigend. Die Hinterbank des Schlittens, mit Pelz bezogen, erinnerte an ein kleines Sofa, für die Füße gab es am Boden eine Art Fellsack. Obwohl ich bisher noch nie mit einem Schlitten gefahren war, hatte ich mit weit weniger Komfort gerechnet.
Das Hotel lag bereits drei Kilometer hinter uns, die tristen Ziegelsteinbauten zogen sich immer noch endlos die Uferstraße dahin, und nirgends war eine lebende Seele in Sicht. Kotja und ich hätten vielleicht alt ausgesehen, wenn wir versucht hätten, den ganzen Weg zu Fuß zu gehen!
»Ich heiße Kirill!«, stellte ich mich mit einiger Verspätung vor. »Und das ist mein Freund Konstantin. Wir sind aus Moskau.«
»Sehr erfreut«, erwiderte Felix, ohne sonderliche Begeisterung an den Tag zu legen.
Hartnäckig versuchte ich, ein Gespräch in Gang zu bringen: »Warum wohnt hier niemand, Felix?«
»Das ist unser Fabrikviertel«, gab Felix knapp Auskunft. »Das Industriegebiet. Und jetzt sind Feiertage.«
»Trotzdem«, ließ ich nicht locker. »Warum ist hier absolut niemand?«
Felix zog die Zügel an, um die Pferde zum Stehen zu bringen. Auch das war ein interessantes Erlebnis. In Autos hatte ich gelernt, dass ich im Nu bremsen konnte. Der Schlitten dagegen fuhr noch fünfzig Meter weiter, bevor er endgültig zum Halten kam.
»Willst du das wirklich wissen?«, fragte Felix.
Ich nickte. Felix’ Gesicht wirkte ernst, ja, sogar finster. Wenn er mir jetzt erklären würde, Aliens hätten die Stadt überfallen, Vampire sie in ihre Gewalt gebracht oder die Pest habe in ihr gewütet, hätte ich ihm das geglaubt.
»Sieh dich doch mal um. Welcher Idiot geht denn bei diesem Wetter gern auf der Uferstraße spazieren?«
Ich wollte etwas entgegnen, wusste jedoch nicht, was.
Felix grinste. In dem Moment spritzte es vom Meer her hoch auf, gleichsam als sei eine übergroße Welle ans Ufer gebrandet. Die Gischt schien das Lächeln förmlich von Felixens Gesicht zu waschen.
»Es gibt noch einen Grund!«, schrie er, während er hart mit den Zügeln auf die Pferde einpeitschte.
Die Tiere bedurften jedoch keines Ansporns. Sie galoppierten derart los, dass es Kotja und mich gegen die Rückwand der Sitzbank schleuderte. Ich spähte aus dem Schlitten - und sah, wie sich hinter der Straßenbrüstung, jenseits der Laternenkette, ein rundes, dunkles, phosphoreszierend funkelndes Schuppenwesen mit langen Tentakeln aus dem Wasser erhob und zur Straße schlingerte ...
Der Schlitten raste dicht an den Mauern der Fabriken entlang, so weit vom Meer weg wie nur möglich. Der Körper des gigantischen Kraken wälzte sich weit hinter uns.
»Keine Angst«, sagte Felix, ohne sich umzudrehen. »Sie fürchten das Licht und kriechen nie auf die Straße.«
Aus irgendeinem Grund hatte ich mit so etwas nicht gerechnet. Dazu ähnelte die fremde Welt der unseren zu stark. Tiger und Bären mochte es hier durchaus geben, aber doch wohl keine Drachen oder monströse Kraken.
»Wohin fahren wir?«, fragte ich schließlich.
»Zu mir. Keine Sorge, wir sind fast da.«
Der Schlitten bog in eine breite Straße, die mit den schmalen, zwischen den Fabrikgebäuden verlaufenden Gassen nicht die geringste Ähnlichkeit hatte. Hier gab es Licht, gespendet von den gleichen Laternen, die auch die Uferstraße beleuchteten.
Vor uns krachte etwas. Donnerte geradezu. Und leuchtete mit grellen Scheinwerfern. Dieses Etwas kam uns entgegen. Metallisch war es, mit riesigen Rädern mit einem Durchmesser von zwei Metern, zwischen denen ein klobiger, bedrohlich wirkender gepanzerter Korpus mit mehreren Türmen saß, aus denen schmale Schäfte ragten, Maschinengewehre womöglich oder kleinkalibrige Kanonen.
Felix lenkte den Schlitten an den Straßenrand, die heulende, polternde Maschine schoss an uns vorbei. Sie brachte einen scharfen chemischen Geruch mit sich. Nicht den üblichen Benzingestank, sondern einen völlig anderen, etwas mit einem Hauch von Alkohol, einer Spur von Ammoniak.
»Früher oder später überfährt der noch jemanden«, knurrte Felix. Dann drehte er sich zu uns zurück. »Was ist? Hat es euch die Sprache verschlagen? Oder habt ihr noch nie einen Panzer gesehen?«
»Unsere Panzer sehen anders aus«, erklärte Kotja leise. »Außerdem brettern sie nicht durch die Stadt, sondern bleiben außerhalb. Sie fahren langsam und haben Raupenketten.«
»Bei euch kann man auch am Ufer spazieren gehen«, meinte Felix lächelnd.
Vom Strand her, zu dem dieser Panzer auf Rädern gejagt war, drang ein schnelles Rattern herüber, als arbeite jemand an einer überdimensionalen Nähmaschine.
Wir entfernten uns vom Ufer, und allmählich wurde es um uns herum lebendiger. Die Stadt verlor ihre triste geometrische Regelmäßigkeit. Die ersten ein- und zweistöckigen Häuser tauchten auf, zwar ebenfalls keine Wohnhäuser, aber immerhin schon keine Fabriken mehr. In einigen Fenstern brannte Licht. Von der Straße, durch die wir gekommen waren, zweigten in verschiedene Richtungen schmale Gassen ab.
Der Schnee ließ allmählich nach, ab und an knirschten die Kufen bereits auf blanken Steinen, dass es einem durch Mark und Bein ging. Wir bogen in eine Straße ein, die sich einen Berg hochschlängelte. Hier lagen, umgeben von Gärten, imposante Villen. In einem Fenster machte ich zu meiner Freude eine sich bewegende menschliche Silhouette aus, genauer eine Frau, die Tee einschenkte. Schlagartig wurde mir klar, was mir bisher gefehlt hatte: normale Menschen. Eine verrückte Alte namens Weiß, ihre debilen Angestellten, die schwarz gewandeten Mörder, selbst Felix, der so unverhofft aufgetaucht war - all sie waren keine Menschen, sondern Figuren des absurden Theaters. Letzten Endes ebenso seltsam wie das Monster, das mit seinen Tentakeln über das Ufer kratzte, oder der zu einem Rendezvous mit ihm eilende Rennpanzer - nur eben in menschlicher Gestalt.
Die Frau, die dort Tee trank, strahlte etwas Echtes aus. Etwas Vertrautes. Denn es sind die alltäglichen und banalen Dinge, die das echte Leben ausmachen. Und selbst dieser Gedanke ist ein echter - denn er ist unsagbar banal.
Seltsamerweise begegneten wir nun, ungeachtet der späten Stunde, immer mehr Menschen. Im Garten eines einstöckigen Anwesens veranstaltete eine lustige Gesellschaft von zehn Personen, Erwachsenen und Kindern, eine Schneeballschlacht. Sie winkten uns zu, bewarfen uns mit Schneebällen und riefen uns im Chor Glückwünsche zu, bei denen ich allerdings nicht genau verstand, worum es ging.
»Wir haben heute einen Feiertag«, sagte Felix noch einmal.