Unter dem Geschirr, das zusammen mit dem zweiten Stock aufgetaucht war, fand ich einigermaßen passende Weingläser. Der Komiker erklärte, »in Russland leben, heißt einen heben«, worauf wir einen Schluck von dem Champagner tranken.
Dima und Shenja ließen mir ihre Visitenkarten da. Natalja teilte mir natürlich nicht mit, wie ich sie erreichen könnte. Allerdings versprach sie mir, wir würden uns regelmäßig sehen. Außerdem gab sie mir den Rat, mir selbst ein, zwei Dutzend Visitenkarten zuzulegen, da in den nächsten Monaten einige Hundert berühmte Persönlichkeiten bei mir auftauchen würden.
Als ich die ›Kommission‹ hinausgeleitete, raubte mir der Komiker auch noch den letzten Nerv, indem er sich mit theatralischer Geste gegen die Geheimratsecken schlug und ausrief: »Was man nicht im Kopf hat, hat man in den Füßen!«, dann zum Auto stürmte, lange im Kofferraum herumkramte und mit einer leicht zerfledderten Ausgabe seiner humoristischen Prosa zurückkehrte - die er in gebotener Umständlichkeit signierte. Natalja wartete gar nicht erst auf ihn, sondern winkte mir zu und machte sich zu Fuß auf den Weg zur Metro. Vermutlich, um zum Tscherkisowski-Markt zu fahren und dort diese tollen chinesischen Schuhe zu verkaufen. Der Politiker dagegen wartete höflich, bis der Komiker seine widmende Tätigkeit beendet hatte, wobei er mir mit vielsagender Miene zu verstehen gab, dergleichen sei unvermeidlich.
Erst nachdem die letzten Autos abgefahren waren, in denen die Bodyguards, die sich zuvor um den Turm herum gelangweilt hatten, verschwunden waren (was sie wohl von den Marotten ihrer Chefs hielten?), schloss ich die Tür und sah Kotja fragend an.
»Alle Achtung«, bemerkte Kotja. Er war sehr ernst. »Du bist einfach unschlagbar. Du hast eine gute Show abgezogen. Vor allem am Anfang: ›Freut mich, dich bei guter Gesundheit zu sehen.‹«
»Damit habe ich mir doch beinah selbst ein Bein gestellt ...«, setzte ich an. Um dann zu verstummen.
»Ganz im Gegenteil!«, geriet Kotja in Fahrt. »Du hast doch nicht etwa wirklich geglaubt, Natalja sei tot? Wenn du bei ihrem Anblick erschreckt oder fassungslos gewesen wärst, das wäre verdächtig gewesen ... Nein, mach dir keine Gedanken, du hast dich absolut richtig verhalten.«
»Du bist aber auch nicht ohne!«, blaffte ich ihn an. »Ein Sensationsreporter!«
»Klingt doch gut.« Kotja streckte stolz die Brust heraus. »Ich habe nicht vor, mein ganzes Leben lang Geschichten à la ›Wie meine verhasste Schwiegermutter zu meiner geliebten Frau wurde!‹ zu schreiben. Sobald ich endlich mal echten Sensationen auf die Spur komme ...«
Er verstummte. »Genau«, meinte ich nickend. »Auf die erste bist du ja schon gestoßen. Wo bleibt denn dein Aufmacher? Ich habe noch ein paar Fotos, wenn du die verwenden willst ...«
Seufzend fuhr sich Kotja über die Stirn. »Selbst Bier will ich keins mehr ...«, erklärte er. »Sag mal, bei uns in der Regierung, sitzen da eigentlich durch die Bank Funktionale?«
»Der ist kein Funktional«, verneinte ich. »Was meinst du, warum Natalja mich beiseite genommen hat? Ein paar Leute wissen Bescheid und greifen auf unsere Dienste zurück. Das müssen nicht unbedingt Politiker sein ...«
»O nein!« Kotja schüttelte sich. »Es können auch Komiker sein.«
»Er gibt sich ja alle Mühe ...«, erwiderte ich diplomatisch, wobei ich das Buch hinter meinem Rücken versteckte. Es gehört sich nicht, einen Menschen, der einem gerade ein Buch signiert hatte, schlecht zu machen.
»Weißt du, was ich glaube?« Kotja wurde immer munterer. »Deine Natalja, das ist auch bloß eine kleine Nummer.«
»Auch?«
»Die hat sich viel zu sehr aufgespielt«, fuhr Kotja fort, ohne auf meine Frage einzugehen. »Die tut sich dicke ...«
Seine Ausführungen unterbrach ein Klopfen an der Tür. Auf der Seite von Kimgim.
»Du wirst langsam berühmt«, meinte Kotja aufgeräumt. »Du solltest mal ernsthaft darüber nachdenken, ein Schild mit den Öffnungszeiten an der Tür anzubringen ...«
Ich ging zur Tür. Kotja hatte bereits seinen üblichen Platz auf der Mitte der Treppe eingenommen. Ich hegte den gemeinen Verdacht, diese Position locke ihn vor allem durch die Möglichkeit, einen schnellen Rückzug über die Strecke »erster Stock, Fenster, Moskau« anzutreten. Obwohclass="underline" Wenn ich ehrlich sein soll, würde ich mich an seiner Stelle, ohne meine Fähigkeiten, genauso absichern.
Als ich die Tür öffnete, strömte ein Schwall kalter Luft herein.
Und mit ihm eine junge schwarzhaarige Frau mit Schlitzaugen.
»Ich bitte um Durchlass!«, schrie die Frau, kurz bevor meine Faust sie an der Schläfe treffen konnte.
Ich schaffte es gerade noch. Im letzten Moment gelang es mir, meine Hand zu bremsen.
Von außen betrachtet, musste das aussehen, als streiche ich der Frau mit einer schnellen Bewegung über den Kopf.
Diesmal trug sie keinen schwarzen Overall, sondern einen etwas längeren Rock, wie man ihn auch bei uns ab und an sieht. Dazu Stiefel. Und eine Art kurzen Schafpelzmantel sowie eine Fellmütze.
Eine ganz normale junge Frau. In der Metro würde sich niemand nach ihr umdrehen. Weder wegen ihrer Kleidung noch wegen ihres Äußeren.
»Wohin willst du denn?«, fragte ich.
»Dahin, wo ... Wo kann ich denn hin?« Sie blickte über die Schulter zurück. Entweder wollte sie meinem Blick nicht begegnen - oder rechnete mit einem Verfolger.
»Nach Moskau. Oder ans Meer, wo keine Menschen sind.«
»Dann ans Meer.« Die Frau trat ein, indem sie mich zur Seite schob. Sie schlug die Tür zu und legte den Riegel vor. Als sie Kotja erblickte, warf sie stolz den Kopf in den Nacken. Schließlich sah sie auch mir in die Augen.
Sie war halb tot vor Angst. Drei viertel tot, neunzehntel tot. Verängstigt bis zu dem Punkt, wo sogar die Panik schwindet und nur die Ruhe der Todgeweihten bleibt.
»Die Zollgebühren!«, sagte ich. »An deinem Gürtel stecken Wurfmesser. Für Hieb- und Stichwaffen, die weniger als eine Elle messen, sind Gebühren in Höhe von ...«
Mit einer Bewegung kehrte die Frau ihre Manteltasche nach außen. Eine Handvoll Münzen fiel auf den Boden. Allem Anschein nach Silbermünzen.
Das sollte keine Beleidigung sein. Sie hatte es einfach eilig.
»Das reicht«, versicherte ich. Das Geld brauchte ich nicht zu zählen. Ich wusste, dass sie mehr als genug gezahlt und ansonsten nichts zu verzollen hatte. »Geh. Durch die Tür da.«
»Du musst sie mir öffnen!«, sagte die Frau. Sie befeuchtete sich die Lippen. »Ich hab’s eilig.«
Ich öffnete die Tür. Ob ihr das nicht geglückt wäre? Mit einer übertriebenen Geste wies ich zum Strand hinunter. Die Frau huschte an mir vorbei. Ohne Zeit zu verlieren, schlüpfte sie aus dem Schafpelzmantel, sodass sie im schwarzen Pullover vor mir stand.
»Wart mal!«, rief ich. »Warum habt ihr eigentlich das Hotel überfallen?«
Indem sie auf einem Fuß herumhüpfte, zog die Frau sich die Stiefel aus. »Wir brauchten einen Meister.«
»Welchen?«
»Irgendeinen.« Nach den Schuhen flogen die Wollsocken in den Sand. Das Ganze erinnerte ein wenig an einen Striptease.
»Wozu?«, bohrte ich weiter.
Die Frau zog ein Wurfmesser aus der Scheide. Sie raffte den Rock hoch, um ihn mit raschen Schnitten in Kniehöhe abzusäbeln.
»Wir hatten da so eine Idee ...«, antwortete sie vage. Um dann, sich mir zudrehend, im Brustton der Überzeugung auszurufen: »Wie ich euch alle hasse!«
»Und trotzdem bittest du mich um Hilfe?«
»Nicht um Hilfe! Um Durchlass.«
Eine Sekunde behielt sie die Klinge in der Hand, gleichsam als überlege sie, ob sie mit ihr nach mir werfen sollte. Doch ihre Vernunft gewann die Oberhand. Das Messer wanderte in die Scheide zurück, die Frau drehte sich um, machte barfuß ein, zwei Schritte, fast wie beim Aufwärmtraining. Anschließend lief sie - leicht und schön anzuschauen - zum Ufer hinab, in Richtung des sich in der Ferne abzeichnenden grünen Walddachs. Eine gute Läuferin... Ich hätte sie nicht eingeholt - zumindest nicht zu Zeiten meines Managerdaseins.