»Wohin rennt sie denn?«, fragte Kotja nachdenklich.
»Nicht wohin, sondern: Vor wem läuft sie davon«, korrigierte ich. »Ich glaube ...«
Ich glaubte nicht nur. An der Tür nach Kimgim klopfte es. Leise, aber nachdrücklich.
»Vielleicht solltest du das ignorieren?«, meinte Kotja und nickte zur Tür hin. »Du könntest ja auch mal weggegangen sein ... einkaufen, einen Fernseher besorgen ...«
Ich schüttelte den Kopf. Kotja vermochte das nicht zu begreifen - aber es stand mir nicht zu Gebote, nicht zu öffnen. Wenn ich im Turm weilte, überstieg es meine Kräfte, so zu tun, als sei ich nicht da. Das war, als wollte man ein Niesen unterdrücken.
Das Einzige, was ich mir herausnehmen konnte, war, sehr langsam zur Tür zu schlendern, sie gemächlich zu öffnen und den Menschen, der draußen wartete, nicht gleich hineinzulassen.
Dort stand ein etwa dreißig Jahre alter Mann. Er war groß, hatte eine normale Figur. Vielleicht war sein Gesicht etwas auffällig. Es gibt ja Menschen, deren Gesicht nicht oval, nicht rund, sondern irgendwie trapezförmig ist, fast als hätte jemand mit Lego einen Menschen gebaut. Er trug ausgesprochen leichte Kleidung, die für einen Spaziergang an einem frischen Sommerabend geeignet schien, einen legeren Blouson und auf dem Kopf eine unseriös wirkende Kappe.
»Hallo!« Der Mann begrüßte mich mit einem kräftigen Händedruck. »Du bist Kirill, hab schon von dir gehört. Felix hat sehr gut von dir gesprochen. Ich bin Zeies.«
Abermals ging mir durch den Kopf, dass die Einwohner von Kimgim kein sonderlich glückliches Händchen mit ihrer Phonetik bewiesen hatten. Und Kotjas schwermütigem Seufzer nach zu urteilen unterhielten Zeies und ich uns keinesfalls auf Russisch miteinander.
»Nenn mich einfach Zei«, fuhr der Mann freundlich fort. »Mir ist klar, dass unsere Namen seltsam für euch klingen.«
»Ich bin Kirill«, stellte ich mich überflüssigerweise vor. Von seinem Gehabe angesteckt, fügte ich unwillkürlich hinzu. »Sag ruhig Kir.«
»Ist das dein Freund?« Zeies nickte zu Kotja hinüber und winkte ihm einen Gruß zu. »Ich bin entzückt ... Wohin ist die Frau verschwunden?«
»In die Richtung.«
»Dann werd ich mal ...« Seufzend trat Zeies an die entsprechende Tür heran. Die groben Sohlen seiner Stiefel hinterließen Klumpen schmelzenden Schnees auf dem Fußboden. »Wenn es kein Problem für dich ist, Kumpel, dann bleib die nächste halbe Stunde im Turm. Ich bin gleich wieder da.«
Ohne jede Schwierigkeit öffnete er die Tür. Er trat hinaus und sah sich um. Mit dem Fuß kickte er den Mantel weg, den die Frau zurückgelassen hatte. Schließlich lief er, ihren Spuren folgend, los, anfangs langsam, dann mit jeder Sekunde schneller und schneller. Seinen Bewegungen fehlte dabei jede mechanische Gleichförmigkeit, wie sie Terminatoren oder Vampire in Hollywoodfilmen an den Tag legen. Vielmehr lief er locker, ungezwungen und sprang hin und wieder ohne ersichtlichen Grund, vielleicht weil er versuchte, sein Opfer zu erspähen, vielleicht weil er einfach Freude am Laufen, dem Strand, dem Meer und der Sonne fand.
Alles in allem wirkte das weit schreckenerregender als bei jedem Filmmonster.
»Das ist ein Polizistenfunktional«, sagte ich.
»Habe ich auch mitgekriegt«, antwortete Kotja leise. »Vielleicht hättest du ihn nicht durchlassen sollen?«
»Aber sie hat doch versucht, dich umzubringen!«
»Egal. Gegen den hat sie doch keine Chance ...«
»Die hatte ich auch nicht. Wenn ich ihn nicht durchgelassen hätte, dann wäre er eben eigenmächtig durchgegangen.«
»Aber das hier ist schließlich dein Territorium!«, rief Kotja mir in Erinnerung. »Du bist sozusagen in deiner Funktion.«
Möglicherweise hatte er ja recht. Eventuell hätte ich dem freundlichen Polizisten Widerstand leisten können. Vielleicht wäre unter ihm das Parkett - pardon, eine massive Diele - geborsten, oder ihm wären alle möglichen Dachsparren und Geländerpfosten auf den Kopf geregnet. Zu Hause helfen einem Funktional buchstäblich die eigenen vier Wände. Abgerissene Arme und Beine wüchsen mir unverzüglich wieder nach. Ich wäre blitzschnell, unerschöpflich und teuflisch stark. Und am Ende hätte ich den Polizisten besiegt.
Wozu?
»Wozu?«, fragte ich. »Wozu hätte ich ihn aufhalten sollen? Schließlich verfolgt er eine Verbrecherin!«
»Eine Dame!«
»Eine miese kleine Verbrecherin!« Ich sah meinen Freund an. »Mir gefällt er ja auch nicht, Kotja«, gestand ich ganz offen. »Wenn ich ehrlich sein soll, hatte ich Angst vor ihm.«
Daraufhin knickte Kotja sofort ein und hörte auf, mich zu bedrängen. Er nahm seine Brille ab, um sie mit einem Zipfel seines nicht mehr sauberen Taschentuchs zu putzen. »Ich auch«, räumte er widerwillig ein. »Und unsere Freundin ist mir auch nicht gerade sympathisch. Aber ihr den Polizisten auf die Fersen zu hetzen, ist doch genauso, als würdest du einen Schäferhund auf ein Schoßhündchen ansetzen.«
»Kotja!« Ich breitete die Arme aus. »Und womit hat dieses Schoßhündchen gedacht, als es zu kläffen anfing? Lass uns ein Bier trinken.«
»Du bist imstande, Bier zu trinken, während jemand eine Frau ermordet?« Kotja fasste es nicht.
»Du nicht?«
Kotja ließ sich die Frage durch den Kopf gehen. »Doch«, gestand er zerknirscht ein. »Ständig bringt irgendwo auf der Welt irgendjemand wen um. Deswegen wollen wir doch nicht verdursten.«
Dreizehn
Es gibt Dinge, mit denen kann man sich einfach nicht beschäftigen, solange man angespannt auf etwas wartet. Nicht doch, Sex gehört nicht dazu!
Aber stellen Sie sich vor, Ihre Freundin sei spätabends noch nicht zu Hause. Ihr Handy hat sie nicht dabei. Das Viertel genießt verdientermaßen einen miserablen Ruf, aber Sie wissen nicht, aus welcher Richtung Ihre Freundin kommt, und können sie nicht an der Haltestelle abholen. Ihnen bleibt nichts anderes übrig, als zu Hause zu sitzen und zu warten ...
Die Situation ist auch weniger dramatisch denkbar. Stellen Sie sich vor, dass aus einer undichten Heizung langsam, aber sicher kochendes Wasser in Ihre Wohnung flutet. Der gerufene Notdienst will einfach nicht kommen...
Und jetzt sagen Sie, ob Sie in einer solchen Situation einen spannenden Krimi lesen, Bier trinken oder sich eine lustige Komödie anschauen könnten? Nein, natürlich nicht. Es gibt eine Unmenge anderer Möglichkeiten, um die Zeit totzuschlagen, zum Beispiel könnten Sie ein Plastikmodell des Panzers T-34 zusammenbauen, im Internet chatten oder eine Kreuzstickerei anfertigen. Kurzum alles, was die Finger beschäftigt, dabei jedoch nicht die geringste Hirntätigkeit verlangt.
»Das Bier will mir nicht schmecken«, bemerkte Kotja finster, indem er die Flasche abstellte.
Mir auch nicht. Außerdem war es warm, Nüsse und Chips hingen mir zum Hals raus, die wundervolle Meereslandschaft entzückte mich nicht länger. Ganz augenscheinlich vermochte sich mein Organismus nicht für diese Sprünge vom Winter in den Sommer zu begeistern.
»Eins, zwei, Polizei.« Kotja blickte unermüdlich der Spur des davongeeilten Zeies nach. »Ich fange an, Funktionale von normalen Menschen zu unterscheiden, Kirill.«
»Wie?«, wollte ich wissen. »Siehst du eine Aura?«
»Was für eine Aura? So ein Quatsch, das sind doch bloß Märchen ... Ich sehe einen Menschen an und weiß dann einfach, dass er ein Funktional ist. Bei dem Weib hatte ich übrigens den Eindruck ... dass sie in diesem Punkt auch nicht über jeden Zweifel erhaben ist.«
Ich legte keinen Widerspruch ein. Wie sollte man auch mit einem Menschen streiten, der dir keine Erklärungen geben kann, sondern behauptet, er wisse.