Ein zweiter Kellner brachte uns den Glühwein, einen bauchigen Glasbecher für jeden und eine in ein Tuch gewickelte Kanne auf einem Tablett.
Als wir wieder unter uns waren, nippte ich genüsslich an dem Glühwein. Nach der zwanzigminütigen Schlittenfahrt hätte ich mir nichts Besseres vorstellen können. »Wer bist du, Felix?«, fragte ich nach einer Weile.
»Ein Funktional. Ein Gastronomenfunktional.«
»So eine Art Koch?«, mischte sich Kotja ein.
»Kochen kann ich auch«, bestätigte Felix schnippisch. »Nein, ich trage die Verantwortung für das gesamte Restaurant. Für die Innenausstattung, die Mitarbeiter, die Küche...«
»Die Innenausstattung«, bemerkte Kotja nachdenklich. »Verstehe.«
»Mein Geschmack ist es auch nicht«, gab Felix gelassen zu. »Aber sie gefällt den Gästen. Zu meinem größten Bedauern ... Gut, meine Herren, ich werde versuchen, auf alle eure Fragen zu antworten. Unsere verehrte Rosa neigt stets dazu, die Wahrheit schönzufärben ... Also, Kirill, du bist ein Funktional.«
»Das scheint mir eher ein Begriff aus der Mathematik zu sein«, sagte ich.
»Ja, und? Unser Wesen wird mit dem Wort ›Funktional‹ eben am besten beschrieben. Wir sind einer ganz bestimmten Funktion zugeordnet. Es gibt Verkäuferfunktionale. Oder Arztfunktionale. Hotelierfunktionale oder Gastronomenfunktionale.«
»Es sind Angestellte«, brachte Kotja unversehens hervor.
»Richtig.« Felix nickte. »Wenn du das als Beleidigung empfindest, kannst du dich Meister nennen. Viele bevorzugen das. Aber ich verstehe unter einem Meister einen Menschen, der aus eigener Kraft etwas erreicht hat. Unsere Situation sieht ein wenig anders aus. Unsere Fähigkeiten sind uns gegeben. Von wem, das frag mich nicht, denn das weiß ich nicht. Die Geschichte läuft aber immer nach dem gleichen Muster ab. Der Mensch gerät allmählich in Vergessenheit. Seine Papiere verschwinden. Seinen Platz in der Familie und bei der Arbeit nimmt jemand anders ein. Wenn dieser Mensch am Ende ist und nirgendwo mehr hinkann, kommt ein Bote zu ihm oder er erhält ein Telegramm. Kurz und gut, er wird zu einer bestimmten Adresse gebeten. Der Ort, zu dem er sich dann begibt, wird sein neuer Arbeitsplatz. Wir nennen das Funktionsort. Rosas Funktion ist ihr Hotel. Meine Funktion ist dieses Restaurant. Deine ist, soweit ich es verstanden habe, die Passierstelle zwischen den Welten.«
Ich nickte.
»Was bekommst du nun im Gegenzug?« Felix trank einen Schluck von dem Glühwein. »Du bekommst ein sehr langes Leben. Unsterblichkeit würde ich nicht sagen, denn obwohl du nicht alterst, kannst du sterben oder dir das Leben nehmen. Du bekommst eine gute Gesundheit und hervorragende Regenerationsfähigkeiten. Beachte jedoch, dass deine Fähigkeiten umso geringer sind, je weiter du dich von deiner Funktion entfernst! Auf deinem Territorium kannst du praktisch nicht getötet werden. Vermutlich würde dir sogar der Kopf nachwachsen, wenn man ihn dir abhacken würde. Hier ... hm, hier könnte man dich vermutlich mit einem Schuss ins Herz umbringen. Oder mit mehreren Schüssen.«
Schon komisch: Mein ganzes Leben lang war mir klar gewesen, dass ich durch einen Schuss ins Herz sterben könnte - und es hatte mir nicht das Geringste ausgemacht! Mit einem Mal wurmte es mich jedoch.
»Du bist in der Lage, Funktionale von gewöhnlichen Menschen zu unterscheiden ... warte, bevor du widersprichst. Das kommt nämlich erst mit der Zeit. Du verstehst jede x-beliebige Sprache, aber auch das nur in einem bestimmten Umkreis von deiner Funktion. Der Ort, an dem du lebst und arbeitest, wird sich schon sehr bald nach deinem Geschmack umgestalten. Das geschieht ganz automatisch! Luxusgegenstände wirst du leider nicht erhalten. Ebenso wenig wie Geld oder Edelsteine. Oder auch Lebensmittel. Atemberaubende Schönheiten werden dir, so leid es mir tut, ebenfalls nicht zur Verfügung gestellt. Das dürfte alles sein, was die allgemeinen Fähigkeiten anlangt. Jetzt zu den speziellen. Ich weiß zum Beispiel, wen ich mit welchen Speisen zu bewirten habe ... Da braucht ihr gar nicht zu lachen, ihr werdet euch gleich selbst davon überzeugen. Rosa hält ihr Hotel in idealem Zustand. Du dürftest vermutlich jeden Schmuggler wittern, dich im Notfall auf einen Kampf einlassen und ihn gewinnen können. Natürlich kannst du dich nicht mit einem Polizistenfunktional messen, aber dennoch ... Und welche Wunder erst ein Arztfunktional vollbringt! Das sind alle Vorteile, die mir einfallen ... Ach nein, halt! Du kannst natürlich auch von einer Welt in eine andere reisen. Wie viele Welten sind mit deiner Funktion verbunden?«
»Bislang zwei. Aber ich glaube, es werden fünf.«
»Hervorragend. Es steht dir also frei, dich in fünf Welten zu bewegen. Behalte jedoch im Hinterkopf, dass deine Fähigkeiten gegen Null tendieren, sobald du dich zehn, fünfzehn Kilometer von deiner Funktion entfernst. Du kannst übrigens auch andere Übergänge benutzen.«
»Wenn es Vorteile gibt, muss es auch Nachteile geben«, sagte ich.
»Richtig. Es gibt einen Nachteil, nämlich folgenden: Du wirst dich dein Lebtag mit ein und derselben Sache beschäftigen. Wenn du ein Faulpelz bist, wie er im Buche steht, wirst du deine Arbeit eventuell mit einem minimalen Aufwand erledigen, so wie es bei Rosa der Fall ist. Aber du wirst niemals ganz von ihr loskommen. Solltest du dich weit und für lange Zeit von deiner Funktion wegbegeben, wirst du zum normalen Menschen.«
»Das ist kein sonderlich schlimmer Nachteil«, brummte Kotja. »Schließlich sind wir sowieso alle Menschen. Aber hundert Jahre lang ein unverletzlicher Supermann zu sein und sich keine Sorgen um das täglich Brot zu machen ... das kriegt nicht jeder geboten ... Kann ich auch ein Funktional werden?«
»Das ist eine Lotterie.«
»Verstehe. Und wo gibt es die Lose zu kaufen?«
Felix grinste nur.
An der Tür klopfte es kurz, und ein Kellner mit einem Tablett trat ein.
»Den Hammel für ihn.« Felix nickte in meine Richtung. »Esst nur, meine jungen Freunde ...«
Er setzte sich an seinen Schreibtisch und vertiefte sich in seine Papiere. Wir machten uns über das Essen her.
Es schmeckte wirklich gut. Sehr gut sogar. Dabei hatte ich früher nie Zwiebelsuppe gegessen, ja, gekochte Zwiebeln geradezu gehasst! Und jetzt leerte ich eine ganz Schale auf einen Zug. Dann probierte ich die Hammelrippchen. Ehrlich gesagt, ließ ich mich nur selten zu Hammel verführen, denn ich hing der Überzeugung an, das Fleisch munde nicht. Nun zeigte sich, dass ich mich damit noch stärker geirrt hatte als bei den Zwiebeln.
Es gab auch Wein. Auch dieses Mal gab das Flaschenetikett in einer fremden Sprache Auskunft. Die Buchstaben erinnerten an lateinische, wenn auch leicht verschnörkelt. Den Sinn der Worte verstand ich dennoch. Der Wein stammte aus den Hochgebirgen Skans, gewonnen aus der einzigartigen Traubensorte Ruminer. Kotja betrachtete die Flasche allerdings auf eine Weise, die keinen Zweifel zuließ: Er vermochte kein Wort zu entziffern.
»Ihr könnt jederzeit zu mir kommen«, sagte Felix, ohne den Blick von seinen Papieren zu heben. »Ich freue mich immer, einen Kollegen empfangen zu dürfen. Bringt Freunde oder Freundinnen mit. Wir müssen einander doch helfen, nicht wahr?«
»Sind Sie aus Moskau, Felix?«
»Nein. Ich bin von hier.«
»Aber Sie sprechen doch Russisch«, ereiferte sich Kotja.
»Ja, und? Gewiss, ich bin Russe ...« Er zog eine Schreibtischschublade auf und holte ein zerlesenes Büchlein heraus. »Nehmt das. Ihr werdet vieles verstehen, wenn ihr das in eurer Freizeit lest.«
Begierig langte Kotja nach dem Buch. Seinem erfreuten Ausruf entnahm ich, dass er den Text verstand.
»Ein Geschichtslehrbuch für die fünfte Klasse, in der russischen Ausgabe!«, rief Kotja begeistert aus.
»Ich habe es meinem Sohn vor zwei Jahren abgenommen«, erklärte Felix. »Ich glaubte, früher oder später würde es mir zupass kommen. Es kommen nicht häufig neue Funktionale zu uns, aber man sollte auf alles vorbereitet sein ... Es hat sich so ergeben, dass ich gewissermaßen die Rolle des Chefs übernommen habe. Inoffiziell natürlich. Am letzten Freitag eines Monats treffen wir uns alle hier im Restaurant ... Komm doch auch. Schließlich sind wir Nachbarn.«