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»Wer hat das Hotel überfallen, Felix?«, fragte ich.

»Wenn es Menschen gibt, die über etwas Einmaliges verfügen«, begann Felix seufzend, »dann wird bestimmt jemand versuchen, ihnen das zu entreißen. Gerüchte sind immer in Umlauf, Kirill. Über einen Arzt, der jede Krankheit zu heilen vermag. Über eine Lücke zwischen den Welten. Über unverwundbare Kämpfer. Und schließlich über Wünsche, die in Erfüllung gehen. Alle unsere bisherigen Verbindungen reißen ab, sobald wir zu einem Funktional werden. Aber früher oder später knüpfen wir neue. Funktionale heiraten. Sie bekommen Kinder. Gewinnen neue Freunde. Irgendwann bringt ein allzu ehrgeiziger Mensch etwas in Erfahrung, und dann geht es los ... Geheimorganisationen. Überfallkommandos. Angriffe auf Funktionale, von denen manche nur schwer aufzuklären sind, während es bei anderen das reinste Kinderspiel ist. In den meisten Fällen werden die Polizisten mit der Situation fertig. Aber manchmal ... manchmal sterben auch welche von uns. Das letzte Jahr war unruhig, ich selbst wurde zweimal überfallen ...«

»Aber normalerweise wissen die Menschen nichts von uns?«

»Diejenigen, die über uns Bescheid wissen müssen, tun das auch. Es ist besser, den Machthabern kleine Gefälligkeiten zu erweisen, als umfassend Widerstand zu leisten, meinst du nicht? Vergiss nicht, du musst dich schließlich ernähren und brauchst etwas zum Anziehen. Weißt du, wie das funktioniert?«

»Zu mir ist ein Postbote gekommen. Heute ... nein, gestern Morgen. Er hat mir ein Buch mit Zollbestimmungen gebracht ...« Ich ließ den Satz unbeendet.

»Ganz genau«, bestätigte Felix. »Du erhebst Steuern auf die Waren. Die kannst du restlos für dich einbehalten. Ich unterhalte ein teures Restaurant. Ein Arzt verlangt von seinen reichen und anonymen Patienten horrende Summen, wenn er sie von jeder denkbaren Krankheit heilt ... Glaub mir, wenn sich das Gerücht über ein neues Funktional erst einmal verbreitet hat, wirst du dich vor Grenzgängern nicht mehr retten können. Bereite deshalb schon vorab Schilder mit den Öffnungszeiten vor, die du an der Tür anbringst.«

Er machte mir nicht den Eindruck zu scherzen.

»Ich habe also«, schlussfolgerte ich, »eine gut bezahlte Arbeit erhalten und als Zugabe Gesundheit, ein langes Leben und Unverwundbarkeit. Sieht aus, als ob ich allen Grund zur Freude hätte.«

»Den hast du«, bekräftigte Felix. »Und das meine ich völlig ernst. Fang an, dein Leben zu genießen. In fünfzig Jahren wirst du dich langweilen, aber noch kannst du es einfach genießen. Du kannst sämtliche Freuden und Laster kennenlernen. Das heißt: Bleib lieber erst bei den Freuden, die Laster heb dir für später auf ... Übermorgen erwarte ich dich dann bei unserem kleinen Beisammensein der Funktionale Kimgims.« Mit einem Blick auf Kotja präzisierte er: »Allein, versteht sich.«

»Sagen Sie«, ging Kotja in die Offensive, »was würde denn eigentlich passieren, wenn ich über Sie einen Artikel in einer Zeitung veröffentliche?«

»Sind Sie Journalist?«

»Ja!«

»Unser Polizistenfunktional behält Sie im Auge.« Felix schüttelte den Kopf. »Nehmen Sie von diesem Artikel lieber Abstand, junger Mann.«

»Es wird nichts Schlimmes passieren«, warf ich rasch ein, »selbst wenn er einen Artikel schreibt. Er verfasst ohnehin Sensationsmeldungen über allerlei Firlefanz, über Geheimgesellschaften, Übersinnliche, Meeresungeheuer ...«

Ich verstummte.

»Na bitte, da haben wir’s«, meinte Felix. »Besser vergisst er diese Story. Schreiben Sie über etwas anderes, junger Mann. Über etwas Romantisches. Über die Liebe. Oder über Tiere.«

»Über die Liebe zu Malteser Schäferhunden zum Beispiel!«, konnte ich mir die Stichelei nicht verkneifen und brach in Gelächter aus. Ich lachte, bis mir die Tränen kamen, ich mich verschluckte, mich im Sessel krümmte und Kotja, knallrot geworden, mir auf den Rücken klopfte.

»Ihr solltet jetzt zusehen, etwas zur Ruhe zu kommen«, sagte Felix, der mich aufmerksam ansah. »Wollt ihr hierbleiben? Ich kann euch ein Zimmer geben. Oder wollt ihr zu Rosa gehen? Oder nach Hause?«

»Nach Hause«, entschied ich. Nachdem ich meinen hysterischen Lachanfall überwunden hatte, fühlte ich mich verlegen - wie einem Menschen halt zumute ist, der coram publico eine Dummheit von sich gegeben hat.

»Das ist sehr vernünftig. Du solltest deine Funktion nicht so lange allein lassen. Vor allem, da du, soweit ich es verstanden habe, noch nicht einmal die anderen Moskauer Funktionale kennengelernt hast.«

»Das stimmt.«

»Moskau ist ja eine große Stadt«, sinnierte Felix. »Bei uns gibt es zehn Funktionale. In Moskau dürften es Hunderte sein ... Aber die werden dich nicht gleich heute oder morgen überfallen.«

»Kommission kommt übermorgen«, fiel es mir plötzlich wieder ein. »Ja ... sicher.«

»Du musst wissen, es war reiner Zufall, dass Rosa und ich dich in alles eingeweiht haben. Bei euch herrschen nämlich eure eigenen Regeln und Gesetze ... Möglicherweise wird man dir alles noch einmal genauer und besser erklären.«

Abermals betätigte Felix den Knopf an seinem Schreibtisch. »Ich werde Karl bitten, euch nach Hause zu fahren«, sagte er. »In seiner Anwesenheit könnt ihr ganz offen miteinander sprechen.«

»Darf ich ein Foto von dir machen?«, fragte ich.

»Suchst du nach einem Beweis für dich selbst?« Der Restaurantbesitzer lächelte. »Nur zu. Aber dann hätte ich auch gern eins von euch.«

Daran, dass wir den Turm nicht wiederfinden könnten, dachte ich erst, als wir an der Weißen Rose vorbeifuhren. Der Stein, den ich auf die Kaimauer gelegt hatte, nützte mir nicht mehr als jene Brotkrumen, die Hänsel und Gretel im Wald fallen ließen, denn in den letzten Stunden hatte es viel zu stark geschneit. Von Kotja brauchte ich keine Hilfe zu erwarten: Er las, die Seiten mit dem Display seines Handys beleuchtend, in dem Geschichtslehrbuch.

Das Problem löste sich überraschend unkompliziert. Irgendwann, als ich die an uns vorbeiziehenden Straßen betrachtete, spürte ich: Wir müssen hier lang. Das Gefühl glich jenem, mit dem ich Kotja unbekannte Ausdrücke erklärte oder mich mit den Gangstern geprügelt hatte. Es war das reine Wissen, die Sicherheit, es müsse genau so gemacht werden.

Wir gelangten zu unserem Turm, den der junge Kellner mit unverhohlener Neugier betrachtete. Wie es wohl sein mochte, etwas von der Existenz einer anderen Welt zu wissen, aber nicht die Möglichkeit zu haben, sie auch zu besuchen?

»Schulden wir Ihnen etwas?«, fragte ich, einem plötzlichen Gefühlsaufwall folgend.

Wobei die Frage war, was ich ihm eigentlich geben konnte. Hiesiges Geld besaß ich nicht, Rubel nützten ihm nichts.

»Ich bitte Sie!« Abermals staunte der junge Mann den Turm an. »Ich muss jetzt wieder fahren ... sonst erfriere ich noch.«

»Wollen Sie nicht vielleicht ... nur auf ein Schlückchen ...?« Ich ließ den Satz unbeendet.

Im nächsten Moment begriff ich, dass Menschen selbst in einer Parallelwelt Menschen bleiben.

»Wenn es denn wirklich nur auf ein Schlückchen ist.« Der Fahrer lächelte verlegen. »Der Meister lädt einen einfachen Menschen nicht oft ein.«

Mir ging durch den Kopf, dass das Funktional Felix nicht ganz ehrlich gewesen war, als er sich über Rosa Weiß lustig gemacht hat. Gewiss, er selbst legte auf diese hochtrabende Bezeichnung keinen Wert. Aber seine Untergebenen nannten ihn so - auch wenn er so tat, als bemerke er es nicht.

»Dieser Meister wird Sie mit Vergnügen bewirten«, sagte ich. »Treten Sie ein.«