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»Mit dir war es nicht ganz so einfach wie mit dem Zimmermädchen und dem Restaurantbesitzer«, fuhr Kotja ungerührt fort. »Gestern habe ich überreagiert, das tut mir leid. Diese Landkarte hat mich einfach aus der Bahn geworfen ... Mit dir muss es sich komplizierter verhalten, Kirill. Du bist kein gewöhnlicher Zöllner, die es wie Sand am Meer gibt. Du hast etwas Besonderes. Ehrlich gesagt, bin ich aber noch nicht dahintergekommen, was genau.«

»Hast du es denn versucht?«, fragte ich mit finsterer Miene.

»Ja. Die halbe Nacht habe ich darüber nachgedacht.« Kotja setzte sich im Sand auf und schob sich die Brille auf die Nase. Er warf mir einen strengen Blick zu. »Hör mal, Kirill. Wir waren vermutlich wirklich mal gute Freunde ...«

Etwas in mir zog sich zusammen - wie es immer der Fall ist, wenn du mit Freunden über Freundschaft zu sprechen anfängst. So was klappt nur bei Bekannten.

»Ein Meer mitten in Moskau, dieses vermaledeite Kymgym ...«

»Kimgim!«

»Dann eben Kimgim, das ist doch völlig irrelevant! Jedenfalls ist das alles höchst interessant. Es ist ebenso angenehm wie nützlich, mit dir befreundet zu sein.« Kotja grinste. Dann fuhr er ernsthaft fort: »Nur bist du kein schlichter Freimaurer ... verzeih, kein simples Funktional. Dir passiert immer wieder etwas Schlimmes. Und irgendwann wirst du nicht alle Messer abfangen, Kirill. Selbst für mich wird die Geschichte kein gutes Ende nehmen, das spüre ich. Heute morgen wollte ich meinen üblichen Artikel schreiben, und da schoss mir der Gedanke durch den Kopf: Wenn Kirill nicht bis Mittag anruft, schalte ich alle Telefone ab und versuche mir einzureden, ich hätte das alles nur geträumt. Aber dem bist du zuvorgekommen. Du Monster.«

Verlegen sah ich Kotja an. Er hatte ja recht. Ich hatte ihn da in ein Abenteuer hineingezogen, das zwar ganz faszinierend zu sein schien, gleichzeitig jedoch lebensgefährlich war. Allerdings hatte ich ein paar Trümpfe im Ärmeclass="underline" die Fähigkeiten eines Funktionals.

»Kotja ...«

»Gut, genug des salbungsvollen Geschwätzes.« Kotja winkte ab. »Das Meer ist großartig. Das Bier kühl. Die Umwelt sauber, dass es dir die Sprache verschlägt. So lässt sich’s leben ... Hast du das Lehrbuch zur Geschichte Kymgyms gelesen?«

»Durchgeblättert«, gab ich zu.

»Was hat dich am meisten beeindruckt?«

»Das Fehlen von Staaten.«

»Eben!« Kotjas Finger schoss belehrend in die Höhe. »Die Stadt Kimgim liegt an der Stelle von Kaliningrad, das ist doch kinderleicht. Die Stadt Sarchtan an der von Petersburg, so einfach ist das! Bei der Phonetik haben sie kein glückliches Händchen bewiesen ... Aber wenn es auf dem gesamten Erdball keinen einzigen Staat gibt, sondern nur Städte und freie Territorien ... dann ist das was?«

»Feudalismus?«, bot ich an.

»Was soll denn das für ein Feudalismus sein!« Kotja verzog das Gesicht. »Feudalismus heißt Krieg, heißt Kampf um die Macht, heißt Intrigen... O nein, ich habe nicht das Geringste dagegen, dass niemand auf der Welt kämpft! Dem kann ich nur aus vollem Herzen zustimmen! Bloß ist das eben grundsätzlich unmöglich. Das wäre ja eine künstliche Welt!«

»Kotja, wir haben doch gar keine Informationen über ...«

»Wir haben mehr als genug!« Kotja stand auf und schwenkte seine magere Faust. »Die springen dir doch förmlich ins Auge! Ich habe sogar den Bifurkationspunkt mehr oder weniger exakt berechnet ...«

In diesem Moment klang vom Turm ein monotones Klopfen herüber. Synchron drehten wir beide uns um.

»Soll man ruhig klopfen«, entschied ich. »Hat ein Zöllner nicht auch das Recht, mal auszuspannen?«

»Hast du etwa vergessen, dass sich für heute die Kommission bei dir angemeldet hat?«, fragte Kotja.

Rasch begann ich mich anzuziehen.

Kotja ebenfalls. »Darf ich eigentlich bei dir sein?«, überlegte er im Gehen. »Vielleicht sollte ich mich besser hier verstecken?«

»Buddel dich doch in Kimgim in eine Schneewehe!«, zischte ich. »Kommt gar nicht in die Tüte. Ich werde ja wohl noch das Recht haben, Freunde einzuladen. Nehme ich jedenfalls an ...«

»Kirill, stell dich jetzt so dumm, wie du nur kannst«, meinte Kotja plötzlich. »Normalerweise gelingt dir das ganz vorzüglich. Denn diejenigen, die dich nun besuchen, sind mit allen Wassern gewaschen.«

Zwölf

Irgendwie hatte ich bislang das Glück gehabt, noch nie vor einer Kommission Rede und Antwort stehen zu müssen. In der Schule war ich einerseits zu gut, andererseits zu unbekümmert, als dass man mich mit einer dieser Kommissionen von der städtischen Abteilung für Volksbildung hätte erschrecken können. Studiert hatte ich in jenen kommissionsfreien Jahren, als im Land absolute Anarchie herrschte. Und bei meiner Arbeit als Manager bei ›Bit und Byte‹? Was hätte man da kontrollieren wollen? Ob ich mir eine neue Grafikkarte für den häuslichen Computer unter den Nagel gerissen hatte?

Selbstverständlich hatte ich sie mir nicht unter den Nagel gerissen! Ich hatte sie zu Testzwecken mitgenommen, in einem Monat würde ich sie zurückgeben - genau der Zeitraum, in dem sie veraltete. Falls das jemandem nicht schmeckte: Ich wäre gern bereit, zu ›Makrochips‹ zu wechseln, die zahlten ohnehin anderthalbtausend Rubel mehr.

Dennoch kroch die ererbte Angst mir mit kaltem Schauder zwischen den Schulterblättern hoch.

Was sollte ich dagegen tun? Selbst meine Generation, die von den Schrecken verschont geblieben ist, steht bis heute mit heruntergelassenen Hosen über die Sitzbank gebückt da.

Und wartet darauf, dass die Rute niederzischt.

Nachdem ich den Sand vom Hemd gestreift hatte, betrat ich den Turm. Flüchtig dachte ich darüber nach, ob ich Fußmatten vor die Tür legen sollte. Oder spezielle Teppiche, solche grünen, die wie Plastikrasen aussehen.

An der Moskauer Tür klopfte es erneut.

Kotja, der sich gewaltig ins Zeug legte, um sich den Anschein höchster Konzentration zu geben (wobei ihm die beiden Flaschen ukrainischen Biers einen Strich durch die Rechnung machten), stand neben der Treppe.

Ich öffnete die Tür.

Mir blickten drei freundliche, wohlbekannte Gesichter entgegen.

Das erste gehörte einem bekannten Komiker, einem Stern am TV-Himmel, einem pausbäckigen und faltenreichen Mann. Das Lächeln dürfte derart fest auf seinem Gesicht angeklebt sein, dass er vermutlich ein paar Muskeln anspannen müsste, um nicht zu lächeln.

Neben ihm stand ein bekannter Volksvertreter patriotisch-oppositioneller Überzeugungen. Gleichfalls lächelnd, was ihm jedoch besser gelang. Vertrauenerweckender. Stehenden Fußes wollte man in seine Partei eintreten und Seite an Seite für die Rechte des Volkes kämpfen.

Die beiden ließ ich mir ja noch gefallen. Etwas in der Art hatte ich erwartet.

Die Dritte war allerdings Natalja Iwanowa.

Gesund und munter, nickte sie mir freundlich zu. In ihrem Blick fand sich freilich nicht die Spur des freundlichen Lächelns wieder. Der war durch und durch wachsam.

Innerlich stattete ich Kotja Dank dafür ab, mich noch rechtzeitig in seine Schlussfolgerungen eingeweiht zu haben.

»Hallo, Natascha!«, begrüßte ich sie, beugte mich zu ihr vor und schmatzte ihr einen Kuss auf die Wange. »Freut mich, dich bei guter Gesundheit zu sehen.«

Dem Politiker streckte ich die Hand hin, um die seine kräftig zu drücken. Den Komiker hätte ich ehrlich gesagt am liebsten mit einem aufblasbaren Hammer bearbeitet oder ihm eine Sahnetorte ins Gesicht geklatscht. Ich beschränkte mich jedoch auf ein Nicken und ein Lächeln von unüberbietbarer Herzlichkeit.

Natalja sah mich unverwandt an. Etwas in ihren Augen geriet in Auflösung, gruppierte sich um, arrangierte sich neu. Nach vorn schoben sich nun einzig Güte und Wohlwollen. An ihren Augenwinkeln bündelten sich sogar Lachfältchen, obgleich diese bei sehr geschickten Miststücken erst zwischen dreißig und fünfunddreißig auftreten.