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Plötzlich schoss mir eine überraschende Idee durch den Kopf.

Ich blieb stehen und tat per Handzeichen kund, dass ich eine Fahrgelegenheit suchte. Schon eine Minute später hielt ein Shiguli mit einem vollwangigen kahlen Mann hinterm Steuer, der an den jungen Schauspieler Jewgeni Morgunow erinnerte.

»Zur Studeny-Passage«, sagte ich freundlich.

»Was springt dabei raus?«

»Ein Fünfziger.« Mein Lächeln verbreiterte sich, obwohl ich von Verhandlungen, die mit weniger als einem Hunderter anfingen, im Prinzip auch gleich hätte absehen können. »Ich glaube, das ist fair.«

»Soll mir recht sein!«, stimmte der Fahrer ehrlich überzeugt zu. Er beugte sich über den Sitz und öffnete die Beifahrertür. »Steig ein!«

Die Fähigkeiten eines Zöllners erschöpften sich also tatsächlich nicht in der Kenntnis seltener Wörter und in der Fähigkeit, Messer aus der Luft abzufangen. Der Fahrer murmelte zufrieden etwas vor sich hin, ich betrachtete entspannt die an uns vorbeiziehenden Häuser. Wir kamen gut durch, ohne Staus.

»Neulich habe ich Henry Miller gelesen ...«, fing der Fahrer völlig überraschend zu berichten an.

Das Äußere meines Chauffeurs deutete eigentlich nicht einmal darauf hin, dass er die zurzeit so angesagten Autoren Murakami oder Coelho las. Ehrlich gesagt, würde ich selbst bei Turgenjew, Jack London und den Strugatzkis erhebliche Zweifel anmelden.

»Was denn?«, fragte ich. »Wendekreis des Krebses? oder Wendekreis des Steinbocks?«

Der Mann schaute mich mit grenzenloser Verwunderung an. »Ist nicht wahr! Was hat dich denn dazu gebracht, diese Bücher zu lesen?«

»Hat sich so ergeben ...« Jetzt war es mir sogar selbst etwas peinlich. »In meiner Jugend, die standen in der Bibliothek meiner Eltern ...«

»Verstehe.« Der Fahrer beruhigte sich wieder. »Also ich kann mit dieser Hochliteratur nichts anfangen! Da lese ich Seite um Seite ... Aber was ist das für ein Zeug? Hohe Literatur - heißt das etwa, dass alle Scheiße fressen oder sich in den Arsch ficken?! Muss ich mir das wirklich antun und diesen Mist lesen?«

»Das müssen Sie nicht«, beteuerte ich. »Lesen Sie doch einfach die Klassiker!«

»Tjutschew mag ich sehr«, bekannte der Fahrer zu meiner Überraschung. Daraufhin verstummte er - als beiße er sich auf die Zunge. So gelangten wir zur Studeny-Passage, beide schweigend und unseren Gedanken zur hohen Literatur nachhängend. Ich bat ihn, kurz vor meinem - ehemaligen - Haus anzuhalten. Als ich ihm die fünfzig Rubel aushändigte, akzeptierte er sie widerspruchslos.

Mitunter kommt es zu seltsamen Begegnungen - ganz ohne jedes Wunder.

Derjenige, der diese Straße Studeny-Passage genannt hatte, entbehrte weder einer scharfen Beobachtungsgabe noch eines gewissen Sinns für Humor. Sommers gibt sie eine durch und durch anheimelnde Straße ab, hinter der Moskau endet und Russland anfängt. Im Herbst und Winter rechtfertigt sie jedoch das ›Studeny‹ in ihrem Namen, diese leicht saloppe Form für kalt. Sofort fielen einem sämtliche Märchen von dem Mädchen mit den Schwefelhölzchen und weitaus realistischere, wenn auch weniger herzergreifende Kriminalstatistiken zu Alkoholikern ein, die sich in einer Schneewehe zur Ruhe gebettet hatten.

Langsamen Schrittes umrundete ich mein Haus und versuchte mir darüber klar zu werden, wie ich vorgehen sollte. Durfte ich die Fähigkeiten eines Funktionals zum Einsatz bringen? Mit einem Fußtritt die Tür einschlagen, mir meinen Hund schnappen und fliehen? Würden meine Fähigkeiten dafür überhaupt ausreichen? Bis zum Turm waren es immerhin exakt zehn Kilometer.

Exakt?

Ja, exakt. Plus, minus fünfzig Meter. Das wusste ich. Ganz wie der Summer im Telefon zu fiepen anfängt, wenn es zu weit von der Basis entfernt ist.

Falls es mir also in den Sinn käme, auf der Prager Straße eine große Nummer abzuziehen, würde mir das nicht glücken. Dort wäre ich nur ein normaler Mensch.

Aber hier müssten meine Fähigkeiten noch ausreichen. Ich könnte - ja, ohne Zweifel brächte ich das fertig - die Fassade unseres achtstöckigen Hauses zum Fenster einer der Nachbarwohnungen hochkraxeln. Auch die Eisentür könnte ich eintreten. Oder beispielsweise die guten italienischen Schlösser mit einer Büronadel knacken. All das gehörte zum Repertoire von Fähigkeiten, das einem Zöllner zur Verfügung stand.

Nur wollte ich weder stehlen noch rauben. Die fünftausend Rubel, die mir noch verblieben waren, stellten eine Summe dar, für die man jemandem einen Rassehund, an den dieser zufällig geraten war, abkaufen konnte. Andererseits musste dieser Jemand mir den Hund bei dieser Summe nicht unbedingt überlassen ...

Sobald ich jedoch zu meinem alten Hof gelangte, erübrigte sich jede Grübelei. Auf dem Kinderspielplatz, wo niemals Kinder spielten, führte das Nachbarstöchterchen Cashew zwischen tristen Betonpilzen und einer wuchtigen Schaukel Gassi.

Wie praktisch! Ich bräuchte bloß zu dem Mädchen gehen, es anzubrüllen, mir Cashew zu schnappen ... Seine Eltern würden schon nicht die Miliz rufen. Eher dürften sie froh sein, dass ihrer Kleinen selbst kein Haar gekrümmt worden war.

Allerdings strahlte das Mädchen vor Glück. Mit festem Griff hielt sie die Leine, spähte in alle Richtungen, denn es verlangte sie nach Zuschauern. Sie ging mit einem Hund Gassi. Mit einem echten. Mit ihrem eigenen Hund! Ich fing ihren fröhlichen Blick auf, doch sie erkannte mich natürlich nicht. In dem Moment begriff ich, dass ich ihr den Hund nicht wegnehmen konnte. Na ja, zumindest nicht, wenn mir Cashew nicht entgegengesprungen kam.

Das tat er nicht. Geschäftig wuselte er über den Spielplatz und suchte eine trockene Stelle. Er beschnupperte die Markierungen der Nachbarhunde. Irgendwo hob er dann das Bein, um seinerseits eine Botschaft zu hinterlassen.

Ich näherte mich den beiden, holte die Zigaretten heraus und zündete mir eine an. Cashew kläffte fidel und kam auf mich zu. Er war nie sehr aggressiv gewesen, und wenn seinem Herrchen - oder Frauchen - nach seinem Dafürhalten keine Gefahr drohte, war er bereit, Passanten zu begrüßen.

Natürlich nur, wenn ihm der Passant gefiel.

Ich streckte die Hand aus und ließ ihn mit der kalten Hundenase dagegenstupsen. Mit den Fingerspitzen kraulte ich Cashews Kehle. Der Hund sah mich freundlich an, sprang an mir hoch, wobei er mit seinen verdreckten Pfoten meine Jeans beschmutzte, und bellte mir ein Hallo zu.

Das Nachbarmädchen lächelte. »Cashew begrüßt so nur nette Leute!«, erklärte sie.

»Cashew? Was für ein ausgefallener Name.« Ich zauste den Hund am Kopf. »Ich hatte auch mal ... so einen Hund.«

Ich erwartete schon, dass das Mädchen daraufhin auf der Hut war. Immerhin gehörte ihr der Hund erst seit zwei Tagen.

»Wirklich? Das ist ja ein Zufall!«, rief das Mädchen. »Und? Hatten sie ein Weibchen oder ein Männchen? Wir haben einen Rüden. Papa hat ihn mir geschenkt, als ich eingeschult worden bin. Und er hat mir gesagt, wenn ich nicht ordentlich lerne, nimmt er ihn mir wieder weg!«

Ein Versprechen, wie es typischer für Pjotr Alexejewitsch nicht sein konnte! Aufmerksam betrachtete ich das Mädchen. Es log nicht. Ganz bestimmt nicht!

»Wie alt ist er denn?«, fragte ich.

»Dreieinhalb Jahre. Er ist noch jung! Aber er ist schon bei zwei Ausstellungen der Champion gewesen!«

Ich dagegen hatte Cashew niemals zu einer Ausstellung gebracht. Dafür war keine Zeit gewesen. Zwar hatte die Züchterin mir versichert, es würde sich lohnen, mit dem Tier an derartigen Veranstaltungen teilzunehmen, aber ...

»Anscheinend bist du gut in der Schule«, sagte ich. »Schließlich hat dir dein Papa den Hund nicht weggenommen.«