»Ich hätte auch nichts gegen eine Schneeballschlacht einzuwenden«, bemerkte Kotja finster.
»Euch wird gleich warm werden«, erriet Felix seine eigentliche Absicht. »Wir sind nämlich da.«
Der Schlitten hielt vor einem klotzigen Gebäude auf dem Gipfel des Hügels. Architektonisch erinnerte es an die alten russischen Anwesen, ein zweigeschossiger Mittelbau und zwei eingeschossige Flügel. Die Fläche vor dem Haus bedeckte festgestampfter Schnee, den zahlreiche Rad- und Kufenspuren durchzogen. Auch hier gab es die gleichen Laternen wie in den Straßen. In den Fenstern leuchtete helles Licht, hinter den Gardinen bewegten sich Schatten und spielte offenbar gedämpfte Musik. Man musste uns erwartet oder die Ankunft des Schlittens bemerkt haben, denn im entfernteren Flügel der Villa öffnete sich eine Tür und ein junger Mann kam auf den Schlitten zugerannt. Er trug ein offenes Hemd und leichte Schuhe, hatte aber um den Hals einen Schal gewickelt.
»Da bin ich wieder«, teilte Felix mit, indem er vom Schlitten sprang und dem Mann die Zügel zuwarf. »Ist alles in Ordnung?«
»Hm«, antwortete der Mann, der uns voller Neugier beäugte. »Soll ich abspannen?«
»Tu das.«
Wir folgten Felix und betraten das Hauptgebäude, während der Mann die Pferde zu einem großen Tor im rechten Flügel führte.
»Warum fahren hier keine Autos?«, konnte ich mir nicht verkneifen zu fragen.
»Weil wir kein Öl haben«, antwortete Felix.
Mit einem Mal konnte ich mich nicht länger des Eindrucks erwehren, Felix wüsste auf jede Frage eine bis zum Idiotismus richtige Antwort. Warum geht hier niemand spazieren? Weil es kalt ist. Warum haben Sie kein Auto? Weil es kein Benzin gibt.
»Worin besteht der Sinn des Lebens?«, fragte ich scheinheilig.
»Du machst dich über mich lustig ...«, brummte Felix. »Für uns besteht der Sinn des Lebens darin, guten Gewissens unsere Funktion zu erfüllen.«
»Das schmeckt mir nicht.«
»Du wirst dich daran gewöhnen.«
Bei dem Haus handelte es sich um ein Restaurant. Nicht so eins wie das Hotel, das im Stile eines europäischen Clubs gehalten war. Nein, dieses Restaurant kam ausgesprochen bombastisch daher, war trinkfreudiger Kaufleute und Parteifunktionäre würdig. Ein Disneyland der Gaumenfreuden! Mindestens genauso vulgär wie das Restaurant Prag am Neuen Arbat. Solche Restaurants existierten schon vor der Revolution, die NÖP-Zeit überlebten sie schadlos (möglicherweise amüsierte sich die diebische Alte Rosa Weiß ja damals in ähnlichen Etablissements), sie hielten sich unter Stalin, überstanden den Zweiten Weltkrieg, erstarkten und reiften in der Epoche des großen Maisanbaus unter Chruschtschow und der nachfolgenden Stagnation unter Breschnew, wechselten ein Dutzend Mal den Besitzer während der Perestroika, um schließlich triumphierend das dritte Jahrtausend zu begrüßen.
Geschmacklosigkeit ist einfach nicht totzukriegen.
Hier waren es Säulen. Und Kristalllüster. Und Gobelinteppiche an den Wänden. Und Statuen von nackten Jungfrauen mit den leeren Augen gekochter Fische. Und weiße gestärkte Tischdecken. Und Kristall, Porzellan und silbernes Tafelbesteck. Und Kellner in schwarzen Smokings und weißen Hemden, mit hochnäsig-aufmerksamen Gesichtern.
Behauptet da etwa jemand, das müsse so sein, das sei ganz richtig so, denn ein Restaurant habe sich von einer Cafeteria oder einem kleinen Lokal mit nationaler Küche zu unterscheiden? Ja, gewiss, natürlich. Nur hatte man hier einfach zu viel des Guten getan. Kristall, Silber und Wäschestärke. Man hatte eine unsichtbare Grenze überschritten, worauf sich der glanzvolle Luxus in Geschmacklosigkeit verwandelt hatte.
Dementsprechend war das Publikum. Der freundliche Postbote fiel mir ein, der mir die Zollbestimmungen gebracht hatte. Er war gewissermaßen der Inbegriff eines feinen und distinguierten Herrn, eines Gentleman, der durch und durch dem Butler aus einem englischen Film entsprach.
Hier hingegen herrschte zügelloses Treiben. Gewiss, an einigen Tischen aßen und tranken Damen und Herren von aristokratischem Habitus. Man brauchte sie bloß anzusehen, um zu wissen: Das waren keine Russen. Die stammten von hier. Aus der Welt, in der es kein Öl gab und wo man in Schlitten fuhr, in der jedoch am Ufer Meeresungeheuer herumkrochen. Dafür verlustierte sich in der Saalmitte an einer langen Tafel eine Gesellschaft, wie ich sie auch in teuren Moskauer Restaurants ein paarmal beobachtet hatte. Wenn der Chef unbedingt zu Silvester einen ›Firmenabend‹ im Roten Platz oder Metropol organisieren musste, nur um ja keine Prämien auszuzahlen. Dort durfte ich ähnliche Gestalten beobachten, wenn sich diese kraftstrotzenden Individuen mit Schmerbäuchlein (das ließe sich auch umgekehrt formulieren: mit Schmerbäuchlein, aber kraftstrotzend), kurz geschnittenem Haar und dem angeklebten schiefen Lächeln versammelten. Zunächst führen sie sich noch recht anständig auf, mit zunehmendem Alkoholpegel vergessen sie ihre Manieren und verwandeln sich in diejenigen zurück, die sie noch vor zehn Jahren waren: in kleine Banditen. Nur dass sie jetzt keinen polnischen Napoleon, sondern teuren Kognak wie Camus herunterkippen, nicht ihre roten Jacketts, sondern ihre Brioni-Anzügen vollkotzen.
In ihrer Begleitung fanden sich die entsprechenden Damen. Langbeinige (was angenehm ist), schöne (was äußerst angenehm ist) Frauen, allerdings mit Augen, die so glasig und grell sind wie Spielzeug für den Tannenbaum. Freilich sind sie genau das, Spielzeug nämlich, was ihnen jedoch nicht das Geringste ausmacht. Aus lauter Langeweile eröffnen diese Damen Boutiquen (ein Geschäft - das ist profan, aber eine Boutique - das ist etwas für die Seele), bringen halbe Tage in Fitnessstudios zu, wo sie Kräutertee zu sich nehmen und sich an exotischen Geräten ertüchtigen, erhalten an teuren Privatunis eine höhere Bildung, die niemand braucht, wobei Abschlüsse in Management und Psychologie besonders hoch im Kurs stehen.
Wie immer man es drehte und wendete: Das da war eine russische Tischgesellschaft!
Felix geleitete uns durch den Saal, wobei mir nicht entging, wie die Kellner bei seinem Erscheinen eine noch strammere Haltung annahmen, selbst wenn das eigentlich kaum möglich zu sein schien. Es folgten Korridore, vorbei an der Küche, wo es schepperte, lärmte, wo aromatische Düfte wogten, es folgte eine Treppe, die hinauf in den ersten Stock führte, das sich an die Wand drückende Personal ... Das Restaurant erinnerte an ein Kästchen mit doppeltem Boden, in dem viel mehr verborgen ist, als es äußerlich den Anschein erweckt.
Schließlich schloss Felix eine hohe Flügeltür auf und bat uns in sein Arbeitszimmer, das weit weniger pompös gehalten war als der Restaurantsaal. Ein mit Papieren überhäufter Schreibtisch, ein dazugehöriger Stuhl mit ungepolsterten Armstützen und hoher Rückenlehne. Allerdings hatten auch einige wuchtige Sessel im Empirestil, die sich um einen ovalen Tisch gruppierten, ihren Weg ins Arbeitszimmer gefunden.
»Setzt euch.« Felix deutete mit einer Kopfbewegung auf die Sessel. Dann betätigte er einen Knopf an seinem Schreibtisch. Schon im nächsten Moment schaute ein Kellner zur Tür herein. Mit Sicherheit hatte er vor dem Arbeitszimmer gewartet. »Bring den jungen Leuten etwas Anständiges zu essen. Cannelloni mit Pute, Hammelrippchen mit Bohnen ... Suppe ...« Aufmerksam betrachtete uns Felix, während er die Bestellung aufgab. »Zwiebelsuppe für beide. Und für uns alle Glühwein.«
»Der Glühwein ist schon unterwegs«, informierte uns der Kellner würdevoll. »Draußen ist es ja bitterkalt, Herr Direktor.«
»Morgen früh werden die Straßen verschneit sein«, pflichtete ihm Felix bei. »Wir haben den Kraken am Strand gesehen. Schick jemanden zur Polizei, vielleicht können wir die Tentakel kaufen.«
»Ich schicke Friedrich«, entschied der Kellner.
Offenbar handelte es sich bei ihm nicht um einen einfachen Mitarbeiter, sondern eher um den Oberkellner, den Maître de salle oder wie auch immer dieser Posten bei ihnen heißen mochte. Mir war bereits aufgefallen, dass er Kotja mit mehr oder weniger gleichgültigen Blicken bedachte, während er mich voller Respekt anschaute. Ob er wirklich etwas spürte?