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Das Mädchen brach lauthals in Gelächter aus. »Na klar, ich habe nur Einsen! Aber mein Papa hat sowieso nur Spaß gemacht! Glauben Sie etwa, er würde so etwas im Ernst sagen? Cashew würde er doch niemals hergeben!«

Ich nahm einen tiefen Zug an der Zigarette und fing an zu husten. Mist. Was ging hier vor? Nicht nur, dass Cashew mir nicht mehr gehörte! Er hatte auch Natalja Iwanowa niemals gehört! Der tüchtig dem Alkohol zusprechende und grobschlächtige Pjotr Alexejewitsch hatte den Hund seiner Tochter geschenkt. Daraufhin musste sich in der Familie etwas verändert haben. Die schüchterne, wortkarge Dreier-Schülerin lachte aus vollem Hals, brachte hervorragende Zensuren nach Hause und sprach mit echter Liebe in der Stimme von ihrem Vater.

»Heh, du Rabauke!«, flüsterte ich, nachdem ich mich hingehockt und Cashew gestattet hatte, mir die Nase abzuschlecken. »Du erinnerst dich also nicht mehr an mich? Aber es geht dir gut, ja? Wirklich? Und deinetwegen geht es ihnen jetzt auch besser?«

Cashew leckte mir übers Gesicht. Ihm ging es gut. Er liebte sein kleines Frauchen und war absolut davon überzeugt, die meisten Menschen verdienten seine Liebe.

»Du hast einen tollen Hund«, sagte ich. »Pass gut auf ihn auf. Mir ist ... genau so einer abhandengekommen.«

Prompt spiegelte sich im Gesicht des Mädchens der ganze Horror einer solchen Situation wider. Sie nickte. »Wir geben ihn bald zum Decken und bekommen dann einen Welpen«, informierte sie mich. »Wenn Sie wollen, kommen Sie vorbei. Nur wird der junge Hund sehr teuer sein. Leider.«

»Ich denk drüber nach«, versprach ich. »Übrigens suche ich eine Bekannte. Natalja Iwanowa heißt sie. Kennst du sie?«

Nachdem das Mädchen kurz überlegt hatte, schüttelte es den Kopf.

»Ich weiß nur noch, dass sie in dieser Gegend wohnt«, fuhr ich fort. »Und im fünften Stock. Ich habe sie einmal nach Hause gebracht ...«

»Wir wohnen auch im fünften Stock«, zeigte sich das Mädchen hilfsbereit. »Aber da wohnt keine Natalja. Auf dem Absatz gibt es drei Wohnungen. In der einen wohnt Tante Galina ...« Das Mädchen senkte die Stimme, um Worte zu wiederholen, die es irgendwo aufgeschnappt hatte: »Eine seltene Giftschlange. Gegenüber wohnen meine Eltern, Cashew und ich. Und die Einzimmerwohnung in der Mitte steht leer. Die Besitzer scheinen die gar nicht zu brauchen! Da könnten sie die Wohnung doch vermieten, oder? Obendrein würden sie auf diese Weise gutes Geld verdienen. Aber die nutzen sie weder für sich selbst, noch lassen sie andere darin wohnen! Mein Papa sagt, man müsste mal die Gesetze genauer unter die Lupe nehmen, vielleicht gibt es ja eine Möglichkeit, ihnen die Wohnung wegzunehmen. Wegen Nichtnutzung.«

»Das dürfte wohl kaum der Fall sein«, bemerkte ich nachdenklich. »Ich lass mir die Sache mit dem Welpen durch den Kopf gehen. Vielen Dank!«

Zum Abschied streichelte ich Cashew noch einmal über den Nacken. Dann ging ich, ohne mich umzudrehen, davon.

Auf dem Weg zur Metro rief ich Kotja an.

»Ja?«, meldete sich dieser höchst misstrauisch.

»Richtig geraten«, bestätigte ich. »Treffer. Ich bin’s.«

Es folgte ein schwerer Seufzer.

»Kotja, hör mit den Albernheiten auf«, bat ich. »Ich brauche deinen Rat.«

»Und ich muss arbeiten!«, entgegnete Kotja stolz.

»Was ist? Verdienst du dir schon was für die Sommerfrische?«, fragte ich in unschuldigem Ton.

»Warum denn nicht?!«

»Dann lass mich mal raten, woran du gerade sitzt. Einst war ich ein fröhliches und geselliges Mädchen, bis ich sie im Fernsehen gesehen habe ...«

»›Früher war ich ein einfacher Junge aus Petersburg namens Ljocha‹, sagte Mary lächelnd. › Mach die Zigarette aus, Rauchen schadet der Gesundheit!‹«

»Bei dir tauchen ja gesellschaftlich positive Botschaften auf«, staunte ich.

»Das ist für die Zeitung Deine Gesundheit«, gestand Kotja. »Sie legen größten Wert darauf, dass neben den literarischen Perlen etwas über die verheerenden Folgen des Trinkens, Rauchens und des sonst was erscheint. Weshalb rufst du an?«

»Besorg ein Dutzend Bier und komm her«, bat ich. »Aber sieh zu, dass das Bier kalt ist. Und bring auch noch ein paar Chips mit und Nüsse und ...«

Kotja brauchte seine Zeit, um das Gesagte zu verdauen. »Warmes Bier zu bekommen wäre zu dieser Jahreszeit ein Problem, insofern ...«, sagte er schließlich. »Was ist passiert? Hat sich das dritte Türchen geöffnet? Wohin führt es?«

»In den Sommer«, antwortete ich, bevor ich das Handy ausschaltete.

Kluge Gedanken schleichen sich von hinten an.

»Wenn du in der Lage wärst, systematisch zu denken, Kirill«, knurrte Kotja, während er sich vom Rücken auf den Bauch drehte, »hättest du mich gebeten, Sonnencreme mitzubringen.«

Allmählich stach die Sonne wirklich gehörig.

»Wenn du nicht so ein Faulpelz wärst, würdest du jetzt loslaufen, um welche zu besorgen«, konterte ich. »Ich sorge für den Sommer, du für den Rest.«

»Und wo soll ich jetzt Sonnencreme herkriegen?«, fragte Kotja träge. »Die müsste ich zu Hause suchen oder in einer Drogerie à la Twerskaja Hautevolee kaufen. Gib mir noch ein Bier ...«

Ich reichte ihm eine Flasche Obolon. »Hör mal«, konnte ich mir nicht verkneifen zu fragen, »was findest du eigentlich an diesem Bier?«

»Ihre Werbestrategie gefällt mir«, grinste Kotja. »Stell dir vor, sie fordern Phantastikschriftsteller auf, das Bier der Marke Obolon in ihren Büchern zu erwähnen.«

»Ja, und?«

»Also, wenn in einem Buch zehnmal das Wort Obolon erwähnt wird, zahlen sie dem Autor eine Prämie. Kaum zu glauben, oder?«

»So einfach geht das?«, begeisterte ich mich. »Obolon, Obolon, Obolon - und das ist alles?«

»Zehnmal hintereinander Obolon«, insistierte Kotja. »Nicht weniger.«

»Was soll das überhaupt sein? Obolon?«, fragte ich.

»Das sumpfige Ufer eines Flusses.«

»Im Ernst? Dann ist Obolon also Bier aus sumpfigem Wasser?«

»Aber es schmeckt doch!«

Ich widersprach nicht.

An diesem Meer und unter dieser Sonne - noch dazu im November! - hätte mir jedes Bier gemundet.

»Das alles ist sehr seltsam«, bemerkte ich. »Weißt du ... ich hatte damit gerechnet, dass Cashew Natalja vermissen würde ... dann hätte ich ihn mitgenommen. Selbstverständlich hätte ich etwas für ihn gezahlt! Aber dann stellt sich heraus, er ist schon seit drei Jahren bei dem Mädchen. Das geht doch nicht mit rechten Dingen zu.«

»Doch, das tut es«, schnaubte Kotja. »Verstehst du es denn immer noch nicht?«

»Was?«

»Weder Rosa noch Felix erwähnen irgendwelche obskuren Individuen, die ihren Platz eingenommen haben. Anscheinend solltest du aus dem Leben herausfallen ...«

»Hmm ...«

»Deshalb hat man dich herausgestoßen. Ersetzt.«

Trotzdem war mir schleierhaft, worauf er hinauswollte. »Und wie hat man mich ersetzt?«

»Sie hat sich ins Messer gestürzt?«, fragte Kotja seelenruhig. »Die Brust ans Messer gepresst und dann allez hopp, ja? Direkt ins Fleisch? Dann liegt die Leiche blutüberströmt da, Sirenen heulen, du fliehst ...«

»Scheiße!«

Endlich ging mir ein Licht auf.

Ich sprang auf. Wie wahnsinnig stampfte ich mit dem Fuß im Sand herum. »Scheiße! Scheiße! Scheiße!«

»Ist der Groschen gefallen?« Kotja drehte mir den Kopf zu und sah mich mit zusammengekniffenen Augen an. »Deine Natalja Iwanowa, diese graue Maus, diese unscheinbare Motte, ist genauso ein Funktional wie du. Offenbar hast du dich nicht so verhalten, wie sie es gewohnt sind. Das haben sie vorausgesehen. Deshalb haben sie dir diese hässliche, ekelhafte Puppe als Katalysator ins Nest gesetzt. Sag mal, ist sie zufällig genau der Typ, den du am schrecklichsten findest? Nicht nur einfach eine fremde Frau, sondern eine widerwärtige fremde Frau? Ist es so?«

Ich zuckte mit den Achseln.