Da ich es den Helden aus Abenteuerromanen nicht nachtun wollte, füllte ich im Bad einen Eimer mit Wasser und suchte mir einen Schrubber sowie einen Putzlappen. Was muss da für ein idiotischer Mechanismus bei der Materialisation von Dingen am Werke sein, der einen von vornherein dreckigen und zerlöcherten Wischlappen bereitstellt?
Ich krempelte mir die Ärmel hoch und machte mich, im Erdgeschoss beginnend, daran, den Boden zu wischen. Mir fiel nicht ein einziger Roman ein, in dem der Held den Boden schrubbt. Das ist keine Arbeit für Helden. Aber was bleibt einem anderes übrig, wenn einem jemand alles verdreckt?
Der Schrubber nützte wenig, ich musste runter auf alle viere und den Boden scheuern wie in meiner Kindheit. Nach dem Schulabschluss hatte ich es irgendwie fertiggebracht, mit einem Staubsauger auszukommen ... oder mit den Besuchen meiner Mutter ... oder der Freundinnen, die sich als saubere und ordentliche Hausfrauen präsentieren wollten.
An der Tür nach Moskau klopfte es.
»Immer rein, es ist offen!«, schrie ich genervt, während ich aufstand. Mein Rücken schmerzte ein wenig.
Es war der Politiker Dima, der den Turm betrat.
Er sah sehr seltsam aus. Wie ein normaler Mensch. In Jeans, schmutzigen Schuhen und einer Jacke aus »vaterländischer Produktion«, wie sie es nannten, da in ihrem Parlament. In der Politik kleiden sich so nur Vertreter der Splittergruppen oder diejenigen, denen eine Begegnung mit dem Volk bevorsteht.
»Wenn Sie sich kurz gedulden wollen«, bat ich. »Ich mache hier gerade sauber.«
»Ordnung muss sein«, lobte Dima. »Die hätten wir schon längst herstellen müssen. Kirill. Leg diesen Lappen beiseite. Wir müssen miteinander reden, ich habe aber nur wenig Zeit.«
Mit einem Nicken ließ ich von meinem Lappen ab. »Wenn Sie wollen, können wir auch da hin ... zum Meer«, schlug ich vor. »Um völlig ungestört zu sein.«
»In deinem Turm kann uns niemand hören«, wehrte Dima kopfschüttelnd ab. »Da brauchst du dir keine Gedanken zu machen. Hast du einen Kaffee?«
»Löslichen. Geht der?«
»Ja«, gab sich der Politiker bescheiden, um sogleich nachzuschieben: »Wenn löslich, dann los!«
Leicht irritiert bat ich den Politiker nach oben. Ich wusch mir die Hände und setzte den Kessel auf. Eine Espressokanne fand ich zwar, aber der entsprechende Kaffee fehlte ...
»Du lebst bescheiden«, bemerkte der Politiker, während er sich umsah. »Dir fehlt noch ein Kühlschrank. Ich werde dafür sorgen, dass du einen kriegst. Und auch Lebensmittel. So weit kommt es noch, dass du hungerst. Ich habe ein wenig über dich in Erfahrung gebracht. Entschuldige das bitte.«
»Aber nicht doch, das macht nichts!« Verblüfft registrierte ich, dass die autoritäre Stimme des Abgeordneten in mir den Wunsch hervorrief, mit ihm einer Meinung zu sein. Wäre ich mir nicht sicher gewesen, einen normalen Menschen vor mir zu haben, hätte ich in ihm ein Politikerfunktional vermutet. »Das verstehe ich doch.«
»Du bist ein guter, ein anständiger Junge«, fuhr der Politiker fort. »Deine politischen Ansichten interessieren mich kaum, stimme, für wen du willst ... Die Politik ist von Natur aus ein schmutziges Geschäft, das wissen wir selbst. Aber alles andere an dir gefällt mir. Du hast nicht die Absicht, unser Land jemals zu verlassen. Du leidest von ganzem Herzen mit ihm. Du hast ein Leben ... nun ja, fast ohne Ausschweifungen geführt.«
»Warten Sie mal!«, verlangte ich beinah kreischend. »Wie haben Sie das herausgekriegt? Schließlich bin ich ... aus Ihrer Realität verschwunden, oder?«
»Natalja hat mir dein Dossier zur Verfügung gestellt«, erklärte der Politiker. »Du wirst verzeihen, aber ich musste meine Bedenken in Bezug auf deine Moralvorstellungen anmelden, und da hat sie ...«
»Sie hat ein Dossier über mich? Und was steht da drin?«
»Alles.«
Ich hüllte mich in Schweigen. Zu erfahren, es existiere ein Dossier, in dem alles über einen festgehalten ist, ist nicht gerade angenehm. Noch unangenehmer ist es freilich, einem Menschen gegenüberzusitzen, der dieses Dossier gelesen hat.
»Sie ist schließlich eine Hebamme. Es ist ihre Arbeit, alles über einen Menschen zu wissen, der zum Funktional wird.« Der Politiker sah mich mit offenem Mitgefühl an. »Du brauchst jetzt nicht nervös zu werden. Mich hat nur eins interessiert: Ob du ein Patriot bist. Es hat sich herausgestellt, dass dem so ist.«
»Braucht das Vaterland denn meine Hilfe?« Entgegen meiner Absicht klang das nicht ironisch, sondern pathetisch.
»Ja, Kirill. Da du hintereinander die Türen nach Kimgim und zum Meer, mithin zu zwei ungemein populären Welten geöffnet hast, musst du hervorragende Anlagen haben. Und über eine ganz vorzügliche Mischung aus Geschäftssinn und Romantik verfügen. Ich kann mich nicht erinnern, dass diese beiden Welten je zuvor einen gemeinsamen Übergangspunkt mit der unseren gehabt hätten ...«
»Und was soll ich tun?«, fragte ich, derweil ich heißes Wasser in die Tassen goss. »Diplomatenpost überbringen? Ein geheimes Päckchen aus Kimgim nach Moskau schmuggeln?«
»Von dir wird verlangt, eine Tür in eine neue Welt zu öffnen«, erklärte der Politiker mit fester Stimme. »Ich weiß, dass diese Welt existiert. Aber ihre Tür wurde über fünfzig Jahren nicht geöffnet. Dir, davon bin ich überzeugt, könnte das gelingen.«
»Weshalb soll ich diese Tür öffnen?«, fragte ich amüsiert. »Langweilen sich die Herren Funktionale in den bereits zugänglichen Welten?«
»Ich bin kein Funktional!«, polterte der Politiker mit einem Mal los. Er erhob sich und bedachte mich mit einem zornigen Blick. »Und betrachte mich nicht als Feind! Diese Tür ist für unsere Heimat wichtig. Die auch deine Heimat ist!«
Am liebsten hätte ich ihn jetzt ebenfalls angeschrien. Sollen sie doch in ihrem Parlament geifern, da ist sowieso immer die Hölle los. Erst vor Kurzem hat in der Kommission zur moralischen Erziehung der Jugend ein Abgeordneter einem anderen mit einem Schlagring das Jochbein gebrochen ...
Doch plötzlich, wie ich den Politiker so anstarre, wird mir zu meiner eigenen Überraschung klar, dass er das alles ernst meint. Weder ist er auf ein extravagantes persönliches Vergnügen erpicht, noch will er eine Intrige gegen Natalja Iwanowa und Konsorten anzetteln. Er hat wirklich den Traum, das Leben in Russland zu verbessern!
»Wie soll ich denn diese Tür öffnen können?«, frage ich, nun schon wieder in einlenkendem Ton. »Die gehen doch von allein auf. Morgens.«
Der Zorn des Politikers verpuffte ebenfalls. Er nahm wieder Platz, griff nach der Tasse und gab großzügig Kaffeepulver in das heiße Wasser. »Ich weiß es nicht«, legte er die Karten offen auf den Tisch. »Aber du bist schließlich ein Funktional. Ihr müsst doch ... äh ... einigermaßen aufgeweckt sein, oder?«
Das klang fast mitleidig.
»Ich bin noch nicht lange in der Branche tätig«, betonte ich überflüssigerweise. Dann setzte ich mich dem Politiker gegenüber und fuhr fort: »Was genau ist denn nun nötig? Wohin muss die Tür gehen?«
Noch während ich diese Worte aussprach, begriff ich mit absoluter Sicherheit, dass mir die Antwort nicht gefallen würde. Selbst die überraschende Sympathie, die ich diesem Politiker entgegenbrachte, konnte daran nichts ändern. Die Antwort würde mir nicht gefallen! Ebenso wenig wie das, was er da einleitete ...
Und genauso ist es dann auch gekommen.
Vierzehn
In jedem guten Märchen gibt es einen Moment, in dem der Held auf eine Suche geschickt wird. Iwan Zarewitsch bricht auf, die Äpfel der ewigen Jugend zu finden. Bilbo zieht schweren Herzens mit seiner Zwergenbande los, den Schatz des Drachen aufzuspüren. Harry Potter sucht die Kammer des Schreckens. Atréju setzt alles daran, die Grenzen Phantásiens zu entdecken.