Выбрать главу

»Hoch mit dir, Zöllner!«

Ich öffnete die Augen und erblickte Kotja. Mit einem Ruck setzte ich mich auf. »Was ist?«, fragte ich. »Bewirbst du dich um die Rolle des Pausenclowns?«

Kotja sah zum Davonlaufen aus! Seine nackten Füße steckten in braunen Sandalen, dazu trug er grüne sackartige Shorts und ein bereits jetzt am Kragen ausgeleiertes orangefarbenes T-Shirt. Auf seinem Kopf thronte ein zitronengelber Panamahut, wie er einem überalterten Kindergartenkind gut zu Gesichte stünde. Über seiner Schulter hing eine weiß-blaue Tasche aus Lederimitat.

»Stimmt was nicht?«, fragte Kotja kampfeslustig.

»Du siehst aus wie eine Packung Filzstifte«, murmelte ich. »Chinesischer Filzstifte. Was hast du vor? Wo willst du hin?«

Kotja seufzte. Er drückte mir ein paar Banknoten in die Hand. »Nimm das schon mal ... Das ist das Wechselgeld ... Den Rest kriegst du ... später.«

Ich sah auf das Geld, ein paar zerknüllte Zehner.

»Ich kann jetzt einfach nicht zu Hause hocken, Kirill«, erklärte Kotja. »Wie soll das gehen, wenn hier solche Dinge im Schwange sind? Ich kann auch nicht hierbleiben. Wer bin ich denn schon im Vergleich zu euch? Sag mal, wer!«

»Wer?«, grummelte ich.

»Ein Niemand!«, verkündete Kotja bitter. »Was soll ich neben dir glucken wie ein Haustier? Besser ziehe ich los ... und schau mir an, was das hier für eine Welt ist.«

»Aha«, begriff ich, sobald Kotja den Blick Richtung Wald lenkte. »Na ... dann geh. Ist ja nichts Schlimmes dabei. Du wirst dich doch nicht verlaufen?«

»Ich habe mir einen Kompass besorgt.« Kotja präsentierte mir einen echten Wanderkompass. »Es gibt hier ein Sportgeschäft. Ich habe es entdeckt, als ich von der Metro hergekommen bin. Da habe ich auch noch ein kleines Beil, Camping-Streichhölzer, Büchsenfleisch und Zucker gekauft. Und auch einen Feldspaten.«

»Wozu das denn?«

»Es heißt, dass man ihn unterwegs gut gebrauchen kann.«

Ich blickte ihm in die entschlossen funkelnden Augen, die er genant hinter den Brillengläsern zu verbergen suchte. »Warum hast du dir keinen Rucksack zugelegt?«, fragte ich seufzend.

»Einfach zu teuer«, log Kotja ohne rechte Überzeugungskraft.

»Komm schon, sag die Wahrheit! So ein Ding kostet doch nur drei-, vierhundert Rubel. Höchstens. Und damit nicht mehr als diese Tasche.«

»Ich bin zu blöd, einen Rucksack zu tragen ...«

»Ein Rucksack ist kein Wasserschlauch, Kotja.«

»Mit einem Rucksack sehe ich wie ein Idiot aus.«

»Mit der Tasche siehst du wie ein Idiot aus«, führte ich das Gefecht fort. Ehrlich gesagt, gab ich kaum einen besseren Wanderer ab als Kotja. Aber trotzdem ...

»Rucksäcke kommen für mich nicht infrage«, blieb Kotja stur. »Er reibt mir die Schultern wund, ich bleibe damit an jedem Ast hängen ...«

»Ich geb’s auf«, kapitulierte ich. »Hast du ein Erste-Hilfe-Päckchen dabei?«

»Verbandsmaterial, Jod und Schmerzmittel. Und ein Breitbandantibiotikum. Gegen Durchfall gibt es nichts Besseres.«

»Hast du auch an einen Campingtopf gedacht? An Grütze?«

»Wozu brauche ich einen Campingtopf? Glaubst du etwa, ich will mir Kascha machen? Die hasse ich sowieso. Ich habe Büchsenfleisch, Kondensmilch und Zucker dabei.«

Schweigend streckte ich die Hand nach seiner Tasche aus. Kotja weigerte sich, sie mir zu geben, ja, er zog sie sogar weg.

Wie ich dabei jedoch bemerkte, brauchte ich gar nicht in seine Tasche zu schauen. Schließlich war ich jetzt Zöllner.

»Des weiteren Roggenzwieback, fettreduziert, Marke Jelisaweta«, hielt ich ihm in beißendem Ton vor. »Innerhalb einer halben Stunde haben die Konservenbüchsen den fein säuberlich zermahlen. Außerdem noch die neueste Nummer vom Sport-Express. Besser hättest du eine Rolle Klopapier eingepackt! Wundcreme für Kinder... O ja, nach meinem Dafürhalten dürften dich deine Beine schon recht bald im Stich lassen. Und wozu brauchst du im Dschungel ein Päckchen Kondome?«

Kotja lief krebsrot an. »Ich habe gelesen«, antwortete er trotzdem mit fester Stimme, »allen amerikanischen Einheiten werden Präser mitgegeben, da sie in jeder Lebenssituation von unschätzbarem Wert sind.«

»Reg dich ab!«, sagte ich bloß. »Halt, warte noch!«

Natürlich hatte ich weder einen Rucksack noch einen Campingtopf. Aber immerhin konnte ich ihn mit Klopapier, einer anständigen Kasserolle und einigen Ersatzprodukten für seine dem Untergang geweihten Zwiebäcke ausstatten. Ferner überließ ich dem verliebten Wanderer noch mein gutes Messer (freilich, ein kleines Beil war unterwegs ganz gut - aber was wollte er ohne Messer anstellen?) und meine eigene Decke. Letztere rollte ich fest zusammen und verschnürte sie mit einem in der Küche entdeckten Band so, dass er die Decke anstelle eines Rucksacks auf dem Rücken tragen konnte.

»Danke«, brachte Kotja leicht betreten heraus, als er die Ausrüstung entgegennahm.

»Du könntest mir ruhig sagen, was du vorhast!«

»Ich wandere Richtung Wald«, antwortete Kotja leichthin. »Spazier ein bisschen am Ufer entlang.«

»Gott sei Dank, ich dachte schon, du wolltest in diesen Dschungel ...«

»Das wird sich finden«, erklärte Kotja draufgängerisch. »Warum glauben wir eigentlich, es handle sich um einen Dschungel? Vielleicht ist es ein Birkenwäldchen? Und die einzigen Tiere, die es dort gibt, sind Hasen ...«

»Hm.« Ich starrte auf das dichte dunkle Grün am Horizont. »Birken ... Hasen ... Ja, ja. Hör mal, Kostja ... pass gut auf dich auf.«

»Mach ich.«

Nachdem wir einander verlegen die Hand gedrückt hatten, schulterte Kotja seine idiotische Tasche so bequem wie möglich und brach in Richtung Wald auf.

Ich blieb noch einige Minuten stehen, um zu beobachten, wie er sich entfernte. Mit seinem langsamen Gang, durch den Sand watend und so völlig anders als die ehemalige Frau Doktorin, die zur Terroristin geworden war, so völlig anders auch als der Polizei-Zei. Ein durchschnittlicher Städter eben, den es in die Natur verschlagen hatte und der keinerlei Anstalten machte, sich als erfahrener Wanderer auszugeben.

Von Anfang an hatte ich bei dieser Sache das Gefühl gehabt, der Held eines Abenteuerromans zu sein. Eines Krimis, mystischen Thrillers oder Dark-Fantasy-Romans ... Im Grunde passiert dergleichen aber jedem Menschen, und das ständig, nur ist das Genre normalerweise nicht so spannend. Normalerweise sind wir die Helden tränenreicher Melodramen, in denen es keine schönen Prinzessinnen gibt und keine mutigen Ritter. Langweilige Produktionsromane sind es, in denen sich niemand um deinen Arbeitstriumph schert. Slapsticks, in denen die Rolle des Possenreißers niemand anders als du spielt.

Jetzt, als ich Kotja nachsah, der, gekleidet wie ein Datschenbesitzer beim Ernten der Möhren, tapfer einer fremden Welt entgegenschritt, schoss mir unversehens der Gedanke durch den Kopf, es könne ja auch sein Roman sein. Dann wäre dieser Kotja verdammt, durch fremde Welten zu wandern, von Zollstelle zu Zollstelle, wobei er sich allmählich Muskeln zulegte, die Kunst des Kampfes mit einem Campingbeil - und der entsprechenden Schaufel! - erlernte, die schmale Brust spannte und an Schulterbreite gewann. Unterwegs würde ein Augenarztfunktional seine Kurzsichtigkeit heilen. Schließlich würde Kotja seine dunkelhäutige Prinzessin finden, die beiden würden einen Volksaufstand gegen die Funktionale organisieren und dabei als Allererstes Zei die Fresse polieren ... Derweil säße ich im Turm und würde sämtliche Passanten anbrüllen: »He, was fällt dir ein? Du stürmst ins Mittelalter, und in deiner Tasche steckt eine Makarow!« Denn von den Helden und Schurken abgesehen, treten in Abenteuerromanen ja immer Personen auf, die Getreide ernten, Häuser bauen und Fisch fangen...

Puh!

Was für ein Pathos!

Ich drehte mich um und begab mich zurück in den Turm. Vermutlich würde Kotja schon morgen wieder da sein. Oder übermorgen. Zerknautscht und nach der auf nacktem Boden verbrachten Nacht kreuzlahm, mit gesprungener Brille und von Mücken zerstochen ...