Eine Zeitlang lümmelten wir uns im Sand, sonnten und wärmten uns. Die Moskauer Herbstfeuchte, die sich bereits erfolgreich in unseren Körpern eingenistet hatte, trat widerwillig den Rückzug an. Mir fiel ein Gedankenspiel ein, welches besagte, wenn Peter der Große die russische Hauptstadt nicht an die Ostsee, sondern ans Schwarze Meer verlegt hätte, dann hätte das Leben in Russland einen völlig anderen Lauf genommen. Mit einem Seufzer stimmte ich dem im Stillen zu. Was hatte Peter bloß an dieses kalte und feuchte Ufer gezogen? Obwohclass="underline" Vielleicht stand ja zu seiner Zeit ein Turm an der Stelle von Petersburg ... und der Selbstherrscher konnte sich in aller Seelenruhe zu wärmeren Meeren begeben?
Nein, das war blanker Unsinn. Wie sehr man ein Geheimnis auch hüten mochte, irgendwann kommt die Wahrheit ans Licht. Seit der Zeit Peters wäre diese Information durchgesickert ...
»Die Polizei kommt angerannt«, sagte Kotja.
Ich setzte mich auf und schirmte die Augen mit der Hand gegen die Sonne ab. Ich spürte, dass ich mir bereits einen leichten Sonnenbrand eingefangen hatte. Es wurde Zeit, nach Moskau zurückzukehren. Die Polizei kam in der Tat angerannt, nach wie vor in diesem ungezwungenen, anmutigen Lauf. In der Menschenwelt bringen dergleichen höchstens Massai oder Äthiopier zustande.
Er war allein.
»Der hat sie umgebracht«, kommentierte Kotja leise und mit unverhohlener Verachtung. »Er hat dem Mädchen den Hals umgedreht und sie im Dschungel dem Tod überlassen.«
Wie kam Kotja darauf? Den Hals umgedreht? Sie im Dschungel dem Tod überlassen? Vermutlich wusste er es selbst nicht. Aber dank dieser unbedachten Äußerung gewann das Bild prompt Konturen. Ich malte mir aus, wie Zei zu der Frau aufschloss. Sie versuchte schneller und schneller zu rennen, blieb aber immer wieder im Sand stecken, hangelte hier und da nach einer Liane, blickte panisch zurück, schrie, strauchelte schließlich und fiel mit dem Gesicht in eine schmutzige Pfütze. Zei drückte ihr das Knie in den Rücken, zog brutal am ihrem Haar, brach ihr die Halswirbel, schleifte sie aus dem Dreck und überließ sie, die noch am Leben war, wenn auch paralysiert, unfähig, Arme oder Beine zu bewegen, ja, unfähig selbst zu schreien, dem Tod. So lag dieses dumme Mädchen, das die Macht der bösen Funktionale zerschlagen wollte, unter Palmen und schaute in den hohen Himmel hinauf. Eine kleine Krabbe huschte über ihr Gesicht, pirschte sich zu den Augen vor, wedelte mit den dünnen Barthaaren und hob ihr kleines, spitzes, an eine Nagelschere erinnerndes Kneifwerkzeug ...
»Du bist echt bescheuert!«, zischte ich. »Du solltest Verbrechensmeldungen schreiben, keine Pornos!«
»Mach ich auch manchmal«, erwiderte Kotja traurig.
Zei kam immer näher. Er winkte uns zu und fiel in Schritttempo. Er keuchte nicht, war nicht schweißgebadet und sah keineswegs wie ein Mann aus, der gerade zehn Kilometer hinter sich gebracht hatte. Allerdings spiegelte sich auf seinem Gesicht ... Verärgerung wider.
»Wir warten schon seit fünfundvierzig Minuten«, sagte ich mit einem Blick auf die Uhr.
»Ich habe gedacht, ich wäre schneller zurück«, gab Zei ungerührt zu. Er setzte sich neben uns, nahm sich eine Flasche Bier und presste sie an die Lippen. Unter seiner Haut hüpfte der Kehlkopf auf und ab. In einem einzigen Zug leerte er die Flasche, wischte sich geräuschvoll den Schaum vom Mund und lächelte. »Sie hat mich abgehängt, dieses Aas!«
»Was sagen Sie da?«, wollte Kotja erfreut wissen. Auf seinem Gesicht erstrahlte ein Lächeln: Der Polizist sprach russisch.
»Sie ist eine gute Läuferin«, erklärte Zei. »Ich habe sie gesehen. Aber mir war klar, dass es, wenn ich sie einholte, bereits zu spät sein würde.«
In meinem Hirn schien sich ein Hebel umzulegen. »Das wäre bereits in einem Gelände, wo Sie nicht mehr über Ihre Fähigkeiten verfügen?«
»Hm«, gestand Zei in bitterem Ton. »Von meinem Abschnitt bis zu deinem Turm sind es fünfeinhalb Kilometer. Die Frau hätte ich zehn Kilometer von hier eingeholt. Bei dieser Entfernung hätte ich mich in einen normalen Menschen verwandelt. Und sie ist trainiert, hat es gelernt zu töten. Sie würde ihre Fähigkeiten nicht einbüßen.«
»Und dass es unterschiedliche Welten sind, spielt dabei keine Rolle?«, wollte ich wissen.
»Nein. Die Abstände zwischen den jeweiligen Übergangspunkten werden summiert.«
»Und sie hat Sie also abgehängt?«, hakte Kotja mit aufgesetztem Mitleid nach. Er fragte so scheinheilig, dass ich schon befürchtete, der Polizist würde ihm dafür eine Ohrfeige verpassen. »Oh, oh, oh ... ein einfaches Mädel ...«
»Einfach?« Zei brach in schallendes Gelächter aus. »Sie ist ebenso ein Funktional wie ich oder dein Freund. Nur hat sie ihre Funktion verraten.« Als Zei unser Unverständnis bemerkte, erklärte er: »Sie hat ihre Funktion aufgegeben und ist abgehauen! Gut, niemand kann sie zwingen. Aber jetzt haben wir den Salat. Sie organisiert Widerstandsgruppen, stachelt die Menschen zum Kampf gegen uns an. Einen Gefallen tut sie sich nicht damit!«
»Und wer war sie? Und woher?«, wollte Kotja wissen.
Oh, mein Herz witterte es genau: allzu viel wollte er wissen! Anscheinend hatte die Frau von gestern in seinen Augen jede Anziehungskraft eingebüßt, nachdem klar geworden war, dass sie uns in eine Falle gelockt hatte. Aber so eine Stelle bleibt nicht lange leer ...
»Sie gehörte weder zu uns noch zu euch«, antwortete Zei nebulös. »Sie war Ärztin, dieses dumme Ding ... Ich muss jetzt los, Freunde. Wir sehen uns morgen bei Felix.«
Er klopfte mir auf die Schulter, winkte Kotja einen unbestimmten Gruß zu und ging auf den Turm zu.
»Zei!«, rief ich ihm entgeistert nach. »Kommt sie denn zum Turm zurück?«
Zei blieb stehen. »Vielleicht«, meinte er schulterzuckend. »Ist doch egal, oder?«
»Soll ich sie festnehmen?«
Ohne jeden Zweifel irritierte diese naive Frage den Polizisten. »Die Entscheidung überlass ich dir. Aber wie kommst du darauf?«
»Schließlich ist sie unsere Feindin.«
»Richtig ...« Zei schien in Erstarrung zu fallen. Wie ein englischer Gentleman, dessen treuer alter Freund und Butler in Personalunion plötzlich an einer Tafel Platz nimmt, die Füße auf den Tisch pflanzt und sich eine stinkende Zigarre anzündet. »Aber du bist doch gar kein Polizist! Weshalb solltest du sie da festnehmen?«
»Sie hat mich angegriffen«, erinnerte ich ihn.
»Dann nimm sie fest«, meinte Zei strahlend. »Wenn du willst. Oder bring sie um.«
»Nun sieh dir einmal an, wie einfach bei denen alles ist«, brachte Kotja nachdenklich hervor, sobald Zei im Turm verschwand. »Nimm sie fest oder bring sie um!«
»Bei uns«, warf ich finster ein.
»Bei euch«, bestätigte Kotja. »Hmm. Hör mal, Kirill, kannst du mir etwas Geld leihen? Fünftausend vielleicht?«
Beinahe hätte ich ihn angeblafft, woher ich denn eine solche Summe nehmen sollte. Dann fiel mir jedoch das Umzugsgeld ein. Ich holt das Bündel heraus und gab ihm fünf Noten. »Reicht das?«, fragte ich.
»Ja.« Ungeheuer nervös und verlegen steckte Kotja das Geld weg. »In einer halben Stunde bin ich wieder da. Warte hier.«
»Hast du etwas mit Zei ausgemacht?«, fragte ich, da ich nicht verstand, was er beabsichtigte. Doch Kotja marschierte bereits entschlossenen Schrittes auf den Turm zu.
Wofür er wohl so dringend knapp zweihundert Dollar brauchte? Um eine Flasche eines hochgezüchteten französischen Kognaks zu kaufen? Das sähe ihm so gar nicht ähnlich. Um weitere zehn Kästen Bier zu erstehen? Auch das hielt ich für unwahrscheinlich.
Ich kroch in den Schatten des Turms (der Sand war kühl und ein wenig feucht, doch das empfand ich im Grunde als angenehm) und streckte mich bequem aus. Hatte ein armes, geplagtes Funktional, das noch wer weiß wie lange als Zöllner arbeiten musste, das Recht, sich am Strand zu erholen? Ja. Es hatte sogar das Recht, ein wenig zu dösen.