Damit schien es dem Mann vollends die Sprache verschlagen zu haben! Ich öffnete bereits die Tür, während er mich immer noch schockiert ansah. Dann schüttelte er den Kopf. »Der Meister lädt mich ein?«, fragte er.
»Komm rein.« In vollendeter Gastfreundschaft hielt ich ihm die Tür weit auf.
Mit einem ähnlichen Gefühl dürfte ein gläubiger Katholik den Vatikan betreten. Der Mann klopfte sich lange den Schnee von den Beinen. Vorsichtig trat er ein - um die elektrischen Lampen genauso begeistert zu betrachten wie Kotja die Laternen an der Straßenbrüstung.
»Bring uns ein Gläschen«, bat ich Kotja. »Ja?«
»Okay«, meinte Kotja.
Er verschwand eine Minute und kam mit Kognak und drei Gläsern zurück. Der Kutscher kippte den Kognak wie Wasser hinunter. O nein, Alkohol interessierte ihn jetzt nicht im Mindesten.
»Meister ... könnte ich mir wohl einmal Ihre Welt ansehen?«
Ich suchte Kotjas Blick. Der zuckte mit den Schultern: Das entscheide mal schön selbst.
»Hm, vermutlich schon ...« Ich ging zur Tür, die nach Moskau führte. »Aber nur kurz!«
Hat schon mal jemand gesehen, wie einem Menschen beim Anblick von auf einen Schrottplatz platterndem Regen die Augen übergingen?
Es war bereits tiefe Nacht.
Die Aussicht war nicht besser als die durch die Tür nach Kimgim. Dunkelheit, Schmutz, verschwommene Silhouetten von Häusern, in einigen Fenstern ein schummriges Licht. Aus irgendeinem Grund brannten die Straßenlaternen noch nicht.
Des ungeachtet löste dieser schlichte Anblick bei dem Mann den gleichen Enthusiasmus aus wie die Brüder Lumière bei ihrem ersten Zuschauer. Widerwillig trat er nach einer Weile von der Tür zurück. »Vielen Dank, Meister.« Er legte die Hand aufs Herz. »Ich ... ich habe immer davon geträumt, fremde Welten zu sehen.«
Diese idiotische, geschraubte Floskel ging Kotja und mir durch und durch. Mit einem falschen Lächeln geleiteten wir den Mann zur Tür nach Kimgim. Wir winkten ihm sogar.
Sobald die Tür zu war, schien uns beiden ein unsichtbares Korsett abgenommen zu werden.
Ich sank gegen die Wand.
Kotja gestaltete es schlichter und ließ sich auf den Boden plumpsen. Dort machte er sich daran, seine Brille unnötig lange mit dem Stoff seines Ärmels zu putzen.
»Wie ... gefällt dir ihre Welt?«, fragte ich.
»Ihre Welt? Diese Freimaurer!«, antwortete Kotja in aller Entschiedenheit. »Eine Weltverschwörung. Monster. Himmel, Arsch und Zwirn, warum bin ich bloß hierhergekommen?!«
In seiner Stimme lag echte Qual.
»Was meinst du denn?«, fragte ich verständnislos.
»Na, was wohl! Du bist jetzt der Hüter zwischen den Welten, oder nicht? Du fängst fliegende Messer ab, deine Wunden verheilen, du erhebst Zölle... Und ich? Ich bin ein Niemand! Ich habe keinen Titel! Ich darf nicht mal ein Sterbenswörtchen darüber verlieren, denn dann kriege ich Besuch von einem Funktional, das kurzen Prozess mit mir macht!«
»Kotja ...«
Ich fühlte mich wirklich nicht wohl in meiner Haut. Ich hatte ein Los gezogen, das von wer weiß wem ins Spiel gebracht worden war. Außerdem hatte Kotja bereits vergessen, dass wir Freunde sind. Dennoch wurde ich dieses Schuldgefühl nicht los.
»Alles haben die unter ihre Kontrolle gebracht! Bei allem haben sie ihre Finger im Spiel«, fuhr Kotja unterdessen aufgebracht fort. »Überall haben die ihre Leute platziert. Sie haben ihre eigenen Zahnärzte und Friseure. Einfache Menschen müssen sich abmühen, aber ihr lebt wie die Maden im Speck!«
Das klang nun rundum absurd. Früher hatte ich es nie mit Klassenhass zu tun gehabt. Aber früher gab es auch keinen Unterschied zwischen Kotja und mir. Mit einem Mal verstand ich, was der bescheidene Krämer empfunden haben musste, als ihm im Oktober 1917 ein Matrose mit revolutionärer Gesinnung einen Besuch abstattete.
»Kotja ...«
»Ach, halt doch die Klappe!«, platzte Kotja heraus, was für ihn einem exquisiten Kraftausdruck gleichkam. »Das habt ihr euch schön ausgedacht, ihr Meister und Funktionale!«
Die letzten Worte stieß er mit derselben Verachtung aus, mit der ein eingeschworener Antisemit über die ›raffgierigen Juden‹ zetert.
»Hör mal, das ist doch nicht auf meinem Mist gewachsen ...«, setzte ich an.
Aber Kotja spielte, was bei ihm öfter vorkam, die beleidigte Leberwurst.
Mit einem Ruck erhob er sich, zog das Geschichtslehrbuch, das der Meister - oder das Funktional - Felix seinem Sohn abgenommen hatte, unter seinem Pullover hervor und schleuderte es auf den Fußboden. Daraufhin verließ er stolz den Turm und schlug die Tür laut hinter sich zu.
Er kehrte nach Moskau zurück.
»Glaubst du etwa, ich habe das gewollt?«, fragte ich den Turm. Ich rieb mir den Arm, in den das Messer eingedrungen war. »Habe ich mich etwa darum gerissen, ein Funktional zu werden? Damit ich Partisanen ausheben und Zollgebühren eintreiben kann?«
Im Turm blieb es still. Sehr still. Es gab niemanden, der mir hätte antworten können.
Einen hysterischen Anfall ganz ohne Zuschauer durchzuziehen ergibt jedoch überhaupt keinen Sinn.
So bückte ich mich nur und hob das Buch auf. Es war auf der ersten Seite aufgeschlagen, wo ich eine Karte der Welt erblickte, in der sich Kimgim befand.
Einige Sekunden lang lachte ich dümmlich vor mich hin.
Ob Kotja diese Karte auch entdeckt hatte? Ob er deswegen so aufgebracht war?
»Zu Hause ist anders«, fiel mir eine alte Soldatenweisheit wieder ein.
Dergestalt, mit dem Buch in den Händen, begab ich mich in den ersten Stock.
Elf
Für einen jungen und gesunden Mann gibt es viele Möglichkeiten aufzuwachen. Die angenehmste ist natürlich die, wenn dir jemand das Ohr küsst und zärtlich flüstert: »Vielen Dank ... Liebling ... das war eine unvergessliche Nacht ...« Wie seltsam es auch klingen mag, doch die grauenvollste Variante ist mit dieser absolut identisch. Nur ist die Stimme in diesem Fall männlich und spricht mit kaukasischem Akzent.
Zwischen diesen beiden Extremen liegt ein breites Spektrum unterschiedlicher Formen des Erwachens. Da gibt es die »zweite Flasche, die nicht hätte sein müssen, allerdings saßen wir so gesellig beisammen« oder auch die »Socken, die ich in aller Eile anzogen habe, damit ich Land gewinne, bevor die Lady neben mir aufwacht«, und auch die reichlich exotische Alternative: »Ich muss wohl hinterm Steuer eingeschlafen sein, Herr Doktor.«
In der Regel gestaltet sich das Aufwachen freilich weitaus prosaischer. Gewöhnlich wacht ein junger Mann mit dem Gedanken auf: »Meine Arbeit hängt mir ja so was von zum Halse raus!« Verbreitet sind auch die Varianten: »Ob dieses Kind irgendwann aufhört zu schreien?« und »Welcher Idiot ruft mich mitten in der Nacht an?«
Ich wachte auf, weil mich ein Sonnenstrahl, der durchs Fenster fiel, kitzelte. Das Licht war so klar, grell und warm, dass kein Zweifel aufkam: Das war nicht die Sonne des matschigen Moskauer Himmels.
Sobald ich die Augen vollends aufschlug, begriff ich, dass es über Nacht einen radikalen Wetterumschwung gegeben hatte. In Kimgim schneite es nicht mehr, stattdessen hingen am Himmel dicke graue Wolken. Dafür hatte es in Moskau aufgeklart. Der blaue Himmel strahlte, als wolle er es mit blendendem Weiß aufnehmen, die Sonne schien einer Kinderzeichnung entliehen, so zitronengelb prangte sie, der Luft war ihre Reinheit und Kälte mit bloßem Auge anzusehen.
Ich blieb noch einen Augenblick liegen, um zu den ladenlosen Fenstern hinauszuschauen. In meinem Kopf herrschte gähnende Leere. Mein Körper barst vor Energie, wollte rennen, springen ... Vieles gab es, was er wollte. Auf gar keinen Fall aber wollte er ein morgendliches Gymnastikprogramm absolvieren - dergleichen hatte er nämlich nicht nötig.
Ein Glückspilz war ich! Ein Meister! Ein Funktional! Ein Zöllner. Ganz allein konnte ich eine Handvoll Banditen ausschalten, Wunden jagten mir keinen Schrecken ein, vor mir lag ein langes und ganz unbedingt glückliches Leben!