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»Kimgim ist eine beliebte Welt«, bestätigte Natalja. »Sie dient sogar als Zwischenwelt, wenn man in eine seltenere will ... Gut, da wir schon mal mit diesem Frageund-Antwort-Spielchen angefangen haben, dann frag jetzt auch weiter. Ich werde dir antworten.«

»Wer bist du, Natalja?«

»Ein Funktional.«

»Das habe ich mir schon gedacht. Aber was für eins?«

»Eine Hebamme.« Die Antwort erfolgte ganz offensichtlich nicht spontan. Brav riss ich denn auch die Augen auf, um mit dieser Miene weiterer Erklärungen zu harren. »Eine Hebamme beziehungsweise Gynäkologin. Ich spüre zukünftige Funktionale auf und helfen ihnen, ihren Posten einzunehmen.«

»Gestern Abend bin ich durch Kimgim spaziert. Da habe ich einige Funktionale kennengelernt ...«, sagte ich lässig. Und bemerkte, dass diese Information meinen Gäste neu war. Natalja bewahrte eine steinerne Miene, der Politiker kniff das linke Auge leicht zusammen, der Komiker verbarg seine Verblüffung in keiner Weise. »Sie haben mich ins Bild gesetzt. Aber Hebammen hat keiner von ihnen erwähnt.«

»Das hängt damit zusammen, dass die Geburt manchmal problemlos, manchmal aber mit Komplikationen verläuft«, erklärte Natalja sanft. »In deinem Fall war das alles ... nicht so einfach. Lass uns ein Stück spazieren gehen, Kirill. Dieses Gespräch ist nur etwas ... für Funktionale.«

Sie griff behutsam nach meiner Hand und zog mich vom Turm weg, hin zum Meer. Kotja blieb zurück. Und nicht nur er. Auch der Politiker und der Komiker folgten uns nicht. Dann handelte es sich bei ihnen also um normale Menschen?

»Das sind nur Menschen«, sagte Natalja leise. »Was brauchen sie ... Einzelheiten zu wissen. Du erstaunst mich jetzt schon zum zweiten Mal, Kirill.«

»Das erste Mal war, als ich mit dem Messer gekommen bin?«

»Ja. Das hat deinem Charakter überhaupt nicht entsprochen. Und jetzt begreifst du verblüffend schnell. Gut, da habe ich dich wohl etwas unterschätzt. Lass uns ein für alle Mal klarstellen, Kirilclass="underline" Schließen wir Frieden oder nicht?«

»Was, wenn nicht?«, fragte ich.

Natalja zuckte mit den schmalen Schultern. »Das hier ist dein Territorium. Hier kannst du mich durch den Wolf drehen. Aber dann ...«

»Schon verstanden«, lenkte ich ein. »Dann besucht mich ein Polizistenfunktional. Eine Frage noch, Natalja. Warum bin ausgerechnet ich Zöllner geworden? Liegt das an einer angeborenen Besonderheit?«

»Nein«, antwortete Natalja widerwillig. »Vermutlich nicht. Die Mechanismen durchschaue ich selbst nicht, aber das will ich auch gar nicht.«

»Aber du bist doch Hebamme!«

»Ja, und? Man teilt mir mit, dass jemand zum Funktional wird. Ich beobachte ihn. Normalerweise wird er leicht und schnell aus der Realität gelöscht. In seiner Wohnung taucht jemand anders auf, an seinem Arbeitsplatz ebenfalls. Mitunter ist es jedoch nicht ganz so einfach. Deine Wohnung hat sich zwar verändert, aber deinen Platz hat kein anderer eingenommen. Die Stelle in deiner Firma ist momentan unbesetzt.«

Mir fiel wieder ein, wie bereitwillig mein Chef mir einen Arbeitsplatz bei ›Bit und Byte‹ angeboten hatte. Unwillkürlich nickte ich.

»Dich hat man nur langsam vergessen«, fuhr Natalja fort. »Deshalb mussten wir dich ersetzen. Deinen Platz ausfüllen und dir entsprechend einheizen. Was blieb uns denn sonst übrig? Irgendwie hattest du es geschafft, dich an deine Umwelt zu klammern ...«

»Oder meine Umwelt sich an mich?«, murmelte ich. »Schon verstanden.«

»Das Einzige, was du mir vorwerfen kannst«, meinte Natalja, »ist, dass ich dich ein wenig geschubst habe. Um damit deine Umwandlung in ein Funktional zu beschleunigen. Mit dieser Simulation ... damit du selbst ein anderer werden wolltest. Jedes andere Funktional an meiner Stelle hätte genauso gehandelt. Also?«

Sie neigte den Kopf und sah mir ins Gesicht. In ihren Augenwinkeln bildete sich abermals ein Kranz aus Fältchen.

Sie ist ja gar nicht jung, ging es mir auf. Funktionale altern vermutlich überhaupt nicht, sondern bewahren sich ihr Menschenalter. Aber Natalja war mit Sicherheit nicht mit etwas über zwanzig zum Funktional geworden ...

»Du bist eine gutherzige Frau«, sagte ich.

»Mir blieb keine andere Wahl. Du hast mir das Leben schwer gemacht, Kirill. Einen ganzen Tag hast du mich gekostet.« Das gekünstelte Wohlwollen stahl sich ansatzweise aus ihren Augen. Gott sei Dank nahm seinen Platz jedoch Gleichgültigkeit ein. Natalja blieb also bei der Auffassung, ich stelle keine Gefahr dar.

»Warum hast du mich so einschüchtern müssen? Du hättest mir doch gleich sagen können ...«

»Damit hätte ich alles verdorben«, fiel mir Natalja ins Wort. »Sag einem Funktional nicht, wie es seine Funktion auszuüben hat.«

»Ist das ein Sprichwort?«

»Etwas in der Art. Was ist, schließen wir Frieden?«

»Ja.« Lächelnd drückte ich ihre Hand. »Trotzdem hast du mir das Leben ganz schön zur Hölle gemacht ...«

»Der Preis dürfte wohl kaum der Rede wert sein.« Natalja nickte in Richtung des tosenden Brandungsstreifens, der bis dicht an unsere Füßen heranreichte. »Das ist noch nicht alles. Diese beiden ...« Sie sah zu dem Politiker und dem Komiker hinüber. »... sind keine Funktionale. Sie dürfen sich unsere Fähigkeiten jedoch zunutze machen. Sie können von einer Welt in eine andere reisen. Um sich irgendwo eine anständige Frisur verpassen zu lassen und mal gut zu essen. Um einen Arzt aufzusuchen oder um zu studieren. Aber wir sollten uns hüten, in ihrer Gegenwart allzu offen zu sein. Du bist ein Funktional in deiner Funktion. Sie sind die Ableitungen. Knöpf ihnen Gebühren ab, wenn sie deine Zollstelle passieren. Sei höflich, aber streng. Funktionale lassen Zöllner dagegen ohne große Formalitäten durch ... falls nicht etwas absolut Gesetzwidriges damit einhergeht.«

»So etwas wie die Einfuhr verbotener Waren?«

»Richtig«, bestätigte Natalja. »Das ist alles, gehen wir zurück ...«

»Einen Moment noch! Ich hab noch ein paar Fragen.«

»Ja?« Natalja sah mich gespannt an.

»Woher wissen die Menschen etwas von Funktionalen? Wer hat das Recht, sich unserer ... Funktionen zu bedienen?«

»Brauchst du Geld, Kirill?« Natalja zwinkerte. »Sachen ... die über einen Hocker und einen Kochtopf hinausgehen? Sicherheit?«

»Ja«, gab ich zu, während ich zu den beiden anderen Inspektionsmitgliedern hinüberschielte. »Und vielleicht noch eine Prise Humor?«

»Nicht alles auf der Welt ist für Geld zu haben! Hast du deinen Freund in alles eingeweiht?«

Die Abfuhr kam so rigoros und unerwartet, dass ich nicht wusste, was ich darauf antworten sollte. Natalja setzte ein triumphierendes Lächeln auf.

»Dann noch eine letzte Frage. Wer hat bei uns das Sagen?«

»Du lebst noch in einer degenerierten Welt.« Natalja schüttelte den Kopf. »Einer Welt, in der Geld eine Rolle spielt, Macht, die gesellschaftliche Stellung. In einer Welt voll gieriger Kinder ... Entspann dich! Das hast du hinter dir gelassen. Hier gibt es niemanden, der das Sagen hat. Wir sind alle gleich. Erfülle deine Funktion mit gutem Gewissen - und es wird dir wohlergehen.«

Natalja drehte sich um und marschierte auf den Turm zu. Dann blieb sie stehen, wandte sich zurück und sah mich an. »Gehen wir. Ich finde, wir sollten deinen Eintritt in die Funktion als Fakt anerkennen. Und dein Freund ... ja doch, findige Journalisten können wir vielleicht gebrauchen.«

Sie blieben noch eine halbe Stunde im Turm. Nachdem Natalja verkündet hatte, sie sei zufrieden mit mir, breitete sich im Nu eine warmherzige Atmosphäre aus. Wir verließen den Strand und gingen in die Küche hinauf. Zuvor steckte der Politiker allerdings noch einmal den Kopf zur Tür hinaus, rief einen der Leibwächter zu sich und ließ sich eine Flasche Champagner bringen. Echten, französischen, natürlich brût, gekühlt, aber nicht eiskalt, nicht aus dem Gefrierfach: »He, he, schau, da schwimmen Eisstückchen drin, he, he, wir kriegen’s aber schön eisig hin ...« Den süßen, sogenannten ›Sowjetischen Champagner‹, diesen mit Kohlensäure angereicherten Weinverschnitt, konnte man dagegen nicht anders als eisgekühlt und auch so nur einmal im Jahr, nämlich zu Silvester, trinken.