Die Wachsamkeit hingegen versteckte sich, verschwand aus ihrem Blick, um sich der Seele zu nähern.
Ich Idiot.
Dabei hatte Kotja mir doch gerade eben noch geraten, mich dumm zu stellen! Und jetzt brüstete ich mich damit, ihr Spiel zu durchschauen, wunderte mich nicht im Geringsten darüber, dass Natalja noch lebte.
»Du bist nicht sauer auf mich, Kirill?« Natalja beugte sich ebenfalls vor, um mich mit trockenen, heißen Lippen zu berühren. Ihre Begrüßung umwehte Kälte.
»Du kommst auf Ideen!« Ich rang mir ein Lachen ab und nickte dem Komiker zu, als lüde ich ihn ein, meine Belustigung mit mir zu teilen. »Hältst du mich etwa für einen ausgemachten Dummkopf? Wie kommst du darauf, dass ich mich gegen den Plan sträuben würde? Hättest du mir gleich alles erklärt, wäre ich kaum ...«
»Man darf niemals etwas erklären.« Natalja drosselte ihre aufgesetzte Herzlichkeit ein wenig. »Gehen wir’rein?«
»Natürlich!« Ich trat vor die Tür, wobei ich einen kurzen Blick sowohl auf die etwas abseits parkenden teuren Wagen wie auch auf einige kräftige Burschen im Umkreis des Turms erhaschte. Die drei traten ein, machten jedoch halt, als sie Kotja erblickten. »Ich habe gerade einen Freund zu Besuch ... Wir wollten ein Bierchen zusammen trinken. Dagegen ist doch nichts einzuwenden, oder?«
Aufmerksam musterte Natalja Kotja. Es hätte nicht viel gefehlt, und er hätte stramme Haltung angenommen. »Tschagin, Konstantin Igorewitsch!«, rapportierte er. »Fünfundzwanzig Jahre! Aus Gesundheitsgründen nicht zur Armee eingezogen. Journalist!«
»Was für ein Journalist?«, fragte Natalja angewidert.
»Sensationsreporter!«, platzte Kotja heraus.
»Bist du der, bei dem Kirill übernachtet hat?«
»Ja.« Kotja legte bereitwillig die Karten auf den Tisch. »Ich erinnere mich jedoch nicht mehr daran, ich habe alles vergessen, wir haben uns danach noch einmal kennengelernt ... Machen Sie sich keine Sorgen, ich bin nicht beruflich hier! Sondern nur als Freund! Ich will Kirjucha nichts Böses!«
»Die Hauptsache ist, sich selbst nichts Böses zu wollen.« Anscheinend hatte Natalja in puncto Kotja eine Entscheidung getroffen. »Ihr seid Freunde. Natürlich. Es ist sehr wichtig, Freunde zu haben.«
»Ein Freund, ein guter Freund, das ist das Schönste, was es gibt auf der Welt!«, krähte der Komiker. Erwartungsvoll schielte er erst zu Natalja, dann zu dem Politiker hinüber.
Natalja ignorierte ihn, der Politiker verzog das Gesicht. »Shenja, du bist hier nicht bei der Arbeit ...«, sagte er schließlich.
»Ich habe geglaubt, das sei witzig!«, erklärte der Komiker trotzig, um danach mit den Schultern zu zucken. »Aber irren kann sich ja jeder mal!«
»Stellen wir uns dem jungen Mann lieber vor«, schlug der Politiker harmoniebedürftig vor. »Ich kann mir schon denken, wie man uns angekündigt hat ... als Kommission oder Inspektion ... Ach, ich hasse diese Bürokratie!«
»Ich kenne Sie ja sowieso ... vom Sehen«, brummelte ich. »Sie sind ...«
»Einfach Dima.« Der Politiker breitete die Arme aus. »Verzichten wir doch auf alle Formalitäten, schließlich sind wir ja unter uns! Kirill, Shenja, Dima ... äh ... Kostja, Natascha. Wie haben Sie sich eingelebt, Kirill?«
»Mühsam nährt sich das Eichhörnchen ...« Ich versuchte, nicht zu Natalja hinüberzugucken, und setzte eine gequälte Miene auf, um nuschelnd fortzufahren: »Mir fehlt es an Geld ... Ich hab jetzt zwar ein Dach über dem Kopf, aber ich muss ja auch was essen ... ein Fernseher wäre auch schön, damit ich in Kontakt mit meinem Vaterland bleibe ...«
Der Politiker nickte und sah zu Natalja hinüber, die inzwischen die Treppe erklommen hatte und interessiert in den ersten Stock des Turms hinauflugte. »Natascha«, sagte er, »ist es bei euch wirklich nicht üblich, bei einem durch den Wechsel des Arbeitsplatzes bedingten Umzug eine Unterstützung auszuzahlen? Solange der Mann seine Tätigkeit noch nicht aufgenommen hat ...«
Schwer durchschaubare Beziehungen verbanden die Drei miteinander. In dem Komiker identifizierte ich unfehlbar das harmloseste und einzig zum Zwecke der Massenbildung hinzugezogene Mitglied. Aber wer von den beiden anderen das Sagen hatte, Natalja oder Dima, vermochte ich nicht zu entscheiden.
»Ich werde ihm etwas auszahlen«, lenkte Natalja ein. »Kirill, ist der zweite Stock schon offen?«
»Da sind Küche und Bad.«
»Hervorragend.« Natalja kam die Treppe wieder herunter und stellte sich neben mich. Während sie mir fest in die Augen blickte, tastete sie in ihrer Tasche nach einem dicken Bündel blauer Tausend-Rubel-Noten. »Reichen dir hundert davon, um dich einzurichten?«
Kotja schnalzte mit der Zunge. »Der Turm ist ja ziemlich groß«, flüsterte er deutlich hörbar.
»Werdet jetzt nicht frech, Freunde.« Grinsend drückte mir Natalja das Bündel in die Hand. »Welche Türen sind schon offen?«
»Die nach Kimgim«, sagte ich. »Das war die erste. Heute hat sich ... die hier geöffnet.«
Natürlich interessierten sie die Türen weit mehr als meine Person. Schon im nächsten Augenblick stapfte das Terzett durch den Sand. Auf ihren Gesichtern spiegelte sich unverhohlene Begeisterung wider. Der Komiker lief sogar zum Meer, tauchte die Hände ins Wasser und machte kehrt, um zufrieden und lauthals mit einer widerlichen Theaterstimme zu deklamieren:
Es klirrt der Frost, und Schnee liegt überall,
Doch mir auf Malta ist das scheißegal ...
Natalja seufzte, verlor jedoch kein Wort. Der Politiker lockerte den Knoten seiner Krawatte, zog sein weißes Jackett aus und legte es sich über den Arm. »Ich liebe das Meer«, sagte er. »Wie schön, Kirill. In Moskau gab es bislang nur einen Zugang zum Meer. Und der liegt ausgerechnet in Kapotnja, völlig ab vom Schuss, das musst du dir mal vorstellen!«
»Wie viele Türme gibt es denn insgesamt in Moskau?«
»Es müssen nicht immer Türme sein. In Kapotnja ist es beispielsweise ein Keller ... Es gibt siebzehn Zollstellen.«
Ich schielte zum Komiker hinüber, der gerade den Turm umrundete, dabei dessen Mauern betastete, gelegentlich sogar gegen sie trat, als wolle er ihre Solidität prüfen. »Ist das wirklich Malta?«, fragte ich.
»Wir sind hier sehr weit weg von unserer Erde«, antwortete der Politiker unbeschwert. »Natürlich nicht von der Entfernung her, sondern bezogen aufs Multiversum. Das ist nicht Kimgim. Hier sind die Kontinente ganz anders. Und es gibt keine Menschen.«
»Das ist ein Ferienparadies.«
»Genau. Du wirst enormen Zulauf haben.«
»Wir haben uns in dir nicht getäuscht«, bestätigte Natalja. »Alle Achtung, Kirill. Ich gratuliere. Das ist eine vorzügliche Tür. Aber ... das ist dir ja selbst auch schon aufgefallen.«
Ich folgte ihrem Blick - und entdeckte die Bierflaschen und die Tütchen mit den Nüssen, die wir im Sand zurückgelassen hatten. Doch nicht nur ich sah sie. Der Politiker begab sich überraschenderweise an den Ort des Picknicks, hob zwei Bierflaschen auf und öffnete eine an der anderen. Anschließend nahm er einen tiefen Schluck.
Das Meer hatte es ihnen angetan. Es entspannte sie. Offenbar hatten sie sich über die Maßen gewünscht, ein weiteres Türchen möge an diesen Ort führen.
»Wovon hängt es ab, wohin sich eine Tür öffnet?«, wollte ich wissen.
»Vom Zöllner«, antwortete Natalja nach ganz kurzem Zögern. »Du öffnest Türen in die Welten, die dir besonders nahe sind.«
»Und wie viele Welten gibt es?«, fragte Kotja hinter mir.
Diesmal zögerte Natalja länger. »Wir wissen von dreiundzwanzig«, antwortete sie dann aber doch. »Die Zugänge dorthin sind stabil ... obwohl fast die Hälfte dieser Welten niemand braucht. Es kursieren Geschichten über weitere Welten, zu denen sich die Zugänge unregelmäßig auftun ... Vielleicht sind das aber auch bloß Gerüchte. Einige Welten kommen öfter vor, andere seltener.«
»Kimgim wohl öfter«, vermutete ich.