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Ich hüpfte aus dem Bett, sprang herum - und berührte mit den Händen die Decke. Oho! Die war mindestens drei Meter hoch.

»Der Morgen taucht in zartes Licht des alten Kremls Mauer!«, summte ich fröhlich eine Zeile aus einem alten Volkslied. Plötzlich verstummte ich. Zartes oder güld’nes? Ach, was! Als ob das eine Rolle spielt! Hauptsache, die Sonne scheint lustig, der Himmel ist klar - und zwar bei uns, nicht in diesem idyllischen Kimgim. Die sollten sich mal ja nicht für was Besseres halten. Wir waren nämlich auch nicht ohne!

Ich öffnete das Fenster und lehnte mich hinaus. In Moskau musste das recht komisch aussehen: In einem verdreckten Wasserturm geht plötzlich im ersten Stock ein kleines Fenster auf und ein Mann mit nacktem Oberkörper und zufriedenem, ausgeschlafenem Gesicht steckt den Kopf heraus ...

Es beachtete mich jedoch niemand. Die Autos rasten vorbei, in der Ferne surrte eine davonfahrende Eisenbahn (anscheinend hatte dieses Geräusch mich geweckt). Dick eingemummelte Menschen eilten zum Bahnhof. Natürlich, heute war Samstag ... Vermutlich wollten sie den letzten warmen Herbsttag nutzen. Nun gut, so warm war er nicht, der Tag, aber immerhin sonnig. Ich selbst schnappte mir an Tagen wie diesem immer Cashew und rief Anka an, damit wir beide zu ihrer Datscha fuhren, die schon alt war und gerade deshalb so charmant.

Mit einem Mal packte mich eine ungeheure Sehnsucht. Nicht wegen Anka. Das war einmal und kam nicht wieder, wir hatten uns getrennt und Lebewohl gesagt, denn zwischen uns war es nicht wirklich gut gelaufen, allerdings hatten wir beide uns auch nicht die rechte Mühe gegeben. Wie vernünftige Menschen waren wir auseinandergegangen. In beiderseitigem Einvernehmen. Meine Freunde, die aus meinem Leben verschwunden waren, ja, selbst meine Eltern vermisste ich ebenfalls nicht sonderlich. Meine Freunde, dessen war ich mir sicher, würde ich einfach noch einmal kennenlernen. Mit Kotja hatte das ja schließlich auch geklappt. Und meine Eltern? Das Wichtigste war ja, dass sie wohlauf waren und sich um mich keine Sorgen machten - weil es mich ja sozusagen nie gegeben hatte.

Nein, ich hatte Sehnsucht nach Cashew. Ich wollte seinen Hundekopf bei den Ohren packen und ihn ordentlich zausen. Anschließend würde ich ihm einen Nasenstüber geben, ihn hinter den Ohren kraulen, den Bauch streicheln...

Puh! Wenn ich das Kotja erzählen würde, hätte der glatt das nächste literarische Kabinettstückchen parat. Vermutlich saß er sowieso gerade rum und beklagte den Mangel an neuen Ideen.

Aber warum sollte ich mir Cashew eigentlich nicht einfach holen können? Gewiss, mein Hund hatte mich vergessen. Aber was hieß das schon! Er würde sich wieder an mich gewöhnen! Ob einer der Nachbarn ihn zu sich genommen hatte? Gut, ich würde ihm danken. Ja, ich war sogar bereit, für meinen Hund zu zahlen. Denn ich brauchte ihn!

Nachdem ich diese Entscheidung getroffen hatte, besserte sich meine Laune schlagartig. Ich schloss das Fenster und lief die Treppe in den zweiten Stock hoch, nahm eine eiskalte Dusche (nicht dass ich darauf sonderlich Wert legte, doch das Wasser wollte einfach nicht heiß werden), machte mir in der Küche ein paar belegte Brote zurecht und stellte Teewasser auf. Ich ließ mich auf einen Stuhl plumpsen, und während ich aß, beschäftigte ich mich mit der Frage, ob ich den Turm mit einem Fernseher ausstatten sollte. Aus dem Nichts würde er sich natürlich nicht materialisieren. Aber ich könnte ja einen kaufen. Brauchte ich diesen Hirnsarg nun in meinem Leben oder nicht?

Vermutlich schon. Damit ich mich nicht gänzlich von meinem Land entfremdete. Schließlich guckten alle fern. Und ich hielt mich ja wohl nicht für etwas Besseres, oder? Wer würde mir denn sonst raten: Iss Joghurt! Putz dir die Zähne! Geh ins Kino!

Ich säbelte mir noch ein Stück Wurst ab, goss mir einen Tee auf, erhob mich und inspizierte die Küche, betastete die Messer, die scharf waren, besah mir die Töpfe und Teller. Ich würde lernen müssen, für mich zu kochen. Bislang umfasste mein Repertoire insgesamt nur zwei Gerichte: Spiegeleier und Suppenhuhn. Fast könnte man meinen, ich hege persönliche Vorbehalte gegenüber dem armen Vogel und versuche ihn samt seiner Nachfahren auf jede nur denkbare Weise zu vernichten. Wenn mich das Gastronomenfunktional Felix einmal besuchte, müsste ich mich ja schämen.

In dem Moment begriff ich, dass mir seit einiger Zeit schon ein kaum hörbares Geräusch keine Ruhe ließ. Es kam von draußen. Ein leises Dröhnen, als arbeite eine riesige Maschine.

Aufmerksam lauschend trat ich ans Fenster, an jenes, das mit Läden verschlossen war, links neben dem nach Moskau. Ich presste das Ohr an die kalte Metallplatte.

Hinter den Läden gluckerte, zischte und toste es. Maschinen? Als ich mich daranmachte, die Schraube zu lösen, fiel mir quasi nebenbei auf, wie meine Finger die Mutter gleich einer Flachzange umspannten. Im Nu vermochte ich die Läden zu öffnen.

Auch hier schien die Sonne, die allerdings noch kaum über dem Meer aufgegangen war, sondern nur mit einem schmalen purpurfarbenen Rand den Osten anzeigte. Warum bringt man das wohl nie durcheinander, ob die Sonne auf- oder untergeht, wenn man sie über dem Meer sieht?

Links und rechts zog sich die Linie des Strands dahin. Ich riss das Fenster auf, sog die salzige und gleichzeitig süße Meeresbrise ein, ohne mich sattatmen zu können, lehnte mich mit dem Oberkörper hinaus und schaute mich um. Der Turm stand, als handle es sich um einen Leuchtturm oder einen Vorposten gegen mysteriöse Meeresungeheuer, auf einer sandigen Landzunge.

Dennoch spürte ich, dass nicht mit den Kimgimer Kraken zu rechnen war. Und sollte es sie doch geben, dann würde ich am Fuße meiner Funktion jeden Kraken mit bloßen Händen in Stücke reißen.

Ich sauste nach unten und riss die Tür auf. Als ich hinaushüpfte, versanken meine Füße im Sand. Ich rannte um den Turm herum. Ein Sandstrand erstreckte sich hier, dreihundert Meter vom Turm entfernt leuchtete das Ufer grün. Keine Spuren von Menschen. Nur die gegen das Ufer brandenden Wellen.

Man durfte nicht im kalten Moskau leben und nur einmal im Jahr das Meer sehen, um sich anders zu verhalten. Ich zog mich nackt aus, flitzte zum Strand hinunter und stürzte mich in die Fluten. Das Wasser erwies sich zwar als morgendlich kühl, dabei jedoch als durchaus erträglich. Fünf Meter watete ich noch, bis es mir bis zur Taille reichte, dann schwamm ich los. Nach einer Minute wollte ich mit dem Fuß vorsichtig den Boden ertasten, doch da lag er bereits zu tief unter mir. Ich ließ mich im kalten Salzwasser treiben, nur leicht mit den Armen rudernd, und betrachtete die aufgehende Sonne. Irgendwann drehte ich mich um und schaute zum Ufer, zu meinem Turm, zurück.

Selbstverständlich wunderte ich mich nicht im Geringsten darüber, dass der Turm in dieser Welt wie ein Leuchtturm aussah. Die Mauern bestanden aus grauem Stein und rosa Muschelkalk. An der Spitze gab es eine vergitterte Plattform, leicht funkelnde Spiegel und Glas. Welcher Art von Licht man sich hier wohl bediente? Und ob es zu meinen Pflichten gehörte, es anzuzünden?

Vermutlich schon.

Ich tauchte unter und schwamm ans Ufer zurück.

Eine neue Welt war gut. Ein alter Freund besser. Ich musste Cashew retten.

Ich ging ein zweites Mal unter die Dusche, schließlich war das Meerwasser salzig. Und ich konnte es mir nicht verkneifen, noch einmal ausgiebig am Fenster zu stehen, das zum Meer hinausging.

Die Sonne hatte sich inzwischen über den Horizont erhoben. Vom Meer wehte nun eine leichte warme Brise heran.

Schon immer hatte ich diejenigen beneidet, die am Meer leben.

Und jetzt hatte ich mein eigenes Meer direkt vor der Haustür. Fünfzehn Minuten zu Fuß von der Metrostation Alexejewskaja entfernt.

Es gab nichts, womit ich die Tür von außen hätte abschließen können. Allerdings dürfte das wohl auch nicht nötig sein. Wenn der Turm über Nacht eine ganze Etage mit Küche und Bad zustande brachte, dann würde er es auch schaffen, keine Obdachlosen hereinzulassen. Ich zog mir die Kapuze über die nassen Haare (die Sonne war ja schön und gut, änderte aber nichts am Herbst) und machte mich auf den Weg zur Metro. Mir war nur noch wenig Geld geblieben - und dabei wollte ich Cashew doch ehrlich auslösen!